Hilfe | Sitemap | ?


Titel


 

      

                           VOM UMGANG MIT DEM BÖSEN IN DER LITERATUR

                                    Überlegungen zur Frage des erzählerischen Abstands

     

1.

Vor einigen Wochen hatte ich Anlass, mein Archiv soweit zu ordnen, dass ich es anderen Leuten zeigen konnte. Es stellte sich heraus, dass der mit Abstand höchste Stapel von Papieren in meinem Archiv durch die mit Abstand kürzeste Buchveröffentlichung verursacht worden war. Die Rede ist von der Erzählung „Vati“, erschienen 1987 im Luchterhand-Verlag. 

Die Wochen nach der Veröffentlichung von „Vati“ bezeichnen die schlimmste Zeit in meinem Leben als Schriftsteller.  Ich genoss das Privileg, meinen Namen jeden zweiten Tag in der BILD-Zeitung zu finden – Stichwort: Peter Schneider beim Abschreiben erwischt. Es kam soweit, dass ich eine Zeit lang nicht mehr aus dem Haus ging, weil ich fürchtete, jeder zweite Passant würde auf mich zugehen und mich fragen, ob ich zufällig der Autor von „Vati“ sei.  Aber jenseits der querelles intimes wirbelte der kurze Text eine solche Fülle von ästhetischen, juristischen und moralischen Grundsatzfragen aus, dass ich ihn noch einmal zum Ausgangspunkt einiger Überlegungen machen möchte. Bevor ich damit beginne, bin ich ein paar Worte darüber schuldig, wie es zum Zusammenprall zwischen Autor und Sujet gekommen ist.

In einer Nachrichtensendung des Fernsehens im Jahre 1985 erfuhr ich zusammen mit Millionen anderen Zuschauern, der KZ-Arzt Josef Mengele sei vor fünf Jahren bei einem Badeunfall in Brasilien gestorben und liege dort in einem kleinen Ort begraben. Die Meldung hätte mich nicht weiter beschäftigt, hätte mich der Anblick der Frau, die sie vortrug, nicht verblüfft. Es war eine junge, hübsche Frau in einem hoch geschlossenen langen Kleid, die im Namen der Familie sprach. Ich war sicher, ich kannte diese Frau,  kannte sie sogar gut, aber weder ihr Name noch der Umkreis, in dem ich ihr begegnet war, wollte sich einstellen. Bis mich der Nachhall ihrer Stimme und ihrer Sprechweise zu ihrem Namen führte: Kein Zweifel, es war die  Germanistikstudentin G., , mit der ich noch vor einem halben Jahr in meiner Stammkneipe in Berlin Charlottenburg mit anderen Freunden gebechert und geflirtet hatte. Offenbar hatte sich der Name Mengele wie ein schwarzer Balken über die Identität dieser Bekannten gelegt. Was in aller Welt hatte sie mit der Familie Mengele zu tun, als deren Sprecherin sie jetzt im Fernsehen auftrat? Später erfuhr ich, dass sie vor kurzem in den Münchner Zweig der Familie Mengele eingeheiratet hatte.

Diese Verwandlung erschien mir so unvorstellbar, dass ich in einem wilden Durchlauf der Gespräche, die ich mit G. geführt hatte, nach Anhaltspunkten für eine Erklärung suchte. Ich fahndete nach verdächtigen Andeutungen und faulen Argumenten von G. in unseren beschwipsten Kneipen-Debatten, die ich überhört hatte. Zugegeben, die früheren Helden unserer Kontroversen, Marcuse und Adorno waren längst durch Foucault, Baudrillard und Deleuze ersetzt worden. Aber nichts bei diesem Absturz in das postmoderne Geschwafel machte einen Wandel erklärbar, wie ihn meine Bekannte G. vollzogen hatte. Bedrängender aber als meine Spurensuche war die Entdeckung, dass das Ungeheuerliche, für das der Name Josef Mengele stand, immer noch so nah war, dass es Nachkommen von ihm gab, dass eine kluge Germanistikstudentin, die ich kannte, sich mit einem dieser Nachkommen verbunden hatte.

Diese Beunruhigung verstärkte sich, als ich erfuhr, dass Rolf, der Sohn von Josef Mengele, genau wie ich in Freiburg im Breisgau aufgewachsen war. Er war zwei Jahre jünger als ich und hatte unter dem Namen Hackenjos dasselbe humanistische Gymnasium besucht wie ich. Mein Vater war während des 2. Weltkriegs bis zum September 1943 Dirigent gewesen, hatte dann als Funker in der Etappe gedient, und war schließlich in französische Kriegsgefangenschaft geraten. Er war nie in der NSDAP gewesen und hatte nie ein Gewehr benutzt. Die Vorstellung, dass ein Mitschüler, den ich hätte kennen können, auf die Frage nach seinem Vater hätte antworten müssen: Ich bin der Sohn von Dr. Josef Mengele ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Denn sie führte zu der Frage: Was wäre aus mir geworden, wie hätte ich mich verhalten, wie wäre ich damit fertig geworden, wenn ich einen Josef Mengele hätte meinen Vater nennen müssen.

Rolf Mengele hatte im Jahre 1985 der Journalistin Inge Byhan von seiner Jugend in Freiburg und von seinem einzigen, sieben Jahre zurück liegenden Besuch des Vaters in Sao Paolo berichtet. Der vorzügliche Bericht in einer Illustrierten, die eher für ihre Klatschgeschichten als für soliden Journalismus bekannt ist, wühlte mich auf, gleichzeitig hinterließ er ein Gefühl großer Enttäuschung. Wie war es möglich, dass die Gespräche des Sohnes mit dem Vater, der nie auch nur einen Ansatz von Schuldbewusstsein oder Reue zeigte, derart schonend, ja langweilig verliefen? Warum hatte Rolf  ihn nicht in allen Einzelheiten mit seinen Verbrechen konfrontiert, war er denn unvorbereitet zu diesem Besuch gefahren? Hatte er nie den Impuls gespürt, dem selbstgerechten Massenmörder an die Gurgel zu gehen? Nie daran gedacht, ihn anzuzeigen?

Mein erster Impuls war, selber ein Interview mit Rolf Mengele zu führen und ihm all die peinigenden Fragen zu stellen, die Inge Byhan ihm erspart hatte. Dank meiner Bekanntschaft mit G. wäre mir der Zugang zu ihm wohl auch gelungen. Aber als ich mir in Gedanken eine Gesprächsstrategie zurecht legte, kamen mir an meinem Vorhaben Zweifel.  Warum eigentlich, überlegte ich, sollte mir Rolf Mengele andere Antworten geben als er sie Inge Byhan und anderen Journalisten bereits gegeben hatte? Warum sollte er mir dabei helfen, ihn als einen Versager zu entlarven?

Ich beschloss, eine fiktive Geschichte über die Begegnung zwischen Vater und Sohn zu schreiben, in der all die Gedanken, Gefühle, Auseinandersetzungen Gestalt annehmen sollten, die ich in dem Bericht der Bunten Illustrierten vermisste.

2.  Nach dem 2. Weltkrieg wurde heftig darüber gestritten, ob der Holocaust mit den Mitteln der Fiktion darstellbar sei. Inzwischen hat Theodor W. Adornos Diktum, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben sei barbarisch - das er später wieder zurückgenommen hat - längst seine Bannkraft verloren. Auch die Einengung, über Auschwitz Gedichte zu schreiben, sei unmöglich, ist durch die Werke von Paul Celan,  durch Imre Kertesz „Roman eines Schicksallosen“ oder durch Roberto Begninis „Das Leben ist schön“ ausser Kraft gesetzt worden. Es hat sich herausgestellt, dass dokumentarische Darstellungen, die für diesen Gegenstand lange Zeit als die einzig angemessenen galten, etwas ganz Anderes leisten als fiktive Darstellungen. Das dokumentarische Verfahren hat jeder fiktiven Herangehensweise den Vorteil voraus, dass es den Nachweis über die Tatsächlichkeit  des Geschehens führt – und selbstverständlich lässt sich dieser Nachweis durch nichts ersetzen. Die Dokumentation scheitert jedoch an der Aufgabe, das sogenannte „unvorstellbare Geschehen“ zu einem Gegenstand der Vorstellung zu machen. Sie  zwingt oder verführt den Zuschauer nicht dazu, sich in ein persönliches Verhältnis zu den Opfern und den Exekutoren des Massenmords zu setzen. Sie kann das moralische Urteil des Rezipienten nicht prüfen oder auf die Probe stellen, sie  kann es nur abrufen.

Es scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass der hier skizzierte Konflikt bereits die Klassiker beschäftigt hat. „In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen“ schrieb Friedrich Schiller im ersten Abschnitt seiner Erzählung „Verbrecher aus verlorener Ehre“. Schillers Vorliebe für den extremen Bösewicht ergab sich aus seiner Absicht, den „grausamen Hohn und die stolze Sicherheit“ zu erschüttern, womit gemeiniglich die ungeprüfte aufrechtstehende Tugend auf die gefallene herunterblickt.“ Er hielt es für eine Aufgabe der Literatur, den Abstand zwischen dem Leser und dem Verbrecher zu verkürzen. „Wir sehen den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die Tat beging… Mensch war wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an, dessen Blut anders umläuft, als das unsrige;  seine Schicksale rühren uns wenig, denn Rührung gründet sich ja nur auf ein dunkles Bewußtsein ähnlicher Gefahr….“ Schillers Projekt, den außergewöhnlichen Verbrecher als ein Geschöpf der menschlichen Gattung kenntlich zu machen, implizierte zwangsläufig eine Vermenschlichung des Bösen.  Allerdings hatte Schiller nicht die historisch neue Figur des Massenmörders vor Augen, der aus ideologischem Fanatismus oder aus Gehorsam mordet.

Eine Warnung, die sich durchaus als Einwand gegen Schiller deuten lässt, hat August Wilhelm Schlegel in seinen Anmerkungen zum 5. Gesang der „Göttlichen Komödie ausgesprochen. „Die Vorstellung von schlechthin bösen und dabei höchst elenden Wesen, an denen der Dichter, so viel an ihm ist, keine Spur von Menschheit erkennen lässt, ist peinigend für das Gefühl, ohne es durch die mindeste wohltätige Teilnahme zu entschädigen…. Wenn ein Dichter sich lange bei solchen Darstellungen verweilt, so muss er freilich charakterisieren. Aber wie soll Verschiedenheit der Charaktere da stattfinden, wo die Mischungen von Vernunft und Sittlichkeit, Kraft und Schwäche, Güte und Selbstsucht wegfallen, woraus sie in der menschlichen Natur entsteht? Er wird es kaum bis zu einem täuschenden Schein der Nicht-Idendität bringen können.“

3.

Als ich mich an mein Projekt heranmachte, stand soviel für mich fest: Der Protagonist der Geschichte sollte der Sohn von Josef Mengele sein. Was die Figur des Vaters betraf, entschied ich mich, ihn strikt von außen, aus der Sicht des Sohnes darzustellen. Es erschien mir unmöglich, ja abgeschmackt, aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers die Gefühls- und Gedankenwelt eines alternden SS-Mörders von innen zu erfassen.  Tatsächlich bestehen alle direkten Äußerungen des Vaters in meinem Text aus wörtlichen Zitaten, die durch Presseberichte, durch die Erzählung seines Sohnes und durch die Aufzeichnungen von Josef Mengele selbst überliefert sind. (Vor allem auf diese Zitate bezog sich denn auch der Vorwurf des Plagiats.) Ich will aber auch nicht ausschließen, dass meine Weigerung, den Vater mit einer eigenständigen Psychologie auszustatten, auch durch das Berührungsverbot bestimmt war, das gerade die deutsche Literatur gegenüber extremen Nazi-Tätern wie Mengele an den Tag gelegt hat. Die Beispiele, die Heinrich Böll und Günter Grass vorgegeben haben, favorisieren eher den Typus des kleinen und verstrickten Helden, der gleichzeitig Opfer wie Täter ist.

Ich hatte mir vorgenommen, die Geschichte eines kämpferischen Sohnes zu schreiben, vielleicht sogar eines Rächers, der sich stellvertretend für die Generation der Nachgeborenen der Auseinandersetzung mit dem Nazi-Vater stellt. Ausgehend von der Frage: „Was wäre aus mir geworden, wenn…“ wollte ich diese Geschichte in der Ich-Form schreiben.

Aber je mehr ich mich mit der Vorgeschichte meines Protagonisten befasste, desto weiter entfernte ich mich in Tonfall und Duktus von dem Sohn in meiner Vorstellung. Der Ich-Sager in meinem Text gewann zusehends Autonomie, strich oder korrigierte Sätze, die ich ihm in den Mund legte und bestimmte zusehends auch die Dramaturgie des Konflikts. Er verweigerte die ihm zugedachte Rolle einer exemplarischen Auseinandersetzung. Was er mir beharrlich und fast mit jeder Geste deutlich zu machen suchte, war das Gefühl einer Überforderung, seine Unfähigkeit zu einer Konsequenz. Er bewegte sich nie auf der Höhe des Konflikts, in den er verstrickt war, und wehrte sich gegen den Versuch, eine ungelöste historische Aufgabe meiner Generation stellvertretend zu bewältigen. Zu erzählen blieb die Geschichte eines Sohnes, der seiner Geschichte nicht gewachsen war.

Ich schrieb die Geschichte, die ich in Berlin begonnen hatte, in den USA zuende – die Universität  Stanford hatte mich zu einem längeren Aufenthalt als „Writer in Residence“ eingeladen.

Als ich die Erzählung für vorzeigbar hielt, stellte ich sie im German Department der Universität Berkeley vor. Die Reaktion der Zuhörer war, um es nett zu sagen, gemischt. In dem durchwegs akademischen Publikum bildeten sich sofort zwei Lager:  Die einen priesen meinen Mut, mich aus der Sohnesperspektive der Auseinandersetzung mit dem vielleicht fürchterlichsten Nazi-Massenmörder zu stellen und k e i n e aristotelische Katharsis anzubieten; die anderen ziehen mich eines pervers-intimen Kammerspiels, das die Fakten von Mengeles Verbrechen ausspare und letztlich ihrer Verharmlosung diene. Leo Löwenthal, der mich eingeladen hatte, versuchte zu vermitteln, aber ich spürte deutlich, dass auch er von meinem Vortrag eher verstört als überzeugt war.

Die Reaktionen überraschten und beunruhigten mich. Bisher hatte ich noch nie im Verdacht gestanden, die Nazi-Verbrechen zu verharmlosen. Und wollte ich mir wirklich mit einem kurzen Text, den ich zwar unbedingt hatte schreiben wollen, aber zur Not für entbehrlich hielt, derartige Vorwürfe einhandeln? Nach einigen Tagen meldete sich der schriftstellerische Verstand zurück. Was so viele alarmierte, ja aggressive Reaktionen ausgelöst hatte, sagte ich mir, waren gar nicht das Thema oder die Konstellation der Erzählung. Es handelte sich vielmehr um ein technisches Problem: Ich hatte den Abstand zum Protagonisten falsch gewählt.

In wenigen Tagen schrieb ich die Erzählung um. Es war eine kleine, sozusagen nur grammatikalische Korrektur, die ich anbrachte, aber sie betraf jede Seite, jede Zeile des Textes. Ich ersetzte das Pronomen „ich“ durch das Pronomen „er“ und übertrug die direkte in die indirekte Rede, also in den Konjunktiv. Die Inspiration zu diesem Verfahren  verdanke ich der letzten Erzählung des Schriftstellers Uwe Johnson: Skizze eines Verunglückten.

Um Ihnen einen Eindruck von der Wirkung dieser vermeintlich winzigen Operation zu vermitteln, lese ich zunächst die erste Seite in der ursprünglichen Fassung, danach dieselbe Seite in der „er“-Fassung.

„Im Januar habe ich ihn gesehen. Du fragst mich, was ich erwartet habe: vielleicht ein Gefühl. Ich stand vor dem Mann mit der Windjacke, Khakihose, Khakihemd, Glatze, sieht wie jeder und niemand aus, dachte ich, und nichts. Nur die Schuhe fielen mir auf, die dicken Kreppsohlen. Zu festes, zu hartes Leder für diese Gegend, für diese Hitze, Schuhe, mit denen man über eine andere Erde geht, Tirol zum Beispiel. Und überall Hunde, eine Meute schrecklich magerer, herrenloser Hunde, die nach meinen Waden schnappten. Keine Angst, bloß keine Angst, Angst wäre jetzt das unpassendste Gefühl. Aber auf der Hut war ich doch. Vielleicht spürte ich deswegen nichts, nicht einmal Neugier. Er wartete auf ein Zeichen, von mir sollte es ausgehen, er würde mir nicht zuvorkommen, er war stolz und gewohnt, ohne Menschen zu leben. Die Hunde kannten ihn. Ja, ich hätte auf ihn zugehen, ihn umarmen können, ich hatte mir nicht vorgenommen, es nicht zu tun. Aber ich bleib einfach stehen, sah ihn eigentlich gar nicht, nur dieses Geflimmer um sein Gesicht. Es war eine wilde Bewegung in der Luft, ich glaube, vom Staub, den die Hitze hochwirbelte. Er wußte genau, dass ich sein Sohn war, aber ich wußte nicht so genau, dass er mein Vater war. Ich hatte ihn mir größer vorgestellt, deutlicher in den Umrissen, nicht so bedeckt. Diese sinnlose Windjacke, die man in seinem Alter wohl anzieht, um sich auf der Straße nicht unangezogen zu fühlen.“

„Im Januar habe er ihn gesehen. Was er erwartet habe? Vielleicht ein Gefühl. Er sei vor dem Mann mit der Windjacke gestanden, Khakihose, Khakihemd, Glatze, sieht wie jeder und niemand aus, und nichts. Nur die Schuhe seien ihm aufgefallen, die dicken Kreppsohlen. Zu festes, zu hartes Leder für diese Gegend, für diese Hitze, Schuhe, mit denen man über eine andere Erde gehe, Tirol zum Beispiel. Und überall Hunde, eine Meute schrecklich magerer, herrenloser Hunde, die nach seinen Waden geschnappt hätten. Keine Angst, bloß keine Angst, habe er gedacht, Angst wäre jetzt das unpassendste Gefühl. Aber auf der Hut sei er doch gewesen. Vielleicht habe er deswegen nichts gespürt, nicht einmal Neugier. Der Vater habe auf ein Zeichen gewartet, von ihm, dem Sohn, sollte es ausgehen, der Vater würde ihm nicht zuvorkommen, stolz sei er gewesen und gewohnt, ohne Menschen zu leben. Die Hunde hätten den Vater gekannt. Ja, er hätte auf den Vater zugehen, ihn umarmen können, er habe sich nicht vorgenommen, es nicht zu tun. Aber er sei einfach da stehen geblieben, habe den Vater eigentlich gar nicht gesehen, nur dieses Geflimmer um sein Gesicht. Eine wilde Bewegung sei in der Luft gewesen, vielleicht vom Staub, den die Hitze hochwirbelte. Der Vater sei sich sicher gewesen, dass er seinen Sohn vor sich hatte, aber er, der Sohn, habe nicht so genau gewusst, dass der andere sein Vater war.  Er habe sich den Vater größer vorgestellt, deutlicher in den Umrissen, nicht so bedeckt. Diese sinnlose Windjacke, die man in seinem Altern wohl anziehe, um sich auf der Straße nicht unangezogen zu fühlen.“

Nach meiner Lesung in Berkeley hatte ich mehrere Einladungen in andere amerikanische Universitäten erhalten. Vor meinen Auftritten hörte ich allerdings von Warnungen, die zuvor die einladenden Departments erreicht hatten: Ob sie wirklich einen deutschen Schriftsteller namens Peter Schneider empfangen wollten, einen reisenden Neonazi in der Maske des Intellektuellen, der mit einem Machwerk namens „Vati“ die Familie Mengele hoffähig zu machen suche.

Ich las ohne ein Wort der Einleitung meine „Vati“-Geschichte – in der Konjunktiv-Fassung. Es gab viel Zustimmung, kaum Einwände. Allerdings vermisste ich ein wenig die Erregungen, die ich bei der ersten Lesung in Berkely ausgelöst hatte. Hinterher gratulierten mir meine Gastgeber und gestanden, sie hätten eigentlich viel Schlimmeres erwartet. Sie wirkten fast enttäuscht.

Was war passiert? Der Sohn, der in der ersten Fassung spricht, genießt die Autorität des Ich-Tons. Der Leser mag ihn unsympathisch finden, ihn verdächtigen, dass er die Verbrechen des Vaters beschönige, aber erst einmal ist er eingeladen, ihm zu glauben, sich womöglich mit ihm zu identifizieren. Die Autorität des  Sohnes in der zweiten Fassung ist vom ersten Satz an eingeschränkt. Seine Geschichte wird offenbar durch jemanden wiedergegeben, der die Geschichte gehört hat und den Protagonisten schon durch die Form der Erzählung auf Abstand hält. (Dieser Klassenkamerad des Sohnes, der in der zweiten Fassung zum Erzähler wird, war bereits in der ersten Fassung vorhanden, aber in seiner Autorität geschwächt, da der Sohn das Monopol des Erzählens hatte.) Der gewonnene Abstand kommt gerade in den Passagen zum Tragen, in denen der Erzähler (und der Leser) auf präzise Fragen des Sohnes nach den Verbrechen des Vaters wartet.

Ich schrieb meinem Freund Klaus Röhler beim Luchterhand-Verlag, der das Projekt betreute, von meinen Erfahrungen mit der ersten Fassung. Ich sei nicht bereit,  als literarischer Verharmloser des Holocaust in die Literaturgeschichte einzugehen, auch wenn die Gründe noch so fadenscheinig seien. Ich ziehe die erste Fassung mit dem verhängnisvollen „Ich“ zurück und wolle stattdessen die beigelegte Konjunktiv-Fassung drucken lassen.

Klaus Röhler rief mich sofort an. Er sagte mir, dass er von meinem Rückzug tief enttäuscht sei. Gerade darin, dass ein ehemaliger 68er sich in der Ich-Form den Konflikt eines Täterkinds zueigen mache, bestehe doch die Provokation. Was mit mir los sei? Ob mich mein Mut verlassen hätte.

Wenn ein 68er nach seinem Mut gefragt wird, sind weise Entscheidungen nicht unbedingt zu erwarten. Ich willigte in den Druck der ersten Fassung ein.

Mein Mut zeitigte Resultate, noch bevor das Buch erschienen war. Eine SPIEGEL - Rezensentin liess sich bereits Wochen vor der Veröffentlichung meines Büchleins so vernehmen. „Sich aus fiktiver Sohnes-Perspektive anzunähern an ein Phantom des Grauens, kann nur anbiederisch wirken. Wenn es denn Mode wird, sich literarisch anzubalzen an ein Massenmörder-Kind… dann steht uns noch einiges bevor. Eichmann hatte Söhne (vier!), und so mancher Dichter der unbelasteten Generation hat schon lange kein Buch mehr geschrieben“. „Ein literarisches Bitburg…ich schäme mich“, schrieb Tobias Nestler in der Göttinger Woche. Und Wolfgang Pohrt, ein linker Essayist, verlangte im Südwestfunk ultimativ die „Einstellung der Produktion.“

Natürlich weiss ich nicht, wie die Erzählung aufgenommen worden wäre, hätte ich mich gegen meinen Freund Klaus Röhler durchgesetzt. Aber ich bin sicher, dass ich mir viel unnötiges Getöse erspart hätte. Es steht einem Autor nicht zu, sich mit Rezensenten darüber zu streiten, ob ein Buch von ihm gelungen oder missraten ist. Wohl aber darf er sich zu Wort melden, wenn sich falsche Gewissheiten und moralische Reflexe als Literaturkritik gebärden. Und er darf nachträglich Kritikern und Freunden danken, die in einem Klima der Hysterie und Denunziation ihre Ruhe bewahrt und ihm beigestanden haben. Ich nenne hier Jurek Becker, Jürgen Manthey und Ulrich Greiner.

Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt. Mein damals so umstrittenes Büchlein wird mit einer Handreichung von Buchners Schulbibliothek für die Sekundarstufen I und II an  vielen Gymnasien gelesen und ist von dem italienischen Regisseur Egidio Eronico unter dem Titel „My Father“ verfilmt worden –mit Thomas Kretschmann als Sohn, F. Murray Abraham als jüdischem Rechtsanwalt und Verfolger des Vaters und Charlton Heston als Vater. Es war Hestons letzte Rolle.

Es liegt auf der Hand, dass ich seit meiner Erfahrung mit der Erzählung „Vati“ mit Neugier verfolge, wie andere Autoren es mit der Frage des Abstands bei der Darstellung des Bösen halten. Das spektakulärste Beispiel aus jüngster Zeit ist zweifellos Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“. Bekanntlich hat Littell einen SS-Mörder zum Protagonisten erkoren und dabei ein radikal anderes Verfahren gewählt als ich. Littell überspringt die Frage nach der Distanz zwischen dem Autor und seinem Protagonisten, indem er den SS-Mörder über 1300 Seiten im Ich-Ton reden lässt.  Littell behauptet nicht weniger als dies: Selbstverständlich kann ich einen Nazi-Mörder von innen erfassen und beschreiben, nicht nur seine verquaste Ideologie und seine Überzeugungen, sondern auch seine Leidenschaften, seine verschrobene Sexualität und seine Gewöhnung ans Morden, ja seine Freude daran. Und ich kann dies tun, ohne dass ich meinem SS-Mörder Dr. Aue eine starke Gegenfigur entgegenstelle, ohne ihm jemals jene „Mischungen von Vernunft und Sittlichkeit, Kraft und Schwäche, Güte und Selbstsucht“ anzudichten, die der gute Schlegel fordert.

Ich gebe zu, dass ich einem Autor, der sich etwas Derartiges vornimmt, für seine Tollkühnheit und seine Ausdauer erst einmal Bewunderung zolle. Eine ganz andere Frage ist, ob das Unternehmen auch gelungen ist, ob ein solches Unternehmen überhaupt gelingen kann.

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass Littell über eine beträchtliche Fülle von darstellerischen Mitteln gebietet. Von Anfang an gelingt es ihm, dem Leser seinen Protagonisten glaubwürdig zu machen. Littell ist in der Lage,  das seltsame Gebräu aus Bildungsdünkel, Hochmut, Weinerlichkeit und Brutalität seines Ich-Helden sinnfällig zu machen, ja diese Mixtur als etwas Selbstverständliches, quasi Naturgegebenes vorzuführen. Er kann auch mit wenigen Strichen ein Dorf oder eine Landschaft in Polen oder in der Ukraine zeichnen. Nahezu mühelos findet Littell den Casinoton in den Männerunterkünften, überhäuft den Leser mit Szenen und Details, die den Frust, die Aggressivität und die Langeweile bei den täglichen Verrichtungen der SS beleuchten, folgt mit unerbittlicher Genauigkeit den aberwitzigen Ritualen der Täter bei den Massen-Erschießungen, die sein Buch füllen. Kaum jemals lässt Littell sich bei dem Versuch ertappen, Sympathie für seinen Helden zu erzeugen. Zwar stellt er ihn nicht in die erste Reihe der Mörder – Dr. Aue hat die Aufgabe, dem Sicherheitsdienst der SS über die Erfolge seiner Einsatzgruppe bei der Judenvernichtung zu berichten – aber seine Skrupel werden immer wieder von seinem Durchhaltewissen und seiner Loyalität zum großen Projekt des Führers erschlagen.  Innere Widersprüche hat Littel seiner Ich-Figur nicht gestattet – sieht man einmal davon ab, dass Dr. Aue  nach Szenen besonders großer Grausamkeit zu Durchfall und Übelkeit neigt. Kurz, Littles Ich-Figur, die übrigens den Leser duzt und sich ihm mit Sätzen wie „Ihr seid nicht besser (als ich) “! anbiedert, ist von Anfang an so widerwärtig, wie der Held  eines Romans nur sein kann. Wenn man Littell einen Vorwurf nicht machen kann, dann den, er habe für seinen SS-Mörder Verständnis erzeugt.  Aber was, diese Frage ergibt sich zwangsläufig aus Littels Leistung, soll den Leser eigentlich über tausend Seiten an diesem kalten Helden interessieren?

Schon auf den ersten Seiten wird ein Problem von Littels Verfahren deutlich, das sich im Fortgang des Buches immer mehr verstärkt: Der Ich-Erzähler zwingt dem Autor Littell zusehends seinen Tonfall auf, dem der Autor eigentlich nur entgehen kann, wenn er seine Figur vergewaltigt. Die Frage ist nur: Wie lange hilft Rollenprosa gegen Banalitäten bzw. Rohheiten, die Dr. Aue im Übermaß produziert? Wie lange kann der Leser Sätze ertragen wie: „Die wirkliche Gefahr für den Menschen bin ich, seid ihr!“ Oder „Die, die Menschen töten, sind Menschen wie die, die getötet werden“. Wie oft will er lesen, dass Leichengeruch süßlich, schwer und ekelhaft sei?

Wenn überhaupt etwas an Littells Helden überrascht, so ist es die rätselhafte Unbeirrbarkeit und die Genauigkeit, mit denen er über Hunderte von Seiten die Massenerschießungen beschreibt, Littell begründet diese Obsession seines Helden durch Selbstauskünfte wie: „Im Rahmen meiner Möglichkeiten möchte ich so genau wie möglich sein. Trotz meiner Schwächen … gehöre ich zu denen, die meinen, nur wenige Dinge im menschlichen Leben seien wirklich unentbehrlich: Luft, Essen, Trinken, Verdauung und die Suche nach Wahrheit.“ An einer anderen Stelle versichert der Erzähler, er fühle keine Reue, aber seine Neugier, sein Drang zum Absoluten, zur Grenzüberschreitung habe ihn vielleicht zu weit getrieben.

Es liegt auf der Hand, dass Littells Versuch, eine schonungslose Darstellung des Judenmords ausgerechnet einem Beteiligten in den Mund zu legen, das Produkt einer literarischen Konstruktion ist. Ich weiß von keinem einzigen Nazi-Mörder, der sich in der Art von Littles Helden zu allen Greueln des Massenmords und seiner eigenen Rolle daran bekannt hätte. Soweit sie sich in Autobiographien, Briefen oder Vernehmungen geäußert haben, sind so gut wie alle Nazi-Täter ja gerade durch das Bestreben aufgefallen, ihre Verbrechen zu leugnen, zu beschönigen, bzw. als Gehorsamsleistungen auszugeben. Das gilt für Täter wie Frank, Höss und Mengele, für die Nazi-Ärzte, die Götz Aly und seine Mitarbeiter in der Schriften-Reihe: Beiträge zur Nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik vorgestellt haben, es gilt aber auch für die Massenmörder der Kriege in Bosnien und Kosovo, die sich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag geäußert haben. Natürlich kann man an dieser Stelle einwenden, die Tatsache, dass es einen Nazi-Mörder wie Dr. Aue nicht gebe, bedeute nicht, dass Littell ihn nicht erfinden dürfe. Gerade die Erfindung eines Helden, der mit besessener Detailfreude die Massenerschießungen der Einsatzgruppen beschreibe, habe dieses Buch zu einem Welt- Ereignis gemacht.

Aber ich fürchte, auch und gerade in der Literatur kann es einen Helden wie Dr. Aue nicht geben. Oder sagen wir bescheidener: diese Erfindung funktioniert nicht. Tatsächlich geschieht beim Lesen etwas, was Littell mit Sicherheit nicht beabsichtigt hat. Durch die endlose Aufzählung von Ungeheuerlichkeiten, die bei Littells Protagonisten zwar immer wieder Ekel und Übelkeit, aber nie eine Entscheidung auslösen, entsteht auch beim Leser eine Abstumpfung und Gewöhnung, wie sie – jedenfalls bei mir - auch die meisten sogenannten Anti-Kriegsfilme bewirken. Ohnehin bin ich der Überzeugung, dass Antikriegs-Filme, die Greuel über Greuel mit höchster technischer Brillanz  zeigen, in Wirklichkeit Kriegsfilme sind und der Schaulust dienen, und dass Filme gegen sexuelle Gewalt, die eine sexuelle Gewalttat nach der anderen mit nie gesehener Härte vorführen, in Wirklichkeit Pornofilme sind, die sich nicht so nennen. Es ist nicht wahr, dass die bloße Anhäufung menschlicher Schandtaten quasi von selbst Empathie, Nachdenken oder gar Empörung erzeugen. Nun möchte ich Littell auf keinen Fall unterstellen, dass er auf die Schaulust seiner Leser gesetzt hat. Es handelt sich eher um einen literarischen Betriebsunfall. Die kumulative Anhäufung unsäglicher Verbrechen durch einen zynischen, moralisch toten Protagonisten, dem sich keine Gegenkraft entgegenstellt, lässt im Leser jene Teilnahmslosigkeit entstehen, vor der Schlegel gewarnt hat. Ich vermute, dass die meisten Leser von Littells Buch ihre Wut nach 250 Seiten nicht mehr gegen LIttells Ich-Erzähler sondern gegen den Autor gerichtet und Hunderte von Seiten überschlagen haben.

Vielleicht sind Massenmörder wie Dr. Aue oder Dr. Dr. Josef Mengele nur literaturfähig, wenn es dem Autor gelingt, auf irgendeine Weise auch die Perspektive der Opfer sichtbar zu machen. Littells Versuch, die Opfer sozusagen aus dem Mund eines Mörders sprechen zu lassen, hat bei mir jedenfalls nur anhaltenden Widerwillen erzeugt. Natürlich kann und darf Literatur alles, aber der Leser darf ein Buch auch an die Wand werfen.

Vortrag, gehalten auf dem Literatur-Symposium "Literatur und Ethik" an der G. Washington-Universität St. Louis, am 26. 3. 2010

 

Peter Schneider

                                      

Kurz vor den Novemberfeiern zum 20. Jahrestag des Mauerfalls überraschte die BZ ihre Leser mit einem Aufschrei: „Was habt ihr dem Westen angetan?“ Und dann zählte die Berliner Boulevardzeitung auf, was West-Berlin in den Jahren seit der Vereinigung alles verloren hatte: Der Flughafen Tempelhof stillgelegt, die Max- Schmeling- Halle und die Deutschlandhalle abgerissen, der Bahnhof Zoo, vormals der wichtigste Bahnhof der Halbstadt, auf das Niveau eines Vorort-Bahnhofs geschrumpft – und nun drohte auch noch der Abriss des Kongresszentrums ICC!

(Ich vermisste in dieser eindrucksvollen Aufzählung der Zumutungen nur den Hinweis auf ein Straßenschild, das dicht vor dem Springerhochhaus steht.  Es zeigt die Kreuzung zwischen der kleinen Axel-Springerstrasse und der viel größeren, dank einer Volksabstimmung in Kreuzberg so benannten Rudi-Dutschkestrasse an.) 

Es war, als meldete sich eine fast vergessene Stimme zu Wort: die verrauchte Stimme des alten Westberlin, die allzu lang durch das Dauer-Lamento der Ostberliner – über den Abriss des Palastes der Republik und des Lenin-Denkmals, über Siegerjustiz, über zu niedrige Löhne und Renten  - überschrien worden war. Hatte Ost-Berlin, hatte der Osten nicht seit zwanzig Jahren mit seinen Klagen die Republik beherrscht? War es nicht legitim, dass auch der Westen einmal die ideellen und materiellen Verluste aufzählte, die ihm die Vereinigung eingebracht hatte? Ganz zu schweigen von den seither gezahlten 1,4 Billionen Aufbauhilfe, für die er nie auch nur ein gehauchtes Dankeschön gehört hatte!

Man könnte den Aufschrei in der BZ als ein Kuriosum im Wettstreit um die Krone des Opfers verbuchen, wenn nicht eine höchst reale Verlustangst aus ihm spräche. Hinter dem Getöse des Streits über die Kosten und Defizite der Vereinigung ist ein fasst unbemerkter Prozess im Gange, den ich die Veröstlichung des deutschen Westens nenne.

Zugegeben: Die Erhaltung des Flughafens Tempelhof war auch in Westberlin umstritten. Aber es steht fest, dass das Votum der Ostberliner, die mit der Luftbrücke keine herzerwärmenden Erinnerungen an eine heroische Zeit verbinden, dem Volksbegehren den Todesstoß versetzte. Hier standen sich nicht mehr wie zu Mauerzeiten zwei höchst unterschiedliche Erinnerungen und Prägungen gegenüber, hier setzte sich die östliche Erinnerung gegen die andere per Votum durch. Die Westberliner wurden unsanft auf die Tatsache gestoßen, dass die Ostdeutschen eben nicht von amerikanischen Fallschirmjägern und Landetruppen, sondern durch die Panzerdivisionen der Sowjetunion „befreit“ worden waren. In einem strikt antiamerikanischen Umfeld sozialisiert, fühlten sie sich bei ihrem Nein zum Tempelhofer Flughafen durch keinerlei Dankesschuld behindert.

Ähnlich verhielt es sich bei der Abstimmung über „ProReli“ (Pro-Religion) – den von der CDU, der FDP und den beiden großen Kirchen Berlins organisierten Volksentscheid gegen den obligatorischen Ethik-Unterricht an Berliner Schulen. Umfragen belegten schon vor der Wahl eine Zweiteilung der Stadt. Im Ostteil äußerten sich 60 Prozent gegen den Vorschlag, eine Wahlpflicht zwischen Ethik und Religion einzuführen, 40 Prozent dafür. Im Westen war das Verhältnis umgekehrt. Der Volksentscheid scheiterte. Nach Auszählung aller abgegebenen Stimmen ergab sich, dass 51,3 Prozent der Teilnehmer am Volksentscheid mit "Nein" gestimmt hatten, 48,5 Prozent mit "Ja". Die meisten Abstimmungsberechtigten beteiligten sich in Steglitz-Zehlendorf (41,4 Prozent), die wenigsten in Marzahn-Hellersdorf (21,6 Prozent).

Und hatten die Ossis nicht auch bei den Feierlichkeiten zum 9. November das Heft des Handelns und des Feierns in der Hand? In den Talkshows, Dokumentationen und den Rednerlisten wurden ausschließlich Zeugen aus dem Osten gebeten, sich zu äußern, ganz so, als hätten die spät erwachten Wessis, die bekanntlich nicht eine einzige Demonstration für die Wiedervereinigung zustande brachten, zum diesem epochalen Vorgang auch nach zwanzig Jahren nichts zu sagen. Die Stimmen der abertausend Lehrer, Verwaltungsleute, Manager, Professoren, die nach der Vereinigung, damals noch mit dem berüchtigten „Buschgeld“ ausgestattet, in den „Wilden Osten“ zogen, waren nicht  zu hören.  

Es war wohl immer eine Sieger-Illusion zu glauben, dass die Vereinigung der beiden deutschen Staaten nur die ehemalige DDR und nicht auch die alte BRD von Grund auf verändern werde. Nur Ignoranz und schierer Hochmut konnten die Wessis glauben machen, die Brüder und Schwestern aus dem Osten würden mit der DM und der westdeutschen Verfassung auch das westdeutsche Welt-und Geschichtsbild übernehmen. Von Anfang an war zu erwarten, dass von der DDR sehr viel mehr übrigbleiben würde als der berühmte grüne Abbiegepfeil. Wolfgang Schivelbusch hat in einer aufregenden Studie („Die Kultur der Niederlage“) die These vertreten, dass die „Verlierer“ der Geschichte kraft ihrer größeren Flexibilität und der kreativen Not, Mythen über ihre „Niederlage“ zu erschaffen, den „Siegern“ am Ende einen guten Teil ihrer Kultur und ihres Wertesystems aufdrücken. Und dies nicht unbedingt zu deren Schaden.

Das erste Resultat der Vereinigung war die wirtschaftliche und politische Einverleibung der DDR in den Westen gewesen. Allerdings vergessen die Ankläger bei ihrem berechtigten Protest gegen diese Überwältigung gern das Ergebnis der ersten und einzigen freien Wahl in der DDR: Es waren die DDR-Wähler selber, die die Kandidaten der Bürgerrechtsbewegung bei der Wahl vom 18. März 1990 in die Wüste geschickt hatten. Nicht den mutigen Rebellen aus der DDR-Opposition (Bündnis 90) hatten sie ihre Stimme gegeben, sondern der Deutschen Allianz und damit dem Fürsprecher einer beschleunigten Wiedervereinigung namens Helmut Kohl, der ihnen blühende Landschaften und – fünf Tage vor der Wahl - die Währungsreform versprochen hatte. Bis heute streiten Historiker und Ökonomen darüber, wie die Geschichte wohl verlaufen wäre, wenn die DDR-Wähler, statt Helmut Kohl zu folgen, sich auf das Wagnis eines eigenständigen zweiten deutschen Staats eingelassen hätten. Die Geschichte hat diese Option ins Reich der Spekulation verwiesen. Aber zwanzig Jahre nach der Vereinigung lässt sich  – Genugtuung für die einen, böses Erwachen für die anderen? -  ein neuer Trend vermelden, der sich, von Ost- wie Westdeutschen fast unbemerkt,  in der vereinten Republik durchsetzt. Unter dem Druck der Krise und der Zukunftsangst haben Denk-und Gefühlsstrukturen, die man vor kurzem noch für typisch „östlich“ hielt,  im Westteil der Republik an Boden gewonnen.  Überspitzt gesagt, entspricht der Verwestlichung der Lebensverhältnisse im Osten eine gewisse Veröstlichung des Lebensgefühls im Westen.

Schon seit Jahren bestätigt der Siegeszug der „Verlierer“ in der Literatur und Kunst Schivelbuschs These. Die Leipziger Malerszene, angeführt von Neo Rauch, reüssierte mithilfe von genialisch stammelnden Galeristen, deren Englisch von Sächsisch kaum zu unterscheiden war,  auf dem New Yorker Kunstmarkt. Inzwischen gehen fast alle großen Literaturpreise zum Staunen ihrer westdeutschen Kollegen an Autoren aus dem deutschen Osten; tüchtige Funktionäre aus den neuen Ländern haben längst in allen wichtigen Jurys, Kommissionen und Akademien der vereinten Republik Fuß gefasst. Westdeutsche Kollegen mögen mit ihrer Klage gegen den hoch entwickelten Klientelismus der Ostdeutschen rechthaben, aber verpassen womöglich das Entscheidende: Wer will leugnen, dass Schriftsteller und Künstler, die einen existentiellen Bruch ihrer Lebensverhältnisse und die Umwertung aller Werte zu bewältigen haben, einstweilen Interessanteres zu sagen haben als die Zuschauer dieses Umbruchs?

Auch in der Politik hatten die „Verlierer“ schon vor der Wahl vom 27. Oktober 2009 verblüffende Erfolge zu verzeichnen. Die märchenhafte Karriere von „Angie“ – an niemanden hat Mick  Jagger wohl weniger gedacht als an Angela Merkel, als er seinen Ohrwurm zum ersten Mal sang – war ein unübersehbares Zeichen. Hier war einer Pastorentochter aus dem Osten der Aufstieg in einer westdeutschen Männerpartei, die sich um das Thema „Frauenemanzipation“ nie gekümmert hatte, zur Kanzlerkandidatin und (in der Bundestagswahl 2005) zur ersten Kanzlerin in Deutschland gelungen.  Die überrumpelte SPD zog auf ihrem Parteitag im November 2005 nach und präsentierte den Ministerpräsidenten von Brandenburg Matthias Platzeck als neuen Parteichef und Kanzlerkandidaten. Keine Passage aus Platzecks Rede wurde mit so viel Zustimmung aufgenommen wie diese: „Ich habe die ersten 35 Jahre meines Lebens in einer vollkommen anders organisierten Gesellschaftsordnung verbracht. Das ist nicht zu ändern. Ich bin klipp und klar als Ostdeutscher sozialisiert. Ich bin das gerne und stehe dazu.“ Es war ein Trotzsatz, frech und unverstellt wie das Bekenntnis Klaus Wowereits zu seiner Homosexualität, das den legendären Nachsatz „und das ist auch gut so!“ auf den neuesten Stand brachte und die DDR-Bürger sozusagen als eine weitere sexuelle Minorität vorstellte. Nicht enden wollender Beifall brandete auf. Es war, als wollten sich die westlichen SPD-Mitglieder dafür entschuldigen, dass sie jemals heimliche Zweifel an der demokratischen Kompetenz ihrer Kollegen aus dem Osten gehegt hatten.

Nach der Wahl umarmte Platzeck seine Kumpels aus den neuen Ländern, die Gratulanten aus den alten Ländern jedoch bedachte er mit einem Handschlag – für viele, die auf eine Umarmung durch jeden westdeutschen Vorsitzenden hätten zählen können, hatte er nur ein Nicken übrig. Ein neuer Stallgeruch zog in die ehrwürdigen Gehege der SPD ein.

Eher nolens als volens hatte das westdeutsche politische Establishment damals eingestanden, dass es am Ende seiner Weisheit war. Aus Not und gleichsam hinter seinem eigenen Rücken hatte es sich des amerikanischen Integrationsmodells bedient. Bekanntlich lebt die innovationsfreudigste Gesellschaft des Westens davon, dass sie sich die frischen Energien ihrer Neubürger zunutze macht. Die Erfahrung in Amerika ist  ja, dass die Neubürger „die amerikanischen Werte“, die den länger Einheimischen bereits schal geworden sind, mit neuer Verve und Leidenschaft aufladen. Wer Matthias Platzecks Rede auf dem SPD-Parteitag gehört hatte, konnte nicht leugnen, dass er die Grundüberzeugungen der SPD mit mehr Schwung vertrat als alle „einheimischen“ SPD-Bauchredner. Angela Merkel, die nicht aus dem Fundus der sozialistischen Rhetorik schöpfen konnte, hatte es in dieser Hinsicht schwerer. Aber auch sie war und ist  – ohne die Seele der Partei, so es sie denn gibt, jemals direkt anzurühren – mit ihrem eher nüchternen Stil zur besten Sängerin des CDU-Credos aufgestiegen.

Im Unterschied zu Matthias Platzeck, der wenige Monate nach seiner Parteitagsrede zurücktrat, hat Angela Merkel ihren Erfolg gesichert, indem sie zielsicher im Garten der SPD gewildert und so ziemlich alle lebensfähigen Pflanzen umgetopft und mit der Aufschrift CDU versehen hat. Dank dieser umsichtigen und skrupellosen Gärtnerin hat sich auch das Wertesystem der vereinten Deutschen unmerklich in Richtung Osten verschoben. Deutlich wird diese Verschiebung etwa am Beispiel „Soziale Gerechtigkeit“ – ein Bekenntnis, das bis dahin dem Intimbereich der SPD zuzurechnen war.  Dieser Wert, der in den neunziger Jahren von zwei Dritteln der Ostdeutschen, aber nur von einem guten Drittel der Westdeutschen für „besonders wichtig“ gehalten wurde, ist inzwischen im Weltbild aller Deutschen auf Platz 1 gerückt.  

Die Bundestagswahlen 2009 bestätigten den Trend. Rund zwei Millionen ehemaliger SPD-Wähler verweigerten die Wahl, weil sie nicht mehr wussten, was die SPD noch von der CDU unterschied oder weil sich fürchteten, die SPD werde am Ende doch mit der Nachfolgepartei der SED zusammengehen, die nach ihrer zweiten Umbenennung den hochtrabenden Titel „Die Linke“ führt.  Die SPD hatte Koalitionen mit der „Linken“ auf Landesebene gebilligt, auf Bundesebene jedoch ausgeschlossen. Man muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass der Schamabstand der SPD zur „Linken“ vor der nächsten Wahl auch auf Bundesebene weiter schmelzen wird. Sehr viel mehr Phantasie gehört dazu, sich echte Spielräume für die verheerend dezimierte SPD auszudenken. Solche Spielräume könnten sich aus der Auseinandersetzung mit den Folgen der Finanz-und Wirtschaftskrise ergeben, die die SPD jedoch aus einer panischen Angst vor „negativen Botschaften“ schon im Wahlkampf 2009 nicht für sich zu nutzen wusste. Dabei hätte doch eine sozial engagierte Partei, die ohnehin mit dem Rücken zur Wand stand und steht, das Privileg, den Wählern die Wahrheit über die unbestraften kriminellen Verursacher der Krise und die daraus entstehenden Lasten für die nächsten Generationen zu sagen.

Das vielleicht bemerkenswerteste Ergebnis der Wahl vom 27. September 2009 zeigt der Wahlspiegel von Berlin: Das Wahlverhalten der Berliner folgte mit wenigen Abweichungen dem Verlauf der alten Grenze zwischen Ost und West. West-Berlin wählte – wenn auch mit einer deutlichen Verschiebung zugunsten der CDU und vor allem der FDP – die Parteien aus der alten Bundesrepublik, Ost-Berlin votierte mit einer klaren Mehrheit für „Die Linke“. Der Wahlspiegel für die neuen Länder zeigt ein differenzierteres Bild. Hier hat die CDU in aller Regel ihre Vorherrschaft behauptet, „die Linke“ konnte ihre Stellung allerdings auf Kosten der SPD deutlich verbessern und nimmt nun in zwei Ländern den ersten Platz, in drei Ländern den zweiten Platz dicht hinter der CDU ein. Das entscheidende Novum ist jedoch, dass „die Linke“ auch in Westdeutschland Fuß gefasst hat und – vor den Grünen! - zur viertstärksten Partei geworden ist.

Auch viele Bürger in den sogenannten neuen Ländern werden sich nicht mit diesem Ergebnis anfreunden. Umfragen über die Wertschätzung der Demokratie in beiden Teilen Deutschlands zeigen jedoch, dass sich die Skepsis der Westdeutschen gegen die Demokratie derjenigen der Ostdeutschen angenähert hat. Die Wertschätzung  der Demokratie ist - wenn auch auf unterschiedlichem Niveau - in beiden Teilen Deutschlands dramatisch gesunken. Lag die Zustimmung zur Demokratie  als „bester Staatsform“ im Jahr der Wiedervereinigung noch bei 81 Prozent im Westen und bei 41 Prozent im Osten, ist sie im Jahre 2008 auf 62 Prozent im Westen und auf 29 Prozent im Osten geschrumpft.  Einen ähnlichen Abwärtstrend zeigen die Antworten auf die Frage, ob die Demokratie in Deutschland fähig sei, die wichtigsten Probleme der Gesellschaft zu lösen. Während diese Frage noch in den frühen neunziger Jahren von drei Vierteln der Westdeutschen und von der Hälfte der Ostdeutschen positiv beantwortet wurde, trauten im Dezember 2008 nur noch zwei Drittel und nur noch ein Drittel der Ostdeutschen der Demokratie diese Leistung zu.

Vielleicht das interessanteste Beispiel über den anhaltenden Streit der Kulturen und den gewachsenen Einfluss der „Verlierer“ – genauer einer bestimmten Fraktion der „Verlierer“ – ist der heftige Disput über Begriffe wie „Unrechtsstaat“ bzw. „Diktatur“. Viele Ostdeutsche ziehen freundlichere Epitheta wie „autoritärer Staat“ vor. Vergeblich weisen Historiker darauf hin, dass die DDR eindeutig sämtliche Merkmale einer Diktatur, wie sie in jedem politischen Lexikon nachzulesen sind, erfüllte und übererfüllte. Der Hinweis darauf, dass die Kennzeichnung „Diktatur“ nicht persönlich gemeint sei und keineswegs einen Angriff auf die Biographie des einzelnen DDR-Bürgers darstelle, führt nicht zu einer Beruhigung – auch nicht die Nachfrage, warum dieser Einzelne reflexhaft seinen untergegangenen Staat umarme, wenn er eigentlich nur sein gelebtes Leben verteidige. Niemand bestreite doch, dass man auch in einem Unrechtsstaat ein anständiges Leben habe führen könne.  Viele DDR-Bürger reagieren bis heute allergisch auf die Kennzeichnung ihres ehemaligen Staates als Diktatur und fühlen sich persönlich diskriminiert.

Die beständige Klage gegen diese angebliche Diskriminierung hatte einen durchschlagenden Erfolg im Westen. Verspätet registrierten Beamte aus dem Schulwesen der Republik, dass der Geschichtsunterricht über die DDR verharmlosende, ja verklärende Züge trage. Als ich einem ehemaligen  Aktivisten von Solidarnosz von dieser deutschen Merkwürdigkeit erzählte, hatte er nur eine Antwort: Kein Pole, den er kenne, würde leugnen, dass die kommunistische Diktatur eine Diktatur gewesen sei. Allerdings hätten die Polen nicht erst - wie die Deutschen in der DDR - einen Monat vor dem Mauerfall, sondern länger als zehn Jahre in Massen gegen diese Diktatur rebelliert.

Sicher ist, dass es in der vorhersehbaren Zukunft nicht zu einer gemeinsamen „Erzählung“ der Wessis und der Ossis darüber kommen wird, was eigentlich vor und nach dem 9. November 1989 passierte. Viele Ossis folgen, wenn von der DDR die Rede ist, einer entschieden anderen Version als die Wessis, der wiederum die kompromisslos antikommunistische Erzählung der emigrierten Dissidenten aus der DDR gegenübersteht. Diese Diagnose trifft auch auf die unterschiedlichen Erzählungen der West- und der Ost-Europäer zu, wobei die Erzählungen der Polen, Tschechen und Ungarn denen der DDR-Emigranten entschieden näher stehen als den verharmlosenden Beschreibungen vieler Ossis.

„Wenn wir diese Unterschiedlichkeit der Erzählungen nicht akzeptieren“, meint der tschechische Diplomat und jetzige tschechische Botschafter in Irland, Tomas Kafka, in einem Gespräch mit mir, „kommen wir nicht weiter.“ Eben dies sei die große Leistung der deutsch-tschechischen Deklaration von 1997 gewesen, „dass es bis auf Weiteres unmöglich ist, eine einheitliche Erzählung des 20. Jahrhunderts hinzukriegen. Wir haben uns dazu verpflichtet, dass wir die jeweils andere Interpretation der Geschichte respektieren werden.“

Respektieren ja, aber nicht für immer. Denn eigentlich glaube ich nicht daran, dass es auf Dauer zwei, drei oder vier widerstreitende und dennoch gleichberechtige Versionen der Geschichte geben kann. Am Ende wird und muss sich die Version durchsetzen, die der Wahrheit am nächsten kommt.

 

Erschienen in CICERO, Feburar 2010

 

 

 

                                                      DIE WAHL DER QUAL

                          

Ausgerechnet der Wahlkampf vor der Bundestagswahl vom 27. September 2009 hat gute Aussicht auf den Titel, der langweiligste Wahlkampf in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik zu sein.  Die vorherrschende Reaktion, die die Debatte zwischen Kanzlerin Angela Merkel und dem Herausforderer Frank-Walter  Steinmeier  zwei Wochen vor der Wahl den Kommentatoren entlockte, war jener Reflex des Unterkiefers, bei dem gesittete Menschen die Hand vor den Mund halten. Dabei werfen gewaltige historische Ereignisse ihre Schatten auf die Wahl vom 27. September. Vor zwanzig Jahren fiel die Berliner Mauer – es war der Beginn eines seismischen Bebens,  das die Grenzen der alten Bundesrepublik und Westeuropas um Hunderte von Kilometern nach Osten verschob. Ein Weltreich namens Sowjetunion verließ, ohne einen Schuss abzugeben, die Bühne der Geschichte.  Konnte und musste dieser Vorgang  nicht ein Anlass für einen Streit über die Erfolge und Defizite der Wiedervereinigung und für den Versuch sein, eine Vision für Deutschland und Europa in den nächsten 20 Jahren zu entwerfen?  Ein Politiker, der Visionen hat, hat Ex-Kanzler Helmut Schmidt einmal gesagt,  sollte zum Augenarzt gehen.  Diese Warnung hatte in den siebziger Jahren Sinn, als selbst junge SPD-Abgeordnete von einer Weltrevolution träumten.  Schmidt hat sich wohl nicht träumen lassen, dass die Anfälligkeit für Visionen unter Deutschlands Politikern  inzwischen  etwa so häufig vorkommt wie die Cholera. Das Thema „Wiedervereinigung“ und „Europa“ ist in diesem Wahlkampf nur am Rande aufgetaucht.

Im Herbst 2008 gab es ein anderes Großereignis, das nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt an den Rand des Abgrunds gebracht hat – es drohte, wie sonst eher kühle Wirtschafsexperten sagen, das Armageddon der Finanzwirtschaft.  Das Schlimmste ist in den reichen Ländern durch eine beispiellose öffentliche Verschuldung  gemildert und vernebelt worden, aber jeder ökonomisch halb gebildete Bürger weiß, dass noch die nächste und die übernächste Generation für die Exzesse der Investment-Banker wird zahlen müssen. Man kann nur staunen, wie diskret das Thema im Wahlkampf behandelt wird.  Fragt man bei den Partei-Strategen nach, so erfährt man, die Finanzkrise sei ein Thema für Verlierer, die Wähler wollten Positives hören.  Tatsächlich sind der Krisenschock und die anfängliche Wut über Millionen-Boni für CEOs, die ihre Betriebe an die Wand gefahren haben, rasch abgeflaut.  Die Wähler erleben den größten Wirtschaftseinbruch seit 1929 wie einen bösen  Traum, der halbwegs hinter ihnen liegt – und die Politiker hüten sich, sie aufzuwecken.   Die Autonomen in Berlin-Kreuzberg vergnügen sich weiterhin damit, sogenannte Luxusautos anzuzünden – nicht eine einzige Schaufensterscheibe eines Bankhauses ist in Deutschland zu Bruch gegangen.  Nicht ein einziger von jenen kriminellen Zockern, die die Bankenaufsicht mit manipulierten Zahlen über die wahre Lage ihrer Bank getäuscht haben, ist vor Gericht gestellt worden – im Gegenteil, die Bankrotteure gehen  vor Gericht, um die Millionen-Boni einzuklagen,  die ihnen dank einer perversen Geschäftskultur auch im Falle des Versagens zustehen.  Nicht wenige von ihnen sitzen schon wieder an den Spieltischen und zocken mit dem geliehenen Geld der Steuerzahler und neuen Finanzprodukten weiter – sie wissen, der brave Steuerzahler wird auch den nächsten Crash  bezahlen, weil ihm nichts anderes übrig bleibt.  Nur schüchtern erinnern einige Unentwegte an die aufrührerische Frage von Mackie Messer aus Bert Brechts Dreigroschenoper: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?“ Aber dieser Slogan stammt bekanntlich aus den zwanziger Jahren und mutet wie die nostalgische Erinnerung an einen Aufruhr an, den man sich lieber auf der Bühne – in einer Inszenierung von Robert Wilson – anschaut.

Das größte Wunder im Wahlkampf 2009 ist die Wiederauferstehung der FDP. Eigentlich würde die deutsche Parteienlandschaft nichts so dringend brauchen, wie eine echte – im amerikanischen Sinn des Wortes „liberal“– liberale Partei. Also eine Partei, die die Freiheit des Individuums auf ihre Fahnen schreibt. Leider ist die FDP trotz unstreitiger historischer Verdienste auf diesem Feld unter der viel zu langen Herrschaft ihres Vormanns Guido Westerwelle zu einer Partei verkommen, die vor allem die Freiheit einiger privilegierter Individuen verteidigt – die Freiheit der Banker und der Unternehmer.  Noch bis vor einem Jahr huldigte sie der Religion der amerikanischen Neocons, wonach Märkte sich selber regulieren. Folglich bekämpfte sie erbittert alle halbherzigen Versuche der großen Koalition, die Finanzwirtschaft zu regulieren. Noch im Mai 2009 machte sich die Partei für die Eigentumsrechte des amerikanischen Großaktionärs und Milliardärs Christopher Flowers an der bankrotten deutschen Bank HRE (Hypo Real Estate) stark – einer Bank, die gar nicht mehr existieren würde, wäre sie nicht mit über 100 Milliarden Staatsgarantien, also mit dem Geld der Steuerzahler, vor dem Untergang bewahrt worden.  Aber Wunder über Wunder: ausgerechnet diese Partei, die statt der Freiheit des Individuums die Freiheit der Zocker verteidigt, steigt wie keine andere in der Wählergunst. Nach jüngsten Umfragen kann sie mit einem Stimmenanteil von 13-14 Prozent rechnen und setzt auf eine Ablösung der großen Koalition durch eine CDUI/FDP –Regierung. Fragen Sie den Autor dieser Zeilen nicht, wie er sich diesen Erfolg erklärt. Es käme nur ein Pamphlet über das kurze Gedächtnis und die Dummheit von Wählern dabei heraus. Ich glaube nicht an die ehernen Gesetze der Geschichte, die der große Analytiker und grotesk irrende Visionär Karl Marx verkündet hat. Aber ein Gesetz scheint es doch zu gelten:  in einer ungeheuren Wirtschaftskrise halten sich die Wähler an die Leute, denen sie bisher wirtschaftliche Kompetenz zutrauten - also an die Leute, die sie ins Verderben führten.

Halt. Wie immer gibt es eine Ausnahme von der Regel. Die Ausnahme ist die Nachfolgepartei der ehemaligen SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Regierungspartei der ehemaligen DDR), die sich zunächst als PDS (Partei des demokratischen Sozialismus) neu formierte – ein Kürzel, das meine Freunde aus der DDR- Opposition zutreffend mit „Praktisch das Selbe“ (Pratically the Same) – übersetzten. Die Praktisch Dasselbe - Partei empfiehlt sich inzwischen unter dem anmaßenden Titel „Die Linke“  zur Wahl und hat inzwischen auch in Westdeutschland Fuß gefasst. Sie verspricht alles, was nicht finanzierbar ist: höhere Renten, einen Mindestlohn von 10 Euro, staatliche Investitionsprogramme, die die Arbeitslosigkeit auf Null  senken– kurz ein neues sozialistisches Paradies, das in der ehemaligen DDR nicht blühen wollte. Natürlich drängt die Partei, die immer noch eine Menge ehemaliger Stasi-Mitarbeiter in ihren Reihen führt, auch auf eine Neubewertung der DDR; der Ausdruck „Diktatur“ für diesen Lebensabschnitt vieler Veteranen der Partei gilt als obszön. Neben der FDP profitiert also auch diese Partei vom halbherzigen Umgang der großen Volksparteien mit der Weltwirtschaftskrise und verzeichnet  neuen Zulauf.

Der einzige Sieger am 27. September wird wahrscheinlich die Partei der Nicht-Wähler sein.  Ich sympathisiere nicht mit dieser Partei, aber ich verstehe, dass die Nicht-Wähler  von den Parteien, die zur Wahl stehen, nur noch eines erwarten: Praktisch Dasselbe.

Der Artikel erschien eine Woche vor den Wahlen 2009 in verschiedenen internationalen Zeitungen

 

                                    

                                

                                           Das andere Gesicht Europas

 

1

Fast sind sie vergessen: die besten Tage in der jüngeren Geschichte  Europas. In den Wochen und Monaten nach dem Fall der Berliner Mauer wurde die Welt Zeuge eines seismischen politischen Bebens.  In einer raschen Folge von friedlichen Revolutionen kündigten die Bürger der sowjetischen Satellitenstaaten Mittel- und Osteuropas ihrer Vormacht den Gehorsam auf. Von den Rändern ausgehend wurde eines der gewaltigsten Imperien der Geschichte von seinen Untertanen Stück um Stück zerlegt.  Die große Sowjetunion löste sich binnen zwei Jahren in ihre Einzelteile auf und trat von der Bühne der Geschichte ab, ohne einen Schuss abzugeben. Der immer noch gewaltige Rumpf, der nach der Amputation übrigblieb, hieß nun Russische Föderation.  Jahre später hat Wladimir Putin diesen Vorgang als „die größte geopolitische Katastrophe der jüngeren Geschichte“ bezeichnet. Er muss, als er diese Formulierung fand,  an die Bilder von den eisigen Ufern der Antarktis gedacht haben, von denen - unter dem Einfluss des Klimawandels - ganze Berge abbrechen und ins Meer stürzen.

Dem Zerfall der Sowjetunion folgte ein Siegeszug der Demokratie.  Zum ersten Mal seit langer Zeit weckte das durch die totalitären Delirien des 20. Jahrhunderts befleckte Wort „Europa“ wieder Begeisterung, und dies vor allem in den befreiten Satellitenstaaten. Plötzlich stand dieser Name nicht nur für eine gemeinsame kulturelle Vergangenheit, die im Westen nur noch an politischen Feiertagen beschworen worden war. ‚Europa‘ wurde zum Erkennungswort, mit dem die Völker des Ostblocks nicht nur ihren Anspruch auf Freiheit und Demokratie, sondern auf politische Zugehörigkeit  einklagten. Der Ansturm war so stark, dass die EU sich damit überfordert sah, alle Bewerber ernsthaft zu evaluieren. Hastig wurden Regeln für eine Art Aufnahmeprüfung aufgestellt. Die Kandidaten mussten ihre Gesetze denen der EU angleichen, Parteien zulassen und freie Wahlen abhalten, Fortschritte bei der Auflösung der Staatsbetriebe und der Entwicklung einer freien Marktwirtschaft nachweisen und Meinungsfreiheit garantieren.  Es konnte niemanden wundern, dass der Übergang chaotisch ausfiel. Noch nie haben so viele Länder in so kurzer Zeit und so unvorbereitet einen  Systemwechsel vollzogen. Die Bibliotheken der Welt waren voll mit Abhandlungen, die den Übergang von einer kapitalistischen Gesellschaft in eine kommunistische beschrieben. Es gab kein noch so kurzes Handbuch für den umgekehrten Weg.  Hinzukam ein objektiver Zwang zur Eile. Nach dem Gesetz, wonach jedes politische Vakuum sofort neue, in aller Regel undemokratische Machthaber anzieht, sah der Westen sich genötigt, alle, auch zweifelhafte Bewerber aufzunehmen. So kam es, dass auch Ländern, die kaum einen Tag Demokratie erlebt hatten und nicht einmal ein Zehntel des westeuropäischen Prokopfeinkommens erzielten, eine Mitgliedschaft in Aussicht gestellt wurde.  Es war, als würden Kandidaten, die an jeder Provinz-Universität ein „Ungenügend“ erhalten hätten, zum Aufnahmegespräch nach Harvard eingeladen.

Im Sog der Euphorie und der geschichtlichen Beschleunigung  wurde übersehen,  dass sich in der erweiterten EU durchaus ungleiche Partner zusammenfanden. Die Mauer, die ja nicht nur die Stadt Berlin, sondern ganz Europa geteilt hatte, hatte die Illusion erzeugt, dass es nichts als eine Mauer war, die die Europäer trennte.  In Wirklichkeit hatten die Völker östlich und westlich dieser Grenze in den letzten 60 Jahren höchst unterschiedliche historische Erfahrungen gemacht . Die einen als Vasallen einer tyrannischen Vormacht, die jede energische Freiheitsregung mit Panzern unterdrückte. Die anderen als verwöhnte Kinder eines amerikanischen Vormunds, der ihnen Freiheit , Demokratie und Schutz gegen die östliche Supermacht garantierte.  Es war nur eine Frage der Zeit, bis die frisch Vereinten  entdeckten,  dass im Schutz der Mauer eben nicht nur unterschiedliche Gesellschaftssysteme, sondern auch unterschiedliche  Mentalitäten und Empfindlichkeiten entstanden waren.  Diese Unterschiede am schärftsten hervor, wenn es um das im Verhältnis der Europäer zu Russland geht.

Nicht der letzte, aber der spektakulärste clash zwischen alten und neuen Mitgliedsländern entfaltete sich während Kaukasuskonflikts. Der georgische Präsident Saakaschwili  hatte sich – vielleicht ermutigt durch die Bush-Regierung – dazu entschlossen, die abtrünnige georgische Provinz Südossenien mit Gewalt zurückzuholen. Als dann russische Panzer in Georgien einrollten, den georgischen Vorstoß binnen Stunden stoppten und sich in Georgien festsetzten, spalteten sich die Lager in Europa.  Die Regierungen von Polen, Tschechien und der baltischen Staaten verlangten von der EU und der NATO Taten statt Erklärungen gegen die russische Invasion. Der polnische Präsident Lech Kaczynski warf der Europäischen Union „Nachgiebigkeit“ und „Unterwürfigkeit“ vor. Die Haltung der EU gegenüber Russland sei von Frankreich und Deutschland und deren Wirtschaftsinteressen diktiert und stelle keine gemeinsame Position der 27 Mitgliedsstaaten dar. Wieder einmal habe sich gezeigt, dass die EU-Entscheidungen zwischen Paris und Berlin getroffen würden. – Trotz dieser Anklage blieben die Reaktionen der westeuropäischen Länder gemäßigt, auch dann noch, als die russische Regierung die eben erst getroffenen Verabredungen mit dem Europäischen Ratspräsidenten Sarkozy ignorierte. Am weitesten in der Strategie der Beschwichtigung  ging der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der seit seinem Rücktritt als Aufsichtsratsvorsitzender der Nordeuropäischen Gaspipelinegesellschaft (NEGPC), einem Schwesterunternehmen der russischen Gazprom, vorsteht. Er gab die Schuld am Kaukasus-Konflikt allein dem „offenkundigen Hasardeur“ Saakaschwili und sprach in Anspielung auf den Aufbau amerikanischer Raketenabwehrsysteme in Tschechien und Polen von „schweren Fehlern des Westens“ gegenüber Russland. Nicht das kleinste Wort eines Vorbehalts gegen den seit Monaten vorbereiteten russischen Vorstoß in Georgien ließ er sich entlocken. (S. SPIEGEL, 34/08, S. 92ff)

Adam Michnik, eine Ikone der Solidarnosc-Bewegung und kein Freund des polnischen Präsidenten Lech Kaszinsky, war in diesem Punkt mit seinem Präsidenten einig. „Die Brüsseler Erklärung (vom 1. 9. 08) war ein Zeichen von Europas Schwäche – und leider keine Überraschung“, antwortete er auf meine Frage. „Die einzige Überraschung war die Brutalität des russischen Vorgehens. Der Konflikt in Südossetien war längst bekannt. Es war vorhersehbar, dass die Russen ihn benutzen würden. Und niemand weiß, was als nächstes passiert. Die Botschaft ist klar. Es gibt russische Minoritäten in Estland, in Litauen, in der Ukraine und anderswo. Wer also in Zukunft nicht das Schicksal Georgiens erleiden will, könnte es vorziehen, sich lieber russifizieren zu lassen. Das Wichtigste ist: Die Zeit eines bestimmten Denkens über Russland, die Idee, dass sie trotz aller Schwierigkeiten in die richtige Richtung gehen, die Philosophie der Entspannung ist vorbei.“

Die Russen, so Michnik weiter, hatten Europa in Georgien getestet und gesehen, dass Europa zu einer klaren Reaktion nicht fähig war. Der Ausgang dieses Tests könne weitreichende Folgen für andere Länder mit großen russischen Minoritäten haben.

Der tschechische Aussenminister Johannes Fürst zu Schwarzenberg ist ein überzeugter Europäer und in dieser Sache kein Gefolgsmann seines Europa-skeptischen Präsidenten Vaclav Klaus. Er gelangte als Kandidat der tschechischen Grünen in sein Amt – dies, obwohl dem Fürsten angeblich, bei strikter Anwendung seiner Restitutionsansprüche, ein riesiger Teil Tschechiens zufallen würde. Er hat auf vieles verzichtet, aber arm ist er deswegen nicht geworden. Worauf er nicht verzichten will, sind seine Erfahrungen als Bürger eines kleinen Landes in unmittelbarer Nachbarschaft zu Russland. „Wir können nicht akzeptieren, dass es als ein Betriebsunfall bezeichnet wird, wenn ein großes Land ein Nachbarland besetzt. Mit dem Argument, dass Russland immerhin stabil und dies gut für die Wirtschaft sei, kommen Sie bei uns nicht an. Wir wissen was Stabilität bedeuten kann – nämlich vierzig Jahre Diktatur! Auch Jaruzelski hat stabile Verhältnisse hergestellt!“ Besonders ärgert den Fürsten das vor allem in Deutschland verbreitete Mitgefühl für das ‚arme und gedemütigte Russland‘, für dessen Sicherheitsbedürfnisse man Verständnis haben müsse. „Sollen wir etwa akzeptieren, dass Russland sich nur sicher fühlt, wenn es von Vasallen umgeben ist?“ Putin habe die Demokratisierung der ehemaligen Satellitenstaaten als ein Unrecht empfunden. Nicht umsonst habe er nach der Invasion gesagt: ‚Wir haben Georgien bestraft!‘ Diese Argumentation stamme aus dem 19. Jahrhundert, es sei die alte Sprache des Imperialismus, das alte Denken. „Gerade deswegen dürfen wir nicht nachgeben!“

Eigentlich hatte ich Lech Walesa, dem legendären Anführer der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc und späteren Präsidenten Polens, im Anzug und mit Schlips gegenübertreten wollen, konnte es aber nicht, weil mein Flugzeug aus Prag Verspätung hatte. Meine Skrupel  lösten sich in Luft auf, als er mir in dem engen Büro seiner mit Großvaters Mobiliar eingerichtet Foundation entgegentrat. Walesa trug eine Arbeiterhose, die von einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde, und ein kariertes Hemd, das eher an einen Cowboy als an einen ehemaligen Präsidenten erinnerte. Eher geheimnisvoll äußerte er sich über den russischen Vorstoß in Georgien. „Über die wirklichen Gründe wird nicht gesprochen. Wir sollten nicht vergessen, dass die alte Sowjetunion viele ihrer militärischen Einrichtungen in ihren ehemaligen Satellitenstaaten hinterlassen hat. Und der Punkt ist, dass viele dieser streng geheimen Einrichtungen in den neuen Republiken immer noch existieren. Sie sind so gut versteckt,  dass sie oft nicht einmal den Behörden der neuen Republiken selbst bekannt sind. Man kann fragen, warum sind  die Russen so interessiert an einer Republik wie Georgien? Warum marschieren sie da ein? Meine Annahme ist, dass einige dieser Einrichtungen dort oder in der Nähe versteckt sind. Die Russen wollten Georgien und anderen ehemaligen Satellitenstaaten demonstrieren, was ihnen passieren kann, wenn sie wirklich unabhängig werden wollen. Niemand spricht darüber, aber ich versichere Ihnen, dass es viele solcher geheimen Einrichtungen gibt . Das ist der wahre Grund für die Invasion.“

Auf die Frage, ob er mir eines dieser „toys“ nennen könne, verweigerte er die Antwort. Er wolle mir überhaupt nichts weiter dazu sagen.

Am schärfsten urteilte der junge Slobomir Sierkowski, Führer einer linken politischen Bewegung in Polen, die vor allem junge Leute anzieht und inzwischen als die viert stärkste politische Kraft in Polen gilt. Dem charismatischen, kaum dreißigjährigen Anführer wird von einigen Beobachtern eine Zukunft als polnischer Premier nachgesagt. „Die Reaktion Europas auf die Invasion in Georgien bewies eigentlich nur, dass die NATO und die EU – genau wie die UNO – Zombi-Institutionen sind.  Und ich fürchte, selbst wenn Polen neuerdings in Gefahr wäre, die Reaktion unserer neuen westlichen Bündnispartner würde kaum anders ausfallen. Offenbar gibt es keine mittlere Reaktion zwischen offenem Krieg und diplomatischem Blabla. Natürlich will niemand einen Krieg mit Russland anfangen. Aber die Invasion in Georgien ist doch ein Schock, sie müsste für Europa der Anlass für einen neuen Anfang, für einen großen Schritt nach vorn sein. Aber Europa reagiert wie jemand, der sich von seinem Handy wecken lässt. Er ignoriert den ersten Weckruf im Vertrauen darauf, dass das Handy gleich noch einmal klingelt.  Aber auch den zweiten Weckruf verschläft er“.

Der rumänische Philosoph und Architekt Ioan Augustin, der lange in den USA gelebt hat, versteht die Einfühlung nicht, mit der die Westeuropäer und besonders die Deutschen das angeblich „gedemütigte“ und von „Einkreisungsängsten gepeinigte“ Russland verwöhnen. Niemand habe die Russen gezwungen, eine Supermacht  zu werden und ihre Nachbarvölker zu versklaven.  Seine Wut über die laue Reaktion Westeuropas versteckt Ioan Augustin hinter einem einfachen Rat: „Wir haben gewisse Empfindlichkeiten in Sachen Totalitarismus. Wir kennen alle Tricks der Russen. Glauben Sie keinem Wort, das sie sagen.“

Meine Zwischenbilanz fällt widersprüchlich aus: So gut wie alle meiner rund dreißig Gesprächspartner in Mittel- und Osteuropa verurteilten das unbedachte Vorgehen Saakaschwilis, aber zeigten sich empört oder zumindest unzufrieden über die Reaktion des europäischen Westens. Andererseits hatte keiner meiner Gesprächspartner auf eine militärische Antwort der NATO gesetzt, nur wenige votierten für scharfe Wirtschaftssanktionen. „Also was wollen sie denn dann“, ereiferte sich ein deutscher Diplomat, dem ich von diesem Ergebnis erzählte.  Was in der Politik wirklich zähle, seien schließlich nicht Erklärungen, sondern Taten.

Vielleicht täuscht er sich genau in diesem Punkt. Der Streit in Europa geht in erster Linie nicht um die praktische Reaktion auf die Konflikte mit Russland, sondern um deren Bewertung. In der Politik- wie im sonstigen Leben - zählen eben nicht nur Taten, sondern auch Worte und Zeichen, in denen sich eine Haltung ausdrückt. Wenn es um die Haltung zu Russland geht, haben die Europäer jenseits der Elbe ihre neuen Partner im Verdacht, dass sie sich allzu leicht erpressen lassen.

2

 

Das Misstrauen der neuen Mitgliedstaaten gegen das alte Europa hat eine lange Vorgeschichte. In den Jahren des kalten Krieges war das Wort ‚Europa‘ nichts weiter als der Name für einen gespaltenen Kontinent, in dem sich sechs westliche Staaten  in zähen Verhandlungen um ein Projekt namens Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bemühten, aus dem irgendwann eine politische Union werden sollte.  Je länger die Spaltung dauerte, desto mehr verschwand das östliche Europa aus dem Horizont des Westens – es wurde zur Gewohnheit, das Wort ‚Europa‘ nur noch auf das westliche Europa anzuwenden. Wer kühn war und über den Status quo hinausdachte,  redete allenfalls von ‚Entspannung‘ und ‚Annäherung‘, von einer ‚Politik der kleinen Schritte‘. Westliche Politiker und Intellektuelle, die von einer Vereinigung der getrennten Hälften träumten, galten im Westen als gefährliche Spinner und Revanchisten, die die Nachkriegsordnung umstürzen wollten. Mit ähnlichen Worten wurden übrigens die zunächst durchaus systemimmanenten Dissidenten im Osten von einem Teil der öffentlichen Meinung im Westen qualifiziert. -  In der östlichen Hälfte stand der Name ‚Europa‘ für ein Versprechen, das in immer weitere Ferne rückte. Wie es Fürst Schwarzenberg erklärt: „Wenn man in Mähren oder Südböhmen wohnte, konnte man im westlichen Fernsehen sehen, was dieses Versprechen bedeutete: Freiheit, Demokratie und ein Leben im Überfluss. Aber man konnte auch sehen, dass das westliche Europa das östliche völlig vergessen hatte.“ Niemand von den Dissidenten im Osten träumte damals von einer Loslösung aus dem Ostblock, gar von einer Zugehörigkeit zur EU und zur NATO;  die Forderung nach „freien Wahlen“ war tabu. Man  träumte  von Reformen und von Bürgerrechten, von einem ‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz‘.„In Prag“, so Fürst Schwarzenberg, „gab es damals viele, die meinten, man könne den Sozialismus demokratisieren. Die Sowjets wussten es besser und haben ihre Panzer geschickt“!

Die Niederwalzung des Prager Frühlings war für die mittel-und osteuropäischen Demokratie-Bewegungen eine traumatische Erfahrung. Trotz seiner Sympathien mit den Reformern sah der Westen dieser Gewalttat mit zusammengebissenen Zähnen und verschränkten Armen zu. Nicht dass die Aufständischen in Prag und Warschau eine militärische Hilfestellung aus dem Westen erwartet hätten. Was sie verbitterte, war die Blindheit der westlichen Linken – ihrer natürlichen Verbündeten, wie sie meinten – gegenüber dem totalitären Charakter des kommunistischen Systems. Rudi Dutschke, der bekannteste Sprecher der deutschen 68er-Bewegung, stieß bei seinem Besuch in der Universität von Prag auf Unverständnis, ja auf Empörung, als er sein Publikum vor den Fallen des Kapitalismus und des westlichen ‚Konsumterrors‘ warnte. Auch noch nach dem sowjetischen Einmarsch hielt ein großer Teil der westeuropäischen Linken an dem Glauben fest, der Kapitalismus lasse sich durch einen anderen, noch zu erfindenden Sozialismus überwinden. Damals wurden Gegensätze deutlich, die bis heute andauern: Die 68er im Westen wollte den Kapitalismus mithilfe eines utopischen neuen Sozialismus überwinden – die 68er des Ostens waren zwar auch gegen den Vietnamkrieg, aber wollten aus dem real existierenden Sozialismus heraus und eine Demokratie westlichem Musters.

Womöglich noch mehr Narben hat die Reaktion des ‚weichen‘ westlichen Lagers auf das Verbot der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc in Mittel- und Ost-Europa hinterlassen.  Am Tag, als General Jaruzelski das Kriegsrecht verhängte, erklärte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, der damals gerade seinen ersten Staatsbesuch in der DDR absolvierte: „Wir bedauern, dass dies notwendig wurde“. Er sagte nicht: „Wir bedauern, dass dies geschehen ist.“ Mit seinem Statement fasste der deutsche Bundeskanzler einen guten Teil der öffentlichen Meinung in Westdeutschland zusammen. Schon seit Wochen inszenierte die liberale westdeutsche Presse eine Art Mobilmachung gegen die Solidarnosc-Bewegung.  „Ein unruhiges Polen“, schrieb der Kolumnist und Herausgeber des „Spiegel“ Rudolf Augstein, stelle eine „Kriegsgefahr“ dar. Er  zeigte Verständnis für das Verbot der Gewerkschaftsbewegung, weil es ihr nicht gelungen sei, „einen vernünftigen Mittelkurs durchzusetzen trotz der „Geduld, die die Partei, vielleicht zu lange“ bewiesen habe. Auch Theo Sommer, der Kolumnist der „Zeit“, zollte damals dem General Beifall: „Man braucht dem perfekten Militärputsch des Generals Jaruzelski nicht unbedingt Billigung zu zollen. Gleichwohl muss man ihm Gelingen wünschen… Die innere Lösung schafft Atemluft: den Polen selber, den Russen, dem Westen.“

Erstaunlich ist, wie milde Lech Walesa heute über die laue Reaktion vieler westeuropäischer Politiker und Intellektueller urteilt. Auf die Frage, wie er sich gefühlt habe, als der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, Willy Brandt, während seiner Polen-Reise einen Bogen um ihn machte, um die Politik der Entspannung nicht zu gefährden, antwortete Walesa: „Ich war so überzeugt von meinem zukünftigen Erfolg, dass ich Willy Brandts Weigerung, mich zu besuchen, nicht so viel Beachtung schenkte. Natürlich wären die Dinge leichter für mich gewesen, ich hätte vielleicht weniger Risiken eingehen müssen, wenn Willy Brandt und andere westliche Politiker sich entschlossener für unseren Kampf eingesetzt hätten. Aber andererseits: Wenn sie sich zu sehr eingemischt, zu sehr für uns Partei ergriffen hätten, hätten sie uns geschadet. Denn dann hätte sich das „Biest“ wirklich bedroht gefühlt. Wenn wir es aus der heutigen Perspektive betrachten, hat jeder eigentlich optimal agiert. Denn wir wollten nicht weniger als den Sieg!“

Auf meine Frage, ob die öffentliche Meinung im Westen nicht von der Machtsprache der Sowjets infiziert gewesen sei – ich hatte mir mit einem entsprechenden Artikel damals die Feindschaft vieler linker Freunde eingehandelt – überraschte mich Lech Walesa: „Auch Sie, Peter Schneider, hatten damals vielleicht eine Lektion zu lernen:  Dass Sie sich mehr auf ihre schriftstellerische Arbeit hätten konzentrieren sollen! Es war gut, dass wir verschiedene Meinungen hatten und verschiedene Kommentare abgaben. Genau wie wir hattet ihr im Westen eine Balance zu finden: Ihr konntet uns nicht zu stark unterstützen, aber euch auch nicht zu stark gegen uns wenden. Auf diese Weise wurde der russische „Bär“ ein wenig  schläfrig und wir konnten ihn bezwingen.“

Wie auch immer: die Geschichte hat 1989 den Demokratiebewegungen jenseits der Mauer rechtgegeben. Entsprechend sehen sich die Prager und Warschauer Rebellen heute als Pioniere, die mit ihrem Beispiel die Revolution von 1989 vorbereiteten. Ein guter Teil der westlichen Linken erlebte dieses politische Erdbeben dagegen als eine tiefe Kränkung ihres Weltbildes. Diese Gegensätze dauern bis heute an. Wer heute in Prag,  in der  Geburtsstadt der Idee eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, fragt, ob sich noch irgendjemand mit dieser Idee  beschäftige, erntet nur Kopfschütteln. Man müsse schon nach Deutschland fahren, um die Auferstehung dieser Idee zu erleben.  Habe nicht ausgerechnet die sogenannte „Linke“, die Nachfolgepartei der ehemaligen Kommunistischen Partei der DDR, die den Sowjets 1968 ihre ‚brüderliche‘ Hilfe bei der Niederschlagung des Prager Frühlings angeboten hatte, sich diese Idee unter den Nagel gerissen? Und haben nicht auch die deutschen Sozialdemokraten die Formel vom „demokratischen Sozialismus“ auf ihrem letzten Parteitag im Frühling 2008 wieder in ihr Programm aufgenommen?

Heute sind sich alle Festredner einig:  Der Prager Frühling und die zehnjährige Kampf der „unruhigen“ Polen waren das Vorspiel für den Fall der Mauer und für die Auflösung der Sowjetunion. Die heute gefeierten Rebellen haben jedoch nicht vergessen, dass die Festredner ganz anders redeten, als der Erfolg ihres Widerstands noch nicht absehbar war. „Warum“, fragte mich ein Gefährte von Vaclav Pavel, als dieser wieder einmal einen großen Preis für seine in den siebziger Jahren bewiesene „Zivilcourage“  erhielt,  „warum hat Vaclav Pawel nie einen noch so kleinen Preis erhalten, als er im Gefängnis saß?“

Was die Vergangenheit angeht, hat sich in Europa die Anerkennung der Demokratie-Bewegungen in Tschechien und Polen durchgesetzt. Umgekehrt haben sich die tschechischen und polnischen Intellektuellen inzwischen den Bedenken Joschka Fischers und anderer westlicher Politiker gegen den Irakkrieg weitgehend angeschlossen. Aber in anderen Fragen werden die alten Konfliklinien wieder sichtbar. „Die gleichen Bedenken wie gegen den Prager Frühling und Solidarnosc,“ meint der tschechische Historiker Oldrich Tuma, „werden jetzt gegen die Aufstellung amerikanischer Raketenabwehrstationen in Polen und in Tschechien laut: ‚Ihr seid unvernünftig, ihr seid verrückt, ihr bringt den Weltfrieden in Gefahr‘! Natürlich haben die Russen recht: die Aufstellung dieser Stationen, die für uns bestenfalls einen symbolischen Wert haben,  richtet sich gegen niemand anderen als  sie – gegen die Russen. Aber warum denn nicht? Sie haben immer noch eine imperialistische Attitüde. Und wir wollen nicht noch einmal unter ihren Einfluss geraten.“

Was eigentlich, fragt auch der polnische Botschafter in Deutschland Marek Prawda, ist so skandalös an dem Bestreben der neuen Mitgliedsstaaten Polen und Tschechien, eine amerikanische militärische Präsenz in Gestalt von einer einzigen Batterie Patriot-Raketen zu akzeptieren? Die Deutschen, so der Botschafter, haben immer noch acht Raketen-Batterien (anderer Art) auf ihrem Boden stationiert, obwohl sich die Ost- Flanke der NATO längst verschoben hat. Warum also regen sich die Deutschen auf? „Wenn ich die Deutschen wirklich glücklich machen wollte “, so der Botschafter weiter, „müsste  ich ihnen versichern, dass wir Polen absolut wehrlos bleiben wollen.“

3

Ich war seit einem halben Jahrzehnt nicht mehr in Prag und Warschau gewesen. Beide Städte haben sich in einer atemberaubend kurzen Zeit verändert. Prag strahlt den Charme und die Lebensart einer südlichen Metropole aus: eine geglückte Kombination zwischen Kopfsteinpflaster, altem Habsburg mit seinen spektakulären Bürger- und Adelspalästen und Internet. Fast alle Fassaden sind frisch renoviert und erstrahlen in den ocker- und orange-farbenen Tönen, die Prags Stadtväter von den Italienern abschauten oder von ihnen erbauen ließen. Die innerstädtischen Viertel vibrieren vor Lebendigkeit und der Lust an der neuen Freiheit, die Fußgängerzonen sind übervoll mit Geschäften, die ausschließlich Überflüssiges anbieten: Schmuck, Armani-Klamotten, Prada-Schuhe, Montblanc-Kugelschreiber, teure Uhren. Wer in diesen Luxusvierteln eine Bäckerei oder ein Lebensmittelgeschäft sucht, muss in der Regel ziemlich weit laufen.  Aus den immer vollen Bierkneipen der Souterrains mit ihren Tonnengewölben hört man zu jeder Tages- und Nachtzeit aufgeregtes Geschwätz in Englisch, Französisch, Italienisch und Russisch. Wie in Paris oder München zeigen sich die jungen Frauen Prags mit bauchnabelfreien Tops, aber anders als im Westen, mit hohen spitzen Schuhen, die sie virtuos wie Ballerinen, immer wieder mit einem schnellen Blick nach unten, auf die Straße setzen, um mit ihren Absätzen nicht zwischen den Kopfsteinen stecken zu bleiben. Das Hotel, in dem ich wohnte, lag mitten in der Altstadt, konnte aber mit einem überraschend großen Garten im Innenhof aufwarten, und hatte Klimaanlagen und Internetkabel in die alten Gemäuer eingefügt.

Kaum anders Warschau. Auch hier hat in den letzten Jahren ein kaum glaublicher Aufschwung eingesetzt. Überall Internet- Cafés, Boutiquen, Geschäfte, in denen die berühmten Hersteller Europas ihre Luxusartikel anbieten. Ich erinnere mich eines Besuchs vor zwanzig Jahren – kurz nach dem Fall der Mauer. Damals bestellte ich in einer Kneipe in der Innenstadt ein Glas Wein. Der gut gelaunte Kellner bekundete mit einer Handbewegung, dass er keinen Wein mehr habe. Dann eben ein Glas Bier! Aber auch das Bier war weggetrunken. Dann eben ein Glas Wodka! Es gab keinen Wodka mehr. Dann bitte ein Glas Wasser! Aber auch das Wasser war ihm ausgegangen. -  Inzwischen gehört der Mangel in Warschau zu den Mangelwaren.  Natürlich kann die Stadt – nach der totalen Zerstörung nach dem Warschauer Aufstand durch die Nazi-Deutschen – nicht wie Prag mit einer intakten und behutsam in die Moderne überführten Altstadt glänzen. Überall stehen zwischen den liebevoll rekonstruierten Bürgerhäusern des alten Warschau noch die Plattenbauten der kommunistischen Diktatur. Aber der Optimismus und das Selbstbewusstsein, mit dem Polen vor sechs Jahren die Bühne der EU betrat, ist überall zu spüren. Am Samstag, dem 6. September 2008 – ich weiß nicht, welchen Feiertag die Polen an diesem Tag feierten und ob es überhaupt ein Feiertag war – saß ich in einem Internet-Cafe in der Chmielza-Straße. Wie alle anderen Gäste ließ ich meinen Laptop stehen, als ich von draußen Trommeln hörte, und begab mich in die Menschenmenge vor dem Café. Vor unseren Augen spielte sich ein unerwartetes Schauspiel ab. Vielleicht handelte es sich nur um ein Straßenfest, aber nichts da von Polka-Musik und polnischer Folklore. Die jungen Mädchen Warschaus zelebrierten einen brasilianischen Karnevalsumzug zu den Rhythmen sachkundig geschlagener Samba-Trommeln.  Sie trugen bunte Federkronen auf den Köpfen und - bei nicht gerade brasilianischen Temperaturen - Push-up – BHs und Tanga-Höschen und schwangen ihre Hüften nicht weniger verführerisch als ihre Kolleginnen aus Rio de Janeiro.

Bukarest, die jüngste von den neuen EU - Hauptstädten, hat die Jahre des stürmischen Aufbaus noch vor sich. Der internationale Flughafen hat die Größe eines Flughafens in einer westlichen Provinzstadt – ohne den entsprechenden Komfort. An den Rändern der Schnellstraße in die Stadt wird noch Obst und Gemüse angepflanzt, nur vereinzelt stehen auf den Äckern ein paar schimmernde Paläste westlicher Investoren: Bavaria (BMW), Ikea, brandneue Tankstellen. „Das ist der Vorteil der Zurückgebliebenen“, erklärte mir der Philosoph und Architektur-Professor Ioan Augustin mit einem Grinsen. „Was Sie gesehen haben, heißt In den USA und Westeuropa inzwischen ‚urban agriculture‘ und gilt als zukunftsträchtig. Wenn man nur lang genug verspätet ist, findet man sich plötzlich an der Spitze des Fortschritts wieder!“ Die Autofahrer legen jene Rücksichtslosigkeit an den Tag, wie man sie aus Entwicklungsländern kennt. Sie scheuchen Passanten von den Fußgängerstreifen, überholen lieber rechts als links und überschreiten Geschwindigkeitsbegrenzungen um ein Vielfaches. Fußgänger haben in Bukarest keine Rechte, sie stören den Verkehr. ‚Freiheit‘ und ‚Demokratie‘ heißt auf den Straßen Bukarests einstweilen, dass jeder PKW-Besitzer sich berechtigt fühlt, wie ein Präsident dahin zu rasen - nur eben ohne Blauwagen. Die frisch gemalten Fahrradwege in der Innenstadt markieren ein leeres Versprechen – sie sind alle zugeparkt. Am Ende der Harakiri-Fahrt landet der Besucher in einem sogenannten Luxushotel, deren Zimmer etwa den Komfort eines Berliner Pensionszimmers  für 60 Euro bieten, aber in Bukarest 240 Euro kosten. Der Air Conditioner läuft, aber kühlt so wenig wie der Eisschrank. Die Sessel sind durchgesessen, das Kabel für den Internetanschluss ist nagelneu, aber passt nicht in den Slot des Laptops. Nun gut, sagt sich der Besucher, wer in der Wüste einen eisgekühlten Coca-Cola verlangt, darf sich nicht wundern, wenn er dafür tief in die Tasche greifen muss. An Coca-Cola fehlt es übrigens nicht in Bukarest, auch nicht an McDonalds. Die Allgegenwart der McDonald-Filialen wird nur noch von der Zahl der Spielcasinos übertroffen.

Bei meiner Ankunft war ich auf Chaos, Korruption und Baustellen gefasst gewesen, aber nicht auf die Schönheit Bukarests. Auf der Achse Paris – Wien - Budapest - Bukarest gibt es wohl kaum eine andere Stadt, die den Vergleich mit Paris so gut aushält. Wer Bukarest zu Fuß erobert, stößt auf Schritt und Tritt auf das Wirken großer europäischer Architekten, die es im 18. und 19.  Jahrhundert hierher verschlagen hat.  Die Paläste und Villen in der Innenstadt, von denen viele noch mit leeren Fensterhöhlen, vermauerten Türen und zerlöcherten Dächern  dastehen, zeugen vom Reichtum, vom Schönheitssinn und vom Größenwahn früherer Generationen. Berlin kann sich mit der architektonischer Vielfalt und der vergangenen Pracht Bukarests nicht messen. Was den Schönheitssinn angeht, ließ sich der kommunistische Präsident Nicolae Ceausescu zwar von jedem Vorgänger überbieten, nicht aber in Sachen Größenwahn. Das von ihm in Auftrag gegebene „Haus des Volkes“ sollte mit seinen 3000 Zimmern das größte Gebäude der Welt und „die Akropolis Rumäniens“ werden. Tatsächlich ist Ceausescus „Akropolis“, in der im April 2008 die NATO tagte,  ein Monstrum geworden, das außer Fläche nichts zu bieten hat und sich dennoch mit dem zweiten Platz hinter dem Pentagon begnügen muss. Findige Veranstalter haben die Straßen um den Ceausescu-Tempel inzwischen für ein Formel 3-Rennen genutzt.

In wirtschaftlicher Hinsicht stellte sich der EU- Beitritt der neuen Mitgliedsstaaten zunächst als ein phantastischer Erfolg dar. Das Statistische Zentralamt in Prag konnte noch im Jahre 2008 Rekordzahlen melden: Die niedrigste Arbeitslosigkeit (4,3 %) seit Bestehen der Republik, ein hohes Wirtschaftswachstum (5,4% im ersten Quartal 2008) und einen Höhenflug der tschechischen Krone. Die Schattenseite der boomenden Wirtschaft stellten jedoch die explosionsartig steigenden Lohnkosten und ein spürbarer Mangel an Fachkräften dar.

Auch Rumänien, das jüngste Beitrittsland, verzeichnete noch im Jahre 2008 ein stürmisches Wachstum. Das rumänische Nationale Prognosezentrum (CNP) prognostizierte ein Wachstum um 6,5 % und ein weiteres Absinken der Arbeitslosigkeit. Die hohe Inflationsrate (6- 8% inJahre 2008 ), so berechnete die Rumänische Nationalbank, werde sich bei der im Jahr 2013 vorgesehenen Einführung des Euro halbieren.

Ebenso positiv fielen die Zahlen für Polen aus: Mit einem Zuwachs von rund 7 Prozent im Jahr 2008 verzeichnete das Land das höchste Wirtschaftswachstum des letzten Jahrzehnts. Die Beschäftigung stieg um 4,7%, so dass die immer noch hohe Arbeitslosigkeit auf rund 12 % sank. Wie  Tschechien war aber auch Polen bereits von einem starken Anstieg der Lohnkosten und von einer zunehmender Verknappung an Facharbeitern betroffen.

Wojciech Marczewski,  Direktor der Andrej Wjada-Regiefilmschule in Warschau und Schöpfer vieler kritischer Filme über den sozialistischen Alltag, die im Westen mit Preisen ausgezeichnet wurden, gab mir ein Beispiel aus eigener Anschauung. Seit Jahrzehnten unterhält er ein Landhaus in dem kleinen Ort Mszczonów ungefähr 50 Kilometer südwestlich von Warschau. Der Ort sei für ihn immer ein perfektes Sinnbild für den Stillstand und die Zukunftslosigkeit auf dem Land gewesen. Er habe 20 Jahre lang für einen Telefonanschluss kämpfen müssen, der dann miserabel funktionierte. Die Bauern hätten vom Ertrag ihrer Arbeit kaum leben können und hätten Zuflucht beim Wodka gesucht. Vor dem Beitritt seien sie allesamt  gegen die EU gewesen. Als dann die Gelder aus Brüssel kamen, habe sich die Stimmung innerhalb von vier, fünf Jahren radikal verändert.  Die Bauern hätten plötzlich angefangen zu investieren. Innerhalb kürzester Zeit hätten sie ihre Häuser instand gesetzt oder neue gebaut und die Infrastruktur des Ortes modernisiert. Das Internet in Mszczonów sei schneller und funktioniere besser als in Warschau. Vorher habe es in dem Ort fünf Landwirtschaftsbetriebe gegeben, im Jahre 2008 seien es fünfundzwanzig geworden. Die Lebenseinstellung der Einheimischen habe sich von Grund auf gewandelt: Sie hätten erkannt, dass sie ihr Leben ändern konnten, wenn sie investierten. Nur alte Kommunisten träumten noch vom Sozialismus.

In einigen Grenzregionen führte der wirtschaftliche Aufstieg der neuen Beitrittsländer zu einem kaum glaublichen Rollentausch. Löcknitz, eine arme norddeutsche Gemeinde von 3000 Seelen in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze und der alten Hansestadt Szecznin, vormals Stettin, durfte sich vom Beitritt Polens in die EU einen kleinen Boom versprechen. Deutsche Firmen würden sich hier ansiedeln, weil sie auf  billige polnische Arbeitskräfte rechnen konnten. Die polnischen Gemeinden auf der anderen Seite der Grenze hegten entsprechende Befürchtungen: Polnische Arbeiter würden in Massen Arbeit in den grenznahen deutschen Gemeinden suchen, deutsche Neureiche würden billig die besten Grundstücke zwischen der polnischen Grenze und Szecznin aufkaufen und ihre Villen errichten. Es kam ganz anders. In wenigen Jahren hatte sich das Lohngefälle zwischen Deutschland und Polen von 1:10 auf 1: 3 vermindert. In Löcknitz hatte es sich im Verhältnis zu Szecznin und Umgebung sogar umgekehrt. So kam es, dass sich sechs polnische Firmen in Löcknitz niederließen, während deutsche Facharbeiter, die zuhause keine Arbeit fanden, in grenznahen polnischen Betrieben arbeiteten. Entgegen den ursprünglichen Vermutungen waren es plötzlich nicht die Deutschen, die in Polen einbrachen und sich dort Grundstücke und Immobilien erwarben, sondern umgekehrt: wohlhabende Polen kauften sich in den Grenzgebieten Deutschlands ein.  Die Deutschen, meist der polnischen Sprache nicht mächtig, zogen sich zurück und hatten Schwierigkeiten, sich auf die neue zahlende Kundschaft einzustellen. 

Aber dies alles sind nun Nachrichten von gestern. Einige Ökonomen der neuen Mitgliedsländer hatten sich der Hoffnung hingegeben, dass die Finanzkrise an der Oder Halt machen würde, weil die jungen Banken Mittel- und Osteuropas schon wegen ihrer beschränkten Mittel an der weltweiten Spekulation mit Derivaten und Securities nicht teilgenommen hatten. Es zeigte sich jedoch rasch, dass die Abstinenz vom globalen Casinorausch nichts nützte. Die Vernetzung der Banken in den neuen Mitgliedsländern mit westeuropäischen und amerikanischen Banken war so weit fortgeschritten, dass das Erdbeben in den alten Industrieländern mit geringer Verzögerung auch die mittel- und osteuropäische „Zeitzone“ erreichte. Der Wirtschaftsboom der neuen Beitrittsländer war weitgehend durch Kredite westlicher Banken finanziert worden, die sich gegenseitig darin übertrafen, die neuen Kunden mit märchenhaften Bedingungen zu ködern. Manche vergaben Kredite mit einem Zinssatz von null, andere finanzierten 110 Prozent des Kaufpreises einer Immobilie. Als die Mutterbanken ums Überleben kämpften, gerieten auch ihre Tochterbanken jenseits der Oder ins Trudeln.  Erschwerend kommt hinzu, dass die mittel-und osteuropäischen Staaten nicht in der Lage sind, illiquide Banken mit zweistelligen Milliardensummen aus dem Staatshaushalt zu reanimieren. Einige Staaten – Ungarn und Lettland - kämpfen mit dem Staatsbankrott. So ist denn abzusehen, dass auf den Boom der letzten sieben Jahre  ein tiefer Sturz folgen wird – die Experten sprechen von einem Minus-Wachstum von sieben bis zehn Prozent.

Allerdings könnte es sein, dass die Mittel-und Ost-Europäer sich sowohl mental wie ökonomisch rascher erholen als die Clubmitglieder im Westen. Sie alle haben sich – spätestens seit dem Mauerfall – auf existentielle Umbrüche einstellen müssen und können mit dem Mangel besser umgehen als ihre im Vergleich verwöhnten Nachbarn. Ein Rückfall in sozialistische Träumereien ist kaum zu befürchten. Eine andere Frage ist, wie sich die durch den Westen verschuldete Finanzkrise auf das Europa-Gefühl der neuen Mitgliedsstaaten auswirken wird.

Der tschechische Präsident Vaclav Klaus gilt als einer der letzten großen Europaskeptiker in den neuen Ländern. Der ehemalige Wirtschaftswissenschaftler und bekennende Neoliberale Klaus leitet seine Skepsis ab von ganz anderen Gründen als die Brüder Kaczynski. Mit großer Genugtuung hat er das Nein der Irländer zum Lissabon-Vertrag begrüßt; er sieht die Zukunft Europas in einer großen Freihandelszone. In einem in Wien gehaltenen Vortrag erklärte er seine Vision mit einem Exkurs über die Zwölfton-Musik von Arnold Schönberg. In diesem System, das gefällt dem Präsidenten an Schönbergs Erfindung,  gebe es nun einmal keine Dominante und Subdominante, sondern die Autonomie aller Töne, auch der Halbtöne. Der derzeit amtierende Präsident Europas Vaclav Klaus hält eine politische Union Europas für den völlig falschen Weg; er hat gegen den Lissabon-Vertrag geklagt - und verloren.

Milan Horacek, tschechischer Dissident und inzwischen Europa-Parlamentarier bei den Grünen, bezeugt Respekt vor der Meinung seines Präsidenten, aber teilt sie nicht. Die Polen und Slowaken, meint er, hätten eine lange und heroische Geschichte des Widerstands gegen Fremdherrschaft aufzuweisen. Aber die Tschechen? „Warum konnte eine Figur wie Josef Schwejk, der Schelm aus Jaroslaws Haceks Roman, einen so großen Einfluss gewinnen? Ein Held, der sich durch alle Windungen der Geschichte hindurch schlängelt und die Obrigkeit durch Schlitzohrigkeit, eigentlich durch übergroße Pflichterfüllung und Gehorsam, zur Verzweiflung bringt?“  Dreihundert Jahre Anpassung an Österreich-Ungarn habe die nationale Führung und den Geld- und Bildungs-Adel korrumpiert. Und jetzt plötzlich: Tschechien allein gegen Europa? Auch das amerikanische Raketenabwehrsystem auf tschechischem Boden sei ja in Wahrheit gar nicht populär. 60% der Tschechen seien dagegen. „Wir brauchen es nicht. Wozu haben wir die NATO?“

Auch Minister Fürst zu Schwarzenberg ist in diesem Punkt mit seinem Präsidenten nicht einig: „Ich sehe vieles anders als Präsident Klaus. Er gehört wie ich zu einer Generation, die noch wesentlich durch die Erfahrung ihrer Eltern im nationalsozialistischen  ‚Reichsprotektorat Böhmen und Mähren‘ und später von der Diktatur der Russen geprägt ist. Prag wurde lange Zeit als  ‚d i e Kreuzung in der Mitte Europas‘ bezeichnet. Aber an einer Kreuzung, das haben wir gelernt, wird man besonders leicht überfahren!“- Gerade deswegen wünscht er sich, dass es eines Tages die e i n e Telefonnummer in Europa gibt, nach der Henry Kissinger einmal gefragt hatte. „Aber in dieser Generation bleibt diese Telefonnummer schlicht ein frommer Wunsch.“

4

Die Unterschiede in den Einstellungen der Westeuropäer und der Mittel-und Ost-Europäer zur EU lassen sich nicht leugnen und werden noch lange spürbar sein. Sie gründen sich auf sechzig Jahre erlebter kommunistischer Diktatur, die die Westeuropäer nur vom Zusehen kannten. Aber auch die Mittel-und Osteuropäer befürworten keine militärische Auseinandersetzung mit der alten Vormacht, sondern die weitere wirtschaftliche und politische Einbindung Russlands in den Westen. „ Am Ende werden auch die Russen Teil der westlichen Zivilisation werden“, meint Joan Augustin, „sie können der Pop Kultur nicht widerstehen!” Er beruft sich auf eine weit zurückliegende geschichtliche Erfahrung: Noch im 17. Jahrhundert habe Russland die westliche Aufklärung erbittert bekämpft, um sie dann unter Peter dem Großen einzuführen. Rumänien sei nicht von den Europäern, sondern von den Russen modernisiert worden und habe von ihnen die erste fortschrittliche Verfassung erhalten.

Was in den neuen Ländern immer wieder Misstrauen und Empörung hervorruft, ist der Eindruck, dass die Westeuropäer auf die „Tricks“ der Russen hereinfallen und ihren wirtschaftlichen Interessen die Sicherheitsinteressen ihrer Nachbarn unterordnen. Besonders Deutschland wirft man seine „Naivität“ und seine Einfühlung in die „gedemütigte“, von „Einkreisungsängsten“ befallene russische Seele vor - eine Haltung, die die Mittel-und Osteuropäer an alte Traditionen erinnert: Seit Preußens Zeiten, so Minister Schwarzenberg, sei Deutschlands Größe immer durch ein gutes Verhältnis zu Russland bedingt gewesen.

Ein Beispiel, das in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, ist die neue Gas-Pipeline, die von Russland durch die Ostsee direkt nach Deutschland führen wird. Die deutsche Öffentlichkeit in Deutschland hat die politischen Implikationen dieses Geschäfts kaum diskutiert. Die projektierte Gasleitung durch die Ostsee ist entschieden teurer als eine über Land geführte Pipeline. Dann allerdings hätte sie durch einen der baltischen Staaten und durch Polen gebaut werden müssen. Polen aber, erklärt mir der polnische Botschafter Prawda, ist  nach der russischen Definition, ,,ein unsicheres Transitland“. In einem Konfliktfall könne Russland in der Zukunft Polen durch die Verweigerung von Gaslieferungen unter Druck setzen, ohne – wie es im Fall der Ukraine geschah – auch die westlichen Abnehmer zu beeinträchtigen. Dies sei der Grund für die teure Unterwasser-Pipeline. Mit dem bilateralen Geschäft hätten die Deutschen – und der der Gazprom nahestehende Gerhard Schröder -  die russischen Machtinteressen und die deutschen Ängste vor einem „unruhigen Polen“ bedient. Ein Mitarbeiter der SAR, einer NGO, die in Rumänien gegen Korruption kämpft, bestätigt diese Analyse: „Gazprom ist eben nicht, wie Gerhard Schröder es bei jeder Gelegenheit verkündet, ein normaler Multi wie Shell oder Walmart. Anders als die genannten Unternehmen verfolgt Gazprom mit seinen Geschäften eine politische Agenda: Sie besteht darin, möglichst bilaterale Verträge mit den europäischen Partnern abzuschließen und die Spaltung Europas zu vertiefen oder so lang wie möglich aufrechtzuerhalten.“

Dabei sei, ergänzt  der Rumäne Mircea Vaselescu, Direktor der literarischen Zeitschrift ‚Dilema Veche‘, die einseitige Abhängigkeit Europas von den russischen Energie-Lieferungen ein Märchen. Es gebe vielmehr eine reziproke Abhängigkeit, denn Russland könne bis auf weiteres nur nach Westen, nicht nach Osten liefern. Alle russischen Pipelines führten nach Westen, und es werde ein Jahrzehnt dauern, entsprechende Leitungen nach Indien und China zu bauen. Dass Europa dies nicht erkenne und diese Karte nicht spiele, sei ihm ein Rätsel. Ihm habe es gefallen, dass die USA zwei Kriegsschiffe mit Versorgungsgütern nach Georgien schickten – und er verstehe die Aufregung der Deutschen darüber nicht. Denn diese harte Haltung sei die einzige Sprache, die die Russen verstünden. Rumsfeld habe recht behalten mit seiner Unterscheidung zwischen dem alten und dem neuen Europa. Zwar gebe es im Westen ein paar Dissidenten – Schweden, Großbritannien und Dänemark–  im Osten sehe er solche Risse nicht, oder sie seien minimal.

Nicht wenige Balten und Polen, aber auch deutsche Gemeinden an der Ostsee hoffen, dass die Ostsee-Pipeline auf quasi natürlichem Wege – nämlich durch die Explosion der einen oder anderen Mine  (Hunderttausende von Minen und chemischen Waffen wurden nach beiden Weltkriegen in der Ostsee versenkt) -  gestoppt wird.

Der Ausgang des historischen Experiments ‚Europäische Union‘ ist offen. Ob Europa sich, wie es vor allem deutsche, französische, aber auch polnische und tschechische Vorkämpfer wünschen, zu einer politischen Union entwickeln und seinen Bürgern eine gemeinsame Identität, eine europäische Seele einhauchen kann, oder ob es, wie englische, dänische, aber auch polnische und tschechische Europazweifler wollen, eine Freihandelszone bleibt, die ihren Mitgliedsstaaten  größtmögliche politische und kulturelle Autonomie gewährt, können zur Zeit nur Astrologen beantworten. John Kornblum, der frühere amerikanische Botschafter in Berlin, vertritt die These: Das Brüsseler EU-Modell stamme aus dem vorigen Jahrhundert und sei vom Vorbild USA geprägt gewesen. Die Idee, man könne Europa von einer Zentrale aus gestalten und alles kontrollieren, passe nicht mehr in die neue Welt. Ein zentral gelenktes Europa mit einheitlicher Verfassung werde es nicht geben, die Zentrifugalkräfte seien viel zu stark. Die Zukunft Europas liege in seiner Vergangenheit: in einem Vielvölkerstaat ähnlich der k.u.k.­-Monarchie - mit maximaler Autonomie für die Einzelstaaten und lockerer Anbindung an eine Zentrale. Auch in den USA habe sich die Realität von New-Mexiko bis New Hampshire längst diesem Vorbild angenähert.  Daniel Cohn-Bendit, Europa-Abgeordneter der Grünen, ist ganz anderer Meinung. „Die Amerikaner sagen zwar, dass sie sich ein starkes Europa wünschen. Aber sobald es Gestalt annimmt, tun sie alles, um es zu verhindern.“ Er verweist auf das Beispiel jenes irischen Millionärs, der die Nein-Kampagne in Irland gegen die Lissabon-Vertrag finanziert hatte und inzwischen zugeben musste, dass er mit dem Pentagon und dem CIA im Bunde war. Cohn-Bendit schlägt ein radikal vereinfachtes Verfahren vor, um einer politischen Union den Weg zu ebnen und den Europäischen Institutionen die bisher fehlende demokratische Legitimation zu verschaffen.  Die 27 Nationen Europas sollten alle an einem Tag über ein kurzes, für jeden Bürger verständliches Grundlagen-Papier – ähnlich der amerikanischen Verfassung – abstimmen. Dabei würde ‚das doppelte Mehrheitsprinzip‘ gelten: Der Vertrag gilt dann als angenommen, wenn sich die Mehrheit aller europäischen Bürger für ihn entscheiden. Aber nur diejenigen Staaten, deren Bürger mehrheitlich für den Vertrag stimmen, können der EU angehören.

Sicher ist, dass es einstweilen keine gemeinsame Erzählung der Europäer über die letzten 60 Jahre der europäischen Geschichte gibt. „Wenn wir das nicht akzeptieren“, meint der tschechische Diplomat und jetzige tschechische Botschafter in Irland, Tomas Kafka, „kommen wir nicht weiter.“ Eben dies sei die große Leistung der deutsch-tschechischen Deklaration von 1997 gewesen, „dass es bis auf Weiteres unmöglich ist, eine einheitliche Erzählung des 20. Jahrhunderts hinzukriegen. Wir haben uns dazu verpflichtet, dass wir die jeweils andere Interpretation der Geschichte respektieren werden.“

Es spricht für die Fortschritte in der innereuropäischen Verständigung, dass sich Anhänger beider Lager – die Freunde einer politischen Union und deren Gegner – längst auf beiden Seiten der ehemaligen Trennungslinie finden. Die Nagelprobe für den inneren Zusammenhalt der EU wird ihr Verhältnis zu Russland sein. Die Mittel-und Osteuropäer werden in ihrer neuen politischen Heimat fremdeln, solange sie das Gefühl haben, dass ihre historischen Erfahrungen mit dem übermächtigen Nachbarn im Osten von ihren westlichen Nachbarn ignoriert oder verharmlost werden. Umgekehrt werden sie sich erst dann in der EU zuhause fühlen, wenn sie diese Erfahrungen als Teil der gesamteuropäischen Geschichte akzeptiert sehen.

(Der Artikel erschien in der WELTWOCHE 40/09)

 

                                        Die sanfte Diktatur

 

Im Rathaus von Siena sind zwei Fresken von Ambrogio Lorenzetti zu besichtigen, die „die gute Regierung“ und die „Folgen der guten Regierung“ allegorisch inszenieren. Die beiden, im 14. Jahrhundert gemalten Fresken haben in jüngster Zeit eine weltweite Aufmerksamkeit erfahren, die wohl nicht so sehr Lorenzettis Malerkunst als seinen genialen Titeln gilt. Die Idee von der „guten Regierung“, neuzeitlich „good governance“,  hat in den letzten beiden Jahrzehnten die Welt erobert: die USA, die UNO, die Europäische Union, große und kleine Verwaltungen  – alle streiten sie um den Lorbeer, die gute, ja die bestmögliche Regierung zu repräsentieren.

Nur: Was ist eine gute Regierung? In Lorenzettis malerischer Beschwörung sieht man die antike Gestalt der Securitas ( den „Engel der Sicherheit“) über den Territorien des Stadtstaats schweben. Auf der rechten Seite thront der gute Regent, dessen Haupt die Engel des „Vertrauens“, der „Barmherzigkeit“ und der „Hoffnung“ umflattern. In der Phantasie über die „Folgen der guten Regierung“ inszeniert Lorenzetti dann ein urbanes Idyll: Unter den Arkaden arbeitet ein Schuhmacher; ein Tuchhändler feilscht mit seinen Kunden; Handwerker reparieren das Dach eines Hauses. Vornehme junge Mädchen fassen sich einträchtig an den Händen und tanzen unbelästigt einen Reigen. Die „gute Regierung“, die über das friedliche Treiben wacht, sieht man nicht. Sie zeigt sich allenfalls in den intakten Fassaden der Wohnhäuser und Palazzos mit ihren Terrassen und hohen Türmen.

Lorenzettis Utopie des „buon governo“ steht am Anfang der neuzeitlichen Demokratie und bezog sich auf einen italienischen Stadtstaat mit ein paar tausend Einwohnern. Was wird aus der ‚guten Regierung‘, wenn sie es wie in den USA mit 300 oder wie in der EU mit über 400 Millionen Bürgern zu tun hat? Und was wird aus dem „Engel der Sicherheit“, wenn er es gleich mit drei apokalyptische Gefahren aufnehmen muß – mit der Klimakatastrophe, mit der Volksgesundheitskatastrophe und mit dem internationalen Terrorismus?

Wir gehen auf das Zeitalter eines „buon governo“ zu, von dem Lorenzetti sich nichts hat  träumen lassen. Es sind ideale Zeiten für ehrgeizige Präsidenten, Minister, Kommissare und Verwaltungsfachleute, die unermüdlich und in sicherer Entfernung von den Bürgern für deren Wohl arbeiten. Angesichts unstreitiger globaler Gefahren wächst ihnen eine neue Art von Autorität zu. Denn sie verfolgen keine eigenen Interessen, ihnen geht es um das Wohl der Menschheit, ja des Planeten. Wo immer sie ihren, von wissenschaftlichen Experten geschärften Blick hinrichten, da brennt es oder schmilzt es. Es ist, als habe ihnen die Natur höchst selbst die Legitimation dazu erteilt, die Bürger mit immer neuen Gesetzen und Anordnungen in Trab zu halten – das Überleben der menschlichen Spezies und vieler anderer Arten steht schließlich auf dem Spiel.

Die Bürger sehen dem explosionsartig wachsenden Regeldschungel und der Beschneidung ihrer Rechte halb zustimmend, halb ratlos zu. Denn alles, was ‚die gute Regierung‘ da beschließt und über sie verhängt, geschieht ja ausschließlich zu ihrem und zum Wohl ihrer Kinder, ist von Experten und wissenschaftlichen Gutachtern abgesichert – es muss geschehen.

Das Vertrackte ist, dass die genannten apokalyptischen Gefahren keineswegs erfunden sind, nur Ignoranten bestreiten sie. Andererseits können nur Fachidioten und profilsüchtige Wichtigtuer leugnen, daß sich mindestens so viele unsinnige wie notwendige Anordnungen mit dem noblen Titel einer „dringenden Gefahrenabwehr“ schmücken. Bürger, die nach dem genauen Grund für eine Anordnung fragen, machen sich verdächtig wie seinerzeit im ‚real existierenden Sozialismus‘: Wer damals eine Regel der Obrigkeit in Frage stellte, gar gegen sie rebellierte, wurde mit dem Satz eingeschüchtert: „Genosse, Du bist doch auch für den Frieden, oder?“

 

Betrachten wir das Walten des „Engels der Sicherheit“ im internationalen Flugverkehr. Bekanntlich wurde vor sechs oder sieben Jahren ein Fluggast dabei ertappt, als er sich - mit Sprengstoff im Absatz und mörderischen Absichten im Kopf - in ein Flugzeug setzen wollte. Seither ziehen Millionen von Fluggästen bei der Sicherheitskontrolle bereitwillig ihre Schuhe aus, und sie werden es vermutlich noch viele Jahre tun. Manche beschweren sich sogar, wenn diese Prozedur – wie es im vergleichsweise leichtsinnigen Europa gelegentlich der Fall ist - von ihnen nicht verlangt wird. Aber kann man mit Sprengstoff im Absatz ein Flugzeug in die Luft sprengen? Und wenn man es kann - ist es sinnvoll, dass die halbe fliegende Menschheit ihr Verhalten für Jahre und Jahrzehnte an einem einzigen, zum Glück gescheiterten Attentatsversuch ausrichtet? Kann es einen größeren Erfolg des internationalen Terrorismus geben? - Dann kam das Verbot von Mineralwasserflaschen, von Parfumflaschen, von Deodorant-Sprays und Zahnpasta-Tuben. Es berief sich auf einen vom britischen Geheimdienst rekonstruierten Plan britischer Attentäter, die angeblich mithilfe von mitgebrachten Flüssigkeiten einen Flüssigsprengstoff im Flugzeug mixen wollten. Millionen von teuren Parfum-Flacons sind seither in den Entsorgungstonnen vor der Sicherheitskontrolle gelandet. Meine Sprengstoff-Experten sagen mir allerdings, die Herstellung eines Flüssigsprengstoffs erfordere so hohe Temperaturen, wie sie in einer Flugzeugtoilette auf keine Weise zu erzeugen seien. Ich weiß nicht, ob sie Recht haben. Aber darf man sich noch erkundigen, ob die Begründung stichhaltig ist, ohne sich verdächtig zu machen? Und welche Massaker man mittels einer Nagelschere oder einer Nagelfeile in einem Flugzeug anrichten kann?

Wer so etwas auch nur scherzhaft fragt, begibt sich in den USA in wirkliche Gefahr. „Do not make jokes about security. You could be arrested!“ warnt ein Banner im JFK- Airport.

Was passiert mit einer Gesellschaft, die ihr Leben immer mehr auf die Verhinderung von möglichen und unmöglichen Attentaten ausrichtet und in einem permanenten Alarmzustand lebt? Wird sie am Ende nicht ein Leben zur Prävention solcher Attentate führen – ein präventives Leben sozusagen? In welchem Maße trägt das Prinzip, das Verhalten aller Bürger einer nie gekannten Kontrolle zu unterwerfen, um diese oder jene Schreckenstat auszuschließen, zur Vergiftung des öffentlichen Lebens und zum Denunziantentum bei? „Report unusual behaviour“ („Melden Sie ungewöhnliches Betragen“) lautet eine Leuchtschrift über amerikanischen Autobahnen.

 

Im Zeichen drohender globaler Katastrophen wächst selbstverständlich auch die Autorität der „guten Regierung“ in Brüssel, auch wenn nicht gerade jede ihrer zigtausend Bestimmungen über das Überleben der Menschheit entscheidet.

Die EU-Bürger haben die 24 Kommissare in Brüssel nicht gewählt, wenige kennen ihre Namen, nicht viele jubeln ihnen zu, wenn sie sich einmal einigen ihrer 420 Millionen Untertanen zeigen. Das demokratische Defizit der Kommissare steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Macht. Tatsächlich haben die 24 Kommissare in vielen Belangen mehr zu sagen als jede von den 27 Regierungen, die sie entsandt haben. Mehr als 80 Prozent aller in Europa gültigen Gesetze werden inzwischen in Brüssel beschlossen. 18167 Verordnungen und 750 Richtlinien, die etwa hunderttausend Seiten füllen, hat die Europäische Union mit ihren 40 000 Beamten und Bediensteten zwischen 1998 und 2004 auf den Weg gebracht. Sie bestimmen nicht nur über die Größe und Krümmung einer europafähigen Banane, die eine Länge von mindestens 14 cm und einen Durchmesser von mindestens 27 mm aufweisen muss. Sie entscheiden z. B. auch darüber, ob – von Helsinki bis nach Palermo – die Wäsche noch im Hof und auf dem Balkon aufgehängt werden darf. Dabei kommt gerade die Anonymität und Bürgerferne solcher Entscheidungen ihrer Durchsetzbarkeit zugute. Denn die EU-Bürger wissen nicht recht, bei wem sie sich beschweren sollen, wenn eine noch so absurde EU-Richtlinie in 27facher? Übersetzung ihren Weg ins weite EU-Reich nimmt.

Einer Recherche wegen war ich in diesem Jahr in Rumänien – dem jüngsten Beitrittsland der EU. Es sei herzzerreißend, erzählte mir eine ortskundige Journalistin, in Dörfern, in denen es kaum Licht und Gas und keine Asphaltstraße gebe, die Wirkungen der Europäischen Müllverordnung zu beobachten. Am Rand staubiger, kaum befahrener Schotterstraßen würde der  nach EU-Norm dreigeteilte Müll der Dorfbewohner auf Müllwagen warten, die nie kommen würden.

 

Globale Herausforderungen verlangen globale Antworten, ist das Credo der „guten Regierung“ im 21. Jahrhundert. Das betrifft selbstverständlich auch die Volksgesundheit. Nehmen wir eine der jüngsten Kampagnen – die Kampagne gegen den Feinstaub. 310 000 Bürger Europas würden jährlich an den Folgen von Feinstaub sterben, behauptet eine EU-Kommission. Nun ist Feinstaub bedeutend älter als die Menschheit – wahrscheinlich hat niemand soviel Feinstaub eingeatmet wie die Bewohner der afrikanischen Savannen und die Nomaden in der Sahara. Auch dieser von der Natur produzierte Feinstaub war und ist übrigens gefährlich. Durch die Industriealisierung sind unstreitig weitere gefährliche Feinstaubarten hinzugekommen - aber sind sie tödlich? Kein Computer, meinte ein Experte auf einer Feinstaub-Tagung in Wien, könne die kombinierte Wirkung von zehn oder mehr Feinstaub-Partikeln auf eine Zellkultur ausrechnen. Außerdem, so meinten andere Kollegen, sei keineswegs ausgemacht, ob der Feinstaub im Inneren von Gebäuden nicht gefährlicher sei als der Feinstaub auf den Strassen einer Großstadt.  Aber Zweifel und Unsicherheiten können die neuen Menschheitsretter nicht ertragen. „Feinstaub ist DeinStaub“, so bewirbt eine Wiener Umweltstadträtin ihre Kampagane gegen die neu entdeckte Menschheitsplage und zählt die Ursachen auf:

-Verbrennungsprozesse in Industrie, Gewerbe und Kraftwerken

-Verkehr: Dieselmotoren ohne Partikelfilter, Reifenabrieb und Straßenstaub

- Hausbrand – vor allem bei Heizungen mit Brennstoffen wie Holz, Kohle, Öl oder Koks

- Baustellen und Straßenstreuung im Winter

- Erosion

Woran es die tüchtige Stadträtin fehlen ließ, war ein guter Rat, wie der „DeinStaub“-Bewusste – und Zerknirschte dem Ansturm der tückischen Partikel zuleibe rücken kann. Womit sollte er bitte heizen, wenn nicht mit einem der genannten Brennstoffe? Wie kann er die Erosion der Gebäude und den Reifenabrieb verhindern? (Und was ist mit den biogenen Ursachen und der sogenannten regionalen „Hintergrund-Belastung“, die  für den weitaus größten Anteil allen Feinstaubarten verantwortlich ist und durch jeden Wind in die Stadt getragen wird?) Soll er all diesen Gefahren mit dem immer bereiten Besen und dem Staubtuch in der Hand entgegentreten?

Jede zehnte Autofahrt ausfallen lassen, rät die Stadträtin.

Inzwischen steht auch die Feinstaub-Abgabe von Rauchermännchen und von Streichhölzern auf dem Index der Feinstaub-Paniker. Wer ihrer Logik folgt, muss sich irgendwann die Frage stellen, ob es überhaupt noch einen legitimen Grund zum Sterben gibt. Wer stirbt, hat im Leben etwas falsch gemacht – und wenn er nur am Heiligen Abend zu viele Rauchermännchen angezündet hat.

Aber das alles ist nur der Anfang. Auf die Kampagnen gegen das Rauchen und den Feinstaub werden die Kampagnen gegen den Alkohol und das Übergewicht folgen. Auch hier gilt, dass nur Ignoranten die Gefahren leugnen können. Namentlich die alarmierende Gewichtszunahme der Bürger in nahezu allen Industrieländern hat epidemische Ausmaße erreicht. Die Folgen des Übergewichts sind in der Wissenschaft unumstritten. Lebensgefährliche Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Bluthochdruck und Herzinfarkt drohen den Übergewichtigen und ihren Krankenversicherungen. Aber wie dieser Epidemie beikommen? Auf die Dauer wird es nicht reichen, wenn eine ihrerseits übergewichtige Gesundheitsministerin den Deutschen empfiehlt, täglich 2000 Schritte zu laufen. Eine zukunftsträchtige Lösung wird aus Japan gemeldet. Japan, so schrieb die Neue Züricher Zeitung am 15. Juni 2008,  habe eine neue Gesundheitskampagne gestartet. Neuerdings müsse bei der jährlichen Kontrolluntersuchung der Japaner auch der Bauchumfang gemessen werden. Wer das festgesetzte Höchstmaß überschreite - gemäß einem neuen Gesetz beträgt das obere Limit für den Bauchumfang der Männer 85 Zentimeter, bei den Frauen 90 Zentimeter - handele sich Diätvorschriften ein. Wenn der Delinquent diese Vorschriften nicht befolge, drohe die Umerziehung.

(Europäer mögen sich jetzt noch an den Kopf fassen: Ausgerechnet die Japaner, die – an den Europäern gemessen – durchschnittlich ein Drittel weniger auf die Waage bringen! Und wieso wird den Frauen eigentlich 5 Zentimeter mehr Bauchumfang zugestanden? )

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die Anwendung und Weiterentwicklung des japanischen Prinzips durch einen motivierten Kommissar in Brüssel vorzustellen. Wann werden in der EU Hamburger, Spagetti und Pizza verboten und ihre Verkäufer gerichtlich belangt? Wann wird der letzte Berliner Currywurst- Süchtige seine Wurst mit Pommes und Mayonnaise in einem illegalen Keller unter dem Schein von Taschenlampen verzehren?

Wahrscheinlich wird auch die neueste Verschärfung der Anti-Raucher-Kampagne in den USA mit der üblichen Verspätung Europa erreichen. Wiederum gilt: Nur die Unbelehrbaren bestreiten, dass Rauchen in öffentlichen Räumen eine gesundheitliche Zumutung für die Nicht-Raucher ist. Aber auf welche wissenschaftliche Expertise gründet sich die Regel, auf die ich im Frühling dieses Jahres bei einem Besuch in Boston stieß? Es war ein strahlend schöner Tag, und die meisten Gäste in den Bars und Restaurants saßen im Freien. Niemand rauchte. Als ich mir selber eine Zigarette anzündete, bedeutete mir der Kellner höflich, dass das Rauchen auch im Freien nicht gestattet sei. Niemand, den ich fragte, konnte mir eine Begründung nennen. Ich erfuhr nur, dass Rauchen in Massachusetts und einigen anderen Staaten neuerdings nur noch in 30 Fuß Entfernung von Gebäuden gestattet sei. – Offenbar haben wir es hier mit einer neuen Qualität staatlicher Fürsorge zu tun. Die ‚gute Regierung‘ nimmt das längst durchgesetzte und akzeptierte Rauchverbot in öffentlichen Räumen zum Anlass, es ins Freie auszudehnen und auf diese Weise die guten von den schlechten Bürgern zu scheiden. Der gute Bürger, dies will ihm die „gute Regierung“ sagen, ist nicht nur verpflichtet, andere Bürger nicht zu gefährden, er muss selber gesund zu leben. Und ein wirklich guter Bürger fragt nicht nach den Gründen für eine Anordnung der „guten Regierung“, er gehorcht. - Inzwischen gibt es Wohnungsgesellschaften, die riesige Wohnanlagen für Nichtraucher bauen. Nur: Wie will man die anhaltende Gesinnungstreue jedes Wohnungsbesitzers prüfen? Es wird wohl nur mithilfe von hochsensiblen Rauchfühlern und von Nachbarn gehen, die sofort Alarm schlagen, wenn ein Rückfalltäter eine Zigarette auf dem eigenen Balkon anzündet.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Umweltminister Siegmar Gabriel nicht darauf verweist, daß Deutschland im Energiesparen die Nummer 1 auf der Welt ist. Wenn jeder Haushalt nur fünf Glühbirnen gegen Sparlampen austauschen würde, verkündete er kürzlich (am 19.6.08 in der Berliner Zeitung), könnte in Deutschland eine Million Tonnen Kohlendioxyd pro Jahr eingespart werden. – Nur: wie viel sind eine Million Tonnen eingesparten Kohlendioxyds im Vergleich zu den Millionen, von der hochsubventionierten deutschen Landwirtschaft verbrauchten Tonnen, die  ihre Überproduktion mit zusätzlichen Subventionen auf den afrikanischen Märkten verschleudert und letztere zerstört? Das neue Energie-Programm sei eigentlich eine „Sparbüchse“, verspricht Gabriel, und Deutschland sei „das einzige Land, das schon entsprechende Programme in die Praxis umsetzt“. Aber was ist mit Ländern, die weit mehr Energie verschwenden als Deutschland? Was soll überhaupt der Ehrgeiz der Bundesrepublik, sich als die Nummer 1 in Sachen Umweltschutz zu profilieren? Genügen nicht auch die Plätze drei und vier? Soll die Welt neuerdings am deutschen Umweltwesen genesen? Soweit es um den Ehrgeiz geht, in der Erschließung neuer Energiequellen zu den Besten zu gehören – nichts dagegen. Wenn dieser Ehrgeiz jedoch dazu führt, dass Deutschland seinen Strom - nach pflichtschuldiger Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke - aus Frankreich importieren muss, das seinen Energiebedarf zu 80 Prozent aus Atomkraftwerken speist, darf sich der Bürger an den Kopf fassen. - Vor ein paar Wochen hat China die USA, den bisher größten CO2-Produzenten, auf den zweiten Platz verwiesen. Ein fairer Sieg, könnte man sagen, immerhin stehen hier 1,3 Milliarden vergleichsweise zurückhaltende CO2-Delinquenten 300 Millionen entfesselten CO2-Sündern gegenüber. Schon steht Indien bereit, den Amerikanern den zweiten Rang streitig zu machen. Angesichts solcher Mitspieler nimmt sich der Aufruf an die deutschen Bürger, über ihre „persönliche Umweltbilanz“ Buch zu führen, ebenso heroisch wie lächerlich aus.

 

Das Zeitalter der Aufklärung und des Rechts des Individuums scheint angesichts globaler Bedrohungen seinem Ende entgegenzugehen. Eine neue Epoche von glaubensstarken Bürokraten und Umweltpolizisten, die Wissenschaft gern mit Religion verwechseln, nimmt ihren Anfang. Die neuen Gewissheiten scheinen keiner Ideologie mehr zu bedürfen. „Die gute Regierung“ hat nichts Geringeres als das Überleben der Menschheit im Blick und stützt sich dabei auf angeblich unbezweifelbare wissenschaftliche Erkenntnisse. Eine sanfte Diktatur zum Wohl des Bürgers kündigt sich an.

Kein Zweifel: Die Bürger dieser in der Tat bedrohten Menschenwelt müssen eine neue öffentliche Moral entwickeln. Aber wie verhindern sie, dass die neue Moral von selbsternannten Menschheitsrettern, Philistern und Denunzianten bestimmt wird? Und wie sorgen sie dafür, dass neben dem längst übermächtigen „Engel der Sicherheit“ auch die „Engel des Vertrauens“, der  „Barmherzigkeit“ und der“ Hoffnung“ überleben?

Seit ein paar Monaten geht mir ein Satz im Kopf herum, der Bill Clinton zugeschrieben wird. In zwanzig Jahren, warf er in einer Gesprächsrunde hin, würden die hier Anwesenden nichts mehr essen oder trinken, das nicht in höchstens 25 Kilometern Entfernung von ihrem Wohnort angebaut und produziert worden sei.

Der bekennende Sünder Clinton hatte dabei offensichtlich kein Welterlösungsprogramm im Sinn, sondern die zur Neige gehende Ressource Öl und die Wirkung des steigenden Ölpreises auf die Transport -Unternehmen, die derzeit noch Produkte des Grundbedarfs, die überall herstellbar sind, von einem Ende der Welt zum anderen schaffen. Das Schöne an dieser Prognose ist, dass sie ebenso kühn wie praktikabel ist. Ganz nebenbei wird sie auch unsere Landschaften und unser Selbstgefühl revolutionieren. Man muss kein Mönch werden, um für diese Utopie zu streiten.

(Der Artikel erschien in CICERO, 6/2009)

 

                                Das Ende einer Lebensart

Henry Paulson, Finanzminister der abgewählten Regierung G. W. Bush, trat im Juni 2006 von seinem Posten als CEO der Investmentbank Goldman/ Sachs zurück. Der Aufsichtsrat der Bank  gewährte ihm in Anerkennung seiner „Führerschaft“ in den letzten sechs Monaten einen Bonus von 18,7 Millionen Dollar und das Privileg, seinen in sieben Jahren Bankzugehörigkeit angesammelten Besitz von Goldman/Sachs- Aktien vor der festgesetzten Sperrfrist zu verkaufen, damit er seine Berufung zum Finanzminister wahrnehmen könne. Es handelte sich um ein Paket von insgesamt 3,23 Millionen Aktien im Wert von 486 Millionen Dollar.

Ich stelle mir die folgende Szene vor. Paulson, mit dem Bonusscheck für die letzten fünf Monate und der Genehmigung für den Verkauf seines Aktienpakets in der Tasche, trifft in der Bar an der Ecke den Engel seines Gewissens– in Gestalt eines Angestellten. Der Mann ist ihm schon öfter wegen seiner schlechten Zähne und seinen unpassenden Bemerkungen aufgefallen. Auch diesmal lässt er es an der gebotenen Diskretion fehlen: „Na Henry, was ist das für ein Gefühl, wenn man nach fünf Monaten Arbeit mit knapp 20 Millionen nachhause geht?“ – „Ich habe schon schlechtere Tage erlebt.“ – „Und dazu noch die knapp 500 Millionen für das Aktienpaket!“ – „Haben Sie Probleme? Ich gebe Ihnen gern einen aus.“- „Ich möchte nur wissen: Hast du das Gefühl, dass du, was du hier in sieben Jahren verdient hast, auch wirklich verdienst?“ – „Was wollen Sie? Ich habe den Gewinn der Firma allein in diesem Halbjahr verdoppelt. Und im Unterschied zu Ihnen all die Jahre hart gearbeitet, sechzehn Stunden am Tag! Harte Arbeit – wissen Sie überhaupt, was das ist?“ –

Vielleicht wird eine spätere Generation auf die beiden vergangenen Jahrzehnte mit demselben ungläubigen Staunen zurückblicken, mit dem wir die Exzesse des Imperium Romanum betrachten. Warum habt ihr euch das gefallen lassen, werden sie uns fragen. Wie konntet ihr es für normal oder akzeptabel halten, dass irgendein Leiter einer Bank in sieben Jahren eine halbe Milliarde verdient? Wofür denn, was hatte er zu bieten? Er hat nicht den Personal Computer oder das Internet oder das Auto der Zukunft erfunden, das mit Wasser fährt. Er war nicht einmal ein genialer ukrainischer Systemspieler in Las Vegas. (Ein Spieler müßte sieben Jahre lang Nacht für Nacht rund 200 000 Dollar am Spieltisch gewinnen, um auf den Gewinn von Henry Paulson zu kommen.) Er hat mit dem Geld anderer Leute gespielt, hat aus Luft Geld gemacht und sich mit seine Boni rechtzeitig davongeschlichen, bevor sich das Geld wieder in Luft auflöste. 

Die Geldzauberer aus New York, London und Frankfurt haben der Welt einen Lebensstil vorgeführt, wie man ihn bisher allenfalls aus Scheichtümern und östlichen Diktaturen kannte. Mit ihren Monstergehältern, ihren Monsteryachten und ihren Monsterautos, die Privatpanzern gleichen, haben sie die Wünsche und Phantasien der letzten beiden Jahrzehnte geprägt. Sie überboten sich darin, die höchsten und auffälligsten Bürotürme von den teuersten Architekten der Welt errichten zu lassen– manchmal in der Gestalt von Wüstenrosen und Walkie Talkies - , sie setzten Villen mit dem Längenmaß von Kirchenschiffen an die Küsten, sie kauften ihren Frauen eine Stradivari zum Geburtstag und einen Beuys oder Richter zum Hochzeitstag.

Inzwischen hat der von den Geldzauberern angestiftete Casino-Kapitalismus die Welt in die größte Krise seit 1929  gestürzt. Millionen von amerikanischen Hausbesitzern haben ihre Häuser verloren, viele von ihnen leben in Zelten, Millionen von amerikanischen Pensionären sehen ihre Pensionen reduziert oder verbrannt. Aber auch in Europa wird die Krise zahllose Menschen arbeitslos machen und viele kleine und große Betriebe in den Ruin treiben. Von den Verheerungen in den Entwicklungsländern nimmt die Welt-Öffentlichkeit kaum Kenntnis. Aber noch im Angesicht des Bankrotts haben die Banken ihre Bosse mit phantastischen Summen belohnt. Insgesamt sind im Krisenjahr 2008 rund 20 Milliarden an Boni für amerikanische Bankvorstände ausgeschüttet worden. „Sie haben gerade die Weltwirtschaft ruiniert“, rief ein Kommentator der New York Times den Helden des Bankrotts nach, „dies ist Ihr Lohn“.

Merkwürdig, ja unheimlich ist, dass das ungeheuerliche Bereicherungs-und Enteignungsspiel bei den Betrogenen bisher kaum eine sichtbare Empörung hervorgerufen hat.  Es gab keinen Sturm auf eine Bank, keine anhaltenden Protest-Demonstrationen in Wallstreet, keine Besetzung der Börsen.  Fast ebenso merkwürdig ist, dass die Verursacher und Profiteure des Zusammenbruchs bisher kein Wort zu ihrer Verteidigung gesagt haben und offenbar auch nicht zur Verantwortung gezogen werden. Selten ist eine Kaste, die die Geschicke der Welt seit zwanzig Jahren bestimmt und schließlich ins Verderben gelenkt hat, so sprachlos gewesen. Nicht einmal die anständigen Banker, die an den Exzessen der Stars nicht teilgenommen hatten, haben sich zu Wort gemeldet, um die Ehre ihres Berufsstands zu retten. Josef Ackermann, Chef der deutschen Bank und Prophet der 25-Prozent-Rendite, hatte sich noch vor kurzem jede Einmischung des Staates in das Finanzwesen verbeten. Bei den ersten Anzeichen der Krise hatte er offenbar sein Gedächtnis verloren und gerufen, jetzt könne nur noch der Staat helfen. Zum Jahreswechsel fand er sich zu einem Allerwelts-Geständnis bereit: „Alle haben Fehler gemacht,“  meinte er. Wer alle? Alle in Ackermanns Beruf und Gehaltsklasse, alle Politiker, alle Käufer von Zertifikaten, alle Steuerzahler, die in erster, zweiter und dritter Generation für die Fehler „aller“ werden zahlen müssen?

Die betäubte Reaktion der Bürger muss wohl auf zwei Faktoren zurückgeführt werden: auf die Anonymität der Regisseure der Katastrophe – es gibt kaum ein merkfähiges Gesicht in der internationalen Finanzwelt; und auf die Undurchschaubarkeit ihrer finanziellen Operationen, die sie vor allen juristischen Querelen bewahrt. Bisher jedenfalls ist keiner der Finanzvirtuosen, von offensichtlichen Betrügern wie Bernie Madoff abgesehen, mit der Justiz in Konflikt gekommen. Und genau daraus schöpfen die Gewinner und Verursacher der Krise ihr gutes Gewissen.

Paul Krugman, der diesjährige Nobelpreisträger für Ökonomie, macht eine andere Rechnung auf. „Aber haben die Superstars der Finanzwirtschaft ihre Millionen nicht ehrlich verdient?“, fragt er in seiner Kolumne in der NYTimes (vom 19. Dez. 2008). „Nein, nicht unbedingt“, fährt er fort. „Das Honorierungssystem von Wallstreet belohnt verschwenderisch den Schein von Profit, selbst dann, wenn dieser Schein sich später als Illusion erweist.“ Nehmen wir einen Manager, fährt Krugman fort, der das Geld seines Klienten in profitversprechende, aber hochriskante Papiere wie z. B. Immobilien-gestützte Securities investiert. Solange sich die Immobilien-Blase weiter aufbläht, macht sein Klient riesige Profite und er, der Manager, erfreut sich gewaltiger Boni. Wenn die Blase platzt und sich seine Investitionen als giftiger Müll erweisen, verliert sein Klient riesig, er selbst jedoch behält seine Boni.“

Warum eigentlich, so lässt sich Krugmans Argument weiterführen, dürfen die CEO’s und Vorstände, die ihre Banken an die Wand gefahren haben, ihre Boni behalten? Dem Buchstaben ihrer Verträge nach sind sie im Recht. Denn in aller Regel verdanken sie ihre unglaublichen „Gutscheine“ jeweils dem Ergebnis weniger Monate. Nimmt man einen längeren Zeitraum in den Blick, ergibt sich, dass sie mit eben der  Strategie, die ihren Banken, ihren Kunden und ihnen selbst den höchstmöglichen Profit in der kürzesten Zeit bescherte, ihre Banken und schließlich die Weltwirtschaft in den Ruin geführt haben. Sie haben ihre Boni nicht verdient und sollten sie zurückzahlen.

Der einzige Satz, der in den letzten Wochen und Monaten von den Gurus des Scheingewinns zu hören war, war dieser: Die neuen Finanzprodukte seien so kompliziert, dass man sie kaum habe verstehen können. Er hätte niemals in seinem Leben so etwas wie ein Zertifikat gekauft, versicherte der vormalige Deutsche Bank -Chef Hilmar Kopper in einer Talkshow mit Frank Plasberg. Plasberg ließ eine Information einblenden, aus der hervorging, dass 40 % aller in Deutschland verkauften Zertifikate von der Deutschen Bank unter der Ägide von Hilmar Kopper verkauft worden waren. Leider fragte der Journalist nicht nach, ob Kopper seinen eben bekundeten Ekel vor Zertifikaten auch an seine Filialleiter und Anlageberater weitergegeben habe. Hatte er ihnen etwa davon abgeraten, Zertifikate zu verkaufen? Sie gar dazu angehalten, ihren Kunden zu sagen, dass diese Papiere weder von ihnen noch von Hilmar Kopper verstanden wurden? Bisher hat sich kein Zeuge einer solchen Anweisung gemeldet. Was sollen wir von einem Bankchef bzw. Aufsichtsrat halten, der ein Finanzprodukt, das er für unseriös hält, in riesigen Mengen in den Markt drücken lässt und sich nachträglich bei Plasberg auf „die Gier der Kunden“ herausredet? Sicher, auch die Kunden waren gierig; sie hätten durch die hohen Zinsversprechen der Zertifikate gewarnt sein können. Aber wer ist bei diesem Betrugsspiel der ärgere Sünder: der Bankier, der ein von ihm für unseriös gehaltenes Papier verkauft und reich an ihm wird oder der Kunde, der es sich aufschwatzen lässt?  Warum ließen die Banken überhaupt Produkte kreieren und vertreiben, die so verschachtelt waren, dass selbst Experten Stunden brauchten, um sie zu entschlüsseln? War diese Undurchschaubarkeit nicht ein gewolltes und hoch erwünschtes Merkmal, das den Verkäufern erlaubte, faule Schuldscheine als hochverzinsliche „Wertpapiere“ anzupreisen und ihre Hände in Unschuld zu waschen, als sich die „Wertpapiere“ als faule Schuldscheine entpuppten? Halten wir fest: Ein Bankier, der etwas verkauft, das er nicht versteht oder für unseriös hält, ist entweder inkompetent oder ein Betrüger. In beiden Fällen ist er das Geld nicht wert, das er verdient.

Der empörendste Umstand an dem Desaster besteht darin, dass die Verantwortlichen für die Finanzkrise weder juristisch noch finanziell für ihr Versagen haften. Jeder kleine oder große Familienunternehmer, ob er nun Schiffsschrauben, Software oder Bücher verkauft, wird durch seinen Erfolg oder Misserfolg auf dem Markt belohnt oder bestraft. Wenn sein Produkt sich nicht durchsetzt oder schadhaft ist, muss er – notfalls mit seiner ökonomischen Existenz – für seinen Misserfolg einstehen. Die Manager weltweit operierender Banken jedoch sind solcher irdischer Sorgen enthoben – sie kennen das Unternehmerrisiko nicht.  Sie spielen mit Geld, das nicht ihres ist, und gewinnen phantastische Reichtümer, gleichgültig ob ihr Spiel gut oder schlecht ausgeht. Gleich Göttern thronen sie über dem Schlachtenlärm der Märkte und lassen sich auch noch ihre spektakulären Fehlspekulationen vergolden. Im schlimmsten Fall werden sie zusätzlich zu ihren Millionengehältern, ihren märchenhaften Pensionen und ihren Boni mit einer sechs-oder siebenstelligen Abfindung – dem sogenannten „goldenen Fallschirm“ – verabschiedet. Ein Beispiel unter vielen ist das Ende von Lehman Brothers: Als der Konkurs feststand, zog die Bank  noch rasch 8 Milliarden von ihren Londoner Filialen ab und setzte in den Verkaufsverhandlungen mit Barclays Bank 2,4 Milliarden für Bonuszahlungen an ihr notleidendes Führungspersonal durch. (In Deutschland machte das Beispiel des ehemaligen Daimler-Chefs Jürgen Schrempp Schlagzeilen. Schrempp hatte den Zusammenschluss der Autokonzerne Daimler und Chrysler eingeleitet und als „Hochzeit im Himmel“ gefeiert. Die Ehe erwies sich als katastrophaler Fehlschlag; sie hat den deutschen Partner wohl 100 Milliarden gekostet. Schrempp musste gehen. Die Börse feierte seinen Rücktritt mit einem Luftsprung, der die Daimler-Aktie um zehn Prozent hochschnellen ließ. Schrempp feierte mit: Er verkaufte am gleichen Tag seine Daimler-Aktienoptionen und strich als Lohn für seinen Rücktritt eine zehnprozentige Wertsteigerung seines Aktienpakets ein -  insgesamt erzielte er knapp 50 Millionen Euro.)

Irgendetwas stimmt hier nicht, sagt sich der Laie, irgendetwas ist hier zutiefst ungesund! Welchen Anreiz haben Unternehmer eigentlich, die auch noch an ihren katastrophalen Fehlentscheidungen reich werden, richtige Entscheidungen zu treffen? Egal, was sie anstellen, sie gewinnen immer!

Fast alle Glaubenssätze der Markt-Radikalen, die die Geschicke der Welt in den letzten 20 Jahren bestimmt haben, sind über Nacht wertlos geworden. Einer dieser Sätze besagte, dass Gier eine der nützlichsten menschlichen Eigenschaften sei – ein erstaunliches Bekenntnis für eine Geldkaste, die sich am Sonntag gern in der Kirche zeigt. Gier und die Sucht nach Bereicherung wird von allen Religionen geächtet. Inzwischen meinen auch Wirtschaftsexperten, die nicht in die Kirche gehen, dass die phantastische Raffgier der Manager eine der Ursachen für den Zusammenbruch des Finanzwesens war. Die Idee, ihnen enorme Boni für kurzfristig erzielte Gewinne zu gewähren, hat sich als Rezept für eine „nach mir die Sintflut“- Strategie erwiesen. Die Verherrlichung der Gier und des Egoismus hat sich als ebenso ideologisch herausgestellt wie die Überzeugung der Kommunisten, Mord, Vergewaltigung und Diebstahl würden nach der Abschaffung des Privateigentums für immer aus der Gesellschaft verschwinden.

Auch ein anderer Satz aus dem Katechismus der Finanzgurus erzeugt nach den Ereignissen der letzten nur noch Gelächter. Er heißt:  „Märkte korrigieren sich selbst“. Aus Treue zur reinen Lehre hatte die Bush-Regierung – sozusagen aus „pädagogischen Gründen“ - die weltweit vernetzte Investment Bank Lehman Brothers bankrott gehen lassen  und damit den Zusammenbruch der Finanzmärkte entschieden beschleunigt. Mit derselben ideologischen Starrköpfigkeit weigerte sich eine Mehrheit unter den Republikanern zunächst, einem staatlichen Rettungspaket von 700 Milliarden US-Dollar zuzustimmen; lieber wollten sie das Armageddon der Finanz-Welt herbeiführen, als zuzugeben, dass sie einer Irrlehre folgten. Beinahe komisch wirkte G. W. Bushs Versuch, seinen Spagat zwischen den Fundamentalisten in den eigenen Reihen und seiner Entscheidung für eine Regierungsintervention zu begründen. Er sei, erklärte er in seiner Regierungserklärung vom 2.10.08,  grundsätzlich gegen jede Einmischung des Staates in die Wirtschaft – mit Ausnahme der Fälle, in denen eine solche Einmischung „dringend geboten“ sei. (Einzig Alan Greenspan, vormaliger Chef der amerikanischen Notenbank, hat seinen Irrtum halbherzig eingestanden. Er habe immer auf die Selbstregulierung der Märkte vertraut, sagte er, aber sich einfach nicht vorstellen können, dass die großen Banken des Landes einer Strategie folgten, die zu ihrer Selbstzerstörung führte.)

(Und wie verhält es sich mit dem Credo, dass der Kapitalismus auf Dauer nur mit der Demokratie kompatibel sei und zwangsläufig zur Demokratie führe? Wenn dieser Satz wahr wäre, wäre die Bewegung der Abolitionisten, die für die Abschaffung der Sklaverei kämpften, die Gewerkschaftsbewegung, die die Abschaffung der Kinderarbeit und den Achtstundentag durchsetzte, die Frauenbewegung, die für die Gleichberechtigung stritt und immer noch streiten muss, überflüssig gewesen. Die Beispiele China und Russland beweisen, dass auch autoritäre Zwangsregime sich bestens mit dem Kapitalismus vertragen. Der Glaube, dass der freie Markt gleichsam selbsttätig, ohne die Intervention der Bürger, eine demokratische Ethik produziere, hat sich als Illusion erwiesen. Die Umkehrung des Satzes entspricht eher der historischen Erfahrung: Der Kapitalismus wird erst erträglich, wenn er durch eine demokratische Ethik, die nicht aus ihm selber kommt, gebremst und zivilisiert wird.)

Barack Obama, der am 20. Januar den „härtesten Job der Welt“ angetreten hat, wird den Kapitalismus neu definieren müssen. Das oft bespöttelte Modell des rheinischen Kapitalismus und der sozialen Marktwirtschaft könnte ihm dabei als eine Anregung dienen. Im Übrigen müssen die Europäer nicht in andächtiger Stellung auf den amerikanischen Messias warten. Sie müssen auch nicht auf die neuen Gesetze und Regelungen der Finanzwirtschaft warten, die zweifellos kommen werden. Was legal ist, ist deswegen noch nicht gerechtfertigt. Eine zivile Gesellschaft kann gemeingefährliche Verhaltensweisen einer Elite, die sie bisher aus Ignoranz, Leichtsinn oder Zynismus geduldet hat, ächten. Die Geldzauberer sind nicht Kreuzberger Autonome, die aus ihrer Ablehnung durch die Bürger ihr Selbstbewusstsein beziehen; sie sind beruflich und psychisch auf die Anerkennung der Gesellschaft angewiesen.  Sobald sie genügend Widerstand der Öffentlichkeit verspüren, werden sie es den CEO’s der großen amerikanischen Autokonzerne nachtun: Statt mit ihren Privatjets werden sie mit Elektroautos zu parlamentarischen Anhörungen fahren und versichern, dass sie ihre Dienste – falls sie noch erwünscht sind - einstweilen für einen Euro jährlich zur Verfügung stellen.

(Der Artikel erschien am 18.2.2009 in der Frankfurter Rundschau)

 

 

                              Europa – aus der TÜV-Perspektive

 

Wehe dem, der ein Auto mit deutscher Nummer in Italien unterhält.  Wenn wieder einmal das auf der TÜV-Plakette angezeigte Ablaufdatum erreicht oder schon um Wochen überschritten ist, kreisen die Gedanken des Halters nur noch um eine Frage:  Was ist die billigste und am wenigsten zeitraubende Art, das orangenfarbene Plastikding zu erneuern? Wie gut haben es die Schweizer in einer solchen Lage!  Das nicht gerade für Leichtsinn berüchtigte Land erkennt nämlich die TÜV-Inspektion der italienischen Kollegen an und erspart seinen Bürgern die Pilgerreise zu den schweizerischen TÜV-Hoheiten. Nicht so das Land, das stolz darauf ist, im Energiesparen die Nummer 1 in der Welt zu sein. Deutschland mutet seinen Autobürgern  zu, notfalls von Sizilien bis nach Kufstein zu brausen, nur um die TÜV-Plakette zu erneuern. Obwohl ich es etwas näher zu den deutschen Grenzen habe als ein Ferienhausbesitzer in Sizilien, wollte es mir immer weniger in den Kopf, dem TÜV zuliebe alle zwei Jahre Tausende von Kilometern zu fahren und eine Unmenge von Sprit in die Luft zu blasen. Ich beschloss, mein Auto kurzerhand in Italien einzubürgern.  Sagte ich „kurzerhand“? Natürlich war mir klar, dass ein solcher Vorgang in Italien von langer, von sehr langer Hand vorbereitet werden müsste.

Zuständig für  das Wunder der Verwandlung ist der italienische ACI – die italienische Version  unseres ADAC. Obwohl mir deutsche Freunde in Italien von meinem Vorhaben mit allen Zeichen des Entsetzens abgeraten hatten, betrat ich das nächstgelegene ACI-Büro in dem kleinen Städtchen I.  Die Auskunft der Angestellten, die gerade an einem Pullover für einen Enkel strickte, klang ermutigend: niente problema! Ich müsse „nur“ eine Bestätigung meiner „residenza“ und ein polizeiliches Führungszeugnis beibringen – das zuständige Büro der Kommune habe allerdings nur samstags von 10-12 Uhr geöffnet -  und eine italienische Übersetzung des KFZ-Scheins und den KFZ-Briefs. Für die Übersetzung könne sie in spätestens vier Tagen sorgen.  Kostenpunkt etwa 400  Euro, Zulassung inklusive. 

Ich ließ mir die Telefonnummer des Büros geben und unterstrich die Dringlichkeit des Auftrags durch die Ankündigung , dass ich in spätestens vierzehn Tagen das Land verlassen müsse.  Telefonisch war das ACI-Büro in I. nie zu erreichen, also fuhr ich hin. Ich war darauf gefasst gewesen, dass  die Übersetzung in der nächsten und auch in der übernächsten Woche noch nicht fertig sein würde. Unruhig wurde Ich erst, als ich auch bei meinem vierten und fünften Besuch im ACI-Büro erfuhr, dass der mit der Übersetzung betraute dottore überlastet sei; im Übrigen verlange er für seine Dienste 80 Euro mehr. Ich stimmte sofort zu, beschwor sie aber, den dottore zu beschwören, den Auftrag in spätestens einer Woche zu erledigen, da ich meinen Flug nicht seinetwegen noch einmal umbuchen könne.

Es kam, wie es im italienischen Süden kommt: Der schlimmste Fall ist derjenige, der zuverlässig eintritt. Auch nach zwei Monaten war kein Wort meiner KFZ-Papiere übersetzt.  Vom Geschrei des schwarzgelockten Enkels begleitet, hielt ich in dem engen Büro eine Ansprache, in der ich einen guten Teil meines in Jahren erworbenen Wortschatzes an italienischen Schimpfwörtern aufbot, und ließ mir meine Papiere wiedergeben.  Ich fuhr in die nächste Stadt zum ACI. Dort traf ich auf einen gepflegten Herrn mittleren Alters, der sich mit allen Zeichen der Teilnahme meine Erfahrungen in I. anhörte. Mit italienischem Charme fragte er mich, warum ich nicht gleich zu ihm gekommen sei - in einer Woche werde er die Umschreibung erledigen. Übrigens könne er auch meine Papiere übersetzen, denn er spreche deutsch. Zur Beglaubigung zitierte er eine längere Passage aus Goethes Faust, Teil 1. Ich war beeindruckt, aber meine Papiere dalassen? Ich könne frühestens in einem halben Jahr wiederkommen und benötige die Dokumente, um das Auto in Deutschland stillzulegen. Ich verabschiedete mich in der Gewissheit, dass ich meinen Mann für die Umschreibung in Italien gefunden hätte. Kurz fuhr mir ein böser Gedanke durch den Kopf, den ich gleich wieder verwarf: War der Faust-Kenner in G. womöglich  der vom ACI-Büro in I. beauftragte dottore,  der mich mit seiner Übersetzung zwei Monate lang hatte hängen lassen?

Zurück in Deutschland legte ich das Auto still, beauftragte einen vereidigten deutschen Übersetzer mit der Übersetzung der Papiere und erhielt die Arbeit pünktlich und mit Siegel zurück – allerdings mit einer Rechnung, die doppelt so hoch war wie der bereits aufgestockte Preis, den ich in Italien verabredet hatte.  Mit einem einverständigen Lächeln teilte mir der Ansprechpartner meiner deutschen Versicherung mit, der umgekehrte Vorgang – nämlich die Ausstattung eines in Italien zugelassenen Autos mit deutschen Kennzeichen - koste genau 80 Euro und sei in einer halben Stunde erledigt. Gut für die Italiener, dachte ich, aber leider nicht mein Fall. Und im Zweifelsfall wäre mein deutscher Gesprächspartner nicht in der Lage, auch nur zwei Zeilen aus Faust 1 zu zitieren.Ich schickte die Übersetzung mitsamt allen anderen Papieren zu meinem Gewährsmann in G. Er bestätigte mir den Erhalt und die Vollständigkeit der Papiere – jetzt gehe es nur noch um einen Termin bei der KFZ-Stelle in Latina, der allgewaltigen Behörde für die Einbürgerung ausländischer Fahrzeuge in diesem Landesteil Italiens. Aber alles sei in bester Ordnung, wir seien nur noch wenige Meter von der italienischen Taufe meines Fahrzeugs, sozusagen vor dem Eingang ins Paradies entfernt.  Es machte Spaß, mit ihm zu telefonieren.

In den nächsten Wochen hielt ich meinen Hoffnungsträger in Italien jede Woche mit einem Anruf auf Trab.  Da er nur zwischen 9-und 10 Uhr in seinem Büro zu erreichen war – wie er sich den Rest des Arbeitstages vertrieb, blieb mir ein Rätsel – stellte ich mir den Wecker, um das schmale Zeitfenster für den Anruf nicht zu verpassen.  Aber in Latina schienen sich immer neue Schwierigkeiten aufzutürmen, die ich wegen der Spezialausdrücke, die mein Mann in G. verwandte, nicht verstand.  Bald konnte ich ihn auch zwischen 9 und 10 Uhr nicht mehr erreichen, seine Sekretärin weigerte sich, seine Handynummer herauszurücken. Nachdem gut drei Monate so vergangen waren, war es mit meiner Geduld vorbei. Ich nutzte einen Vortrag in Rom, nahm anderen Tags früh um sechs den Zug und ein teures Taxi und stand pünktlich um neun auf der Schwelle des ACI- Büro in G. Mein Gewährsmann wurde bleich, als er mich dort stehen sah. Er behauptete, dass „imprevisti“ aufgetreten seien, „Unvorhersehbarkeiten“ – das KFZ-Amt in Latina verlange jenseits meiner bereits eingereichten Papiere die technischen Original-Daten des Herstellers VW für meinen Lupo, zu deutsch eine „EU-Übereinstimmungsbescheinigung“– und dies in italienischer Übersetzung.  Zu den bürokratischen Hürden traten die mentalen. Offenbar war meinem Mann in G. diese Bescheinigung nicht bekannt gewesen. Und da er mit seinen Kenntnissen so vor mir geglänzt hatte, hatte er es nicht über sich gebracht, seine Lücke zuzugeben. Er schämte sich seines Misserfolgs und verabschiedete mich mit einem Satz, der einem Süditaliener schwerer als jeder andere über die Zunge geht: Er wisse, daß er eine „brutta figura“ mache – eine schlechte Figur. Meine Frage, ob er nicht schon vor einem halben Jahr von dem Büro in I. mit der Übersetzung meiner Papiere beauftragt gewesen sei, schien er nicht zu verstehen.  

Ich fuhr zurück zum Ausgangsort aller Irrgänge, zurück nach I. Ein befreundeter Autohändler empfahl mir einen Verwandten, der angeblich jeden Tag deutsche Autos mit italienischen Kennzeichen versah. Ohne Hoffnung ging ich zu ihm und stellte fest, daß er immerhin von der „EU-Übereinstimmungsbescheinigung“ wusste. Er könne mir die Umschreibung garantieren – aber ein halbes Jahr werde die Prozedur schon dauern und nicht etwa 400, sondern um die 800 bis 1000 Euro kosten.  Ich überschlug, wie viele Herumsitzer in der italienischen Kfz-Behörde ich mit diesem Betrag subventionieren würde und beschloß, mich endgültig von der Idee der Einbürgerung meines Autos in Italien zu verabschieden. Aber inzwischen waren dank meines langen Flirts mit italienischen Kennzeichen die deutschen ungültig geworden. So begab ich mich denn nach den italienischen in die deutschen  Behördenlabyrinthe.

Ich erfuhr, dass kein Weg daran vorbeiführe, das stillgelegte Auto von I. nach Berlin zurückzufahren. Legal könne ich das nur mithilfe eines speziellen Kurzzeit-Kennzeichens tun, abzuholen und zu bezahlen in einem deutschen KFZ-Amt.  Dieses Kennzeichen gelte vom Tag der Ausstellung an vier Tage – und in diesem Zeitraum müsse der Transfer abgeschlossen sein. Zum ersten Mal machte ich mir über meine persönliche CO2-Bilanz Gedanken.  Denn die Überführung meines Autos würde nicht nur vier Tage meiner Lebenszeit  (zwei Tage hin, zwei Tage zurück, insgesamt 3400 Kilometer) beanspruchen, ich würde für rund 500 Euro Benzin in die Luft blasen – Autobahn plus Grenzgebühren nicht gerechnet. Warum, fragte ich die Sachkundigen beim ADAC und bei der KFZ-Zulassungstelle in Berlin, konnte ich den TÜV und den ASU-Test nicht in einer italienischen Werkstatt machen? Warum konnten diese beiden Kernländer Europas, die sich bereits mit anderen EU-Ländern über die Länge und Krümmung einer europatauglichen Banane und eines EU-Fischs geeinigt hatten und inzwischen über einen gemeinsamen Außenminister diskutierten, den TÜV des jeweils anderen Landes nicht anerkennen? Fuhren nicht seit Jahrzehnten Zehntausende von italienischen Autos auf deutschen Strassen und Millionen von deutschen Fahrzeugen auf italienischen Autobahnen? Ein PKW mit deutschem Kennzeichen, erklärte mir ein TÜV-Gewaltiger mit satter Stimme, müsse selbstverständlich auch in Deutschland vorgeführt werden.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Kurzzeit- Kennzeichen zu erwerben und mit ihnen nach Italien zu fliegen. Ich gönnte mir  einen Juni-Nachmittag am Strand, setzte mich am nächsten Morgen in den Lupo und brauste gen Norden. Ich erspare dem Leser die Beschreibung aller zusätzlichen Widrigkeiten, die sich bei einer mit Wut begonnenen und beendeten Zwangstour einstellen – den  verpaßten, weil unbeschilderten Autobahnzubringer in Terracina, den Reifenplatten in der Nähe von Verona,  die Autobahnbaustelle kurz vor Berlin, in der ein winziges Schild plötzlich nach „Berlin Zentrum“ zeigte, als ich in der linken Fahrspur  war und nicht mehr abbiegen konnte. Immerhin kam ich rechtzeitig zum Anstoß der zweiten Halbzeit des Finales: Deutschland- Spanien zuhause an.

Ich gebe zu, ich hätte das Auto nach dem Finale – kurz vor Ablauf meines  Kurzzeit-Kennzeichens, das wie der deutsche Traum vom Sieg über Spanien um Mitternacht erlosch-  noch zu meiner Werkstatt fahren können. Du lieber Himmel, es waren nur noch 10 Kilometer. Aber irgendein Trotz, vielleicht auch meine Übermüdung und die Enttäuschung über die Leistung der deutschen Mannschaft hielten mich auf dem Sofa. Sollte ich mich nach 1700 gefahrenen Kilometern derart plagen, nachdem  die bestbezahlten Fußgänger Deutschlands gerade mal 12 oder 15 Kilometer erfolglos auf dem Platz herumgetorkelt waren?  Wenn ich erwischt würde - jeder Polizist von Herz und Verstand, der meine Geschichte hörte, würde ein Auge zudrücken. Der Polizist, der mich am nächsten Morgen stoppte, wollte nicht meine Geschichte hören, sondern meine Papiere sehen. Er verbot mir sofort das Reden, ich hätte nur seine Fragen zu beantworten. Natürlich redete ich nach dem Redeverbot umso lauter. Zu spät begriff ich: Mein Polizist war seinerseits in Wut, wahrscheinlich, weil die Deutschen das Finale verloren hatten. Er nahm den „Vorfall“ auf und kündigte mir in den nächsten Tagen eine Anzeige des Polizeipräsidenten wegen Fahrens ohne gültiges Kennzeichen und Versicherung an. Auf der Rückseite dieser Anzeige könne ich mich dann ausführlich äußern. Ich bin seiner Empfehlung hier gefolgt und möchte in der gebotenen Kürze nur noch eine Bemerkung anfügen: Falls die Irländer irgend einen guten Grund hatten, die Lissabon-Verträge zu verwerfen, so war es das Fehlen einer europäischen TÜV-Vereinbarung.

PS:  Mein Auto hat  den deutschen TÜV, ohne daß ich einen Cent für irgendeine Reparatur hätte ausgeben müssen, bestanden. Ich muss den Lupo jetzt nur noch die 1700 Kilometer nach Italien zurückfahren.

Der Artikel erschien im September 2008 in der "Zeit" und in "Repubblica".

 

 

 


 

                           

Göttinger Vorlesung

 

Wer ist eigentlich ein Schriftsteller, wer darf sich so nennen?

In Deutschland jedenfalls scheint dieses Wort eher eine Berufung als einen Beruf zu bezeichnen. Und obwohl ich die entsprechende Tätigkeit seit bald 50 Jahren ausübe und mein Einkommen so gut wie ausschließlich aus ihr beziehe, fällt es mir bis heute schwer,  auf die Frage nach meinem Beruf mit dem Wort zu antworten, das in meinem Pass vermerkt ist.  Es kommt mir wie die Auskunft eines Angebers vor. Ebenso gut könnte einer behaupten, er sei Philosoph, Schöngeist, Klaviervirtuose oder Prophet.  Im deutschen Gebrauch jedenfalls scheint der Berufsbezeichnung „Schriftsteller“ so etwas wie eine Anmaßung anzuhaften. Nicht nur, dass man sie ohne guten Grund für die Belletristik reserviert – und etwa dem Autor eines Sachbuches oder eines Kinderbuchs nur ungern zugesteht.  Einer der sich Schriftsteller nennt, muss schon ein „guter Schriftsteller“ sein, zumindest muss er einen gewissen Erfolg mit seinen Bücher haben – entweder im Handel oder in der Literaturkritik. Die Steigerung der Behauptung „Schriftsteller“ ist dann die Berufsbezeichnung: „Dichter“.  Man stelle sich jemanden vor, der auf dem Arbeitsamt in einer langen Reihe von Wartenden steht und nach seinem Beruf gefragt mit hörbarer Stimme antwortet: Dichter.  Ein nicht gerade herzliches Gelächter der hinter ihm Stehenden wäre ihm sicher.  Und ein ratloser Blick des Stellenvermittlers. Nicht von ungefähr wurden denn auch für diejenigen von uns, die diesem Handwerk in der Zeit der 68er-Rebellion nachgingen, Kürzel oder Verkleinerungen eingeführt: Bezeichnungen wie „Schreiberling“, oder „Dichterling“. Wer sich nicht gleich verdächtig machen wollte, stellte sich am besten mit dem understatement “Schreiber“ vor.  

Von solchen Skrupeln und Verrenkungen wurde ich erst in den USA geheilt.  Dort heißt das entsprechende Wort nämlich „writer“ und versammelt alle, die sich in ihrem Hauptberuf mit irgendeiner Art des Schreibens abgeben -  Dichter, Romanciers, Dramatiker,  Drehbuchautoren, Kinderbuchautoren, Journalisten, Kritiker unter einem Dach.  Ähnlich unprätentiös verfährt man dort mit dem Begriff „Werk“. Es ist mir begegnet, dass ein Unbekannter, dem ich gerade vorgestellt wurde, mir erklärte:  Oh Mr. Schneider. I love your work“.  Bei näherer Überprüfung dieser Behauptung stellte sich heraus, dass er gerade mal einen Artikel von mir in der New York Times gelesen hatte. 

In der Titelfrage gibt es zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Weg keinen mittleren Weg. Entweder hält man es mit der deutschen Hierarchie: ganz oben thront der Dichter , eine Stufe darunter der Dramatiker, wieder eine Stufe tiefer der Romanciers oder Schriftsteller; ganz unten – im Parkettstaub - dann der Rezensent oder Journalist. Oder man findet sich mit dem „writer“ ab, der unbekränzt, aber auf Augenhöhe unter den letztgenannten  Kollegen sitzt.  Generationen von ehrgeizigen Schöngeistern müssen daran gearbeitet haben, dass ein Wort, das noch im 17. Jahrhundert jemanden bezeichnete, der für andere rechtliche Schreiben erstellt, zu einem Adelstitel aufgewertet wurde, der den Flüsterton verlangt. Um es kurz zu machen, ich bin nun seit bald 50 Jahren Schriftsteller, fühle mich aber eher als „writer“.  

Aber wie und warum wird einer Schriftsteller? Bei den Diskussionen mit einem Autor, die in Deutschland einer Lesung in aller Regel folgen, gilt diese Frage als indiskret, ja als peinlich. Ich halte sie für eine gute Frage, die wohl nur deswegen verpönt ist, weil sie ohne ein Geständnis kaum zu beantworten ist. Ich z. B. wußte, dass ich Schriftsteller werden wollte in einem Alter, in dem andere wissen, dass sie Lokomotivführer, Ballerina, Fußballstar, Fotomodell oder Koch werden wollen.  Diese Gewißheit gründete sich vielleicht auf ein gewisses Erzähltalent, aber auch auf ein kompensatorischen Bedürfnis – genauer auf mangelnde Leistungen im Fach Sport. Niemanden bewunderte ich so, wie die Fußballartisten, die Ski-Kanonen, die Turmspringer und Turnvirtuosen in meiner Schule. Andere Schüler mit meinen Talenten hätten sich vielleicht durch Verachtung gegen diese Bewunderung geschützt – man kann sich kaum vorstellen, dass der schmächtige Bert Brecht mit seiner Nickelbrille zu jemandem aufgeblickt hätte, der ihm aus dem Stand einen Flickflack vorführen konnte - mir war die Überlegenheit des Intellektuellen, der nur zelebrale Leistungen gelten läßt,  nicht gegeben. Wäre ich der beste Fußballspieler oder Skifahrer meiner Klasse gewesen, hätte ich am Reck einen Salto mit gestrecktem Abgang hinlegen können – ich weiß nicht, ob ich im Alter von 12 Jahren Landschaftsgedichte im Stile Eichendorffs verfaßt hätte. Einschub: die Ohrfeige von Hasslinger Mit elf und zwölf Jahren verfaßte ich Gedichte und Balladen, mit dreizehn dramatisierte ich einige Märchen der Gebrüder Grimm: Schneewittchen und die sieben Zwerge, König Drosselbart und – wen wundert es - das tapfere Schneiderlein. Es waren gereimte drei-bis fünfaktige Dramen, für die ich meist den fünffüßigen Jambus verwendete. Im Reimen wurde ich dank meiner Märchendramen so gewandt, dass ich selbst Mathematikaufgaben, die ich nicht lösen konnte, in gereimte Verse übersetzte. Unser Latein-und Griechisch- Lehrer, bei dem ich regelmäßig zwischen der Note vier und fünf schwankte, tippte meine in winziger Druckschrift in ein DIN A5-Heft gekritzelten Dramen mit der Schreibmaschine ab und inszenierte sie. So kam es, dass alle meine Stücke in der Schule aufgeführt wurden und ich trotz eines rapiden Abfalls im Fach Latein versetzt wurde. 

Unser Lehrer hielt mir zugute, dass ich mich wegen meiner dramatischen Arbeiten nicht ausreichend auf Cäsar und Thukydides konzentrieren konnte. Kurz: ich schoss zwar keine Tore im Fußball, ich punktete mit fünfaktigen Märchendramen - und hatte keine Konkurrenten. Aber ich würde es mir und meinen Zuhörern zu einfach machen, wollte ich den frühen Wunsch, Schriftsteller zu werden mit meinen Pennäler-Erfolgen erklären. Die Beschäftigung mit Büchern und Musik, die Besuche im Theater und in der Oper bescherten mir die stärksten Erlebnisse, deren ich damals habhaft werden konnte. Nichts konnte sich mit den Momenten des Glücks oder auch des Schauders messen, die ich erlebte, wenn ich mich bis tief in die  Nacht – unter dem Schein einer Taschenlampe – durch eine meiner Tausend-Seiten-Schwarten frass. Wie andere junge Leser meiner Generation verschlang ich die historischen Schinken von Felix Dahn und Gustav Freytag, die den Germanenmythos feierten, und bereits von der Generation der Eltern und Großeltern verschlungen worden waren. Eines meiner Lieblingsbücher war eine effektvoll bebilderte Ausgabe der nordischen Heldensagen. Ich identifizierte mich mit Siegfried und besonders mit dem Ahornblatt auf seinem Rücken, träumte von König Rother und seinen Abenteuern in Sizilien, von fernen Ländern und Entdeckungen,  wobei es lange offen blieb, ob ich selber der Held vergleichbarer Abenteuer oder ihr Verfasser werden wollte.

Aus diesen germanischen Träumereien hat mich erst die deutsche Romantik mit ihrer Ironie, ihrer Zuneigung für Aussenseiter und Versager und ihrem Sinn für das Abseitige und Unheimliche gerissen. Besonders Eichendorf, Brentano, Gottfried Keller, Grabbe, Heinrich Heine hatten es mir angetan.  „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“  von Grabbe formulierte ein Lebensmotto, das mir auf den Leib geschrieben war. Ein anderer Schriftsteller, dessen Prosa mich süchtig machte, war E.T. A. Hoffmann. An Hoffmann begeisterte mich der Sinn für das Abseitige und Monströse. Seine Geschichten gestatteten mir Ausflüge aus dem Freiburger Alltag in eine Welt, die von Menschenautomaten, sprechenden Katern, Zauberern, verrückten Mördern, Doppelgängern und Geistern bevölkert war. Meine Bewunderung für Hoffmanns Extravaganzen ging soweit, dass ich mir auch Hoffmanns Vorliebe für Fremdwörter zueigen machte. Er erfand neue Wörter, indem er französische und italienische Wörter in seine Sätze einbaute bzw. sie einfach mit deutschen Endungen versah. Im Lexikon schlug ich alle Wörter nach, die ich nicht verstand und hütete den so erlangten Wort-Schatz – ein Wort, das ich plötzlich als zutreffend empfand - in einem Merkheft. Beim nächsten Aufsatz verwendete ich dann für jedes deutsche Wort erbarmungslos ein Hoffmannsche‘s Fremdwort  in der Annahme, damit das Entzücken meines Deutschlehrers auszulösen. Der Deutschlehrer – eine Aushilfskraft, der unseren Klassenlehrer vertrat – forderte mich auf, zu ihm ans Pult zu kommen. Ich sah, dass er jedes Fremdwort in meinem Aufsatz rot angestrichen hatte und mit dem Finger an einem Wort, das offenbar sein besonderes Missfallen erregte, hängen blieb. – Was soll bitte „Smorzität“ heißen, fragte er mit unterdrückter Wut. Dieses Wort gibt es gar nicht. – Doch sagte ich stolz, ich habe es bei E. T. A.  Hoffmann gefunden, in seiner Kriminalnovelle „Fräulein Scuderie“. Und es heißt etwas wie: Unsauberkeit.

Meine Erklärung wurde mit einer kräftigen Ohrfeige beantwortet. Sie sehen, der Weg eines angehenden Schriftstellers war in jenen Jahren mit Ohrfeigen gepflastert – ohnehin sind wir alle, Schriftsteller wie Leser, damals noch mit dem Teppichklopfer erzogen worden. Geblieben ist mir von dieser Ermahnung der Eindruck, dass ein verschwenderischer Umgang mit Fremdwörtern jenen Teil des Publikums verschreckt, dessen Bekanntschaft man ohnehin nicht machen möchte. Ich weiss, dass ich mit dieser Bemerkung ans Innerste und Innigste der deutschen Sprachschützer rühre, die sich seit meinem ohrfeigenden Referendar – unter dem Ansturm des Englischen und des Computerglossars - enorm vermehrt haben. Mit Adorno bin ich allerdings der Meinung, dass sich lebende Sprachen durch Einflüsse und Schmutzspuren von benachbarten Idiomen eher bereichert und verjüngt haben. Wer Angst vor Fremdwörtern hat, hat in der Regel auch Angst vor Fremden – und vor der Vermischung. Er huldigt einem Reinheitsgebot, das allenfalls dem deutschen Bier bekommt, aber nicht der Literatur. Selbstverständlich kann man das Wunderding namens Computer „Rechner“ oder „Ordinateur“ nennen, zumal dann, wenn sein – in den USA bis heute nicht anerkannter Schöpfer – ein Deutscher namens Konrad Suse ist.

Aber es gibt eben nicht nur Gegenstände wie CD, Software, Hardware, Internet, sondern auch Empfindungen, die in der deutschen Sprache keinen oder nur einen umständlichen Ausdruck finden. Man kann das Abschiedswort unter einem Brief „love“ genau so wenig übersetzen wie den Gruß „ciao“, der für Begrüßung wie für Abschied steht. Wer „amour fou“ mit „verrückte Liebe“ übersetzt, wird nie begreifen, wovon die Rede ist – und was schlagen unsere Reinheitsapostel für Wörter wie „Courage“ „Charme“ oder „Chuzpe“ vor? Ich möchte so weit gehen zu behaupten, dass Fremdwörter Erfahrungen und Haltungen ins Deutsche bringen können, die dort bisher nicht heimisch waren. Indem wir uns solche Angebote unserer Nachbarn, Immigranten und Minderheiten aneignen, bereichern wir nicht nur unsere Ausdrucksfähigkeit sondern auch unsere Verhaltensweisen. Meine Toleranz gegenüber Anglizismen hört allerdings dort auf, wo englische Ausdrücke, die sich ohne weiteres auch deutsch ausdrücken lassen, mit deutschen Vor-oder Endsilben versehen werden – Unwörter wie „shoppen“ „downloaden“, „einloggen“, „outsourcen“.

Womöglich mehr noch als die Bücher zogen mich Opern und Theaterstücke an. Mein Vater war Dirigent und Komponist und dirigierte an den Städtischen Bühnen Freiburg das Opernrepertoire. Oft habe ich ihn nach der Schule von seinen Proben abgeholt. Nachdem ich den Bühneneingang passiert hatte, gelangte ich durch ein Labyrinth von Gängen und Treppen nach oben. Auf Zehenspitzen betrat ich den dunklen, vollkommen leeren Zuschauersaal und nahm auf einem der gepolsterten Sitze in den hinteren Reihen Platz. Von dort sah ich den heftig bewegten roten Haarschopf meines Vaters und seine wie zum Fliegen ausgebreiteten Arme über dem nur von Lichtpunkten erhellten Orchestergraben. Das einzige, was in dem riesigen dunklen Raum deutlich zu erkennen war, waren die Hände meines Vaters. Ich hielt den Atem an, wenn er mit einem fast unmerklichen Heben des Stabes in der rechten, dann mit einem Wink der linken Hand die unsichtbaren Instrumentengruppen in der Tiefe des Orchestergrabens aufrief oder mit einem knappen Querstrich zum Verstummen brachte. Besonders italienische Opern hatten es mir angetan.

Diese frühen Erfahrungen haben mich davon überzeugt, dass die Qualität einer Opern-oder Theaterdarbietung keineswegs die wichtigste Bedingung einer nachhaltigen Wirkung ist – jedenfalls nicht bei einem jungen Menschen. Die Städtischen Bühnen Freiburg, das Wallgrabentheater und die Studentenbühne der Albrecht-Ludwig-Universität gehörten und gehören nicht zu den Kunsttempeln der Republik, dennoch habe ich dort – als halbwüchsiger Zuschauer zweit- oder drittrangiger Aufführungen die vielleicht wichtigsten Botschaften meines Lebens empfangen. In Schillers „Räuber“ und „Kabale und Liebe“, in Büchners „Woyzeck“ und „Dantons Tod“, in  Wolfgang Bocherts „Draussen vor der Tür“, in Samuel Beckets „Das Letzte Band“ gab es Szenen und Sätze, die mir wie eine Faust in den Magen fuhren und jenes Frieren auf dem Rücken erzeugten, das Spuren in die Seele legte. Nie werde ich vergessen, wie ich Anfang der Sechziger Jahre den Schauspieler Klaus Kammer in der Berliner Akademie der Künste sah: wie er in der Art eines Menschenaffen mit unendlich langen, schlenkenden Armen sich auf das Podium zubewegte, dann mit einem überraschenden Sprung das Stehpult auf dem Podium gewann, sich mit den Knöcheln der affenartig eingezogenen Finger am Stehpult festhielt, unendlich lange mit schläfrigen, halb geöffneten Augen ins Publikum starrte und dann stockend, von Silbe zu Silbe taumelnd und mit Lauten, die sich erst allmählich der menschlichen Sprache anzunähern schienen, Kafkas „Bericht an eine Akademie“ vortrug. Aber die Floskel „nie werde ich vergessen“ wird dem Erlebnis nicht gerecht. Denn natürlich habe ich die Einzelheiten des Auftritts von Klaus Kammer einschließlich seines Vornamens vergessen – ich mußte ihn im Internet aufrufen. Die Wahrheit ist, dass ich diesen unvergesslichen längst vergessenen Augenblick rekonstruieren muss, indem ich davon spreche, weil ich ihn anders gar nicht lebendig machen kann. Und ich muss ihn konstruieren, weil er mir damals, als ich Zeuge dieses Auftritts war, nicht in sprachlicher Gestalt zur Verfügung stand.

(Exkurs: Lena und die Schlittenfahrt.)

Offenbar verhält es sich so, dass wir Erlebnisse, die uns prägen, nur festhalten können, indem wir sie formulieren, genauer gesagt ihr eine sprachliche Gestalt verleihen, wobei wir der Erinnerung bei jeder neuen Nacherzählung meist ein Stück hinzufügen, das wiederum Teil dieser Erinnerung wird – die Erinnerung ist ein lebenslanger work in progress. Das bedeutet aber auch, dass Ereignisse, die nie auf irgendeine Weise festgehalten und weitergegeben wurden, allmählich im Riesenreich des Ungesagten versinken und schließlich unzugänglich werden – ganz so, als hätten diese Ereignisse nie stattgefunden. Ich fürchte, dass der hier bezeichnete Mechanismus auch auf die kollektive Erinnerung zutrifft. Historische Ereignisse oder Katastrophen, die keinen Chronisten, keinen Geschichtsschreiber, keinen Dokumentaristen gefunden haben, werden nicht Teil unserer kollektiven Erinnerung, unserer Geschichte – am Ende gelten sie als nicht geschehen und verschwinden aus dem Gedächtnis der Menschheit.

Aber zurück zu Klaus Kammer und zur Wirkung seines Auftritts. Keine sekundäre Beschäftigung mit einem Kunstwerk vermag hinreichend zu erklären, welche Kräfte in dem Wechselspiel zwischen Kunstwerk und Rezipienten im Augenblick der Rezeption wirken. Nach meiner eigenen Erfahrung setzt der sogenannte Kunstgenuss – der ja mit dem Wort „Genuss“ viel zu eng beschrieben, weil er oft viel weniger und mehr als ein Genuss ist: eine existentielle Erfahrung nämlich - auch körperliche Reaktionen frei, ohne die es vielleicht gar keinen Anlass für eine sekundäre Beschäftigung gäbe. Ich rede hier von Erschütterungen und Schocks, die man im Magen spürt, von jenem rückhaltlosen Lachen, das man allzu rasch „befreiend“ nennt, von heftigen Aufwallungen des Widerwillens, ja des Ekels, die zum türenschlagenden Verlassen der Veranstaltung oder zum Schmettern eines Buchs an die nächste Wand führen, vom plötzlichen Frieren auf dem Rücken und den Armen, vom Atemanhalten, vom inneren Zittern, von Tränen der Ergriffenheit oder auch des Zorns.

Über diese unwillkürlichen, averbalen Wirkungen läßt sich nicht leicht reden oder streiten, weswegen das Reden darüber unter professionellen Interpreten als unseriös gilt. Das ändert nichts an der Macht der genannten Emotionen. Wenn zwei Liebesleute aus demselben Film herauskommen und der eine vor Ergriffenheit kaum sprechen, der andere sich vor Lachen und Hohn über das falsche Pathos dieses Films gar nicht halten kann, ist es womöglich Zeit für eine Trennung. Ich halte einen Scheidungsgrund namens „Unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten über ein Stück von Elfriede Jellinek“ für seriös.

Es ist ein Nachteil, dass die sogenannte Rezeptionsgeschichte lediglich die übergreifenden, generationsspezifischen Reaktionen auf ein Werk untersucht. Sie kümmert sich nicht um das unmittelbare Geschehen, das sich zwischen einem Werk und einem einzelnen Rezipienten im Augenblick der Rezeption abspielt. Dennoch ist es gerade diese erste und zunächst sprachlose Kommunikation zwischen Werk und Zuschauer oder Leser, die das Werk überhaupt erst zum Leben erweckt und die Motivation für alle sekundären Beschäftigungen mit ihm schafft.  Die einzige Emotion, die diesem primären Austausch im Wege steht und von einem Autor tunlichst zu vermeiden ist, ist die Langeweile.

Genau so etwas, wie es Klaus Kammer mit Kafkas Text anstellte, genau so einen Schock und so eine Verstörung wollte ich erzeugen. Ich würde lügen, wollte ich behaupten, es wäre mir dabei um ein klares Ziel gegangen. Aufrühren, erschüttern und kraft der Erschütterung berühmt werden –das war Ziel genug. Was Wunder, dass ich mich bei meinen eigenen Schreibversuchen an eben die Autoren hielt, die mich am stärksten beeindruckt hatten. Ich schrieb ein Stück im Stil von Wolfgang Borchert, ein Hörspiel, das  aufdringlich an Ingeborg Bachmanns „Der gute Gott von Manhattan“ erinnerte, ein Prosastück, das Samuel Becketts „Das letzte Band“ mehr als nachempfunden war. Ein besonders ehrgeiziges Projekt, das ich zu Anfang meines Studiums verfasste – ein Drama namens „Mützenstück“ - schickte ich an Theodor W. Adorno in der Überzeugung, ich hätte darin seine ästhetische Theorie dramatisch umgesetzt. Ich bekam nie eine Antwort und begann danach, Halbheiten und Widersprüche in Adornos Theorien zu entdecken. Nach Adornos Tod erhielt ich endlich Post aus dem berühmten Institut in Frankfurt. Eine Sekretärin schrieb mir, sie habe das Stück in einer Schreibtischschublade von Adornos Schreibtisch gefunden. Gestolpert bin ich nur über zwei Buchstaben in ihrem ermunternden Begleitbrief. Sie hatte den Brief aus Gewohnheit mit „i. A.“ unterzeichnet. Übrigens finde ich nichts dagegen einzuwenden, wenn Autoren sich in ihren Lehrjahren bis zur Sklaverei an selbst gewählten Vorbildern orientieren – vorausgesetzt, sie wissen, dass sie es tun. In aller Regel haben es diese Vorbilder in ihren Jugendjahren nicht anders gemacht. Das Originalgenie, das in fremden Gärten nie gewildert hat, ist eine deutsche Erfindung des 19. Jahrhunderts und eine eher seltene Erscheinung. Im Zweifelsfall ist es – wegen seiner Resistenz gegen fremde Inspirationsquellen – von Auszehrung bedroht. Fast möchte ich behaupten: Wer sich an fremdem geistigen Eigentum nie vergangen hat, wird nie ein Original. Erst in der Nachahmung verwandter Geister und der Reibung mit ihnen entwickelt sich so etwas ein eigener Stil.

Im Übrigen wird jeder beherzte Nachahmer finden, dass seiner Fähigkeit zur Nachahmung ziemlich enge Grenzen gesetzt sind. Manche Meister mögen ihn noch so beeindrucken, sie liegen ihm ganz einfach nicht. Wer es mit Bert Brecht hält, bleibt in ewiger Distanz zu Thomas Mann und umgekehrt. Deswegen glaube ich nicht, dass ein Schriftsteller seinen Stil frei wählen kann wie ein Paar Schuhe im Kaufhaus oder ein Auto im Autosalon – und selbst diese wählt er nicht ganz frei. Er mag ein theoretisches Programm entwerfen oder einem vom Feuilleton verkündeten Programm folgen, in dem Regeln aufgestellt werden, wie man heute schreiben müsse.  Aber wenn er sich dann hinsetzt und das Programm umzusetzen sucht, schreibt er eher so, wie er schreiben kann und nicht so wie er schreiben soll. Ich halte es in diesem Punkt mit Albert Camus, der in seinen Tagebüchern bemerkt: die ästhetischen Programme, die wir aufstellen, sind immer auch Versuche, die Unzulänglichkeiten und Grenzen unseres Talents mit der Würde von allgemein verbindlichen Gesetzen auszustatten. Kürzlich fragte ich einen jungen Komponisten, der eine Oper über den „Mauerspringer“ plant, von wem er sich unter den Komponisten der vorangehenden Generation beeinflußt fühle: Karl Heinz Stockhausen, Hans Werner Henze, Pierre Boulez oder Luigi Nono. Er dachte eine Weile nach und sagte dann: Von allen. Seine Antwort gefiel mir.  Zwar weiß ich genau, welche Autoren mich in welcher Phase meines Schreibens am meisten beschäftigt haben, aber weniger genau, ob sie tatsächlich irgendwelche Spuren hinterlassen haben.

An Borchert gefiel mir der kurze, lapidare Satz, seine sozusagen aus den Nachkriegsjahren geborene Hungerprosa, die den Nebensatz und oft auch den Konjunktiv verschmäht, an Ingeborg Bachmann eher das Gegenteil, der radikal künstliche, poetisch durchstilisierte Dialog, an Beckett die Technik der Auslassung und die kunstvoll reduzierte Stummelsprache, die am Rand des Verstummens balanciert. Aber ich könnte nicht sagen, wo und ob die Heroen meiner Anfänge nennenswerte Einflüsse in meinem eigenen Werk hinterlassen haben. Oft möchte man nur beeinflusst sein und ist es gar nicht.

Schriftsteller haben in aller Regel ein gespaltenes Verhältnis zur Germanistik, speziell zur Sparte „Literaturtheorie“. Sie lassen sich ungern von Vorgaben bestimmen, die  ihnen sagen, dass man nicht mehr erzählen könne, ohne das Erzählen zu erzählen, dass der eigentliche Gegenstand der Literatur die Sprache sei, dass kurze Gedichte out und lange Gedichte in seien, dass ein Text, der nicht auf andere Texte verweise, nicht zur Literatur gehöre. Meist sind sie überrascht, wenn sie von einem Literaturtheoretiker erfahren, dass ihr letztes Buch ein perfektes Beispiel für einen dekonstruktivistischen Roman sei und erkundigen sich leise, was das sei. Zwar gibt es Schriftsteller, die selber ein Literaturprogramm verkünden, aber meist sind ihre Bücher nur genießbar, wenn sie die Regeln des vorgegebenen Programms beherzt verletzen. Übrigens glaube ich, dass die Frische und Variationsbreite, die seit dem Mauerfall in der jungen deutschen Literatur zu beobachten ist, mit der fröhlichen Abkehr von Vorgaben aller Art zu tun hat. Aber ich möchte doch eine Lanze für die Kunst der Interpretation brechen. Manchmal können Interpretationen unvorhergesehene Folgen bei Autoren haben.

Einer englischen Germanistin, die mir ihre Doktorarbeit über mein Buch „Mauerspringer“ zuschickte, war aufgefallen, dass ich ein Erzählmodell benutzte, das E.T.A.Hoffmanns „Serapionsbrüdern“ nachgebildet sei. Ich war verblüfft. Aber dank der zwingenden Beweisführung der englischen Germanistin erinnerte ich mich daran, dass der einzige Autor, durch dessen Gesamtwerk ich mich im Alter von fünfzehn Jahren hindurch gefressen hatte, E.T. A. Hoffmann war. Also nahm ich mir sein seit Jahrzehnten nicht mehr aufgeschlagene Werk noch einmal vor. Tatsächlich benutzt er ein Erzählmodell, das in der Literatur eine lange Tradition hat. Es ist die Rahmen- oder Kettengeschichte: Ein Erzähler beginnt im Kreis von Freunden eine Geschichte zu erzählen, die einen Zuhörer dazu inspiriert, seinerseits eine Geschichte über ein verwandtes Motiv zu erzählen, was dann wiederum einen Dritten inspiriert, mit einer verwandten Geschichte aufzuwarten. Vielleicht das berühmteste Beispiel dieses Erzählprinzips ist Giovanni Boccacios „Decamerone“. Johann Wolfgang von Goethe hat es in seinen „Unterhaltungen Deutscher Ausgewanderter“ benutzt, und E.T.A. Hoffmann in zahlreichen Varianten. Bekanntlich haben sich Hoffmann und seine Freunde in einer Berliner Kneipe namens Lutter/ Wegner getroffen, in der sie sich gegenseitig Geschichten erzählten oder vorlasen und dabei reichlich tranken. Hoffmann, immerhin Richter am preußischen Kammergericht in Berlin soll in dieser Kneipe Abend für Abend unbezahlte Rechnungen für drei bis vier Flaschen Wein hinterlassen haben. Die E.T.A.Hoffmann-Gesellschaft, die ich dazu befragte, behauptet allerdings, der Wein habe zu Hoffmanns Zeiten nicht mehr als 7 Prozent Alkohol enthalten. Nur der Figur des Trunkenbolds, die Jaques Offenbar in seiner Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von dem Dichter gezeichnet habe, sei es zu verdanken, daß der Name E.T. A. Hoffmann nicht etwa eine Hauptstrasse, sondern nur eine kleine Gasse in Berlin bezeichne.

Wie auch immer: bei meinen Vorarbeiten zum Mauerspringer passierte mir etwas, was wohl auch E.T.A. Hoffmann passiert ist, als er seine unheimlichen Geschichten unter Freunden ausprobierte: Eine Geschichte, die ich in einem kleinen Kreis erzählte, löste weitere ähnliche Geschichten aus. Ich recherchierte eine Meldung über einen verwirrten jungen Mann, auf die ich im Berliner „Tagesspiegel“ gestoßen war. Es handelte sich um einen merkwürdigen Rebellen aus der DDR, der sich nach einem gescheiterten Fluchtversuch, kaum aus DDR-Haft entlassen, vorgenommen hatte, Ost- und Westdeutschland auf eigene Faust zu vereinigen, dabei in die Fänge des amerikanischen und des östlichen Geheimdienstes geriet, beide in seine Pläne einweihte in der Meinung, sie für sich ausnützen zu können, in Wahrheit von beiden Diensten ausgenutzt wurde  und zum Schluss nicht mehr wusste, für welchen Dienst er eigentlich arbeitete. Zugegeben eine unwahrscheinliche Geschichte, die alle Bedingungen einer klassischen Novelle erfüllt - E.T.A. Hoffmann jedenfalls hätte an ihr Gefallen gefunden. Als ich diese Geschichte verschiedenen Gewährsleuten dies- und jenseits der Mauer erzählte, hörte ich immer wieder einen Satz, der zu einem Scharnier in meinem Buch geworden ist. „Da kenne ich aber eine viel bessere Geschichte!“

Durch meine Gesprächspartner stieß ich darauf, dass es auf beiden Seiten der Mauer Leute gab, die einem gefährlichen Hochleistungs-Sport nachgingen: Sie überquerten die Mauer nicht nur ein oder zweimal, sondern manchmal auch in beide Richtungen. Indem sie Visa-und Ausreiseanträge ignorierten, setzten sie die Grenze gleichsam ausser Kraft. Wer waren hier eigentlich die Verrückten, überlegte ich. Die Mauerspringer oder die große Mehrzahl der Deutschen, die sich mit der Mauer längst abgefunden hatten, als wäre dieses Bauwerk die gerechte Strafe für den von den Deutschen begonnenen und verlorenen zweiten Weltkrieg? Wer die deutsche Teilung und die Mauer in Frage stellt, hieß ein Glaubenssatz der westdeutschen Linken, stellt die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs in Frage. Ein Satz, der freilich keine Antwort auf die Frage gab, warum zum Beispiel die Polen, die doch auf der Seite der Sieger gekämpft hatten und auf die falsche Seite der Mauer geraten waren, dieselbe Strafe erleiden sollten wie die Deutschen. Und warum waren die Westdeutschen, von denen die meisten unter der Mauer gar nicht mehr litten, so bereit, diese Strafe auf sich zu nehmen, während die Ostdeutschen sich keineswegs damit abfinden wollten?

Es dauerte eine Weile, bis ich soweit war, den Prozess meiner Recherche in eine literarische Form zu übersetzen: in die Rahmen-bzw. Kettengeschichte, die eine Serie von verschiedenen gleichberechtigten Helden nebeneinanderstellt. Und ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass mich bei dieser Entscheidung für eine bisher nicht ausprobierte Form meine längst vergessene Lektüre von Hoffmanns Serapionsbrüdern beeinflusst hat. Aber nun die eher unglückliche Pointe: nachdem ich meiner englischen Spurensucherin per Postkarte ein Kompliment geschickt hatte, beschloss ich, bei meinem nächsten Roman-Projekt den unbewußten Einfluss explizit ins Szene zu setzen. Der Roman „Paarungen“, in dem drei Helden den Kampf gegen einen in Berlin grassierenden Trennungsvirus aufnehmen und sich gegenseitig ihre ständig vom Scheitern bedrohten Liebesgeschichten erzählen,  benutzt auf geradezu schamlose Weise das Vorbild, das E.T.A.Hoffmann hinterlassen hat. Selbst die Vornamen der Helden der Geschichte namens Eduard, Theo und André erweisen dem Inspirator E. T. A. Hoffmann aufdringlich Referenz. Ganz zu schweigen von der Kneipe namens „Tent“, dessen Name auf einen bei Hoffmann und seinen Freunden beliebten und wegen Bordellnähe anrüchigen Treffpunkt namens „Unter den Zelten“ anspielt. Leider hat keiner meiner Rezensenten es gemerkt. Es kann aber auch sein, dass die Rezensenten sich zu schade waren, auf solche Verweise einzugehen, weil sie allzu offensichtlich waren. Der Idealfall für einen deutschen Rezensenten ist wahrscheinlich dann gegeben, wenn er seinen Lesern ein Buch erklären kann, das ohne ihn, den Rezensenten, gar nicht zu verstehen ist. Ich gebe zu, dass es immer mein Ehrgeiz war, Bücher zu schreiben, die sich ohne jede Leseanweisung mitteilen. „Paarungen“ kann man verstehen, auch wenn man nie eine Zeile von E.T.A.Hoffman gelesen hat.

Aber ich habe – nicht zum ersten Mal in diesem Vortrag – weit vorgegriffen. Denn mein ursprünglicher schriftstellerischer Ehrgeiz galt gar nicht dem Roman, sondern dem Drama. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich einmal als Prosa-und Essai-Autor meinen Platz finden würde.  Anfang der sechziger Jahre kam ich von Freiburg nach Berlin. Damals war in allen Künsten eine Zeit grundsätzlichen Fragens angebrochen. John Cage, Nouveau Roman, Buchstabengedichte, Pop-Art, Happening, Fluxus, und Peter Handkes Sprechstücke erklärten den Traditionen des Sehens, Hörens, Fühlens in den Kunsttempeln der Republik den Krieg. Läßt sich mit den Mitteln des realistischen Erzählens noch die Welt abbilden? Welcher Mittel und Konventionen bedienen wir uns in der Musik und in der Malerei – und zu welchem Zweck? Können Theaterstücke – jenseits von Mitleid und Katharsis – ein eingreifendes Verhalten bei den Zuschauern erzeugen?Dank des bestimmenden Literatur-Managers jener Zeit, Walter Höllerer, erhielt ich ein Stipendium des von ihm gegründeten Literarischen Colloquiums. Die Bedingungen für die Stipendiaten waren paradiesisch: eine wilhelminische Villa am Wannsee mit eigenem Bootssteg, ein warmes Essen zu Mittag, erfahrene Schriftsteller als Lehrer, die die Lehrerrolle ablehnten und uns sofort das Du anboten. Es gab keinerlei Programm, keine Forderung in eine bestimmte Richtung, die realistische Schreibweise war so willkommen wie die experimentelle, das politische Theater so berechtigt wie das absurde oder dokumentarische. Unserer Lehrer wechselten alle paar Wochen und mit ihnen die Themen und Stilrichtungen – Heinar Kipphardt stand für das dokumentarische Theater, Peter Rühmkorf für den poetischen und Gerhard Rühm für den experimentellen Stil. Alles war offen – das Thema, die Stilrichtung, der Blick auf den Wannsee. Daß wir begabt waren, sahen wir daran, dass wir hier zusammengekommen waren, dass jeder von uns  schreiben konnte, und zwar besser als seine Mit-Stipendiaten, wußten wir sowieso. Aber worüber? Fünf Monate saßen wir auf frisch bezogenen Sesseln in dem großen Konferenzraum oder draußen in Liegestühlen mit dem Blick auf Segelboote und gepflegten Rasen und lasen uns Szenen vor über Themen wie „Staatstrauer“, „Geldborgen“, „Vertreterbesuch“. Nachträglich kommt es mir so vor, als ob wir alle bei unseren Fingerübungen auf der Suche nach einem Sujet waren, das uns existentiell berührte. Was mich betraf, so hatte ich jeweils zwei oder drei aufregende Theaterstücke gleichzeitig im Kopf und brachte es auch fertig, einige Freunde und Gönner von ihnen zu überzeugen. Aber wenn ich sie dann erzählt hatte, konnte ich sie anschließend nicht mehr schreiben. Tatsächlich verwirklichte ich meine besten Stücke im Gespräch, und im Gespräch hatte ich mit ihnen meine Erfolge. Von den Stückeschreibern, deren Stücke man noch nie gesehen hat, war ich einer der bekanntesten.

In seinen Geschichten aus Odessa erzählt Isaac Babel von seinen literarischen Colloquien mit Gorki. Babel berichtet, wie er als Zwanzigjähriger seine Versuche zu Gorki brachte, der sie alle las, alle verwarf und von Babel verlangte, weitere Geschichten zu schreiben. Als schließlich beide der Gespräche müde waren, sagte Gorki zu seinem Schützling: „Es ist ganz offensichtlich, dass Sie, mein Herr“, nichts richtig kennen, aber an vielem herumrätseln…. Gehen Sie unter die Menschen“. Babel ging in Budjonnis Reiterarmee, kämpfte sieben Jahre gegen die Weißrussen und schrieb über seine Erfahrungen sein erstes Buch. Ende der dreißiger Jahre soll der große Linguist Josef Stalin Babels Buch in die Hände bekommen haben und von der Lektüre begeistert gewesen sein. Wo steckt dieser Babel, soll Stalin gerufen haben, er ist der beste Schriftsteller der Sowjetunion, bringt ihn her! Seine für solchen Frage zuständigen Gewährsleute von der NKWD teilten ihm mit, daß Babel leider kurz zuvor in einem Moskauer Gefängnis erschossen worden war.

Ich weiß nicht, was wir mit einem Vorschlag wie dem von Gorki angefangen hätten. Ich bin nicht einmal sicher, ob ein Schriftsteller „unter die Menschen gehen muss“, um ein guter Schriftsteller zu werden.  Manch einem ist die Erfahrung seines Ehelebens genug, um einen verstörenden Roman zu schreiben. Mir dagegen erschien es richtig, ja unvermeidlich, mich in den Tumult zu stürzen, der damals in den Strassen Berlins seinen Anfang nahm. Es war nicht gerade Budjonnys Reiterarmee, die ich dort traf, aber eine Aufregung und Erfahrung neuer Art war es doch. Und wo blieb mein Wunsch, Schriftsteller zu werden? Ich muss Sie leider an dieser Stelle kurz in eine Literaturdebatte verwickeln, die damals Wellen schlug. Aus der wilden, noch ungerichteten Experimentierfreude zu Anfang der sechziger Jahre, die alles erlaubte, nur nicht das Gewohnte,  entwickelten sich im Lauf der politischen Radikalisierung zwei Schulen, ja man kann sagen, zwei Glaubensrichtungen oder Kunstreligionen, die sich immer unversöhnlicher gegenüberstanden. Auf der einen Seite Sartre und seine litterature engagée. Basierend auf einem Essai, der unter dem Titel Was ist Literatur bereits 1947 erschienen war. Auf der anderen Seite die Anhänger der l’art pour l’art, in der deutschen Variante einer „reinen Literatur“, deren Gegenstand die Sprache selber ist. Die Wiederauferstehung eines alten Streits. Wie ohnehin jeder programmatische Aufbruch in der Kunst und Literatur auf die Wiederaufnahme längst geführter Debatten hinausläuft. Die jeweiligen Protagonisten können sich den Lorbeerkranz des Pioniers und kühnen Neuerer nur um den Preis historischer Ignoranz aufsetzen. Denn die sogenannte engagierte Literatur meldete bereits in den Debatten des deutschen Vormärz ihren Anspruch an, bereits Heinrich Heine hat sie sanft bespöttelt. Die Anhänger einer litterature pure oder reinen Literatur wiederum, die die Sprache zum eigentlichen Gegenstand der Literatur erklären und Schriftstellern, die sich auf die Wirklichkeit beziehen, sie gar abbilden, zu Stümpern erklären und sie am liebsten aus der Literatur ausbürgern möchten, haben sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zu Wort gemeldet. Insofern war Peter Handkes Aufstand gegen die „Beschreibungsimpotenz“ der gruppe 47 nichts Neues und noch dazu mißverständlich formuliert. Denn er klagte ja nicht etwa eine Impotenz des Beschreibens an –er wollte sagen, daß das Beschreiben der Wirklichkeit literarische Impotenz verriet. Im Nachhinein erscheint es als absurd,  dass sich der programmatische Streit über die Aufgaben der Literatur derart zuspitzte, daß die einen die anderen aus dem Haus der Literatur vertreiben wollten und ihnen absprachen, überhaupt Schriftsteller zu sein. Wer die Schmutzspuren der gesellschaftlichen Wirklichkeit und der Politik aus der Literatur fernhalten möchte, müßte sich entschließen, ganze Erdteile vom Planeten der Literatur abzutrennen. Von den Territorien, die von Georg Büchner bis Bert Brecht kultiviert wurden, bliebe nicht viel übrig. Wer andererseits die Provokationen der Dadaisten und der Surrealisten, die Erzählexperimente des Nouveau Roman, die Spracherkundungen von Helmut Heissenbüttel, Franz Mon, Eugen Gomringer und des frühen Peter Handke zu Abirrungen vom rechten Weg erklärt, kann sich dabei nur auf Ideologie berufen.

Ich habe diesen Streit für mich damals so entschieden, daß ich die scheinbar radikalste Position einnahm. Radikal zu sein, war damals ein Wert in sich, wer radikal war, nahm für sich in Anspruch, „das Übel an der Wurzel zu packen“ und über einen privilegierten Zugang zur Wahrheit zu verfügen. Nur: Was war das Übel und was seine Wurzel? In einem Manifest, das ich „Rede an die deutschen Leser und ihre Schriftsteller“ nannte, warf ich sowohl den politisch engagierten wie den Priestern der reinen Literatur den Fehdehandschuh hin. Rede an….Es war alles in allem eine Aufforderung an die deutschen Leser und ihre Schriftsteller, Politik statt Kunst zu machen. Erst müsse die Wirklichkeit verändert werden, bevor eine neue, emanzipatorische Kunst und Literatur möglich werde. Das Versprechen ähnelt fatal allen anderen falschen Erst- dann-Versprechen: erst kommt die Revolution, dann die Freiheit, erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen, erst kommt das Fressen, dann die Moral etc. Meine Rede war gleichzeitig der literarische Selbstmord eines jungen Mannes, der sich vorgenommen hatte, Schriftsteller zu werden.

Festhalten möchte ich hier aber doch einen Gedanken meines Manifests:  den Zweifel an der Illusion, dass sich die gesellschaftliche Wirklichkeit durch Literatur direkt verändern lasse.  Frühere Beschäftigungen mit den Wirkungsmöglichkeiten engagierter Literatur am Beispiel Lu Hsün, Bert Brecht und Maxim Gorki hatten mich zu der Überzeugung gebracht,  dass man mit Literatur zwar das Bewußtsein, aber nie unmittelbar die gesellschaftliche Wirklichkeit verändern könne. Wer sich letzteres vorsetzt, ist gehalten, das Terrain der Literatur zu verlassen und in erster Person politisch tätig werden.  Genau diese Konsequenz habe ich damals gezogen.  Dabei  hatte mir nicht zuletzt die bis heute unterschätzte Kunstfeindlichkeit der Bewegung „geholfen“.

(Exkurs:  Die Ausmistung schöner  Literatur aus den Bücherschränken der Genossen zugunsten der blauen Bände.  Meine private pornographische Sammlung: Chopin und Büchner.  Enzensberger und sein Manifest „Gemeinplätze, die neueste Literatur betreffend“.  „Für literarische Kunstwerke läßt sich eine wesentliche gesellschaftliche Funktion in unserer Lage nicht angeben“.  Das Risiko des Schreibens: daß literarische Werke „unabhängig von ihrem Scheitern und Gelingen nutz- und aussichtslos sind. Wer Literatur als Kunst macht, ist damit nicht widerlegt, er kann aber auch nicht gerechtfertigt werden“. Enzensbergers Caveat. Aber wer von uns Jüngeren, noch nicht Etablierten wollte sich mit einem so nutzlosen Unterfangen abgeben?)

Wie ich dann, Jahre später, zu mir und meinem Wunsch zurückfand und welche Abenteuer dabei zu bestehen waren – das erfahren Sie morgen.    

Diesen Vortrag habe ich am 3.12.2008 im Rahmen der "Göttinger Poetikdozentur" gehalten.   


 

                                                            Das häßliche Italien

Der Satz „Wir sind in einer Krise“ wird im Italienischen in aller Regel ohne den bestimmten oder unbestimmten Artikel zelebriert. „Siamo in crisi!“ antworteten die italienischen Gesprächspartner fröhlich, wann immer sie der Besucher nach dem Gang der Dinge in Italien fragte. Es war eine Auskunft, die einen eher angenehmen Dauerzustand zu beschreiben schien und wie die Sonne, das Meer und das gute Essen zu den unveränderlichen Merkmalen Italiens gehörte. Sodaß man sich manchmal fragte, welches Wort die Italiener eigentlich benutzen würden, wenn sie einmal wirklich in einer Krise steckten. Italien – das war der Turm von Pisa, der in gefährlicher Schieflage stand, aber niemals fiel.

Auf einmal ist es anders. Plötzlich hat das allbekannte italienische Krisengerede einen schrillen Klang. „Es stimmt ja“, erklärt die italienische Schriftstellerin Rosetta Loy, „Wir waren immer ‚in crisi’. Aber früher hatten wir noch die Hoffnung, daß unsere Krisen – etwa die Korruptionsskandale Anfang der neunziger Jahre und die Selbstauflösung  der Democrazia Christiana - zu einer echten Reinigung führen würden. Oder daß sich der Niedergang der aus der Krise hervorgegangenen, noch korrupteren Regierung Silvio Berlusconi in etwas Besseres auflösen würde. Inzwischen glauben wir nur noch daran, daß nach der Krise etwas noch Schlimmeres kommt.“

Tatsächlich scheint ein Punkt erreicht zu sein, da das übliche italienische Verkehrs-Chaos, die gewohnte Handlungsunfähigkeit der Politiker, die bekannte Ineffizienz der Bürokratie einen neuen Aggregatzustand erreicht haben.

Ein Beispiel für die neue Qualität der Krise ist seit Weihnachten 2007 in Neapel zu besichtigen. Seit dem Frühling türmen sich in der Stadt zigtausende von Tonnen Müll – dies, obwohl die Bürger von Neapel für die Beseitigung ihres Mülls ein Drittel mehr bezahlen müssen als im reichen Mailand. Das Mülldesaster in Neapel hatte bereits in den neunziger Jahren seinen Anfang genommen, als die Bosse der Camorra entdeckten, daß sich der Müll, „richtig behandelt“, in Gold verwandeln liess. „Dotto (Doktor)“, sprach der geständige Camorra Boss Nuncio Perrella dem Richter Franco Roberti 1992 aufs Band, „ich mache nicht mehr Drogen. Ich betreibe ein anderes Geschäft. Es bringt mehr Geld und ist weniger riskant. Das Geschäft heißt: Müll!“ Die seit Jahren schwelende Müllkrise in Neapel wurde seit dem Sommer 2007 dadurch verschärft, daß ein paar tapfere Richter mehrere von der Camorra kontrollierte Müllanlagen geschlossen hatten. Prompt entstand ein klassischer italienischer Circulus viziosus: Die Verfolgung und Bestrafung eines Übels gebiert unweigerlich noch viel größere Übel. Der Müll blieb liegen. Verzweifelte Anwohner setzten den seit Wochen unabgeholten Müll vor ihren Haustüren in Brand und setzten damit giftige Dämpfe frei. Die Commune, ebenfalls verzweifelt, schickte die Polizei und die Feuerwehr und versuchte neue (und auch alte, zuvor geschlossene) Müll-Deponien und -Verbrennungsanlagen in Neapel und in der Nachbarschaft zu öffnen. Und nun der Irrwitz: Bürger, die offenbar jedes Vertrauen in die Obrigkeit verloren haben, verteidigen ihre brennenden Müllberge gegen die lokalen Ordnungskräfte und inzwischen auch gegen die italienische Armee, die ausgeschickt worden ist, um den Notstand zu beseitigen. Wie so oft in Neapel ist das Problem ebenso kompliziert wie heillos. Die Anwohner verweisen darauf, daß im Umkreis der bisherigen Anlagen Fälle von Bauchspeicheldrüsenkrebs, Lungenkrebs, Leberkrebs meßbar (um 12 bis 24 Prozent gegenüber dem nationalen Mittel) gestiegen sind. Unter den protestierenden Bürgern finden sich aber auch viele Leute, die ihre von der Camorra bezahlten Arbeitsplätze bei der illegalen Müllbeseitigung verteidigen. Die lachenden Dritten bei diesem Zweikampf sind die Camorra-Bosse, die von ihnen geschmierten Kommunalpolitiker und die Ratten, deren Zahl sich in letzter Zeit angeblich verfünffacht hat: auf jeden Neapolitaner sollen inzwischen 25 Ratten kommen. Nebenher gab es noch ein anderes Gelächter. Ganz Italien schüttelt den Kopf darüber, daß ausgerechnet in Neapel ein Rauchverbot in den Parkanlagen eingeführt worden ist.

Am 7. Dezember 2007 kam das sogenannte Censis heraus, ein jährlicher, (von verschiedenen Umfrageinstituten und Zeitungen durchgeführter)  Zustandsbericht über die Italiener und den Staat. Der Bericht zeigt, daß das Vertrauen der Bürger in den Staat und in die staatlichen Institutionen auf einen nie gemessenen Tiefpunkt abgesunken ist. An der untersten Stelle des Vertrauens der Italiener steht das Parlament (7,8 %) es folgen die Gewerkschaften (24,1%), der Staat (29,6%), und die Justiz (36,2 %). An der Spitze des Vertrauens stehen der Präsident (56,0%) und die Ordnungskräfte (72,7%). Womöglich noch alarmierender sind die Befunde über das Vertrauen in die Demokratie: Zwar halten immer noch 68 Prozent der Italiener die Demokratie für die beste Regierungsform. Aber einer von drei Befragten gibt an, daß er unter bestimmten Umständen ein autoritäres Regime der Demokratie vorziehen würde. Und vierzig Prozent sind der Meinung, daß die Demokratie auch ohne Parteien funktionieren würde. Gefragt nach dem Politiker, dem sie das meiste Vertrauen schenken, gibt jeder zweite Italiener den Kabarettisten Beppe Grillo an. Und diese Antwort ist keineswegs als Witz gemeint. Die Führer der großen Parteien – Berlusconi, Veltroni, Fini – landen bei Werten unter 30% - weit hinter Beppe Grillo.

Beppe Grillo hat vor vier Jahren eine Internet-Bewegung gegründet mit dem expliziten Ziel, die Parteien in Italien zu zerschlagen. „Wenn die Italiener mehr Vertrauen zu mir haben als zu den großen Parteibossen“, kommentiert Grillo das Umfrageergebnis, „dann wird mir wirklich Angst um Italien, Himmelangst!“ 50 000 Italiener waren seinem Aufruf zu einem Tag des Zorns in Bologna gefolgt und hatten mit dem gestreckten Mittelfinger der politischen Kaste nachgerufen: „Va fa in culo“ (Ab mit euch in den Arsch!) – ein Ausruf, den die New York Times diskret mit: „Take a hike!“ (Mach, daß du fortkommst!) übersetzte. Auf die Frage, ob es ihm nichts ausmache, die Sprache der italienischen Fußball-Hooligans in die Politik einzuführen, sagte Grillo: „Es war nicht wirklich ordinär. Es kam einfach von Herzen!“ Beppe Grillos Website wird 100 000 mal am Tag angeklickt und ist die bei weitem populärste Website in Italien, in der Welt steht sie auf Platz 8.

 „Wir stehen in Italien“, meint der Essayist und Herausgeber der Zeitschrift Micromega Paolo Flores D’Arcais, „nicht etwa vor einer Revolution, sondern vor dem Kollaps.“

Aber wie ist es zu dieser in West-Europa wohl einzigartigen Staatsverdrossenheit gekommen, die fast an die Staatsverachtung in den ehemaligen kommunistischen Staaten denken läßt? Es gab in Italien keine Flutkatastrophe wie in New Orleans, keinen Tsunami wie in Indonesien und – jedenfalls in letzter Zeit - kein verheerendes Erdbeben. Und dennoch ist es, als hätte das Gefühl der Verlassenheit der Erdbebenopfer von Friaul und Neapel, die trotz millionenschwerer Spenden aus Italien und der ganzen Welt noch Jahre später in Notbehausungen und Wellblechhütten leben mußten, mit dreißigjähriger Verzögerung auf ganz Italien übergegriffen. Es ist keine Naturkatastrophe, kein einmaliges Ereignis, sondern eine unendliche Akkumulation von kleinen und alltäglichen Erfahrungen der Ohnmacht und Willkür, die das Faß hat überlaufen lassen: Die Wut darüber, daß jemand, der keine Beziehungen hat, auf eine dringend nötige Röntgenaufnahme ein halbes Jahr warten muß. Oder darüber, daß eine Commune die Gehälter ihrer Angestellten erst drei oder sechs Monate nach Fälligkeit bezahlt. Oder darüber, daß ein Bankangestellter eine halbe Stunde lang mit seinem Neffen vor dem Schalter redet und danach den Schalter schließt, während die zehn anderen Kunden hinter ihm, die keinen Neffen in der Bank haben, sich die Beine in den Bauch stehen. Kein Zweifel: Solche Ausnahme-Erfahrungen kann man überall in Europa machen. Nur daß in Italien die Ausnahme zur Regel geworden ist.

Die Spirale zwischen staatlichem Versagen, ohnmächtiger Bürgerwut, zu späten und halbherzigen Korrekturen, die nicht greifen können, weil die Bürger nicht das mindeste Vertrauen in die Institutionen haben, läßt sich nicht nur in Neapel beobachten. Viele Bürger davon aus, daß der Staat sich an den Steuern nur bereichere und gar keine oder eine vergleichsweise geringe Gegenleistung liefere. Tatsächlich gibt die Statistik diesem weit verbreiteten Mißtrauen nicht gerade unrecht. Die staatlichen Steuereinnahmen in Italien lagen 2007 bei 456,3 Milliarden Euro. In Deutschland mit einer um rund ein Drittel höheren Zahl von steuerpflichtigen Bürgern betrugen die Steuereinnahmen im selben Jahr 539 Milliarden Euro.
Warum sollen sie, fragen sich viele Italiener, einem Staat Steuern zahlen, dessen Investitionen in die Infrastruktur, in Forschung und Entwicklung, in das Gesundheits- und Verkehrswesen auf den untersten Plätzen West-Europas liegen? Einem Staat, der seinen Abgeordneten zwischen 11.000 - 12.000 Euro monatlich (in Deutschland ca. 7009 Euro ohne Aufwandsenschädigung) und seinen Europa-Abgeordneten Bezüge gewährt, die um ein gutes Drittel höher liegen als die Bezüge aller anderen Europa-Abgeordneten? Was machen die italienischen Staatsdiener eigentlich so viel besser als ihre europäischen Kollegen? Viele italienische Steuerbürger tun, was sie können, um sich um ihre Steuerpflichten herumzudrücken – und sie tun es mit bestem Gewissen. (In Lazio und Campania und im italienischen Süden ist es ist es trotz aller neuen und ingeniösen Maßnahmen gegen Steuerhinterziehung nahezu unmöglich, für die Zahlungen an eine Baufirma oder an einen Handwerker eine gültige Steuer-Quittung zu erhalten. Wer darauf besteht und nicht bar bezahlen will, wird vom Rechnungsteller durch einen utopischen Preis von seinem Vorhaben abgehalten. Im Zweifelsfall erklärt er dem Klienten, daß er verhungere, wenn er seine Steuern bezahlen würde und hat damit nicht einmal unrecht) Die Folge ist, daß viele Communen in Italiens Süden immer unfähiger werden, ihren öffentlichen Aufgaben nachzukommen – selbst wenn sie darin nicht zusätzlich durch die Korruption oder Unfähigkeit ihrer Beamten behindert sind.

Ähnlich verhält es sich mit einem anderen Usus – dem sogenannten „clientelismo“, zu deutsch „Vetternwirtschaft“. Viele Italiener sind davon überzeugt,  daß ein öffentliches Amt oder ein guter Job nur durch eine „Empfehlung“, kurz durch Kungelei zu bekommen ist – und können sich auf unzählige, durch die oral history tradierte Erfahrungen berufen. Natürlich gibt es über diesen Usus keine offiziellen Zahlen. Einer Schätzung zufolge soll mindestens jeder zweite Journalist in der RAI auf diese Weise zu seinem Job gekommen sein. Für die besseren Posten an der Universität, in der Verwaltung, ja praktisch in jeder öffentlichen oder halböffentlichen Institution wird ein ähnlicher Schlüssel angenommen. Gleichgültig, ob die Schätzung über-oder untertrieben ist – die feste Überzeugung der Italiener, daß es bei der Auswahl eines Bewerbers nicht auf seine Tüchtigkeit sondern auf seine Beziehungen ankommt, hat einen korrumpierenden Effekt. Eine Gesellschaft, die nicht die Besten, sondern die Leute mit den besten Beziehungen promoviert, verrät ihre Talente und damit ihre Zukunft. Zumindest sollte sie darauf achten, daß die Leute mit den besten Beziehungen auch ein paar Fähigkeiten aufweisen.

Vor ein paar Jahren fragte ich einen mir bekannten Architekten in Lazio, einen ehemaligen 68er, der in seiner Commune inzwischen mit Begeisterung die Berlusconi-Partei „Forza Italia“ vertrat, was sich speziell für ihn und seine Zunft durch den Sieg seiner Partei verändert habe. Er war um eine Antwort nicht verlegen. Die Regierung Berlusconi habe das Land radikal entbürokratisiert, behauptete er. Früher habe er zwei oder drei Jahre warten müssen, bis ein von ihm eingereichtes Projekt von der Kommune bearbeitet und genehmigt wurde. Inzwischen dauere derselbe Prozeß drei Wochen. Ob andere Kollegen, die sich etwa an die linke PDS oder an gar keiner Partei gebunden hätten, in den Genuß derselben Beschleunigung gekommen wären, fragte ich. Das wisse er nicht, erwiderte er fröhlich. Warum er sich überhaupt um so eine Frage kümmern solle!

Nachweisbar beschränkt sich das System des  „clientelismo“ und der „favori“ (der Gefälligkeiten) nicht auf die Mitte/Rechts-Parteien. Neapel und die meisten Communen der Campania werden seit Jahrzehnten von Mitte/Links-Koalitionen regiert. Der Autor Roberto Saviano hat (Repubblica vom 6. 1. 2008) erst kürzlich darauf hingewiesen, daß etwa die Müllunternehmer Orsi, gegen die die Staatsanwälte der Anti-Mafia-Behörde von Neapel ermitteln, sich längst von ihren ehemaligen politischen Freunden von der Rechten abgewandt haben und die Mitte/Links-Koalition unterstützen. Es sind solche und tausend ähnliche lokale Nachrichten und Erfahrungen, die die Bürger Italiens zu dem Schluß geführt haben, daß es zwischen den großen Parteien Italiens keine nennenswerten Unterschiede gibt. Der Berlusconi-Freund und Herausgeber der Zeitung „Il Foglio“, Guiliano Ferrara, antwortet auf die Klagen über die Korruption in Italien mit einer zynischen, aber zeitgemäßen Überlebensformel: „Politiker sind dann vertrauenswürdig, wenn sie gleichermaßen erpreßbar sind.“

Der verunsicherte Bürger sucht sich Ersatz-Ziele für seine Agressionen. (Nora Brezger – Bucsa, eine 26jährige deutsche Studentin, studiert in Rom und ist mit dem Rumänen Marian Bucsa verheiratet. Bis zum Herbst 2007, erzählt sie, standen die Albaner und die Afrikaner auf der untersten Stufe der Beliebtheitsskala. Dann geschah, am  30. 10. 2007 ein Mord, der die Stufenleiter umkehrte. In Tor de Quinto, einem Außenbezirk von Rom, wurde Giovanna Reggiani, Frau eines Kapitäns der Marine,  von einem 24jährigen Rumänen vergewaltigt, danach erschlagen und in einen Strassengraben geworfen. Der Mörder war von einer Rumänin des Rumänenlagers in Tor de Quinto angezeigt worden. Das Lager wurde von der Stadt gleich nach dem Mord eingeebnet. Am Rand der vom Fernsehen übertragenen Beerdigung wurden in Interviews Rachesprüche laut wie: „Ihr Rumänen werdet mit eurem Zigeunerblut bezahlen“ und „Auschwitz für Rumänen“. Seit damals, berichtet Nora Brezger, habe ihr Mann nur noch aus Rom weggewollt. Er war vor sieben Jahren aus einem kleinen Ort 100 km südwestlich von Bukarest mit einem gültigen Visum – für das er 1300 Dollar bezahlt hatte – nach Rom gekommen. Als Hilfskoch hatte er sich daran gewöhnt, daß er von seinen Kollegen statt mit seinem Namen als „Scheißrumäne“ angesprochen wurde oder bei den Bildern von der Flutkatastrophe in Rumänien Sprüche hörte wie: „Nicht so schlimm! Dann sind es weniger!“ Aber nach dem Mord an Giovanna Reggiani wurde aus den Sprüchen offene Feindschaft. In der U-Bahn wurde er von Sicherheitsleuten arretiert; eine Gruppe von Chinesen, die in seiner Nähe stand, wurde aufgefordert, nachzuprüfen, ob etwas fehle. Der Fahrer eines von ihm benutzten Taxis gab der Polizei durch, daß er einen Kriminellen im Wagen habe. Marian wurde auf die Wache gebracht und gefilzt, sein Kopf wurde unter Wasser gedrückt. Anschließend wurde er wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt angezeigt. Als Nora Brezger vom  Bus aus ihren Mann anrief und rumänisch sprach, erregten sich zwei ältere Passagiere: Al fuoco tutti! (Ins Feuer mit denen!) Immerhin hätten sich andere Passagiere über diese Äußerung empört. Aber auch ihre wohlmeinenden italienischen Bekannten würden sie nach der Auskunft, daß sie mit einem Rumänen verheiratet sei, mitfühlend ansehen und fragen: „Aber warum denn!“ Erst die Aufregung um den Tod des Lazio-Fans Gabriele Sandri habe den Rumänen eine Atempause verschafft. )

Nicht nur in Rom, auch im italienischen Norden, im Veneto, wächst die Fremden-Angst und die Wut auf die Fremden. „Bürger, wandert aus!“ war im Dezember in einer Leuchtschrift des Städtchens Montegrotto Terme zu lesen. „Als Emigranten in einer anderen Nation werdet ihr besser leben denn als Bürger in eurem eigenen Land!“ In vierzig Dörfern des Veneto von Verona bis nach Treviso sind ähnlich bizarre Kriegserklärungen gegen die eindringende Flut aus dem östlichen Europa zu verzeichnen. Dabei ist die Zahl der Immigranten in vielen Communen im Veneto kaum höher als in den Ländern der ehemaligen DDR: In Chioggia etwa, das sich den xenophoben Initiativen anschloß, liegt die Zahl der Ausländer knapp unter zwei Prozent. Die Commune Arzignano dagegen, die mit 18,6 Prozent Immigranten zurechtkommen muß, verweigert sich unter ihrem Bürgermeister Stefano Fracasso den populären Alarmrufen und setzt auf eine zivile „convivenza“.

Offenbar ist die Globalisierung in Italien viel später angekommen als in den anderen Ländern West-Europas und vollzieht sich jetzt in einem ungleich höherem Tempo. Die italienische Caritas verzeichnet 3, 7 Millionen reguläre Ausländer (6,2% der Bevölkerung) in Italien, die größte Gruppe unter ihnen sind Rumänen. Aber im Jahre 2007 ist der Anteil der Ausländer in Italien um 21,6 % gestiegen, rund viermal so schnell wie in der Europäischen Union.

„Wir Italiener sind keine Rassisten“, versichert mir Beppe Grillo, „wir sind lediglich verzweifelt“!

Neu an diesen Ausbrüchen von Zorn und Verzweiflung ist die Abwesenheit der Parteien bzw. eines eindeutigen Adressaten. Oder wie es  der Kommentator Ilvo Diamanti in seinem Resümee der Censis-Umfrage sagt: Es handele sich nicht um ein konstruktives, sondern um ein destruktives Mißtrauensvotum– um ein Mißtrauen ohne Hoffnung, ohne Zukunft, ohne eine positive Leidenschaft. Er hätte statt „Mißtrauen“ auch das Wort „Wut“ wählen können. Italien, ein Land, das wohl mehr zur Weltkultur beigetragen hat als jedes andere, zeigt in einigen seiner Regionen bereits das Gesicht eines „failing state.“

Als er vor zwei Jahren nach langer Haft zum ersten Mal aus dem Gefängnis in Pisa herauskam - Adriano Sofri, einer der Gründer von Lotta Continua, war durch die Aussage eines einzigen Zeugen, seines einstigen Mitstreiters Leonardo Marino nach einem zehnjährigen Justizmarathon als Anstifter des Mordes an dem Kriminalkommissar Luigi Calabresi zu 22 Jahren verurteilt worden - habe er eine „physiognomische Veränderung“ in den Gesichtern der Italiener wahrgenommen: „Die Gesichter waren plötzlich rot vor Zorn. Keine Spur mehr von Heiterkeit und „leggerezza“. Das Licht – die Sonne Italiens – war aus den Gesichtern und Bewegungen verschwunden. Das Land hatte sich gespalten, und jeder war plötzlich gegen jeden, bzw. gegen die jeweils andere Hälfte des politischen Lagers.“

Am 11.  November 2007, an einem Sonntag vormittag, kam es vor einer Autobahn- Raststätte an der A1 in der Nähe von Arezzo zu einer der üblichen Schlägereien zwischen den Tifosi (Fans) des Fußballclubs Juve (Turin) und Lazio (Rom). Eine zufällig auf der Gegenfahrbahn vorbeikommende Polizeistreife hielt an und vertrieb die Schläger mit ihrer Sirene. Die Tifosi stürzten zu ihren Autos und versuchten rasch wegzufahren. Der Polizist Luigi S. überquerte die Autobahn zu Fuss, um die Nummern der Fahrzeuge erkennen zu können, und schoß auf das anfahrende Auto der Lazio-Fans. Er  traf den auf der Hinterbank sitzenden Gabriele Sandri, 28, in den Kopf. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter Zehntausenden von Fans, die an diesem Sonntag im ganzen Land zu Erst-Liga-Spielen unterwegs waren. In einem historischen Schulterschluß verbündeten sich sonst verfeindete tifosi gegen die Polizei nach dem Motto: „Gegeneinander im Stadion, gemeinsam auf der Strasse!“ In Bergamo erzwangen ‚Milan’ – und ‚Atalanta’ -Anhänger gemeinsam einen Spielabbruch, indem sie die Absperrungen zum Spielfeld niederrissen. In Florenz einigten sich die Fans der gegnerischen Mannschaften auf den Ruf „Mörder“ gegen die Ordnungskräfte. Nur die Partie ‚Inter’ gegen ‚Lazio’ wurde abgesagt. Noch in derselben Nacht griffen die sonst tief verfeindeten AS-Roma’-und ‚Lazio’- Ultras zwei Polizeistationen mit Flaschen und Knüppeln an, versperrten eine Brücke über den Tiber mit angezündeten Mülltonnen, zogen mit Latten, Stahlrohren und Steinen bewaffnet durch die umliegenden Viertel und stürmten den Sitz des Olympischen Komitees.

„Seit jeher sind die italienischen „tifosi“, erklärte Massimo Giacomini, der Präsident des Jugendverbands der italienischen Fußball-Conföderation (FIGC), „von den Parteien gelenkt worden“. Inzwischen werden sie, so ergänzte ein altgedienter Fan von Lazio Rom einen Abend später „von links- oder rechtsextremen Splittergruppen und deren Sponsoren finanziert. In Bergamo stehen sie mit Mao-und Stalinbildern in der Kurve, in Rom feiern sie mit dem gestreckten Arm Mussolini und Arkan“ (den sogenannten ‚Schlächter von Bosnien’)! Neu seien eigentlich nur die vielen Waffen: die Ketten, Messer und Pistolen.)

Vielleicht muß sich Italien und die Welt daran gewöhnen, daß nicht mehr Michelangelo, Leonardo da Vinci, Verdi und Puccini die bestimmenden Wahrzeichen Italiens sind, sondern die Fußballkultur, die Korruption und der Populismus, die mit Silvio Berlusconi an die Macht gekommen sind.

Bekanntlich hatte der ehemalige ambulante Sänger und Schnürsenkelverkäufer die von ihm neu gegründete Partei 1993 mit dem Fußballslogan „Forza Italia“ aus der Taufe gehoben. In wenigen Monaten war die neue Partei mit ihrem unbestrittenen Führer Silvio Berlusconi aus dem Nichts zur stärksten Partei Italiens geworden – ein einmaliger Vorgang in der jüngeren Geschichte Westeuropas. Berlusconi, der seinerseits auf bis heute unbekannten Wegen aus dem Nichts zu einem der reichsten Männer der Welt (Nr. 51 in der Forbes-Liste) aufstieg, wurde Präsident und Besitzer des Fußballclubs AC Milano, den er zu zahlreichen Siegen führte. Von diesem Hochsitz aus kommerzialisierte er den italienischen Fußball und setzte das Prinzip durch, das seither gilt: Sieg und (geschäftlicher) Gewinn um jeden Preis, nieder mit den Regeln, die dem Geschäft im Wege stehen! Neben „tangentopoli“, den weltweit bekannten Bestechungsskandalen, die Anfang der neunziger Jahre aufgedeckt wurden, erklärt Corrado Zunino vom Sport-Ressort der „Repubblica“, gab und gibt es „calciopoli“ – die Korruption des italienischen Fußballs. Alte und bewährte Regeln, die die Kommerzialisierung des Fußballs behinderten, wurden abgeändert oder abgeschafft. (Normalerweise wurde etwa ein des Doping überführter Fußballer für zwei Jahre lang gesperrt. Als die Doping-Kontrollen auch die teuren Serien A und B erreichten, wurden die Strafen herabgesetzt. Es wurde eine Sperre von höchstens einem halben Jahr eingeführt. Auch die Steuerpflichten für die Fußballclubs wurden spürbar erleichtert. Die Regierung Berlusconi sorgte dafür, daß hintan gehaltene Steuerabgaben für die Spieler durch eine Ausnahmeregelung namens „spalma debiti“ auf zehn Jahre gestreckt werden konnten. Ähnliche Erleichterungen griffen dann im Jahre 2007 beim Jahrhundert-Skandal um die gekauften Spiele: Iuventus Turin wurde nach einer Intervention der Regierung vom zuständigen Richter statt auf die Serie C nur auf die Serie B herabgestuft. Einer Fußballnation, die die Weltmeisterschaft gewonnen hatte, sagte ein Minister, sei es nicht zuzumuten, ihre besten Spieler in der Serie C zu sehen.) Der Fußball, so Zunino, habe im Parlament eine mächtige Lobby. Nicht umsonst spreche man in Italien von den „deputati tifosi“ – den „Hooligan-Abgeordneten“. Vor Berlusconi sei der italienische Fußball eher ein Familienvergnügen am Wochenende gewesen; mit und nach Berlusconi ein Milliarden-Geschäft und ein mächtiges Propaganda-Instrument. Das Prinzip Berlusconi hat sich inzwischen auch bei den fußballbegeisterten Jugendlichen und ihren Eltern durchgesetzt. Es gibt 6800 Fußballschulen in Italien. Von den etwa 700 000 Schülern zwischen 8 und 16 Jahren haben kaum mehr als 100 die Chance, sich für die  Serie A zu qualifizieren. Dennoch zahlen arme Eltern 800 bis 1000 Euro pro Saison für ihre Kinder, begleiten sie auf die staubigen Plätze in den Vororten, auf denen die Qualifikationsspiele ausgetragen werden, stacheln sie mit ihren Rufen zu jedem Foul an und beschimpfen die halbwüchsigen Schiedsrichter, die die Spiele pfeifen. „Das Problem sind die Eltern“, sagt der Präsident des Jugendverbands des Italienischen Fußballs (FIGC) Massimo Giacomini, „unfreiwillig behandeln sie das eigene Kind als eine ökonomische Ressource und schaffen eine Situation der Spannung. Oft müssen wir uns um jugendliche Ausreißer kümmern, die die Pressionen ihrer Eltern nicht ertragen.“

In der Sphäre der Politik bedeutet das Prinzip Berlusconi, auf die Akklamation im Stadion, politisch gesprochen, auf den Populismus zu setzen und die Kontrollmechanismen der Demokratie so weit wie möglich außer Kraft zu setzen: an vorderster Stelle die Justiz und die Medien. Auf  beiden Schlachtfeldern ist Berlusconi überaus erfolgreich gewesen. Als Regierungschef kontrollierte er neben seinen eigenen vier Privatsendern auch die öffentlich-rechtlichen Programme der RAI und damit über 80 Prozent der Fernsehsender Italiens. Die Vulgarisierung und der Machismo der Fernsehmedien in Italien - die Halbnackedeis, die in den Unterhaltungssendungen von Berlusconis Privatsendern und inzwischen auch in den öffentlich-rechtlichen Medien zur besten Sendezeit herumspringen - sind in Westeuropa ohne Beispiel. Inzwischen, sagt Nora Brezger, will jede vierte oder fünfte junge Italienerin eine „Bellina“ in einer dieser Fernseh-Shows werden und zur Vorbereitung in eine der entsprechenden Schulen gehen.

Auch Berlusconis Rachefeldzug gegen die „rote Armee“ der Richter war von Erfolg gekrönt.  Durch Gesetze ad personam, die nicht nur die Verfolgung der zahllosen, ihm persönlich angelasteten Korruptionsfälle, sondern auch die Verfolgung der Korruption insgesamt behindern, hat er der Justiz die Hände gebunden.

Berlusconi hat den italienischen Fußball kommerzialisiert und die italienische Republik verbußballert und in einen Fußballclub verwandelt. Erstaunlich bleibt, daß die Europäische Union dieser erstaunlichen Mutation eines ihrer Gründerstaaten praktisch kommentarlos zugesehen hat.

Der Gemeinsinn ist nie eine Stärke der Italiener gewesen; Berlusconi hat durch sein Beispiel und seine Politik zu einer bisher nicht gekannten Entfesselung des Familien- und Clan-Egoismus beigetragen. Mit den Worten Adriano Sofris hat er den Italienern „die mediterrane Version des Liberalismus“ gebracht. „Hört auf, euch wegen irgendetwas zu schämen. Eure schlimmste Seite, eure Gemeinheit ist in Wahrheit das Schönste an euch!“

Die von zehn Parteien eher behinderte als gestützte Regierung Prodi hat bisher vergeblich versucht, Berlusconis Angriffe auf die Unabhängigkeit der Justiz und der Medien zu parieren. Über den Köpfen der Italiener fusionieren inzwischen die Parteien, geben sich neue Namen und arbeiten an der überfälligen Wahlrechtsreform, die wegen der Stimmenverhältnisse im Senat (die Regierung verfügt im Senat nur über eine Stimme Mehrheit) nur mit Berlusconis Zustimmung zustande kommen kann. Fast alle Intellektuellen und Politiker der Mitte/Links-Koalition, die ich sprach, hassen Beppe Grillo, aber zeigen sich merkwürdig unberührt von der Tatsache, daß zur Zeit keiner ihrer Führer an Grillos Popularität heranreicht. Das verächtliche Abtun des Phänomens Grillo durch das politische Establishment ist kein gutes Zeichen. Kein Zweifel, das Vertrauen, das Grillo einstweilen genießt, gründet sich auf seine Abstinenz von jeglicher Parteipolitik und auf die antipolitischen Sehnsüchte vieler Italiener. Es hat aber auch damit zu tun, daß Grillo schonungsloser als die Parteipolitiker die Defizite der italienischen Gesellschaft benannt (und dafür unkonventionelle Lösungen angeboten) hat: die Müllkrise, die Krise des Verkehrs- und Transportwesens, die Ineffizienz des Gesundheitswesens, die hohe Zahl der Arbeitsunfälle, die hohe Zahl rechtkräftig verurteilter Parlamentarier, die zunehmende Einmischung des Vatikans in das zivile Leben, das pandemische Gefühl, daß der Staat nicht den Bürgern, sondern sich selber dient.

Die Italiener leiden immer noch auf vergleichweise hohem Niveau: das Bruttosozialprodukt liegt zwar rund 1 % unter dem europäischen Durchschnitt, aber die Lombardei und das Veneto gehören zu den produktivsten Regionen Europas; mit Stolz verweist die italienische Regierung darauf, daß Italiens Export in die außereuropäischen Länder im ersten Halbjahr 2007 um 12 Prozent gewachsen ist und England und Spanien hinter sich gelassen hat. Auch kann das „bel paese“ immer noch auf die Flexibilität, das Improvisationstalent und das Genie seiner Bürger zählen –  auf ihren Schönheitssinn, ihre Lebenslust und ihre Gastfreundschaft. Als die mit Abstand wichtigste Ressource könnte sich der verletzte Stolz der Italiener und ihre Scham erweisen. In den tausend Briefen, die er täglich bekomme, berichtete Beppe Grillo, tauche immer wieder das Wort „Scham“ auf. „Ich schäme mich vor meinen Kindern, daß ich ihnen keine lebenswerte Zukunft bieten kann!“ Aus dieser Scham und diesem Stolz kann ein Desaster aber auch Neuanfang entstehen.

Die Frage, die Italien in der nächsten Zukunft zu beantworten hat, lautet: Wie kann ein Staat, der das Vertrauen seiner Bürger fast vollständig verloren hat, dieses Vertrauen zurückgewinnen? Ohne einen neuen Sturm der Reinigung wird sich dieses Wunder nicht vollbringen lassen.

                                   

Der Artikel erschien in einer gekürzten Fassung am 22.1 2008 in der "Zeit" und am 31. 1. 2008 in "Repubblica"


 

                                                      Genosse Großmaul

 

Der Vorname Oskar in Verbindung mit dem Namen Lafontaine ruft im deutschen Gemüt augenblicklich starke Assoziationen wach – und alle scheinen zu dem Namensträger irgendwie zu passen: „frech wie Oskar“, „Oskar aus der Mülltonne“ (Sesamstreet), „Oskar, der Blechtrommler“ – auch einen Oscar für das beste Drehbuch zu einem politischen Comeback möchte man dem Politiker aus dem Saarland zuerkennen. Die Spannweite meiner Assoziationen mit dem besagten Namen ist leider durch eine Bemerkung eingeschränkt, die einem befreundeten Journalisten entfuhr, als das Gespräch auf Oskar Lafontaine kam. „Hast Du Dir einmal seine Frisur angesehen“, fragte mein Freund, „diese dünnen, langen Strähnen, die er sich von der Schläfe quer über die Glatze kämmt?“ Ich hatte keine Mühe, das beschriebene Bild aufzurufen. „Männer, die nicht zu ihrer Glatze stehen“, fuhr mein Freund fort, „sind irgendwie nicht glaubwürdig, sie stehen nicht zu sich selbst, sie haben etwas zu verbergen!“ Bleibt nur hinzuzufügen, daß mein Freund dank eines mannhaften Kurzhaarschnitts nicht den mindesten Zweifel an seiner eigenen Glatze aufkommen ließ.

Nun kannte und kenne ich Leute, die sich wie Lafontaine frisieren und mir trotzdem Vertrauen einflößen. In den fünfziger Jahren war die Lafontaine-Frisur die Lieblings-Haartracht von Lehrern und Richtern, die Lafontaines Probleme hatten. Wenn man jemanden mit dieser Frisur sah, ordnete man ihn unwillkürlich dem Beamtenstand zu und machte sich keine weiteren Gedanken – man war jedenfalls nicht alarmiert. Woran liegt es dann, muß ich mich fragen lassen, daß ich sofort an Lafontaines quer gekämmte Haare und die Warnung meines Freundes denken muß, wenn ich Lafontaines Namen höre? Liegt es vielleicht daran, daß man in einem älteren Herrn mit dieser Frisur zwar einen Ruheständler mit einer stattlichen Pension vermuten kann, nicht aber einen Rebellen, einen Agitator, einen Rächer der Erniedrigten und Beleidigten? Kann man sich einen gealterten Che Guevara oder Rudi Dutschke mit Querfrisur vorstellen?

An dieser Stelle kommen wir dem Kern meiner Fixierung näher: Denn Lafontaine ist tatsächlich beides: Er ist ein Pensionär, der bereits als aktiver Ministerpräsident eine „Ruhegehalt“  aus einem anderen Amt bezog, bis ihn ein Landesrechnungshof zur Ordnung rief; gleichzeitig tut er sich auf den Marktplätzen der Republik als Volkstribun hervor, der gegen die Etablierten und den Kapitalismus wettert. Als aufstrebender saarländischer SPD-Politiker lehnte er Interviews in der Bildzeitung ab; nach seinem Rücktritt aus der Schröder/Fischer-Regierung diente er fünf Jahre der Bildzeitung als Kolumnist mit festem Monatsgehalt. Er schwärmt von der Solidarität „gegenüber allen Menschen“, was ihn jedoch nicht hindert, auf einer Kundgebung in Chemnitz von „Fremdarbeitern“ zu reden, die den Deutschen „zu niedrigen Löhnen die Arbeitsplätze wegnehmen“. Als Stratege der von ihm mitbegründeten Partei „Die Linke“ schwärmt er von Jean Jaques Rousseau und der Aufklärung, wird aber immer wieder von der NPD gelobt.

Oskar Lafontaine ist ein Unikum in der deutschen Politik. Nach einer steilen Karriere als Berufspolitiker, die ihn an die Spitze der Partei führte, wurde er im Herbst 1990 Kanzlerkandidat der SPD. Seine Kandidatur erwies sich als Katastrophe. Zum ersten Mal erfuhr er, daß er, der unbestrittene Darling der Partei, vom Volk nicht geliebt wurde. Zwar hatte er im Gegensatz zu Helmut Kohl korrekt vorgerechnet, was die Wiedervereinigung kosten würde. Aber statt den Wählern zu sagen, daß die Wiedervereinigung wert war, was sie kostete, stieß er sie mit seinen Ausfällen gegen die „nationale Besoffenheit“ vor den Kopf. Er trug seiner Partei das schlechteste Wahlergebnis seit über zwnazig Jahren ein und zog sich tief gekränkt auf seinen Ministerpräsidentensitz im Saarland zurück.

Nachträglich darf man anmerken, daß Lafontaine sich gegenüber Helmut Kohl mit seiner Lüge „von den blühenden Landschaften“ als ein Rechner ohne historischen Instinkt erwiesen hat. Denn bereits ein halbes Jahr später, nach dem Sturz von Gorbatschow,  wäre die „aus Kostengründen“ abgelehnte Wiedervereinigung nicht mehr möglich gewesen.

Fünf Jahre später wurde der gescheiterte Kanzlerkandidat abermals zum Bundesvorsitzenden der SPD gewählt. 1998 führte er seine Partei zusammen mit dem Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder an die Macht. Man sieht ihn noch vor sich, wie er in der Wahlnacht die Hand des neben ihm stehenden, vom Erfolg betäubten Gerhard Schröder in die Höhe reißt und festhält, als wolle er sagen: Damit ihr es wißt! Wir beide sind jetzt Kanzler!

Andere interpretierten die Geste spitzer: „Ich, Lafontaine, bin der wahre Kanzler!“

Tatsächlich wurde der Narziss aus dem Saarland zum einflußreichsten Minister der ersten rot-grünen Regierung. Er barst vor Energie, kritisierte die Zinspolitik der Bundesbank, erschreckte die internationale Finanzwelt mit seinen Vorschlägen, gerierte sich als Weltökonom. Und dann das Rätsel, der tiefe Fall oder der neue Höhenflug: Kaum fünf Monate nach seinem Amtsantritt verließ der Superminister sein Amtszimmer auf Nimmerwiedersehen und verschwand aus der Politik. Die später nachgereichten Gründe – unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten mit Gerhard Schröders Reformkurs, den er selber maßgeblich mitbestimmt hatte - überzeugten die Öffentlichkeit nicht. Es blühten die Legenden. War er erpressbar, hatte er eine Leiche im Keller? Wie später nach Zidanes rätselhaftem Ausrutscher schlossen die Klatschkolumnisten Wetten ab: Welchen fürchterlichen Satz, welche unerträgliche Kränkung hatte der niedersächsische Materassi dem Star aus Saarbrücken ins Ohr geflüstert, daß der alle Beherrschung verlor und wortlos vom Platz ging?

In den folgenden Jahren zeigte Lafontaine sich vor allem als Hausmann, Familienvater und, nun ja, als Bild-Kolumnist. Manchmal trat er in einer Talkshow auf, gab hin und wieder Proben seiner gewohnten Schlagfertigkeit und Schärfe ab, aber wirkte dennoch irgendwie abwesend –  ein Mann, der das Treiben der Christiansens und Maischbergers aus großer Höhe betrachtete. Erkundigungen nach seinen politischen Plänen, Versuche, seinen Ehrgeiz zu kitzeln, Fragen nach der Glut, die doch unter der Asche wabern mußte, quittierte er mit einem abgeklärten Lächeln.

Lafontaine wirkte wie ein Mann, der seinem Ehrgeiz abgeschworen hatte und auf dem Weg zur Weisheit war. Nicht selten liess er bei Fernsehauftritten seiner dritten Frau, der Volkswirtin Christa Müller, den Vortritt. Wer ihr – wie der Verfasser – bei einer solchen Gelegenheit („Späth am Abend“) gegenübersass, war von ihrer Intelligenz und Redefreude beeindruckt. Allerdings sahen sich sowohl Gesprächspartner wie Moderatoren mit der Aufgabe überfordert, Frau Müllers Redefluss zu bremsen. Sie schien die Kunst zu beherrschen, im Weitersprechen Luft zu holen. Einwänden kam sie zuvor, indem sie ihre Gedanken in interpunktionslosen Sätzen weiterspann – im Idealfall bis zum Ende der Sendezeit. Nachdem weder Späth noch ich ein Mittel fanden, Frau Müller auf höfliche Weise zu unterbrechen, sah ich mit umso größerer Bewunderung, wie der Wetterprophet Jörg Kachelmann das Problem löste, als er der Dauerrednerin in einer anderen Sendung gegenübersass. Nachdem er ihr lange und mit zunehmender Ungeduld zugehört hatte, stand er auf, sank in ritterlicher Manier auf die Knie, rutschte vor ihren Stuhl, nahm ihre Hand und sagte: Gnädige Frau, könnten Sie jetzt einfach einmal die Klappe halten?

In dieser Zeit traute man Lafontaine eher eine Zweitkarriere als Guru zu als eine Rückkehr in die Politik. Man wünschte ihm einen guten Autor, der einen Roman oder ein Drehbuch über ihn verfaßte: über ein politisches Wunderkind, das aus Ekel vor dem Politikbetrieb und dem eigenen himmelstürmenden Ehrgeiz den Weg der Entsagung und des Verzichts wählte.

Aber im Sommer 2005, pünktlich zum Rücktritt Gerhard Schröders, war es mit Lafontaines langer Abstinenz vorbei. Am 24. Mai erklärte er seinen Austritt aus der SPD. Wenige Tage später gab er seine neue politische Heimat bekannt. Bei den vorgezogenen Bundestagswahlen im selben Jahr werde er ein Linksbündnis aus WASG und PDS unterstützen. Du gehst, ich komme!, schien er dem zurückgetretenen Kanzler nachzurufen. Seine Entscheidung erschien den SPD-Gewaltigen prompt als „Verrat“ an der Partei, der er vierzig Jahre lang gedient und die er entscheidend mitgeprägt hatte. Weniger Betroffene sahen darin auch eine Abkehr von seiner eigenen politischen Geschichte. Denn die winzige westdeutsche WASG allein („Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit“ – ein Zusammenschluß aus linken Gewerkschaftlern und enttäuschten SPD-Anhängern) hätte dem Rückkehrer kaum als Sprungbrett für eine neue Karriere dienen können. Die mitgliederstarke PDS jedoch („Partei des Demokratischen Sozialismus“ - Praktisch DasSelbe, wie Dissidenten aus der DDR das Kürzel in Anspielung auf die SED übersetzten) ist eine reine Ost-Partei. Ihre Mitgliederschaft setzt sich hauptsächlich aus über sechzigjährigen ehemaligen Kadern der SED zusammen, zu einem kleinen Teil aus antiwestlich gestimmten Neumitgliedern, die beim Fall der Mauer noch im Babyalter waren. Was hat der Mann aus dem äußersten Westen der Bundesrepublik mit dieser Klientele gemein?

 

Entschieden mehr als die Genossen von der SPD wahrhaben wollen. Denn Lafontaines Ablehnung der Wiedervereinigung hat eine lange Vorgeschichte. Bei einem Besuch in Ost-Berlin, dem viele andere Besuche vorausgegangen waren, hatte er 1985 erklärt, daß ein normaler Reiseverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten nur möglich sei, wenn die Bundesrepublik die Staatsbürgerschaft der DDR anerkenne. Bei der Ausformulierung eines solchen Abkommens hätte die Bundesrepublik im Prinzip nur noch die mit einem Besuchs-oder Ausreisevisum ausgestatteten DDR-Bürger willkommen heißen dürfen, nicht aber Flüchtlinge, die illegal den“antifaschistischen Schutzwall“ überwanden. Mit Verve machte sich Lafontaine auch für die Schließung des Archivs in Salzgitter stark, das die Verbrechen der DDR-Grenztruppen an der Mauer registrierte. 1987 empfing er als Ministerpräsident den Staats- und Parteichef Erich Honecker, der im Saarland einst das Dachdecker-Handwerk erlernt hatte. Es war das erste und einzige Mal, dass im Saarland wegen eines Staatsbesuchs die Autobahnen gesperrt wurden. Eine Schalmeienkapelle wurde zum Empfang des Diktators aus der DDR organisiert, Erich und Oskar gaben sich das Du.

Aber man würde Lafontaines Rolle überschätzen, wollte man ihn allein für Honeckers größten aussenpolitischen Triumpf verantwortlich machen. Zuvor hatten Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker dem Mann aus Ost-Berlin unter den Klängen beider Hymnen die Ehre eines Staatsempfangs erwiesen. Und nicht nur Lafontaine, auch Gerhard Schröder und Erhard Eppler haben in der Wiedervereinigung „die deutsche Lebenslüge“ gesehen. Die gesamte Führungsriege der SPD war dem historischen Irrtum erlegen, daß der real existierende Sozialismus jenseits der Mauer reformierbar sei. „Unsere Hoffnung ....richtet sich darauf, dass beide Systeme reformfähig und der Wettbewerb der Systeme den Willen zur Reform auf beiden Seiten stärkt“, hatte es noch 1987 in einem gemeinsamen Grundsatzpapier von SPD und SED geheißen. Zwei Jahre später hat das dazu nie befragte Volk der DDR bewiesen, daß es anderer Meinung war und das System hinweggefegt.

Gegen solche monumentalen Fehleinschätzungen sind weder Politiker noch Intellektuelle gefeit. Ist es zuviel verlangt, daß sie sich in einer ruhigen Stunde ihren erwiesenen Irrtümern stellen? Die SPD jedenfalls hat sich um diesen Teil ihrer Vergangenheit herumgemogelt. Anfang der neunziger Jahre erklärte Egon Bahr, der unübertroffene Meister in der Kunst des Um-die-Ecke-Denkens, Ziel der Entspannungspolitik sei es gewesen, die DDR durch „Stabilisierung zu destabilisieren“! Ebenso gut hätte er sagen können, die Politik der Legitimierung der DDR, in deren Namen alle Kontakte mit den Oppositionsgruppen in der DDR vermieden wurden, habe nur einen Zweck gehabt: den Umsturz!

Lafontaine ist in der Verleugnung seines Irrtums noch einen Schritt weitergegangen. Man kann auch sagen: er steht zu seinem Irrtum, indem er ihn entschlossen fortsetzt. Mit einem denkwürdigen intellektuellen Purzelbaum hat er sich an die Spitze des maroden Parteiunternehmens katapultiert, das zu Lebzeiten der DDR den Betrieb der Diktatur aufrechterhalten hatte.  Ohne eigene Hausmacht ist es ihm gelungen, Chef des neuen Links-Bündnisses zu werden und die politischen und kulturellen Gegensätze zwischen der kleinen Westfraktion und der dominanten Ostfraktion niederzureden. Die neue Creation tritt mit dem großsprecherischen Namen „Die Linke“ an – ein Anspruch, der der SPD die Bezeichnung „die Mitte“ nahelegt. Prominente Führer der alten PDS wie Gregor Gysi und Lothar Bisky hat der große Kleine aus dem Saarland längst in den Hintergrund gedrängt – nicht ohne deren Segen. Denn sie wissen, daß nur ein prominenter Sanierer aus dem Westen wie Lafontaine sie aus dem Ghetto einer Ost-Partei für Wähler aus dem Osten herausführen kann.

Lafontaine ist ein Comeback gelungen, das in der deutschen Nachkriegsgeschichte ohne Beispiel ist. Man kann durchaus behaupten, daß der 64-jährige Ex-Politiker – Ex-Bundesvorsitzender der SPD, Ex-Ministerpräsident, Ex-Minister - nach vielen Umwegen im Zenith seiner Macht angekommen ist. Gerade weil er nicht mehr in ein hohes SPD-Amt eingebunden ist, kann er ihre Agenda mitbestimmen. Denn er kennt seine SPD und kann ihre Mitglieder und Wähler mit Forderungen, denen ein guter Teil der SPD-Basis offen oder heimlich zustimmt, vor sich hertreiben. (Jetzt rächt es sich, daß es Gerhard Schröder – anders als Bill Clinton oder Tony Blair - nie gelungen ist, die Partei auf seinen Reformkurs einzuschwören. Ein Einpeitscher und Büttenredner mit Lafontaines Talenten stand ihm nie zur Verfügung. Seit seiner putschartig durchgesetzten Agenda 2010 hatte Schröder denn auch weniger mit der Opposition der CDU und FDP als mit dem Widerstand in den eigenen Reihen zu tun. Den nie gelösten Zwiespalt zwischen Modernisierern und Traditionalisten im Herzen der SPD kann Lafontaine umso besser schüren, als ihm Merkels CDU dabei zuhilfe kommt. Mit bemerkenswerter Skrupellosigkeit hat sich die Kanzlerin das postideologische Erfolgsrezept des Wahlsiegers von 1998 angeeignet: nur wer hemmungslos im Garten seines Gegners wildert, kann Mehrheiten gewinnen. Nach einer kurzlebigen neoliberalen Standpauke in Dresden, die ihre Parteifreunde schaudernd an Margret Thatcher denken liess, ist Merkel mit ihren Mannen in das Territorium der SPD eingebrochen und hat fast alles, was dort blühte, mit der Aufschrift CDU versehen.) Plötzlich sieht sich die SPD in einen Aufreibungskrieg nach zwei Seiten verstrickt: für ihre Modernisierungsprojekte (Ausländer-Integration, Stärkung der Rechte sexueller Minderheiten,  unverheirateter Eltern und alleinerziehender Mütter) empfiehlt sich mittlerweile die CDU als die bessere SPD – Urheberrechte scheinen im politischen Kampf nichts zu gelten. Für die traditionellen Weidegründe der SPD (Renten- Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik) erklärt sich inzwischen „die Linke“ zuständig. Kein Zweifel, der SPD stehen schwere Zeiten bevor. Zwar müht sie sich tapfer, angeblich unüberwindliche ideologische Gegensätze gegenüber der linken Konkurrenzpartei herauszustreichen. Aber sie traut sich nicht einmal, sich den durch Schröders Reformkurs mitangestossenen Wirtschaftsaufschwung gutzuschreiben, weil sie sich dieser Reformen schämt.

 

Bis hierher könnte es scheinen, daß Lafontaines Wiederaufstieg ein Routineereignis auf der Wetterkarte der bundesrepublikanischen Parteienlandschaft ist. Aber der neue Lafontaine ist nicht mehr der alte und hat sich entschieden mehr vorgenommen als die Begleichung einer alten Rechnung mit der SPD. Er greift das System der parlamentarischen Parteien an und fischt in jener Wählerschicht, die von Wahl zu Wahl gewachsen ist: bei den Nicht-Wählern, bei den Wahl-Verdrossenen, bei den Vereinigungs-Verlierern, bei den selbsternannten oder tatsächlichen Globalisierungsopfern - bei allen, die sich von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Während sich die alte, durch ihre Vergangenheit behinderte PDS noch müht, sich das Image einer verfassungstreuen demokratischen Partei zu verschaffen, zieht Lafontaine gegen die „etablierte Politik“ zu Felde und verspricht allen alles: Höhere Renten, Abschaffung der erhöhten Mehrwertsteuer, öffentlich geförderte Arbeitsverhältnisse mit einem Bruttolohn nicht unter 1400 Euro monatlich, „die Überwindung von Hartz IV“, Abschaffung der Studiengebühren, Wiederherstellung der alten Staatsmonopole, Enteignung der Strom-und Gasnetze. Eigentlich fehlt nichts auf diesem Wunschzettel als der Name eines großherzigen Sponsors, der Lafontaines „neue soziale Idee“ finanziert. Denn die Rezepte zur Bezahlung der Geschenke sind nicht neu: Man hole sich das Geld bei den Reichen - durch eine Anhebung der Spitzensteuersatzes, eine höhere Besteuerung der Unternehmen, eine Neuauflage der Vermögenssteuer, die Wiedereinführung einer Börsenumsatzsteuer etc. Die Bundesfraktion der SPD hat in einem Papier „Die Linkspartei und das Geld“ vorgerechnet, daß das Schlaraffenland der Linkspartei die Bürger mindestens 150 Milliarden Euro und Hunderttausende von Arbeitsplätzen kosten würde.

Aber auf die Seriosität seiner Verheißungen kommt es Lafontaine nicht an. Er sieht sich in der Rolle des Bewegers, des Anti-Politikers, der sich nicht zuschade ist, auch bei der Klientele der Rechten Punkte zu sammeln. So wettert er denn gegen die „Schweinebande“, gegen „Miss World“ Angela Merkel, die ihre Hausaufgaben in Deutschland vernachlässigt, gegen „die Hegemonie des Neoliberalismus“, gegen den „Staatsterrorismus“, gegen die NATO, gegen den Kapitalismus. Völlig unklar bleibt, was mit dem beschworenen Gegenmodell eines demokratischen Sozialismus konkret gemeint ist: am Ende eine DDR Light?

Mit seinen aggressiven Vagheiten füllt Lafontaine eine Rolle aus, die in Nachkriegsdeutschland lange unbesetzt geblieben ist: die Rolle des Populisten. Dabei kommen ihm seine unstreitige Rednergabe, sein Sachwissen und sein gekränkter Ehrgeiz zustatten.

Der Soziologe Ivan Krastev hat in einem klugen Essai angemerkt, dass die Populisten von heute keineswegs „an der Abschaffung freier Wahlen und der Errichtung von Diktaturen“ arbeiten; „im Gegenteil: sie sind auf Wahlen erpicht und gewinnen sie.“ Das Credo des modernen Populisten sei die Auffassung, daß die Gesellschaft in zwei antagonistische Teile zerfalle- in das „Volk als solches“ und in eine „korrupte Elite“.

Kein Zweifel, der deutsche Kandidat für Krastevs Formel heißt Oskar Lafontaine. Allerdings fehlt Lafontaine eine Kleinigkeit zum wirklich erfolgreichen Populisten: Er kann einfach nicht komisch sein und bringt das Volk nicht zum Lachen. Der moderne Populist muss eben auch ein Unterhaltungskünstler sein. Die enorme Beliebtheit von Populisten wie Hugo Chavez und Silvio Berlusconi hängt mit dieser Qualität zusammen: Beide sind jederzeit in der Lage, ihre Zuhörer zu Lachstürmen hinzureißen. So etwa Berlusconi, der eines Tages verkündete, ein großes Volk wie das italienische verdiene einen schönen Kanzler. Deswegen werde er Hals und Wangen einem Lifting unterziehen und sich in seine Kopfhaut Haare einpflanzen lassen. Das Volk jubelte seinem schamlosen Kanzler zu und voilà – der Kanzler hat inzwischen seine Haare wieder.

Vielleicht sollte Lafontaine sich ein Beispiel an Berlusconi nehmen.

 

                      Der Artikel erschien im Heft 38/07 der Züricher „Weltwoche“


                                                Die Moral politischer Mörder

  

Nach der Zählung der Bush-Regierung befinden wir uns mitten im dritten Weltkrieg: im Krieg gegen den islamistischen Terrorismus. In seiner Rede zum 5. Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center sprach der amerikanische Präsident wie früher schon von der „entscheidenden ideologischen Auseinandersetzung des 21. Jahrhunderts“. Vom Sieg in diesem Krieg hänge das Wohlergehen unserer Kinder und Kindeskinder ab: „Entweder wir oder sie!“

 

Kein Zweifel: Das Attentat vom 11. September ist in seiner Erfindungskraft, seinem  monströsen Vernichtungswillen und seiner weltweiten Schockwirkung einzigartig - man kann durchaus von einem Geniestreich des Terrorismus sprechen. Im Endlosschreck über die spektakulären, immer wieder ausgestrahlten Bilder wurde jedoch übersehen, daß die Kampfformen und die Selbstdarstellung der islamistischen Attentäter durchaus Paralellen mit dem westlichen Terrorismus aufweisen. Vieles, was unter dem Namen Islamismus oder Islamo-Faschismus Schlagzeilen gemacht hat– der Todeskult, der Größenwahn, die pfauenhafte Eitelkeit der Führer - finden wir bei westlichen Vorgängern Osama bin Ladens vorgebildet.

 

Wohl kein Satz aus dem Repertoire des islamistischen Terrorismus ist so oft zitiert worden wie eine Äußerung aus dem Bekennervideo der Bombenleger von Madrid: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Diese Formel gilt den Verkündern des Kriegs gegen den Terrorismus als die gleichzeitig kürzeste und umfassendste Kampfansage gegen alles, was die westliche Zivilisation ausmacht. Aber sind der Todeskult, die Lebensverachtung, die mit ihr einhergehende Selbstermächtigung zum Massenmord tatsächlich spezielle Merkmale des islamistischen Terrors? Aus einem Stück von Albert Camus ( Die Gerechten ) klingt der Satz des russischen Sozialrevolutionärs Stepan herüber: „Ich liebe nicht das Leben, sondern die Gerechtigkeit“.

 

Osama bin Laden gilt in weiten Teilen der muslimischen Welt als Che Guevara des Ostens. Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, daß Osama bin Ladens Anhänger mit ihrem Vergleich gar nicht so falsch liegen wie die empörte Che Guevara-Gemeindee meint.

Das berühmte, von Alberto Kosta aufgenommene Che Guevara-Foto zeigt einen romantischen Rebellen, der zu einer schwarzen Lockenpracht unter dem Barett - wie ein innovatives Mode-Accessoire - ein Maschinengewehr trägt. Der Rebell strahlt Freiheitsdrang, Entschlossenheit und den Charme eines latin lovers aus.

Aber der gefeierte Comandante, den Jean Paul Sartre den „vollkommensten Menschen unserer Zeit“ nannte, war alles andere als ein Held der Freiheit. Tatsächlich gibt es andere Fotos von ihm, die einen finsteren Soldaten der Revolution zeigen. Allerdings werden sie nicht auf T-shirts gedruckt. Che Guevara – und nicht Fidel Castro – war es, der gleich nach dem Sieg in Cuba Straf- und Arbeitslager einführte. Er – und nicht Fidel Castro – hat das Leben und die Arbeit in Kuba nach dem Sieg der Revolution militarisiert und persönlich über die Ausführung von (wahrscheinlich hunderten von) Todesurteilen wegen „Verbrechen gegen die Revolution“ gewacht. Mit leisem Schauder hat Rudi Dutschke Che Guevaras Bekenntnis kommentiert, die Soldaten der Revolution müßten von „unbeugsamen Haß gegen den Feind“ beseelt sein, einem Hass, „der sie in eine ...kalte Tötungsmaschine verwandelt.“  Che Guevara brüstete sich damit,  notfalls das gesamte kubanische Volk im Kampf für die Revolution zu opfern und Atombomben auf New York zu werfen.

Nun kann man den „Jesus mit der Knarre“ nicht einfach einen Terroristen nennen. Ein gezielter Massenmord an Zivilisten, wie ihn Osama bin Laden in jahrelanger Vorbereitung plante, hätte in den Welterlösungsphantasien eines Che Guevara keinen Platz gehabt. Aber ein Rebell im Sinne Camus`, der sich im Ernstfall „gegen die Gerechtigkeit“ entscheidet, weil er den Gedanken nicht ertragen kann, daß sein Attentat das Leben Unschuldiger kosten könnte, war der argentinische Revolutionär genau so wenig. Der amerikanische Essayist Paul Berman (Power and the Idealists, New York 2005) geht soweit zu behaupten, daß Che Guevaras „spiritueller Kampf gegen die Welt und gegen sich selbst seinen eigenen Tod“ forderte. Regis Debray, damals noch Che Guevaras bedingungsloser Anhänger, vermißte bei bei seinen Gesinnungsgenossen in Europa die „Abwesenheit des menschlichen Selbstopfers“.

Er mußte nicht lange warten. Aus ihrer Todesbereitschaft bezog die RAF ihr Überlegenheitsgefühl und die Verachtung gegenüber den „Revolutionsschwätzern“ und „liberalen Arschlöchern“, die etwa in Hungerstreiks für die Rechte der „politischen Gefangenen“ stritten. Umgekehrt empfanden nicht wenige der „klammheimlichen“ Sympatisanten ihre Unfähigkeit, den „letzten Schritt“ zu tun, als Feigheit – ein Kapital für moralische Erpressung, mit dem die RAF ausgiebig wucherte. Ein Bekenntnis wie „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ hätte man, vielleicht mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen, auch von Andreas Baader hören können. Tatsächlich waren die Stammheimer, als sie sich am 10.Oktober 1977 umbrachten,  in einem gewissen Sinn Selbstmord-Attentäter. Anders als Ulrike Meinhof hatten Baader und seine drei Mithäftlinge ihren Selbstmord im Hochsicherheitstrakt im Stammheim als „Hinrichtung“durch den Staat inszeniert. Nicht anders als die islamistischen Selbstmordattentäter wollten sie als Märtyrer in den weltlichen Himmel des „antiimperialistischen Befreiungskampfes“ eingehen und mit ihrem Beispiel Dutzende, möglichst Hunderte von Nachfolgern inspirieren.

Es war der Heiligenschein der Todesbereitschaft,  der den RAF-Aktivisten das Recht auf auf ein rauschhaftes, über alle Regeln erhabenes Leben erlaubte, ja gleichsam vorschrieb. Jeder Augenblick konnte der letzte sein, also galt es, jeden Augenblick bis zum Letzten auszukosten. Baaders Liebe zu Drogen und zu schnellen Autos ist bekannt - in einer Frankfurter Wohngemeinschaft stahl er die Hauskasse und kaufte sich von dem Geld seinen Lieblings- BMW. Rücksichten auf Kinder, Elternpflichten, Freunde, alles, was an das Leben vor der revolutionären Selbstverpflichtung erinnerte, galt als Ballast. Der neue Mensch, der den Kampf  „in den Kopf des Ungeheuers“ (in die Metropolen des Imperialismus) tragen sollte, hatte sich von solchen Relikten aus der Vorzeit zu befreien. Er handelte nach einem neuen, revolutionären Katechismus, der - nach dem Muster des russischen Anarchisten Sergei Netschajew - den bürgerlichen Wertekanon auf den Kopf stellte.

Offenbar haben sich auch Osama bin Ladens fromme Jünger, bevor sie zum Selbst- und Massenmord am 11. September antraten, auf einen eigenen, selbstfabrizierten Wertekanon berufen, der ihnen erlaubte, sich über die Regeln ihrer Religion und Kultur hinwegzusetzen. Einigen der „Gotteskrieger“ waren die Freuden des verruchten, zum Untergang verurteilten Westens durchaus vertraut: Striptease-Bars, Prostituierte, Alkohol und Kokain. Anhänger von Verschwörungstheorien haben daraus geschlossen, derart gottvergessene Attentätern könnten nur verkleidete westliche Agenten gewesen sein. Der Wahrheit näher kommt wohl die Vermutung, daß auch muslimische Attentäter der Logik der westlichen politischen Mörder folgen: Sie kommen nicht darum herum, sich einen „revolutionären“ Katechismus zu erschaffen, der ihnen erlaubt, im Namen einer vermeintlich „höheren Moral“ zu morden.

Spätetens hier, so scheint es, hören die Paralellen auf. Denn das Neue am islamistischen Terrorismus ist der Massencharakter  der Selbstmordattentate und das Prinzip, bei den Anschlägen gegen „den Feind“ eine möglichst große Zahl von Zivilisten umzubringen.  Osama bin Laden blieb es vorbehalten, das Programm für diese ultimative terroristische Barbarei zu formulieren.  Jeder amerikanische Steuerzahler, sagte er, sei ein legitimes militärisches Ziel. Das ist nun in der Tat eine unerhörte Ansage. Zwar haben Tyrannen, Diktatoren, Religionsführer seit jeher Zivilisten jedes Alters und Geschlechts skrupellos geschlachtet, wenn es ihren Zielen diente. Aber zumindest ideologisch wurde die Unterscheidung zwischen Soldaten bzw. Repräsentanten des Feindes und Zivilisten aufrechterhalten. Mit Ausnahme Adolf Hitlers hat niemand vor Bin Laden die Ermordung einer möglichst großen Zahl von Zivilisten zu seinem revolutionären Ziel erklärt.

Die ungeheure Brutalität und Fremdartigkeit der islamistischen Anschläge hat die Strategen des Krieges gegen den Terrorismus zu der Annahme verleitet, man habe es mit den Extremisten einer fremden Kultur oder Zivilisation zu tun, die sich territorial und religiös definieren ließe. Man müsse die Terroristen in Afghanistan und Irak bekämpfen, hieß die patente Formel aus dem Weissen Haus, um ihnen nicht in den Strassen von New York und Los Angeles zu begegnen.

Geheimdienstliche Beobachter und akademische Erforscher des neuen Phänomens kommen zu einem ganz anderen Ergebnis. Danach ist der islamistische Terrorismus gerade nicht in einem abgrenzbaren, mit zielgenauen Waffen angreifbaren Territorium zuhause. Er läßt sich auch nicht auf eine Rückkehr zu einheimischen fundamentalistischen Strömungen des Islam zurückführen. Er erweist sich vielmehr als ein Ergebnis der Berührung des Islam mit dem Westen, ja der Verwestlichung des Islam - oder, um es mit den Worten von Olivier Roy (Der islamische Weg nach Westen) zu sagen, als ein Produkt der „Entterritorialisierung“ des Islam. Der religiös verbrämte Nihilismus der islamistischen Terroristen ist nicht ein Kind der Prä – sondern der Postmoderne.

Die führenden Köpfe der islamistischen Attentäter kommen - wie die der RAF und der Brigate Rosse - aus eher privilegierten Kreisen. Der amerikanische Psychiater Marc Sageman („Understanding Terror Networks“) zeigt, daß unter den 400 Terroristen, deren Daten er untersuchte, kaum einer als arm oder unterprivilegiert gelten kann. Neunzig Prozent von ihnen kamen aus intakten Familien; 63 Prozent hatten Universitäten besucht; 75 Prozent waren berufstätig oder hatten Jobs; 73 Prozent waren verheiratet. Was diese jungen, in ihrer Idendität verunsicherten Männer zu Terroristen machte, so Sageman, war die neue Lebensaufgabe, die  spektakuläre Rolle, die ihnen Führer wie Osama bin Laden mit seinem „Heiligen Krieg“ vor die Augen stellten.

 

Viele kluge und nicht so kluge Leute haben den Wahnsinn der RAF-Terroristen und der Brigate Rosse rational zu erklären versucht: als eine irgendwie verständliche Überreaktion auf die Verbrechen des Vietnamkriegs, als nachholende Widerstandsbewegung gegen einen neuen, vermeintlich heraufziehenden Faschismus. Was diesen Erklärungsversuchen meist fehlte, war die Einsicht in die gruppeninterne Dynamik und Pathologie dieser Bewegungen, in den Selbstlauf des Hasses und der Gewalt, der sich – mit rasant abnehmendem Bezug zur Außenwelt – am Ende nur noch aus sich selbst ernährte. Wenn man heute, aus dreißigjährigem Abstand, auf die von der RAF und den Brigate Rosse selber angeführten Motive ihrer Mordtaten zurückblickt, so bleibt von diesen Gründen kaum mehr übrig als eine schreckliche Halluzination.

 

Man kann schwerlich bestreiten, dass der Hass der Muslime auf den Westen tiefere Wurzeln in der politischen Realität (des Nahen Ostens) hat als etwa der Hass der RAF und der Brigate Rosse. Aber auch die Mordserien der Islamisten folgen einer verselbständigten, pathogenen Gruppendynamik. Wer sie als quasi logische, ja unvermeidliche Folge einer Jahrhunderte währenden Demütigung und Unterdrückung erklärt, verschafft ihnen eine falsche Legitimation. Er bestätigt die Anmaßung einer selbsternannten Avantgarde, die sich mit ihrer Strategie des Massenmords als Rächer für die gekränkte Ehre aller Muslime aufspielt, ohne nach deren Zustimmung je gefragt zu haben. Nach einem Bericht von Lawrence Wright im New Yorker (11. 9. 2006) waren die Truppen von  Al Queda nach dem alliierten Angriff auf Afghanistan bis zu achtzig Prozent vernichtet. Hinzukam eine moralische Niederlage: Viele Muslime, so Lawrence Wright, waren der Ansicht, dass der Anschlag vom 11. September einen Gegenschlag der USA rechtfertigte. Erst durch den mit falschen und gefälschten Begründungen geführten Krieg gegen den Irak gewannen die schon fast Geschlagenen unverhofft ein neues, gewaltiges Reservoir selbstmord- und mordbereiter Rekruten.

 

Der islamistische Wahnsinn könnte sich – auch in den Augen der riesigen Mehrzahl der Muslime - als ein durchaus endliches, generationsspezifisches Gemisch aus Indoktrinierung und Selbst-Manipulation erweisen, wenn der Westen ihm nicht durch einen Krieg „bis zum vollständigen Sieg“ neuen Sauerstoff zuführte.  

     Der Artikel erschien gekürzt unter dem Titel 'Rächer wollen sie sein' in der "Zeit", 11/2007


 

                                            Das Versprechen der Freiheit

„Sind wir etwa schon mitten drin im ‚Clash of Civilizations’ – im Zusammenstoß der Kulturen?“
Kaum eine Frage wurde in den Debatten und Talkshows der letzten Wochen öfter gestellt, keine von den herbeigerufenen Politikern mit so entschiedener Vagheit beantwortet: ... so krass würde ich es nicht sagen....der Ausdruck gefällt mir nicht..... vielleicht sind wir am Anfang, aber noch nicht drin.... 
Als Samuel P. Huntington vor 13 Jahren mit einem Aufsatz, dessen Titel die Telegramm-Version  seiner These war, an die Öffentlichkeit trat, (Foreign Affairs, Sommer 1993) gingen in den akademischen Eliten des Westens die Wogen der Entrüstung hoch. Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des Kommunismus wollte man von den neuen Konfliktlinien, die der Harvard-Professor auf die Weltkarte zeichnete, nicht viel wissen. Damals stellte man sich hoffnungsvolle Fragen wie: Können wir ohne Feinde leben?“ Nichts schien abwegiger als die Idee, die „längst überwundenen“ Gegensätze zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen könnten wieder geschichtsmächtig werden. Prompt wurde der Überbringer der unerwünschten Botschaft als Dunkelmann und Reaktionär verdächtigt.
Wenn man Huntingtons unaufgeregte Analyse aus dem Abstand von 13 Jahren nachliest, kann man nur den Hut ziehen vor seiner luziden Antizipation. Huntington behauptet nicht mehr und weniger, als daß auf die Epochen der europäischen Fürsten- und Nationenkriege und des kalten Kriegs zwischen Kapitalismus und Kommunismus – Kriege, die Huntington allesamt als Kriege innerhalb der westlichen Zivilisation verbucht - eine Epoche des Zusammenstoßes des Westens mit nicht-westlichen Zivilisationen folgen wird. Als den unmittelbar bevorstehenden „clash“ zwischen den (nach Huntingtons Zählung)  „sieben bis acht“ Zivilisationen, nennt er den zwischen dem Westen und den islamischen Ländern. Keineswegs redet er einer unvermeidlich gewalttätigen Natur dieses Aufeinanderpralls das Wort. Die Unterschiede zwischen den Zivilisationen, zu deren wichtigsten Elementen er Geschichte, Sprache, Kultur, Tradition und Religion zählt, „bedeuten nicht zwangsläufig Konflikt, und Konflikt bedeutet nicht zwangsläufig Gewalt.“ Allerdings besteht er darauf, daß diese in Jahrhunderten geprägten Unterschiede „weit fundamentaler sind als Unterschiede zwischen ideologischen und politischen Systemen“.
Anders als die Neocons, die George W. Bush im Irakkrieg berieten, äußert Huntington sich durchaus skeptisch zum kulturellen Hegemonie- Anspruch des Westens. Die Vorstellung, es könne eine „universale Zivilisation“ geben, schreibt er, sei eine westliche Idee. Der letzte Satz seines Artikels lautet: „In der vorhersehbaren Zukunft wird es nicht eine universelle Zivilisation geben, sondern eine Welt von verschiedenen Zivilisationen, die alle lernen müssen, miteinander zu koexistieren.“
Einen Punkt läßt Huntington in seinem Aufsatz weitgehend außeracht: den Umstand nämlich, daß es sich bei dem Zusammenstoß zwischen der westlichen und der islamischen Zivilisation nicht nur um einen äußeren, sondern auch um einen internen Konflikt des Westens handelt.
Europa hat mit seinen über 20 Millionen muslimischen Migranten den Konflikt ins eigene Haus geholt und ist jetzt gefordert, seine Wertvorstellungen und Prinzipien nach innen wie nach außen zu verteidigen. Die inneren Konfliktlinien, die in den aktuellen Debatten über Integration, Zwangsheirat, Gesprächsleitfaden und Karikaturenstreit sichtbar wurden, lassen sich durch drei  Themen oder Wertvorstellungen markieren: Es geht um die Gleichberechtigung und sexuelle Selbstbestimmung der Frauen, um die Meinungs- und Pressefreiheit und um die Rechte der weltlichen gegenüber der sakralen Sphäre, bzw. um die Trennung zwischen Religion und Staat. Der Streit betrifft mit einem Wort die wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung, die Fundamente der säkularen westlichen Gesellschaften. Bei Strafe, die eigene Seele zu verleugnen können die westlichen Gesellschaften in diesen Fragen nicht mit sich handeln lassen. Sie sind im Gegenteil gefordert, eine klare Trennungslinie zu ziehen: Die gebotene Achtung  vor einer anderen Kultur und Religion muß dort ihre Grenze haben, wo im Namen kultureller Autonomie elementare Menschenrechte verletzt werden. Es kann z. B. nicht geduldet werden, daß jährlich Tausende von muslimischen Mädchen und Frauen in Europa zwangsverheiratet werden. Es kann nicht hingenommen werden, daß muslemische Einwanderer die zivilen Regeln der Gastländer mißachten und nach den Gesetzen der Scharia leben. Hier geht es keineswegs um das Primat einer deutschen, französischen oder dänischen „Leitkultur“. Es geht schlicht und einfach um das Primat der demokratischen Kultur, um die Durchsetzung der Menschen-und Bürgerrechte im eigenen Land – für alle Bürger, beiderlei Geschlechts und jeder Herkunft.
Der äußere Konflikt mit den islamischen Theokratien ist anderer Natur. Hier sieht sich der Westen dem Anspruch radikaler Muslime auf die Weltherrschaft gegenüber, der Forderung nach der „Ausradierung“ Israels von der Landkarte, einer atavistischen Lebensauffassung, deren Extremisten ihre Philosophie auf die Formel gebracht haben: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“

Wie folgenreich der Unterschied zwischen inneren und äußeren Konfliktlinien ist, zeigt sich am Karikaturenstreit. Kein Zweifel, auch die europäischen Muslime haben sich durch die Mohammed-Karikaturen tief verletzt gefühlt. Man kann sagen, das Unglück und Ungeschick der dänischen Provokation bestehe darin, daß es die Muslime in aller Welt über alle Gräben hinweg in Empörung vereint hat. Dennoch sind die europäischen Muslime mit dieser Kränkung entschieden anders umgegangen als ihre von Agitatoren aufgehetzten Glaubensbrüder im nahen und ferneren Osten. Es gab keine gewalttätigen Proteste, keine Aufrufe zum Boykott dänischer Waren, keine Brandanschläge auf skandinavische Botschaften. Die muslimischen Rebellen in den französischen Banlieus haben keine Hand gerührt – offenbar hat sie die Aufregung um das Darstellungsverbot des Propheten Mohammed nicht weiter interessiert. Europäische Führer von muslimischen Verbänden haben sich ausdrücklich von den Gewalttaten distanziert und ihre Glaubensbrüder zur Zurückhaltung aufgerufen. Unter gemäßigten Muslimen hat eine offene Diskussion über den Wert und die Grenzen der Meinungsfreiheit begonnen.
Unter dem Schock der antiwestlichen Ausschreitungen wird der innere Konflikt derzeit auf einen Konflikt zwischen Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit verkürzt. Westliche Kulturpessimisten wittern einen Zusammenstoß zwischen asymetrischen Kulturen, bei dem der Westen langfristig die schlechteren Karten habe: der säkularen, zynischen Gesellschaft, die über das Sakrale nur noch witzeln könne, stehe eine in sich kohärente muslemische Kultur gegenüber, die noch ein ungebrochenes (heroisches) Verhältnis zu ihren Gebräuchen und zu ihrem Glauben habe. Sie lehre uns „den Nicht-Zerfall, die Nicht-Gleichgültigkeit ....den Zusammenhalt in Not und Bedrängnis.“ Daß diese formidablen Bindungskräfte vor allem eine repressive Macho-Kultur konservieren, die viele muslemische Mädchen und Frauen in Europa zu einem Leben in sklavenähnlichen Bedingungen verurteilt, wird bei dieser Analyse übersehen.

Wenn es bei dem anstehenden Konflikt hauptsächlich um die Wahrung der „Sakralsphäre“ der Religionen ginge – die übrigens die Angehörigen anderer Religionen als „Ungläubige“ , ja im Extremfall als „legitime militärische Ziele“ diffamiert – ließe sich der Streit wahrscheinlich rasch beilegen. Dazu bedarf es keines neuen Blasphemie-Gesetzes, wie es in Brüssel hastig vorbereitet wird. (Da ein solches Gesetz auch westlichen Religionsführern aus dem Herzen spricht, wird es sich vermutlich durchsetzen.) Es braucht, mit Goethes Wort mehr „Augenmaß“ und Respekt für muslimische Empfindlichkeiten bei den verantwortlichen Redakteuren. Im Übrigen kann man sicher sein, daß die Angst vor den manifesten Mord- und Kopf-ab-Drohungen jetzt schon Wirkung zeigen wird.
Manche Kommentare, die mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung ein quasi unvermeidliches Untergangsszenario skizzieren, befördern eine Art Übergabe-Stimmung: Ihr Muslime seid nun einmal die Geburtsfreudigeren, die Glaubensstärkeren und Entschlosseneren! In ein paar Jahren werden eure Kinder in den Großstädten die Mehrheit stellen. Wir Zyniker und Glaubensschwächlinge, Angehörige einer sterbenden Gesellschaft, haben eurer unbändigen Zeugungsfreudigkeit und eurem Glauben nicht viel mehr entgegenzusetzen als unsere Witze. Also übernehmt - in Allahs Namen - den maroden Laden!
Der gebannte Blick auf die Geburtenrate verführt leicht zur Annahme eines unentrinnbaren Automatismus. In Kalifornien ist der befürchtete Fall bereits eingetreten: Dort stellen die mexikanischen Migranten inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung. Man hat bisher nicht gehört, daß Kalifornien deswegen zu einer Provinz von Mexiko geworden wäre.

Die Neigung, die westlichen Muslime als eine kompakte, in sich geschlossene Gruppe wahrzunehmen, beruht auf einer Fehleinschätzung. Die säkularen und gemäßigten westlichen Muslime – und besonders die Frauen unter ihnen -  sind darauf angewiesen und zählen darauf, daß die westliche Gemeinschaft die Errungenschaften der Aufklärung mit Entschlossenheit verteidigt. In Frankreich ist eine Mehrzahl der fünf bis sechs Millionen Muslime inzwischen säkular orientiert. Die Zahl der regelmäßigen Besucher von Moscheen entspricht der Zahl von Besuchern christlicher Kirchen: 15 – 20 Prozent. Nach dem Kopftuchverbot der französischen Regierung meldeten sich Tausende von französischen Musliminnen, die der Regierung dafür dankten, daß sie per Gesetz die Möglichkeit erhielten, dem repressiven familiären „Zusammenhalt in Not und Bedrängnis“ zu entrinnen und das Kopftuch abzulegen. Seyran Ates, Necla Kelek, Serap Cileli fordern im Namen einer wachsenden Zahl von europäischen Musliminnen das Allereinfachste: die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Sollten wir im Namen des Respekt vor einer anderen Kultur und Sittenprägung wirklich daran zweifeln, daß auch Musleminnen es vorziehen, sich ihren Ehemann oder Geliebten selber auszusuchen?
Erstaunlich ist, daß sich die zutiefst beunruhigte Mehrheitsgesellschaft bisher kaum um ihre natürlichen Verbündeten – die gemäßigten und dissidentischen Muslime - gekümmert hat. Viele von ihnen fühlen sich allein gelassen und als „Muslime“ in die Ecke gestellt. Und sie fühlen sich verraten von einer Schaukelpolitik, die eine unnachgiebige Politik gegenüber den muslimischen Extremisten in Iran zwar ankündigt, aber einen Wirtschaftsboykott (mit Blick auf die deutschen Wirtschaftsinteressen) von vornherein ausschließt. Vor allem aber vermissen sie eine deutliche Anstrengung der Mehrheitsgesellschaft, ihnen und ihren Kinder gleiche Chancen in der Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen, ein Zeichen, daß sie angenommen und gebraucht werden, eine Einladung zum Dialog. Solange der längst stattfindende „clash of civilizations“ als Konflikt zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft wahrgenommen und ausgetragen wird, wird er weiter eskalieren. Es besteht durchaus die Gefahr, daß die religiösen Fundamentalisten beider Seiten in ihrem gemeinsamen Hass auf die säkulare Gesellschaft einen Prozess vorantreiben, den Samuel P. Huntington (mit einem Wort George Weigels) die „De-Säkularisation der Welt“ nennt.

Was nun die moralische Schwäche des Westens in diesem epochalen Streit angeht -  den Verlust des Glaubens, der Ehrfurcht vor dem  Erhabenen und Heiligen – so halte ich diese Schwäche nicht für unumkehrbar. Der jahrhundertelange Kampf um die Selbstbestimmung des Individuums, die Geschichte der Befreiung des menschlichen Geistes von religiöser Bevormundung ist etwas Erhabenes, fast möchte ich sagen, etwas Heiliges. Es ist eine Stärke der westlichen Zivilisation, nicht eine Schwäche, daß sie von ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik lebt. Niemand kann leugnen, daß sie, wie übrigens die muslemische Zivilisation auch, übergenug Verbrechen auf dem Gewissen hat, die sich als Anlass zur Selbstzerknirschung, ja zum Selbsthass eignen. Gleichzeitig hat sie gute Gründe, sich des Freiheitsversprechens zu erinnern, das Alexander von Humboldt mit einem wunderbaren Satz bezeichnet hat: Der Wunsch „nach freiheitlichen Institutionen“, schrieb Humdboldt nach der gescheiterten deutschen Revolution von 1848,  werde „ewig sein wie der elektromagnetische Sturm, der im Inneren der Sonne glitzert.“
So unerträglich es in den Ohren christlicher und muslimischer Fundamentalisten klingen mag: Mit der Aufgabe seines Grundversprechens auf die  Freiheit des Individuums würde der Westen dem Islam keinen Gefallen tun. Es scheint – auch bei uns - fast in Vergessenheit geraten zu sein, daß die Epoche der wissenschaftlichen Entdeckungen, die Entwicklung der Technik und der Künste den Freiräumen zu verdanken ist, die die Pioniere der säkularen Gesellschaften, nicht selten unter Preisgabe ihres Lebens, gegen den Absolutheitsanspruch der religiösen und weltlichen Autoritäten erstritten haben. Dem Islam steht eine Renaissance, genauer gesagt eine Erinnerung an die islamische Renaissance im 13. und 14. Jahrhundert, noch bevor.  

 

          Eine gekürzte Fassung des Artikels erschien am 23.2. 2006 im "Tagesspiegel"


 Die neue Mauer in Berlin

Als die ersten Fernsehbilder vom Angriff auf das World Trade Center in New York City Berlin erreichten, sammelten sich Hunderte, später Tausende von Berlinern, um ihre Solidarität mit den Opfern zu bekunden.
Gleichzeitig fanden in den von Muslimen bevölkerten Vierteln Berlins Kundgebungen einer anderen Art statt. Aus den Hinterhöfen von Berlin- Kreuzberg und Berlin-Neukölln stiegen Raketen auf. Es war kein großes Feuerwerk, eher ein schütteres, lückenhaftes Fest der Freude: zwei Raketen hier, drei Raketen dort. Aber in der Summe waren es doch Hunderte von Raketen, die zur Feier des Attentats in den Himmel stiegen.
Damals, so erinnert sich Stefanie Vogelsang, die Baustadträtin von Berlin-Neukölln, fragten sich einheimische Anwohner zum ersten Mal, mit wem sie eigentlich zusammenlebten. Wie tickten diese Mitbürger muslemischen Glaubens eigentlich, die auf rituellen „Multi-Kulti“-Veranstaltungen gefeiert wurden, die man aber in der Regel nur aus der U-Bahn und vom Gemüsestand kannte?

Der Schock über das Attentat führte zu einer kurzen Konjunktur; im Fernsehen stritten Experten über die Kultur des Islam; in den Buchhandlungen waren deutsche Übersetzungen des Koran plötzlich ausverkauft. Die überfälligen, damals kurz aufflackernden Fragen nach dem kulturellen Umfeld der Attentäter, nach dem Verhältnis der muslemischen Einwanderer zur Demokratie und zur westlichen Lebensform wurden bald durch die Schlagzeilen über den „Krieg gegen den Terrorismus“ verdrängt.

Dann, im Frühjahr des Jahres 2005 geschah etwas, das diese Fragen wieder auf die erste Seiten der Tageszeitungen rückte. In kurzer Folge waren in Deutschland zehn sogenannte „Ehrenmorde“ begangen worden, sechs davon in Berlin.

Der spektakulärste Fall war der Mord an Hatun Sürücü. In der Nacht des 7. Februar 2005 wurde die 23jährige an einer Bushaltestelle aus nächster Nähe durch mehrere Schüsse in Kopf und Oberkörper getötet. Die Ermittlungen ergaben, daß das Opfer durch einen Telefonanruf an die Stelle des Attentats gelockt worden war. Drei von den fünf Brüdern von Hatun Sürücü stehen inzwischen vor Gericht. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hatte der Älteste der Brüder (25) die Waffe besorgt, der Mittlere (24) seine Schwester zum Tatort gelockt, der Jüngste (18) die Tat begangen. Tatsächlich hat sich Ayhan, der jüngste Bruder von Hatun Sürücü, gleich zu Beginn des Prozesses zu dem Mord bekannt und bekundet, er habe ihn allein geplant und ausgeführt.
Es seien in aller Regel die Jüngsten, erklärt die türkisch-stämmige Anwältin Seyran Ates, die vom jeweiligen Familienrat für solche Mordtaten ausersehen würden. Minderjährige fallen nach deutschem Recht unter das Jugend- Strafrecht; bei guter Führung hat der jugendliche Täter Aussicht, nach Zweidrittel der verbüßten Strafe entlassen zu werden.
Hatun Sürücü war in Berlin als Tochter türkisch-kurdischer Eltern aufgewachsen. Nach der achten Klasse wurde sie von ihren Eltern von der Schule abgemeldet. Kurz danach wurde sie in der Türkei gebracht und mit einem Cousin verheiratet. Sie trennte sich von ihrem Mann und ging schwanger zurück nach Berlin. Als sie 17 war, wurde ihr Sohn Can geboren. Sie zog in ein Mutter-Kind-Heim,  holte ihren Schulabschluß nach und begann eine Ausbildung als Elektroinstallateurin.
Die junge, den Zwängen ihrer Familie entronnene Mutter begann, ihre neue Freiheit zu genießen und ihren Lebensstil zu verändern. Sie schminkte sich, trug ihre Haare offen, schmückte sich mit Ringen, Hals-und Armbandketten, ging in Diskotheken. Wenige Tage, bevor sie ihren Gesellenbrief erhielt, machten die tödlichen Schüsse ihrem Leben ein Ende.
Das todeswürdige Verbrechen von Hatun Surücü bestand offenbar darin, daß sie begonnen hatte, in Deutschland wie eine Deutsche zu leben. Sie habe, wie es einer ihrer Brüder gegenüber der türkischen Zeitung Zaman bekundete, das Kopftuch abgelegt und sich geweigert, in ihre Familie zurückzukehren. Sie habe erklärt, sie wolle „sich ihren Freundeskreis selber aussuchen“.
Es ist unklar – und wird wahrscheinlich unklar bleiben - wer in der Familie den Befehl zum Mord gegeben hat. Der Tradition nach ist es der Familienvater, der im Familienrat die Strafe für die Gehorsamsverweigerung festsetzt. Seyran Ates jedoch kennt aus ihrer Anwaltspraxis das Phänomen, daß Mütter, die selber Opfer von Zwangsheiraten waren, ihre Töchter dann zu dem gleichen Schicksal zwingen. „Die Mütter“, ergänzt die Autorin Necla Kelek, „suchen die Solidarität ihrer Töchter, indem sie ihnen abverlangen, dengleichen Leidensweg zu gehen.“

Bis zu dem Mord an Hatun Sürücü war der Begriff „Ehrenmord“ in Deutschland einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt, obwohl in den letzten neun Jahren 49 solcher Taten gezählt worden sind, 16 davon allein in Berlin. Solche Verbrechen waren bisher – wie andere Familientragödien auch – meist unter der Rubrik „Vermischtes“ in einer fünf-Zeilen-Meldung abgehandelt worden. Womöglich hätte das archaische Familiendrama, das zum Mord an Hatun Sürücü führte, niemals die Schlagzeilen erreicht, wäre nicht eine Nachricht hinzugekommen, die die Öffentlichkeit aufstörte. Drei muslimische Oberschüler in der Thomas-Morus-Oberschule, die nur ein paar hundert Meter vom Tatort entfernt liegt, bekundeten in der Schule offen ihre Zustimmung zu dem Mord. Kurz zuvor hatten dieselben Schüler eine Mitschülerin gemobbt, weil ihre Kleidung „nicht den religiösen Vorschriften“ entsprach. Volker Steffens, der Direktor der Schule, entschloss sich, den Vorfall in einem Brief an Schüler, Eltern und Lehrer öffentlich zu machen.
Plötzlich hatte Deutschland seinen Fall van Gogh; vierzig Jahre einer verschleppten Integrations- und Einwanderungspolitik standen im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Zwei Wochen später gedachten 150 Menschen in einer Mahnwache des Opfers, darunter auch Frauen aus muslimischen Familien; Vertreter der islamischen Organisationen jedoch fehlten. Sie waren um Gründe für ihre Abwesenheit nicht verlegen: schließlich sei die Mahnwache von einem  Berliner Schwulen- und Lesbenverband initiiert worden - ein gewichtiger Abschreckungsgrund für gläubige Muslime. Aber die entscheidende Frage war damit nicht beantwortet: Warum hatten die islamischen Organisationen nicht eine eigene Initiative ergriffen und eine Mahnwache oder Demonstration gegen Zwangsheiraten und den barbarischen Brauch des Ehrenmords organisiert?

Ich stellte diese Frage Ali Kizilkaya, dem Vorsitzenden des Islamrats, einem der drei wichtigsten Dachverbände in der Bundesrepublik. Ali Kizilkaya reagierte skeptisch. „Kann man so etwas (wie einen Ehrenmord, Anm. des Verfassers) mit einer Mahnwache oder Demonstration bekämpfen?“ fragte er zurück. Wenn etwas dagegen helfe, so sei es Bildung. Es gebe keine einzige Zeile im Koran, die etwas wie einen Ehrenmord rechtfertigen würde. Mord habe mit Religion, egal welcher Ausprägung, nichts zu schaffen. Überhaupt sei er es leid, daß er ständig Selbstverständliches beteuern und sich von Verbrechen distanzieren müsse, die absolut nichts mit dem Islam zu tun hätten.

Aber für andere Anliegen, die sich ebenfalls nicht aus dem Koran ableiten ließen, beharrte ich, seien Muslime in Berlin sofort auf die Strasse gegangen! Ich erinnerte ihn an Protestmärsche gegen das Kopftuch-Verbot für muslemische Lehrerinnen oder die Armenien-Resolution des Bundestages (am 16. Juni 2005 hatte der Bundestag die türkische Regierung zur „offenen Aufarbeitung der Vertreibung und der Massaker an den Armeniern vor 90 Jahren“ aufgefordert).
Dies seien spontane Demonstrationen, die nicht von den islamischen Verbänden ausgegangen seien, war die Antwort. Im Übrigen machte Ali Kizilkaya geltend, daß die Muslime in zweifacher Hinsicht Opfer der terroristischen Anschläge in New York, Madrid und London geworden seien: einmal direkt - denn auch Muslime hätten dabei ihr Leben verloren - dann aber auch indirekt - als Opfer eines Generalverdachts und einer  zunehmenden Ausgrenzung. Heute sei es schwieriger, eine Baugenehmigung in Deutschland für eine Moschee zu erlangen als für ein Atomkraftwerk!

2

Der türkische Dichter Aras Ören, der seit vierzig Jahren in Berlin lebt, erzählte mir von einer seiner ersten Flugreisen von Istanbul nach Berlin. Er saß neben einem Bauern aus Anatolien, der offensichtlich noch nie in seinem Leben ein Flugzeug bestiegen hatte. Der Mann begriff nicht, was er mit dem Anschnallgurt, mit den Leuchtzeichen über seinem Kopf, mit dem Klapptisch vor ihm anfangen sollte; er begriff auch nicht die Erklärungen seines Nachbarn. Und wie Aras Ören ihn da sitzen sah, mit dem Käppi auf dem Kopf und der Betkette zwischen den Fingern, wurde er von dem Gefühl überwältigt, daß der Landsmann neben ihm in eine unsichtbare Zeitkapsel eingeschlossen war, die er beim Aussteigen in Berlin nicht verlassen würde. Eigentlich war es egal, ob er nach Istanbul oder nach Berlin reiste. Dieser Bauer hatte nie eine Stadt gesehen, er lebte im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert und würde die Bräuche und Riten seiner Heimat in sein Wohnheimzimmer in Berlin mitnehmen. Es ging nie um Multi-Kulti, predigt der Dichter Aras Ören seit Jahrzehnten, es ging immer darum, Bauern zu Städtern zu machen.

Die ersten muslemischen Einwanderer waren ohne ihre Familien gekommen. Sie schufteten tagsüber im Strassen- oder Tiefbau,  schliefen in Männer-Wohnheimen, und hatten meist dasgleiche Ziel, das ihre Gastgeber ihnen vorgegeben hatten. Ein paar Jahre arbeiten, einen möglichst großen Teil des erarbeiteten Geldes nachhause schicken, und am Ende, wenn alles gutgeht, mit einem gebrauchten Mercedes und dem Kapital für ein Eigenheim in das heimatliche Dorf einfahren. Natürlich kam es anders. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch erkannte früh den Widerspruch: „Man hatte Arbeitskräfte gerufen“, schrieb er 1965, „aber es kamen Menschen.“ Menschen, die Familien hatten und sie nachholen wollten, Menschen, die nach einem langen, harten Arbeitsleben ihren Lebensabend in Deutschland verbringen wollten.
Hinzukam etwas – für viele Deutsche - Überraschendes: Viele der türkischen und kurdischen Einwanderer mochten Deutschland und die Deutschen, die sich selbst nicht mochten und ihren „Gastarbeitern“ den deutschen Paß und das Wahlrecht verweigerten. Unbelastet von der deutschen Schuld begriffen sie das gestörte Selbstwertgefühl der Deutschen und ihre schlechte Laune nicht. Wenn man irgendetwas Freundliches, ja sogar Liebevolles über die Deutschen hören wollte, mußte man die in Deutschland lebenden Türken fragen.
Die Deutschen vergalten den Gästen ihre Leistungen, indem sie sie in ihr Sozialsystem einbezogen und ihnen Aufstiegsmöglichkeiten eröffneten. Es bildete sich eine – im Vergleich zu Frankreich oder England – relativ breite muslemische Mittelschicht heraus, die derzeit jährlich mit etwa 40 Milliarden zum Bruttosozialprodukt und zwei bis drei Milliarden zu den Rentenkassen der Bundesrepublik Deutschland beiträgt.

Obwohl es bereits 1973 einen Anwerbestopp gegeben hatte, gelangten kraft einer Regelung zur „Familienzusammenführung“ immer mehr Muslime nach Deutschland. Mit den Eltern, den Ehefrauen und den Kindern zog das traditionell-islamische Leben in deutsche Strassen ein. Türkische Frauen, die in den Pionierjahren der Einwanderung noch westliche Kleidung getragen hatten, traten nun mit langen geblümten Röcken, mit selbst gestrickten Strickjacken und einem fest gebundenen Kopftuch auf. Die Plastikkoffer, in denen sie Säcke voll trockener Bohnen, Bulgur, Weizen und Kichererben mitbrachten, verwandelten sich in türkische Lebensmittelläden. Mit den Lebensmitteln und den Familien-Angehörigen wurden allmählich auch die traditionellen Feste in den muslemischen Vierteln heimisch. In den Hinterzimmern der Gemüseläden und Schlachtereien, in denen koscheres Fleisch gehandelt wurde,  entstanden Gebetsräume, aus den Hinterzimmern wurden nach und nach Moscheen. Minderjährige türkische Mädchen aus Deutschland wurden aus der Schule genommen, in die Türkei gebracht und dort verheiratet. Türkische Männer in Deutschland mit aus der Türkei importierten Bräuten versorgt. „Aus Gastarbeitern“, so resümiert die deutsch-türkische Autorin Necla Kelek,  „wurden Türken und aus den Türken Muslime“ (Necla Kelek, Die fremde Braut, München 2005, S. 131).

Die wachsende Arbeitslosigkeit in Deutschland (derzeit 4,1 Millionen, knapp 11 Prozent der Erwerbstätigen), traf die muslimischen Einwanderer mit doppelten Zuwachs-Raten. Es bildeten sich Enclaven, in denen sämtliche Angehörigen einer Familie von der Sozialhilfe leben. Zwischen deutschen Kühlschränken, Fernsehern und Handies feierte eine archaische bäuerliche Kultur ihre Wiederauferstehung, in der man türkisch oder kurdisch sprach, nach traditionellem Brauch aß, betete, fastete, Feste feierte und nicht selten mit Verachtung auf die einheimische Kultur der „Ungläubigen“ und „Unreinen“ herabsah.
Wie sie sich eigentlich auf ihre Ankunft in Deutschland vorbereitet hätten, fragte Necla Kelek eine Gruppe von „Importbräuten“, die bereits seit Jahren in Deutschland lebte. Sie löste mit ihrer Frage ungläubiges Lachen aus. Vorbereiten? Wieso denn und auf was denn? „Aber wie halten Sie es denn eigentlich aus, hier zu leben“, insistierte Necla Kelek. „Sie haben nichts mit diesem Land zu tun, verabscheuen seine Kultur und wie die Menschen hier leben!“ – „Wir haben hier doch alles, wir brauchen die Deutschen nicht!“ war die Antwort.
Alarmiert durch die Aufstände von muslemischen Jugendlichen in Frankreich standen in den letzten Wochen deutsche Politiker Schlange in den Medien, um den besorgten Bürgern zu erklären, warum etwas Ähnliches in Deutschland nicht passieren könne: Hierzulande lebten die muslemischen Einwanderer statt in trostlosen Wohnsilos an den Randzonen eher in der Mitte der Städte, und sie hätten vollen Zugang zu den Segnungen des Sozialstaats. Gleichwohl war ein Unterton von Panik nicht zu überhören. Immer mehr Deutschen wird bewußt, daß am Rand oder auch im Herzen deutscher Städte eine Gegenwelt heranwächst, in der die Errungenschaften der Aufklärung und der Moderne keine Geltung haben oder sogar auf den Kopf gestellt sind.

3

Das Hauptverdienst daran haben drei rebellische, muslemische Autorinnen: Serap Cileli (Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre, 2002), Seyran Ates (Große Reise ins Feuer, Berlin 2003), Necla Kelek (Die verkaufte Braut, München 2005). Alle drei sind ungefähr gleichalt und in Deutschland aufgewachsen; sie sprechen besser deutsch als viele Deutsche, sind gebildet, hochartikuliert und erfolgreich. Aber alle drei mußten für ihre Freiheit Leib und Leben riskieren.
Als ich diese Bücher las, erinnerte ich mich an ein paar längst vergessene Szenen vor sieben Jahren. Jedesmal, wenn meine damals vierzehnjährige Tochter ihre Schulfreundinnen zu einer Parthy einlud, standen abends um zehn die muslemischen Väter vor der Tür und holten ihre Töchter ab. Meine Frau, selbst eine Einwanderin, war empört. Auch mir gefiel das abweisende, fast drohende Gebaren dieser Väter nicht, aber ich war weit davon entfernt, zu protestieren. „Andere Völker, andere Sitten!“, deklamierte ich. Für einen Deutschen meiner Generation gehörte das Toleranzgebot zu den heiligsten „Lehren aus der Vergangenheit“. Gerade wir hatten kein Recht, anderen Kulturen unsere höchst zweifelhaften Sitten aufzunötigen. Später erfuhr ich aus gelegentlichen Zeitungsmeldungen und Erzählungen von Freunden, daß manche muslemische Mädchen in Berlin-Kreuzberg und –Neukölln in Berlin untertauchten oder spurlos verschwanden. Auch diese Nachrichten erzeugten bei mir nur eine kurzlebige Beunruhigung ohne Folgen.
In den Büchern der drei muslimischen Dissidentinnen liest man nun, was Deutsche wie ich nicht wußten und nicht so genau wissen wollten. Was sie berichten, erscheint unglaublich. Sie erzählen von einem Alltag der Unterdrückung, Isolation, Gefangenschaft, Ausbeutung und brutaler körperlicher Züchtigung muslemischer Frauen und Mädchen in Deutschland, auf die nur ein Name paßt: Sklaverei.

Nach Angaben der Anwältin Seyran Ates werden jährlich Tausende von jungen, in Deutschland lebende Türkinnen zwangsverheiratet, Tausende von jungen Türken werden mit sogenannten „Importbräuten“ versorgt. Die Zwangsheirat zieht häufig Gewalt und Vergewaltigung nach sich: die Braut muß die Pflichten der zwischen Eltern und Schwiegereltern ausgehandelten Ehe in jedem Fall erfüllen. Eine Nebenwirkung der Zwangsheirat ist die psychische Vergewaltigung der vermeintlichen Profiteure des barbarischen Brauchs: der Männer. Denn auch ihnen ist es nicht erlaubt, eine Frau ihrer Wahl zu heiraten und ihre Liebe zu gewinnen. Sie müssen mit der Frau leben und Kinder zeugen, die ihnen beim Heiratshandel der Familien zugewiesen wird. Ein Bräutigam, der sich der Entscheidung widersetzt und eine Frau seiner Wahl vorzieht, ist ebenfalls bedroht. In solchen Fällen, so berichten Seyran Ates und Serap Cileli, muß nicht nur die Braut, sondern auch der Bräutigam untertauchen, um sich der Rache der Familien zu entziehen.
Zur Routine der Zwangsheirat muslemischer Mädchen aus Deutschland – oft nach ihrer Verschleppung unter „Obhut“ der Eltern in die Türkei – gesellt sich eine weitere Variante: der Import von Frauen aus der Türkei. Immer öfter sieht man in den muslemischen Vierteln Deutschlands tief verhüllte Frauen, die auch im Sommer lange Mäntel tragen. Nach Necla Keleks Nachforschungen sind es nicht selten minderjährige Mädchen,  die von den türkischen Müttern heiratswilliger Söhne in Deutschland in den Dörfern Anataliens – meist für eine stattliche „Mitgift“ in Euro – gekauft und nach Deutschland eingeflogen werden. (Ein Institut für Sozialforschung in Dänemark schätzt, daß neunzig Prozent der in Dänemark lebenden Muslime in den letzten Jahren „Importbräute“ geheiratet haben, eine niederländische Studie beziffert die entsprechende Quote für die Niederlande mit 70 Prozent, s. Herald Tribune, 2.12.05,  S. 7) Mit jeder Importbraut, sagt Necla Kelek, wächst die Paralellgesellschaft.
„Inzwischen“, resümiert die Anwältin Seyran Ates, „können türkische Männer, die nach den Regeln der Scharia heiraten und leben wollen, dies in Berlin weitaus unbehelligter tun als in Istanbul.“
Ähnliches wird wohl in Zukunft auch für ihre heranwachsenden Kinder gelten. Seit 20 Jahren kämpfte die Islamische Föderation, ein Dachverband von islamischen Vereinen und Moscheegemeinschaften, vor den Berliner Verwaltungsgerichten für den islamischen Religionsunterricht an Berliner Schulen. Im Jahre 2001 hatte sie Erfolg. Inzwischen werden in Berlin etwa viertausend muslemische Grundschüler von Lehrern unterrichtet, die die Islamische Förderation einstellt und das Land Berlin bezahlt. Aber es zeigt sich immer wieder, daß die Behörden nicht in der Lage sind, den islamischen Religions-Unterricht zu kontrollieren. Unter Hinweis auf die Sprachdefizite der Schüler wird er häufig auf Türkisch oder Arabisch abgehalten, nicht selten auch hinter geschlossenen Türen. Hilflos sehen die Behörden zu, wie vom Staat bezahlte und von islamischen Verbänden gestellte Religions-Lehrer ihre Schüler vom westlichen Wertesystem wegtreiben. Seit der Einführung des Islam-Unterrichts ist die Zahl der Mädchen, die mit Kopftüchern zur Schule kommen, sprunghaft angestiegen; es hagelt Abmeldungen vom Schwimm und Sport-Unterricht und von Klassenreisen.
Die Mehrzahl der Moscheen in Neu-Kölln, betont die Baustadträtin Stefanie Vogelsang,  seien nach wie vor weltoffen und um Integration bemüht. Sie bieten Deutschkurse an und bemühen sich ausdrücklich um deutsche Besucher. Aber die radikalen Religionsgemeinschaften sind auf dem Vormarsch. Vogelsang verweist etwa auf die Imam Reza-Moschee, die auf ihrer –inzwischen korrigierten – Homepage, das Attentat auf den 11. September verherrlichte, Frauen als Menschen zweiter Klasse, und Homos und Lesben als Tiere bezeichnete. „Und so etwas“, erbost sich die Stadträtin, „wird von manchen Linken im Namen der Religionsfreiheit auch noch verteidigt“.
Sieben von den achtzehn Moscheen in Berlin-Neukölln werden von Berliner Verfassungsschutz für islamistisch gehalten. (Inssan, ein islamischer Verein „für kulturelle Interaktion“ betreibt den Bau eines 9200 qm großen Kulturhauses mit Moschee. Als Geschäftsführer figuriert Ahmad Al Rawi, der einen weltweiten Aufruf unterzeichnet hat, in dem die palästinensischen Selbstmordattentäter als ehrenwerte Vertreter aller Muslime gepriesen werden. Laut Verfassungsschutzbericht des Bundesinnenministeriums hält die Bruderschaft die Trennung von Religion und Staat für unannehmbar und den Koran und die Scharia für Rechtsquellen, die jeder geschriebenen Verfassung überlegen seien. Unklar ist, wo die 6,1 Millionen für den angeblich aus Mitgliederspenden finanzierten Bau herkommen.)
Es zeigt sich, daß die jahrzehntelang verschleppte Integrationspolitik in Deutschland nur eine Seite des Problems darstellt. Die andere Seite besteht in der aktiven Verweigerungshaltung eines Teils der muslimischen Gemeinschaft. Die Attentate in vergleichweise liberalen Gesellschaften wie den Niederlanden und in Großbritannien, die Aufstände in Frankreich zeigen, daß die Gewährung der Bürgerrechte nur eine Voraussetzung, aber keinesfalls eine Garantie für die kulturelle Einbürgerung muslemischer Migranten ist. Ein Muslim der dritten oder vierten Einwanderungsgeneration kann einen EU-Paß besitzen und perfekt die Sprache seines Landes sprechen und trotzdem ein Fremder bleiben, ja zum Todfeind werden. Entscheidend ist, ob er die Grundwerte der westlichen Demokratie annimmt.
„Das Attentat von London“, sagt Seyran Ates, „war in den Augen vieler Muslime ein gelungener Schlag ins Gesicht der westlichen Gemeinschaft. Die nächsten Attentäter werden die Kinder der dritten und vierten Einwanderer -Generation sein, die – unter den Augen wohlmeinender Politiker - von Geburt an zum Haß auf die westliche Gesellschaft erzogen werden!“

Dies ist vielleicht die größte Provokation der drei muslemischen Rebellinnen: Frontal greifen sie die Verschlafenheit und den moralischen Relativismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft an. Tatsächlich führen sie einen Zwei-Fronten-Krieg – einerseits gegen die islamische Tradition der Frauenunterdrückung und deren Prediger, andererseits gegen die schuldbeflissene Toleranz der linken und liberalen Multi-Kulti-Schwärmer. „Bevor ich an die islamischen Patriarchen überhaupt herankomme, muß ich mich erst einmal durch diese Berge des deutschen Schuldgefühls hindurchwühlen“, beklagt sich Seyran Ates. Die Leidtragenden dieser besonderen deutschen Empfindsamkeit gerade dem Islam gegenüber seien die Frauen.
Ganz explizit klagen Seyran Ates und Necla Kelek die deutschen
„ Gutmenschen“  an, daß sie die muslemischen Frauen im Stich gelassen haben, und fordern sie auf, bei ihren Schwärmereien über „das Bunte“ in Kreuzberg und Neukölln die eingesperrten Frauen hinter den geschlossenen Fenstern nicht zu vergessen.

Ich halte es für ein ermutigendes Zeichen, daß in Deutschland heimische Muslime die Deutschen auffordern, ihre demokratischen Errungenschaften zu verteidigen – gegen muslemische Traditionalisten und Fanatiker, die unter dem Schutzschild der kulturellen Viefalt zum Haß gegen die Demokratie aufhetzen.
Wieder einmal stellt sich heraus, daß die Berufung auf die „Lehren aus der deutschen Vergangenheit“ keine Garantie für die Richtigkeit dieser Lehren ist. Denn natürlich ist es eine Perversion, wenn „aufgeklärte“ Deutsche es aus Respekt vor der „ganz anderen“ Kultur hinnehmen, daß muslemische Frauen in Deutschland einem archaischen Ehrenkodex unterworfen werden, der sie zu Menschen zweiter Klasse macht. Von rühmlichen Ausnahmen abgesehen hat die Linke in Deutschland es versäumt, einen deutlichen Trennungsstrich zu ziehen: die gebotene Toleranz gegenüber einer anderen Kultur oder Religion muß dort ihre Grenze haben, wo im Namen dieser Andersartigkeit die Menschenrechte verletzt werden. In Wahrheit geht es bei dieser Auseinandersetzung keineswegs um das Primat einer „deutschen Leitkultur“. Es geht schlicht und einfach um die Durchsetzung der Menschen-und Bürgerrechte im eigenen Land – für alle Bürger beiderlei Geschlechts und jeder Herkunft.
„Was ich von den Deutschen verlange“, sagt Necla Kelek, „ist nicht mehr und weniger als Gleichbehandlung. Mir stehen dieselben Rechte zu wie jeder deutschen Frau.“
Zurecht weisen Politiker und Religionsgelehrte aller Konfessionen darauf hin, daß es viele Spielarten des Islam gibt, daß Islamismus und Islam nicht verwechselt werden dürfen, daß Mord und Massenmord durch keine Zeile des Korans gedeckt werden. Aber die Behauptung, Islamismus und Islam, Frauenunterdrückung und Islam hätten absolut nichts miteinander zu tun, kommt der Behauptung gleich, es gebe nicht die geringste Verbindung zwischen Stalinismus und Kommunismus. Tatsache bleibt, daß die Mißachtung der Frauenrechte, speziell des Rechts auf Bildung und sexuelle Selbstbestimmung, integraler Bestandteil der meisten islamischen Gesellschaften ist. Ohne eine Debatte um die Stellung der Frau im Islam – und eine entsprechende Reform des Islam – wird eine kulturelle Einbürgerung der Muslime nicht gelingen. In einigen Europäischen Ländern (in England, Frankreich und den Niederlanden) sind Ansätze einer neuen, von Musleminnen geführten Frauenbewegung bereits erkennbar. Die Herausforderung, der sich ihre Vorkämpferinnen stellen, ist keine geringere als eine zweite „Aufklärung“, eine Renaissance des bisher von Männern beherrschten und interpretierten Islam.

Die westlichen Gemeinschaften sind damit gefordert, die Errungenschaften ihrer eigenen „Aufklärung“ zu verteidigen. Solange sie die Vermittlung ihres Wertesystems hauptsächlich den Religionslehrern überlassen, verlangen sie Muslimen etwas Unzumutbares ab – nämlich die Bereitschaft, Konvertit zu werden. Nur wenn die westlichen Demokratien strikt an der Trennung von Staat und Religion festhalten, können sie ihren muslimischen Bürgern die Idee der universellen Gültigkeit der Menschenrechte glaubwürdig nahebringen.
„Wir westlichen Musliminnen“ sagt Seyran Ates, „werden die Reform des traditionellen Islam in Gang bringen, weil wir seine Opfer sind.“

Dieser Artikel erschien im Frühjahr 2006 unter demTitel: „Erziehung zum Hass“ in zwei Folgen in der Welt . Am 4. Dezember 2005 war er in voller Länge im New York Times Magazine erschienen, s. die Englische Version dieser Website.

 

 

 Europa und die USA- der nächste Zusammenstoß der Kulturen?

(Eine kurze Fassung dieses Essais erschien unter dem Titel "Across a Great Divide" in der New York Times, s. die Englische Version dieser Website)

Kein Zweifel, der Atlantik ist seit dem Krieg in Irak ein erhebliches Stück breiter geworden. Think tanks und Gruppentherapeuten beugen sich über die transatlantische Familie und überlegen, wie sie zu retten sei. Manche fragen sogar, ob es sich überhaupt noch lohne, sie zu retten.

Trotz aller Alarmrufe glaube ich nicht, daß es der Streit um den Irak - Krieg und die Folgen ist, der Europa und die USA auf längere Sicht auseinanderbringen wird. Richtiger erscheint mir die Annahme, daß der Irakkrieg wie ein Vergrößerungsglas gewirkt hat, unter dem ältere und grundsätzlichere Gegensätze zwischen den transatlantischen Partnern sichtbar geworden sind. Aktuelle Stichworte dazu sind: Präventiver Krieg, Internationales Recht, Sozialstaat, Kyoto-Protokoll und Umweltschutz, Guantanamo, Todesstrafe, Folter. Aber in der Debatte über diese sozusagen offiziellen "Meinungsverschiedenheiten" wirken unausgesprochen kulturelle Differenzen mit, die weniger leicht zu fassen sind. Sie betreffen unterschiedliche Einstellungen zu Krieg und Frieden, zur Religion, zum Sex, zum Leben und zum Tod. In der Summe laufen diese Differenzen auf einen Grundsatz- Streit über den gemeinsamen Ausgangspunkt der europäischen und der amerikanischen Zivilisation hinaus. Die USA und Europa, beide Kinder der Aufklärung, sind offensichtlich uneins darüber, was dieses Erbe im 21. Jahrhundert bedeutet und wer es besser verwaltet.

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen. Es ist kein Vorurteil, sondern eine durch Umfragen und durch die Erfahrungen der letzten 50 Jahre bestätigte Tatsache, daß Amerikaner eher zum Krieg bereit sind als Europäer. Aber die Trennlinie verläuft keineswegs so klar, wie uns die Vereinfacher auf beiden Seiten des Atlantik glauben machen. Denn auch in Europa bestreitet nur eine pazifistische Minderheit, daß es notwendige, unausweichliche, gerechtfertigte Kriege gibt - tatsächlich wurden die Interventionen in Bosnien, im Kosovo und in Afghanistan, wenn auch teilweise erst nach langem Zögern, von den Europäern mitgetragen.

Das Mißtrauen der Europäer gilt der neuen Doktrin eines präventiven und gerechten Krieges. Denn diese Doktrin führt in ein vordemokratisches Denken zurück. Wer behauptet, einen Krieg im Namen der Gerechtigkeit zu führen, ist in Gefahr, ein nationales oder bloß parteipolitisches Interesse mit dem Interesse der ganzen Menschheit zu verwechseln bzw. es als solches auszugeben. Damit ist er auf bestem Wege, eine Grunderkenntnis der Aufklärung in den Wind zu schlagen: Menschliche Urteile und Entscheidungen unterliegen dem Zweifel und sind grundsätzlich fehlbar; diese Fehlbarkeit kann durch keine staatliche, juristische oder religiöse Autorität aufgehoben werden. Das Prinzip der Gewaltenteilung, das dem Egoismus und der Gefahr des Machtmißbrauchs entgegenwirkt, wird durch die Doktrin vom "gerechten" Krieg praktisch aufgehoben. Der selbstproklamierte Kriegsherr eines "gerechten Krieges" maßt sich an, gleichzeitig Kriegsherr und Weltenrichter zu sein.

Mit entsprechender Empfindlichkeit hat man in Europa auf die Wortwahl reagiert, in der W. G. Bush seine Kriegsansage vorgetragen hat. Begriffe wie "Crusade", "Infinite Justice", Ansagen eines Kampfes gegen "die Achse des Bösen", manichäische Ausgrenzungen wie "Wer in diesem Kampf nicht auf unserer Seite steht, steht auf der Seite der Terroristen" - markieren die religiöse Selbsterhöhung einer weltlichen Macht, die im säkularen Europa undenkbar geworden ist. Und war es nicht eben diese Selbsterhöhung, die die Administration Bush/Cheyney/Rumsfeld dazu verführt hat, ihr Land und ihre Alliierten mithilfe von Informationen über Massenvernichtungswaffen, die sich als falsch bzw. als plumpe Fälschungen herausstellten, in den Krieg mit Irak zu führen? War es nicht diese selbstherrliche, sich über jeden Zweifel und jede noch so triftige Kritik erhaben dünkende Anmaßung, die die Bush-Administration zu der grotesken Fehleinschätzung führte, die irakische Bevölkerung würde "ihre Befreier" mit Blumen in den Händen begrüßen?

Nicht von ungefähr hat diese missionarische Anmaßung ein altes Mißtrauen der nichtamerikanischen westlichen Welt reaktiviert: gegen die auch in den USA heftig umstrittene Todesstrafe.

Wer für die Todesstrafe eintritt, schließt im Prinzip die Möglichkeit des Irrtums aus. Ein irrtümlich Hingerichteter kann bestenfalls posthum rehabilitiert werden. Da es in den USA nachweislich Dutzende von irrtümlich vollstreckten Todesstrafen gibt, bleiben den Anhängern der Todesstrafe nur zwei Fluchtwege übrig: entweder müssen sie diese Tatsache leugnen, oder sie müssen behaupten, daß solche Irrtümer im Namen einer für die Gemeinschaft lebensnotwendigen Abschreckung in Kauf zu nehmen sind. Die Europäer haben sich in dieser Sache inzwischen eindeutig für das Prinzips des Zweifels und die Anerkennung der Fehlbarkeit menschlicher Entscheidungen entschieden.

Hier gerät ein weiterer Grund für eine tiefer gehende Entfremdung zwischen den transatlantischen Partnern in den Blick.

Wenn amerikanische Kommentatoren vor einem neuen Fundamentalismus warnen, nennen sie in aller Regel nur den islamistischen. Europäische Intellektuelle schließen in ihre Warnungen zwei weitere Varianten ein: den orthodox-jüdischen und den christlichen Fundamentalismus.

Die USA sind heute die am tiefsten durch Religion geprägte Gesellschaft unter den westlichen Demokratien. 52% der Amerikaner geben an, regelmäßig in die Kirche zu gehen, in England sind es etwas über 2 %; in Frankreich, Deutschland und Italien liegt der Prozentsatz unter 10 %. In den USA bekennen 70 % der Befragten, daß sie an Engel glauben, in Europa hält man diese Frage offensichtlich für so absurd, daß man sie nicht einmal stellt. Wichtiger jedoch als die aktuellen Angaben über die Prozentzahlen ist die Tendenz der Entwicklung. In den USA ist offensichtlich eine Rechristianisierung, ja eine Remissionierung des zivilen Leben und auch des Staates im Gange, in Europa schreitet der Prozess der Säkularisierung weiter fort. In den Staaten des sogenannten "bible belt", im amerikanischen Midwest und im Süden, kämpfen christliche Sekten mit Erfolg darum, die Evolutionstheorie Darwins an den Schulen durch die christliche Schöpfungsgeschichte zu ersetzen. Die von der Bush-Regierung mit großem Getöse verkündeten Hilfsprogramme für die von Aids verseuchten Staaten Afrikas werden zusehends an die Bedingung geknüpft, vorehelichen Sex und den Gebrauch von Kondomen zu verdammen. Die wichtigste Errungenschaft der Aufklärung - die Trennung zwischen Religion und Staat - ist in den USA nicht etwa nur in Gefahr, sie ist dank der Fundamentalisten in der Bush-Administration in vielen Bereichen des zivilen und staatlichen Lebens bereits außer Kraft gesetzt.

Europa hat einen entsprechenden Angriff auf die Prinzipien der Aufklärung seitens der Polen, die die Verpflichtung Europas auf das christliche Erbe in die Europäische Verfassung schreiben wollten, - einstweilen jedenfalls! - erfolgreich abgewehrt.

Das bisher desaströse Ergebnis des Irakkrieges ist der Anwendungsfall der hier beschriebenen amerikanischen Selbstanmaßung.

Das erste, weithin sichtbare Beispiel war der Umgang mit den afghanischen Kriegsgefangenen in Guantanamo. Vor den Folter- Fotos aus Abu Ghraib hat wohl nichts dem Image der USA in der nichtamerikanischen Welt so geschadet wie die Bilder der Gefangenen in Guantanamo. Man kann unterstellen, daß kaum ein Europäer Sympathien für Leute hegt, denen man zutrauen muß, bei der nächstbesten, sich bietenden Gelegenheit eine möglichst große Anzahl von Zivilisten in die Luft zu sprengen.

Aber wie man die Gefangenen dort, in der amerikanischen Basis auf Kuba, gehalten sah, nur durch Drahtgitter gegen Sonne und Regen geschützt, mit Kapuzen über dem Kopf, an Händen und Füßen gefesselt im Trippelschritt oder auf Bahren zum Verhör geführt, sprang das Gefühl um. Vor allem die Tatsache, dass die Vormacht der westlichen Demokratien ihren Gefangenen das Recht auf rechtliches Gehör verweigert, daß der bloße Verdacht genügt, sie jahrelang in Käfigen festzuhalten, hat das Rechtsempfinden der nichtamerikanischen Welt aufgestört. Sah man hier nicht das häßliche Gesicht einer Rache-Gesellschaft, die zweierlei Recht gelten läßt? Die sich im Fall der Mißhandlung amerikanischer Gefangener in Irak sofort auf die Verletzung der Genfer Konvention beruft, sich aber beim Umgang mit den Feinden keinen Augenblick lang um internationale Regeln schert? Und diesen rechtsfreien Status ihrer Gefangenen mithilfe von juristischen Kniffen, die nicht einmal den von Bush eingesetzten Richtern des Supreme Court einleuchten, auch noch triumphierend ausstellt?

Denn das Merkwürdige war ja, daß die amerikanischen Kriegsherren die Bilder ihrer gedemütigten Feinde sichtlich voller Stolz der Weltöffentlichkeit präsentierten - und sich die katastrophale Wirkung offenbar gar nicht vorstellen konnten. Ganz so, als stimme die Welt längst mit ihnen im Prinzip überein: Es gibt zweierlei Recht: eines, das "für die Sterblichen" - die internationale Gemeinschaft - verbindlich ist, ein anderes und höheres Recht, das die einzig verbliebene Supermacht für sich in Anspruch nimmt.

Bleibt nur hinzuzufügen, daß auch die Rechte amerikanischer Bürger arabischer und afrikanischer Herkunft zuhause, in den USA, im Namen der "Home Security" zunehmend außer Kraft gesetzt werden. .

Für die schleichende Legitimierung der Folter und die Einführung rechtlicher Doppelstandards trägt die Bush-Administration die Verantwortung. Alles, was in Abu Ghraib geschah, hat in Guantanamo begonnen. Mit der amtlichen Erklärung der Rechtlosigkeit der Gefangenen in Guantanamo war moralisch und auch bürokratisch der Weg zur Folter in den irakischen Gefängnissen freigegeben.

Aber es wäre eine Illusion zu glauben, die Legitimierung der Folter sei auf eine späte und heimliche Entscheidung der Fanatiker in der Bush-Administration zurückzuführen.

Ich erinnere mich, daß ich vor drei oder vier Jahren einen zweiseitigen Artikel in der New York Times fand. Er wies nach, daß in einem amerikanischen Ausbildungslager im Süden der Vereinigten Staaten Spezialkräfte der US-Armee Offiziere aus El Salvador, Guatemala, Columbien und anderen "befreundeten" Staaten in den Techniken des Folterns und Tötens von Feinden unterrichteten. Aufgeregt wartete ich auf irgendein Nachspiel dieser vermeintlichen "Bombe" in der wichtigsten Zeitung der Welt. Es gab kein Nachspiel, die amerikanischen Institutionen und das Publikum blätterten zur nächsten Seite um.

Donald Rumsfeld und die Seinen haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß sie ihre hochrangigen Gefangenen der Al Kaida in Ländern verhören liessen, in denen die Folter praktiziert wurde. Während der Kriegsmonate, die ich in Washington verbrachte, wurde in den amerikanischen Nachrichten-Medien, besonders in den Fox-News, offen und mit Wonne diskutiert, ob die Exposition solcher Gefangener zu Schlaflosigkeit, extremen Temperaturen, oder "Schütteln"wirklich als Folter zu bezeichnen sei. Und ich habe lange Diskussionen zwischen zivilisierten Herren in Anzug und Krawatte gehört, die ihr Publikum vor folgende Frage stellten: Angenommen, Sie haben einen Terroristen vor sich, der im Verdacht steht, mit seinen Gesinnungsgenossen in den nächsten Stunden eine schmutzige Bombe in New York zur Explosion zu bringen. Was würden Sie tun? Würden Sie lieber den hehren Prinzipien der Genfer Konvention folgen, oder - unter dem Verlust ihres guten Gewissens - diesen Kerl nach allen Regeln der Kunst grillen, bis er sein Geheimnis verrät, und so das Leben von 50 000 unschuldigen US-Bürgern retten?

Man muß zugeben: die Antwort fällt nicht leicht, wenn man so gefragt wird.

Kommen wir zum heikelsten Punkt der transatlantischen Entfremdung. Ich nenne ihn - mangels besserer Begriffe - den amerikanischen Narzismus.

Wenn man die Marines in Irak bei ihren raids beobachtet, wie sie mit dem Stiefel die Tür eines irakischen Hauses eintreten, die sich vielleicht auch mithilfe der Klinke öffnen ließe, wie sie den Familienvater zu Boden zwingen, ihm den Stiefel auf den Rücken oder auf den Kopf setzen und sich offenbar nicht vorstellen können, dass sie in den Herzen der Kinder und Frauen des Gedemütigten Hassbilder erzeugen, die ein Leben lang vorhalten, ist man verblüfft. Wie ist dieser katastrophale Mangel an Einfühlungsvermögen und an kultureller Kompetenz zu erklären? Liegt es an fehlender Vorbereitung, an einem Mangel an ortskundigen Übersetzern, an der strikten Ausrichtung der kämpfenden Truppe auf rein militärische Aufgaben?

Ähnliche Fragen stellen sich, wenn amerikanische Truppen irrtümlich einen arabischen Journalisten erschießen oder in der Hast des Reagierens ein halbes Dorf in Schutt und Asche legen, weil eine Bombe am Wegrand explodiert ist. Nur ein Ignorant wird behaupten, daß derartige Unfälle einer ständig von Selbstmordatteten bedrohten Besatzungsmacht nicht unterlaufen dürfen. Umso wichtiger für den Erfolg einer Besatzungspolitik ist es, die Bevölkerung durch symbolische und materielle Gesten davon zu überzeugen, daß die Besatzer sich nicht für unfehlbar halten und Irrtümer eingestehen.

Genau den gegenteiligen Eindruck hat die Bush-Regierung durch ihre Machtsprache nicht nur in Irak erzeugt: Die Supermacht USA kann sich nicht irren und muß sich bei niemandem entschuldigen. Man frage einen Nicht-Amerikaner, was er von dem Urversprechen der amerikanischen Revolution von der Gleichheit aller Menschen hält. Im Zweifelsfall wird er lachen und mit Orwell antworten: Einige sind gleicher.

In weiten Teilen der nichtamerikanischen Welt hat sich die Meinung durchgesetzt, daß Amerikanern das Leben eines Amerikaners unendlich viel mehr wert sei das Leben jedes anderen Erdenbürgers.

Ich bin mir sicher, daß die Angehörigen der US-Army, die ich 1945 als Kind in Bayern mit ihren Jeeps einfahren sah, zu einem anderen Typ von Soldaten gehörten als die Berufssoldaten in ihren Marsuniformen, die in Bagdad einrückten. Ich will mir über die Gründe für diesen Unterschied kein Urteil anmaßen, ich weiß nur, daß wir Kinder zu den Besatzern, die uns mit Suppen, Schokolade und mit Chewing Gums verwöhnten, Vertrauen faßten. Im Europa jener Jahre riß sich jeder deutsche oder italienische Soldat darum, in amerikanische Gefangenschaft zu geraten - es ist, soweit ich weiß, kein einziger Fall von Folter bekannt geworden. Ich bezweifle, ob die Soldaten der irakischen Armee jemals - schon vor den Folterbildern - ähnliche Gefühle gegenüber ihren Besatzern hegten. Ich fürchte, die mangelnde kulturelle Vorbereitung der amerikanischen Berufsarmee auf den Nachkrieg hat weit mehr Opfer und mehr Sympathien bei den "Befreiten" gekostet hat als der Krieg.

Vielleicht ist es an dieser Stelle nötig, eine Errungenschaft der amerikanischen Kultur, um die Europa sie zurecht beneidet, genauer anzusehen: die "multikulturelle Gesellschaft". Zweifellos haben die USA die vielfältigste und integrationsfreudigste Kultur der Welt hervorgebracht, und es ist kein Zufall, dass diese Kultur die einzige ist, die universelle Anziehungskraft besitzt. Aber das amerikanische Modell der multikulturellen Gesellschaft erzeugt auch eine Illusion. Da tatsächlich Menschen aus aller Welt in den USA leben, verführt diese Erfahrung zu dem Glauben, man kenne und begreife die Welt, auch wenn man sich nie aus den USA herausbewegt hat. Wer in den USA lebt und aufgewachsen ist, vergißt leicht, dass die "Menschen aus aller Welt" zunächst einmal Amerikaner werden mußten - eine Bedingung, die die Neu-Amerikaner in aller Regel mit Begeisterung akzeptieren - bevor sie ihre kulturelle Andersartigkeit feiern durften. So kommt es, daß man in den USA eigentlich immer nur auf eine amerikanische Version der Andersartigkeit trifft. Man erfährt nicht notwendigerweise etwas über die Kultur und Geschichte Vietnams, wenn man mit einem vietnamesischen Arzt in der Universitätsklinik von Stanford zusammenarbeitet. Man kann fünf Jahren neben einem Inder in dergleichen Dot.-Firma in Los Angeles sitzen, ohne irgendetwas von den Sitten und Gebräuchen in dessen Heimatstadt zu begreifen. Und es ist keineswegs gesagt, daß man französisch speist, wenn man in ein französisches Restaurant in Atlanta geht. Mit anderen Worten erzeugt die imponierende Integrationskraft der amerikanischen Gesellschaft auch eine Art Weltvergessenheit, einen multikulturellen Unilateralismus. Das Ergebnis ist ein Paradox: Eine phantastisch flexible Gesellschaft, die die ganze Welt in sich aufgenommen hat und sich umso schwerer damit tut, sich in die Welt jenseits ihrer Grenzen einzufühlen.

Von allen Filmen, die in den USA gezeigt werden, liegt der Anteil von ausländischen Filmen unter einem Prozent. Im Rest der Welt beträgt der amerikanische Anteil 70 bis 80 Prozent. In der Buchbranche ist es nicht viel anders.

All diese Gegensätze und Irritationen addieren sich zu einem handfesten Streit über den gemeinsamen Ausgangspunkt der amerikanischen und der europäischen Zivilisation. In den Augen der Europäer sind die Amerikaner auf dem Wege, einige der elementaren Grundsätze der Aufklärung zu verraten und ihr bisheriges Selbstverständnis, Erster unter Gleichen zu sein, durch das Prinzip "Erster unter Ungleichen" zu ersetzen.

Die USA ihrerseits klagen die Europäer an, daß sie sich ihrer internationalen Verantwortung nicht stellen. Zwar beschwören die Europäer gern die UN als einzigen Hort internationaler Legitimität, aber geben hinter vorgehaltener Hand zu, daß die UN in den meisten Fällen, in denen bedrängte Völker internationale Hilfe erwarten durften - Ruanda, Srebrenica, Liberia, Sudan - kläglich versagt haben. Was bedeutet das internationale Recht, wenn es verhindert, in ein brutales Folterregime einzugreifen und dem Tyrannen das Handwerk zu legen? Wer ist der wahre Anwalt der Menschenrechte: derjenige, der unter Berufung auf das internationale Recht einem Völkermord zusieht, oder derjenige, der ihm - notfalls unter Verletzung des Völkerrechts - ein Ende setzt?

Leider ist nicht zu erwarten, daß die Massenmedien in den USA und in Europa zur Differenzierung in diesem Streit beitragen werden. In zwanzig Jahren Hin-und Herpendelns zwischen den USA und Deutschland bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß Nachrichtensendungen sich keineswegs auf die Verbreitung von Nachrichten beschränken. Nachrichtensendungen dienen immer auch und vor allem der Idenditätsbildung ihrer Zuschauer. Sie folgen einer Dramaturgie, die darauf zielt, die bereits vorhandenen und mehrheitsfähigen Meinungen über die jeweils Anderen - Beispiel: "Cowboy-nation USA" bzw. "Die europäische Achse der Feiglinge" - zu bestätigen.

Der Dissens zwischen den USA und Europa wird durch die nächsten Wahlen in den USA zweifellos beeinflußt, aber nicht entschieden werden. In einigen der hier genannten Streitpunkte kann Europa sich nicht auf die USA zubewegen, ohne seine Lesart vom Erbe der Aufklärung aufzugeben. Das Gleiche gilt - in anderen Streitpunkten - für die USA. Die wichtigste Frage bleibt, welche Tendenz die transatlantischen Störungen haben, ob sie in Zukunft eher zu- oder abnehmen werden. Stehen wir am Anfang einer neuen Verständigung oder einer historischen Trennung, vergleichbar jener evolutionären Abspaltung, die eine Pionier-Gruppe der Homoniden vor unserer Zeitrechnung vorführte, als sie ihrem Ursprungsland Afrika für immer den Rücken kehrte?

Es wäre ein allzu billiger Idenditätsberweis, wollten sich entweder die Europäer oder die Amerikaner als die "wahren" Hüter der Aufklärung aufspielen. Denn natürlich sind beide, die USA wie Europa, Kinder der Aufklärung, und, bisher jedenfalls, waren es meist die Amerikaner, die die Europäer an diese gemeinsame, von den Europäern zu oft verratene Herkunft erinnern mußten. Es ist nichts weiter als fair, wenn es diesmal die Europäer sind, die ihre Verwandten jenseits des Ozeans an das gemeinsame Versprechen gegenüber der Menschheit gemahnen.

Cicero Heft Nr. 3 Juni 2004



Mein Amerika

Vor fünfzehn Jahren, als ich zum ersten Mal für eine längere Zeit in die USA reiste, gab mir eine landeskundige Freundin die folgende Erfahrung mit auf den Weg: Wer in den USA frisch zur Tür hereinkommt, bekommt erst einmal zehn Punkte gutgeschrieben, die er sehr rasch auf Null bringen kann. In Deutschland fängt er mit Minus Zehn an und hat dann die faire Chance, sich allmählich auf Null hochzuarbeiten.

Ich habe diese Faustregel bestätigt gefunden. Jeder, der eine Weile in den USA gelebt und dort ein Kind zur Schule geschickt hat, kann die Wirkung einer mentalen Droge beobachten, die man dort „high expectation“ nennt: Du bist gut, du kannst etwas, was andere nicht können, wir glauben an dich, du wirst es schaffen! Und wenn du es wirklich willst, kannst du noch viel mehr erreichen, kannst ein Michael Jordan, ein Bill Gates oder amerikanischer Präsident werden! Dieser vielbelächelte „amerikanische Traum“ ist leicht widerlegbar und wird natürlich auch von den Amerikanern nicht wörtlich genommen. Man übersieht in Europa, daß es dabei natürlich nicht um ein konkretes Karriereversprechen, sondern um die Erzeugung einer Haltung geht: Die Welt steht dir offen, nimm sie dir, an deine Grenzen stößt du früh genug.

 In Deutschland gilt die Kunst des Ermutigens und Lobens nicht als eine Tugend. Wer zuerst den Fehler findet - an einem Produkt, einem Projekt, einem Kollegen - beweist damit angeblich seine Intelligenz. Wer einen anderen lobt, gerät dagegen in den Verdacht,  dass er sein Studium vorzeitig abgebrochen hat oder im Sold des Gelobten steht. Tatsächlich unterschätzt man in der Alten Welt eine immaterielle Energie, die sich in den USA mit Händen greifen lässt: Lebensmut,  Risikobereitschaft, Selbstvertrauen.

Auf ebenso drastische wie komische Weise wurde mir dieser Kontrast anlässlich der Einführung der Potenzpille Viagra vorgeführt. Im amerikanischen Fernsehen sah ich den gescheiterten republikanischen Präsidentschaftsbewerber Bob Dole freudestrahlend den Daumen in die Höhe strecken. Nach einer Prostata-Operation hatte er das blaue Ding getestet und wie Hunderttausende anderer amerikanischer Männer das Wunder der Auferstehung erlebt. - Auch in Deutschland hatte die Meldung über die Wunderpille Warteschlangen vor den Urologen-Praxen ausgelöst. Aber in den Sondersendungen des deutschen Fernsehens zum Thema Viagra sah man nur die tief besorgten Gesichter von Experten, die sich mit Warnungen überboten. Wenn Sie Schwindelgefühle, Kopf- und Magenschmerzen kriegen, blind werden, einen Herzinfarkt riskieren wollen, sagte ein populärer Fernsehdoktor, dann nehmen Sie Viagra! - Die Amerikaner feierten die damals eine Million Männer, die sich über ein nicht mehr erhofftes Stehvermögen freuten. Die Deutschen konzentrierten sich sofort auf die sechs Todesopfer und rieten den Davongekommenen, erst einmal ihr Seelenleben in Ordnung zu bringen.

Lassen wir einmal offen, welche von den beiden Reaktionen sich letztlich als realistischer erweisen wird. Auf die Frage, bei wem es sich einstweilen leichter leben lässt, bei den Thumbs-up!- Optimisten oder bei den Kopfschüttlern, wird die Antwort nicht allzu schwerfallen.

Zugegeben: Die Höflichkeit der Amerikaner und der Zwang zum Loben ist von dreister Lüge nicht leicht zu unterscheiden. Einmal besichtigte ich mit zwei Washingtoner Freunden eine neu eingerichtete Wohnung von Bekannten in Georgetown. Wir gingen mit vielen „how wonderful!“ – und „just amazing!“- Rufen durch das Schmuckstück und beendeten den Rundgang in der Küche. Es war eine ziemlich teure Küche von ausgesuchter Scheußlichkeit. Nichts passte zusammen, der Marmorboden nicht zur rosafarbenen Tapete, die falschen Goldknöpfe nicht zum Teakholz der Küchenschränke, der ovale Glastisch nicht zu den schweren Stühlen. Meine Freunde überboten sich derart in Komplimenten, dass ich begann, an ihrem Geschmack zu zweifeln. Kaum aber hatten wir unsere Gastgeber verlassen und die Straße erreicht, brachen meine Freunde in Gelächter aus. Noch nie in ihrem Leben, sagten sie, hätten sie eine so absurde und verkorkste Küche gesehen! Seither neige ich zur Vorsicht, wenn ich selber der Adressat amerikanischer Komplimente bin; ich frage mich, was diese freundlichen Leute wohl sagen, wenn sie wieder auf der Straße sind. Und wenn ein amerikanischer Redakteur einen Artikel von mir zu diesem oder jenem Thema nichts weiter als „really interesting“ findet, weiß ich, dass er ihn vielleicht bezahlen, aber niemals drucken wird.

Wenn man mich jedoch fragt, was ich am Ende vorziehe – eine verlogene amerikanische Höflichkeit oder eine ehrliche deutsche Rüpelei – dann optiere ich eher für das amerikanische Angebot. Was mich angeht, so habe ich von der amerikanischen Kultur des Ermutigens und des positiven Übertreibens eher profitiert. Es gab Zeiten, in denen meine Besuche in den USA mir einen Kuraufenthalt ersetzten, der mir erlaubte, mich von dem zu Hause reichlich ausgeteilten „Misstrauensvorschuss“ und dem Wettbewerb im Niedermachen zu erholen. Warum soll ich es nicht laut und deutlich sagen, dass ich Amerika und den Amerikanern für ihre gute Laune und ihren Optimismus dankbar bin? Dass ich nie so genau weiß, was Amerikaner „wirklich“ denken, nehme ich in Kauf.

Allerdings stieß ich auch früh auf eine Grenze der hier gerühmten amerikanischen Offenheit und Willkommensbereitschaft. Sie wurde sichtbar, sobald ich die Frage nach der Herkunft meines Akzents beantwortete. Was diesen Punkt angeht, muss ich mit einer Illusion aufräumen: Es ist nicht wahr, dass der Fremde im „Heimatland des Individualismus“ zuerst als Individuum gesehen wird. Ich habe eher die umgekehrte Erfahrung gemacht: ich wurde zuerst als Deutscher wahrgenommen -  und dann, wenn ich eine Art Schnell-Test bestanden hatte, auch als Individuum.

Das hat wohl eher mit einer Passion der amerikanischen Medien als einer der Bürger zu tun. Tatsächlich war und bin ich über die Allgegenwart der Deutschen im amerikanischen Fernsehen verblüfft. Egal, wann ich durch die Fernsehkanäle zappe, es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich nicht in Spiel-  oder Dokumentarfilmen auf gewisse Gesten, Embleme und vor allem Laute aus Deutschland stoße. Ich glaube, außer Spanisch ist Deutsch die einzige Sprache, die im amerikanischen Fernsehen immer wieder im Original zu hören ist. Aber diese von manchen Völkern vielleicht beneidete Präsenz hat einen Pferdefuß. Fast alle Bilder und Geschichten beziehen sich auf die Zeit vor mehr als 50  Jahren, auf jene 12 Jahre also, in denen die Deutschen weltbekannt geworden sind - durch ein ungeheures Verbrechen, dessen Einzigartigkeit nur ein paar unverbesserliche Dummköpfe bestreiten.

Nicht dass man mir oder meinesgleichen misstraute, weil ich Deutscher bin – unter gebildeten Leuten gilt die Idee der Kollektivschuld und ihrer Verlängerung ins dritte oder vierte Glied als obsolet. Das Problem findet unterhalb des intellektuellen Diskurses statt. Man kommt im Gespräch immer sehr rasch auf das e i n e Thema und wird höflich dazu befragt. Und natürlich ist es ein Unterschied, ob man derjenige ist, der die Fragen stellt, oder derjenige, der dazu Stellung nehmen muss.

Ein befreundeter Journalist, der lange in Berlin tätig war – er ein amerikanischer Jude, seine Frau Polin - zog mit seiner Familie kürzlich in einen Vorort von New York. Sein Sohn, ein Sechstklässler, war stolz und aufgeregt, als er beim morgendlichen Fahneneid, dem „Pledge of Allegiance“, zum ersten Mal an der Reihe war, die amerikanische Flagge zu halten. Ein Mitschüler fand, dass der Neuling dieser Ehre nicht würdig sei: er sei ja nicht einmal Amerikaner. Ein anderer Mitschüler wurde deutlicher und nannte den Zwölfjährigen einen Nazi. Falls dies der Lernerfolg jenes Angebots für Kinder im Holocaust-Museum ist, per Kinderticket die Stationen das Schicksal eines jüdischen Kindes in Nazi-Deutschland bis zur Vernichtung zu durchlaufen, dann besteht einiger Anlass zum Fragen. Kann es sein, dass dieser Anschauungsunterricht kindliche Teilnehmer zu dem Missverständnis einlädt, dass sie per Geburt und Muttersprache zu den Guten und Gerechten der Geschichte gehören? Und wäre das Verhalten der Mitschüler zu billigen, wenn es sich bei dem Jungen wirklich um einen Deutschen gehandelt hätte? Inzwischen gibt es Hunderttausende von Deutschen, die sich mit Immigranten und Immigrantinnen aus Polen, Jugoslawien, Dänemark, Italien, Frankreich etc. verheiratet und mit ihnen Kinder haben. Warum sollten sich diese Kinder vor einem amerikanischen Kind gleichen Alters rechtfertigen müssen? Und betrifft die Gefahr eines trügerischen moralischen Überlegenheitsgefühls wirklich nur die 6th Grader?

Vielleicht ist dies mein größtes Bedenken; ein der amerikanischen Kultur inhärentes Streben nach Reinheit und Unschuld, ein gewisser Erlösertick, die Neigung zur Selbstgerechtigkeit, die natürlich nur um den Preis der Verleugnung eines guten Teils der eigenen Geschichte zu haben ist. Es ist schon erstaunlich, dass es kein nationales Denkmal oder Museum an der Mall in Washington D. C. gibt, das an die Geschichte der Sklaverei erinnert. Auch keines, das dem Schicksal der American Indians gewidmet ist. Das Vietnam Memorial erinnert zwar auf eindrucksvolle Weise an die etwa 50 000 gefallenen amerikanischen Soldaten, lässt aber jeden Hinweis auf die etwa drei Millionen vietnamesischer Toten, die meisten unter ihnen Zivilisten, vermissen.

Mir ist klar, dass ich hier an jener Eigenschaft kratze, die ich anfangs mit guten Gründen rühmte. Denn der wunderbare und höchst produktive amerikanische Optimismus hat sicher auch mit dem Glauben zu tun, dass in dem „ewigen Kampf zwischen Gut und Böse“ das Reich des Guten selbstverständlich die amerikanische Flagge trägt. Ein Beispiel für diese Fixierung auf den eigenen Erfolg ist die amerikanische TV-Berichterstattung über den Krieg in Afghanistan. Ich hatte den Eindruck, dass die TV-Berichterstattung über den Krieg in vielerlei Hinsicht zu einer Feier militärischer Erfolge und amerikanischer Tapferkeit geraten war. Zivile Opfer wurden nur selten zum Gegenstand von Nachforschungen und waren kaum von Interesse. Es schien, als sei aus dem Vietnam-Krieg vor allem eine Lehre gezogen worden: die Bilder von den sogenannten Kollateralschäden einfach zurückzuhalten. Bis heute wissen wir nicht, wieviele zivile Opfer der Sieg im ersten Golfkrieg gefordert hat, und dasselbe gilt für den Kosovo-Krieg und den Afghanistan-Krieg. Ich halte es für bedenklich, dass es in den für ihre Freiheit gerühmten amerikanischen Medien keinen Report über zivile Opfer gibt, nicht einmal jetzt, da die drei genannten vorüber sind.

Ich möchte hier ein Beispiel zitieren, das meines Wissens der amerikanischen Öffentlichkeit unbekannt geblieben ist: In der „Zeit“ fand ich kürzlich einen Bericht, in dem Ulrich Ladurner die Versuche amerikanischer Bomber schildert, einen der wichtigsten Köpfe des Taliban-Regimes, einen gewissen Jalaluddin Haqqani, zu töten. Am Abend des 12. Novembers 2001 trafen amerikanische Bomber das Haus Haqqanis in Kabul drei Mal. Eine dreißigjährige Frau, die im Garten arbeitete, wurde getötet, nicht aber Haqqani. Am Tag darauf bombardierten die Amerikaner ein Haus in der Stadt Gardez, in dem Haqqani vermutet wurde. Ein Hausdiener und ein Verwandter Haqqanis starben, nicht aber Haqqani. In der Nacht zum 16. November dann beschossen die Bomberpiloten eine Moschee und eine Religionsschule am Stadtrand von Khost, da man glaubte, dass Haqqani sich dort aufhalte. 15 Schüler und 10 Erwachsene wurden getötet, nicht aber Haqqani. Am 18. November griffen US-Flugzeuge das Haus von Maulvi Sirajuddin im Dorf Tosha an. Haqqani war zwar dort, entkam aber rechtzeitig. Maulvi Sirajuddin und seine 11-köpfige Familie hingegen fanden den Tod. Am 19. November schließlich fielen Bomben auf ein weitläufiges Gebäude in Zinikil, einem Weiler nahe der Stadt Khost. Der einzige Überlebende dieses Bombardements war der Hausbesitzer, Zir Aman. 12 Mitglieder seiner Familie wurden getötet. Zir Aman räumt ein, dass Haqqani in seinem Haus war, behauptet aber, er habe nicht gewusst, wer Haqqani war – ich gebe zu, das müssen wir nicht glauben.

Aber ist es zu rechtfertigen, dass 43 Zivilisten sterben mussten, um einen Mann zu bestrafen, der dann doch nicht getroffen wurde? Ich meine, dass es eine Sache der Fairness und auch der Meinungsfreiheit ist, derartige Geschichten zu untersuchen –ebenso wie die Geschichten über amerikanischen Mut und amerikanische Tapferkeit, die nur die stupiden Antiamerikaner bezweifeln. Andernfalls wäre es schwierig, das alte Vorurteil zu widerlegen, das überall in der Welt außerhalb der USA existiert – den Verdacht nämlich, dass das Leben eines Amerikaners für Amerikaner mehr wert ist als das anderer Menschen.

Ein anderes Beispiel ist die aktuelle Berichterstattung in den USA über den Nahost-Konflikt.  Was das Informationsangebot angeht, verfügen die Amerikaner nach meiner Beobachtung mehr oder weniger über dieselben Informationen wie die Europäer. In beiden Öffentlichkeitssphären finden alle, auch die entlegendsten Standpunkte ihren Niederschlag. Aber diese Feststellung sagt wenig darüber, welche Informationen sich in jenen Medien durchsetzen, die den Mainstream der Öffentlichkeit bestimmen – in den TV-Medien. Hier sind die Unterschiede in der Tat beträchtlich.

Mir ist aufgefallen, dass das Thema Siedlungen und „besetzte Gebiete“ in den amerikanischen TV-Medien so gut wie gar nicht vorkommt. Selten oder nie wird auf die Tatsache hingewiesen, dass allein in Scharons Amtszeit etwa 34  neue Siedlungen entstanden sind, ein Prozess der illegalen Landnahme, der übrigens unter allen israelischen Regierungen – mit Ausnahme der Regierung Rabin –vorangetrieben wurde. Wenn überhaupt auf dieses Problem hingewiesen wurde, dann so, als handele es sich um ein Kavaliersdelikt wie zu schnelles Fahren, das vielleicht einen Strafzettel, aber keineswegs irgendeine Form der Gegenwehr rechtfertigen würde. Es ist, als wollte man die Siedlungen nicht beim Namen nennen, um nicht in den Verdacht zu geraten, man wolle den Selbstmordattentaten irgendein nachvollziehbares Motiv nachliefern. Die Folge dieser Ausblendung ist, dass die Proteste der palästinensischen Zivilbevölkerung als Akte einer blindwütigen und aggressiven Masse erscheinen, die für ihre Wut keinerlei ernstzunehmende Gründe hat. Wahr bleibt, dass die Selbstmord-Attentate durch nichts zu rechtfertigen sind. Aber das kann nicht heißen, dass die Landnahme der Israelis stillschweigend hingenommen werden müßte. Wahrscheinlich würde das Unrecht der Siedlungen erst sichtbar, wenn die Palästinenser es nicht mit ihren barbarischen Selbstmordattentaten immer wieder in den Schatten stellten.

Ein weiterer Unterschied betrifft die Einschätzung Arafats und Ariel Scharons. Auch in Europa hat sich inzwischen weitgehend die Meinung durchgesetzt, dass Arafat einer Doppelstrategie folgt; dass er, wenn er englisch spricht, Frieden predigt, und wenn er arabisch spricht, den „Jihad“ ermutigt. Was auf dieser Seite des Atlantik Befremden auslöst, ist die Tatsache, dass die Bush-Administration plötzlich und nahezu vorbehaltlos Ariel Scharons Version zuneigt, Arafat sei eigentlich der „Chef-Terrorist“ und folglich in der Lage, mit einem Wort die palästinensischen Terroraktionen zu stoppen. Es gibt wohl kaum einen informierten Bürger der USA und Europas, der sagen könnte, auf welche Beweise sich diese Überzeugung stützt – es sei denn, er ist bereit, den Verlautbarungen der israelischen und amerikanischen Regierungssprecher blind zu glauben.

Aber einmal angenommen, Arafat sei in der Tat der Ober-Terrorist. Welchen Sinn macht es dann, dass die amerikanische Regierung einerseits auf seiner Rolle als Verhandlungspartner besteht, andererseits dabei zusieht, wie er von der israelischen Armee als Gefangener gehalten wird? Wie ist es zu erklären, dass die amerikanische Regierung einerseits einen sofortigen Rückzug der israelischen Armee fordert, andererseits nicht die geringsten Sanktionen für den Fall vorsieht, dass ihre Forderung ignoriert wird? Und welchen Sinn macht es, nicht nur Arafats Amtssitz, sondern auch Einrichtungen zu zerstören oder unbrauchbar zu machen, die jede, auch die Scharon-freundlichste palästinensische Verwaltung benutzen müsste: den Hafen, den Flughafen, den Fernsehsender, den Radiosender, zivile Strukturen wie Straßen, Laternen, Telefonzellen, Gas- und Stromleitungen, Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser? Glaubt man den Berichten der internationalen  Presse, so sind unter dem Banner der „Zerstörung der terroristischen Infrastruktur“ vor allem die zivilen Infrastrukturen des zukünftigen Palästinenserstaates so gründlich zerstört worden, dass von einem funktionsfähigen Staat auf Jahre keine Rede sein kann.

Sicher wissen wir, die Bürger Europas und der Vereinigten Staaten eigentlich nur, dass Arafat eine wahrscheinlich nie wiederkehrende Chance zu einem fairen Frieden ausgeschlagen hat, und dies allein genügt eigentlich, um ihn als Verhandlungspartner unglaubwürdig zu machen. Aber wie steht es um die Glaubwürdigkeit Scharons? Hat nicht derselbe Mann, der von der Regierung Bush als „Mann des Friedens“ anerkannt wird und sich heute so gern auf Baraks Friedensvorschlag beruft, um Arafats Friedensunfähigkeit zu beweisen, ebendiesen Vorschlag mit allen Mitteln torpediert? Hat er nicht die Siedlungen mit dem Satz gerechtfertigt, eine Siedlerin, die schwanger werde, müsse schließlich ein paar Zimmer anbauen dürfen? Und hat er nicht klipp und klar gesagt, dass die Siedlungen nie und nimmer aufgegeben werden dürfen?

Die USA haben immer wieder erklärt, sie seien der beste Freund Israels, und diesen Freund kann der junge und ständig in seiner Existenz bedrohte Staat wahrlich gebrauchen. Aber wie kann und will der beste Freund Israels gleichzeitig ein ehrlicher Makler der palästinensischen Interessen sein? Wie kann die amerikanische Regierung gleichzeitig parteiisch und unparteiisch sein? Anders gefragt: Wenn nicht einmal die Europäer davon überzeugt sind, dass die Amerikaner die israelischen und die palästinensischen Interessen mit gleichem Maß messen, wie wollen sie die Araber davon überzeugen? Wäre es da nicht besser, die Amerikaner würden bekennen: Wir sind Partei, und weil wir es sind, brauchen wir eine dritte Kraft im Nahen Osten, die uns dabei hilft, die Rolle des „ehrlichen Maklers“ auszufüllen?

Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang nötig, das Prunktstück der amerikanischen Kultur: die “multikulturelle Gesellschaft” ein wenig genauer anzusehen. Zweifellos repräsentieren die USA die vielfältigste und integrationsfreudigste Kultur auf der Welt, und es ist natürlich kein Zufall, dass diese Kultur die einzige ist, die universelle Anziehungskraft besitzt. Aber das amerikanische Modell einer multikulturellen Gesellschaft erzeugt auch eine Illusion. Es verführt zu dem Glauben, man kenne und begreife die Welt, da nun einmal Menschen aus aller Welt in den USA leben. Das ist unstreitig der Fall und ist zugleich trügerisch. Man übersieht leicht, dass die “Menschen aus aller Welt” zunächst Amerikaner werden müssen - und dafür tun sie in aller Regel, was immer sie können -, bevor sie sich um ihre vielgepriesene kulturelle Andersartigkeit kümmern könnenMan erfährt nicht viel über die Menschen in Vietnam, wenn man mit einem vietnamesischen Arzt in der Universitätsklinik von Stanford zusammenarbeitet. Man weiß so gut wie nichts über Indien, auch wenn man seit zehn Jahren mit einem Inder in dergleichen Dot.-Firma in Los Angeles sitzt. Man hat keine Ahnung von der französischen Küche, wenn man in einem französischen Restaurant in Atlanta speist. . So kommt es, daß man in den USA immer nur eine amerikanische Version der Andersartigkeit trifft: auf einen amerikanischen Cappuccino, auf ein amerikanisches Beuf Bourgignon, auf amerikanische Wurstl with Sauerkraut. Ich rede hier nicht über kulturelle Versäumnisse, Hochnäsigkeiten, Ignoranzen- über nichts, was sich durch Reden und Aufklären beseitigen ließe. Ich behaupte nur, daß man in der amerikanischen Version der “multikultrellen Gesellschaft” – oder sagen wir lieber: der Welt - nicht mehr, sondern weniger Möglichkeiten hat, Andersartigkeit wahrzunehmen.  

Ein Beispiel für meine Behauptung sind die amerikanischen Filme über den Vietnamkrieg. Ich habe mehrere Dutzend dieser Filme gesehen, und einige von ihnen sind großartige Filme. Dennoch ist ihnen ohne Ausnahme ein Makel gemeinsam. Eindringlich und erbarmungslos beschreiben sie das Drama des amerikanischen GI. s aus dem Midwest, der von einer hinrverbrannten Administration in einen sinnlosen Krieg geschickt wird. Aber immer fehlt dieser großen Erzählung über einen verfehlten Krieg ein entscheidendes Element. Der vietnamesische Feind und erst recht der vietnamesischen Zivilisten tritt nur im Kollektiv in Erscheinung, nicht als Individuum. Diese fremde Person hat kein Gesicht, kein Schicksal,und keinen Namen. .

Vor einigen Wochen sah ich im amerikanischen Fernsehen einen Film mit Nicolas Cage und Penelope Cruz, dessen Titel ich vergessen habe. Er spielt auf einer griechischen Insel, auf der die Deutschen ein schreckliches Kriegsverbrechen begangen haben. Die Geschichte handelt von Italienern, Griechen, und Deutschen, zum Schluß tauchen auch ein paar Amerikaner auf. Aber alle diese Figuren, jede mit ihrem nationalen Akzent, sprechen – auch bei vollständiger Abwesenheit der Amerikaner - mehr oder weniger gutes Englisch. Dem amerikanischen Publikum bleiben die Laute der fremden Sprachen erspart, sie scheinen zu stören.

Filme aus anderen Ländern, die in Amerika erfolgreich sind, müssen sich zuvor einer eigentümlichen Verwandlung unterziehen: Der Plot, der Held, die Landschaft – alles muss in einen amerikanischen Kontext übersetzt werden, um den Film für ein amerikanisches Publikum  “verständlich” zu machen.

Aber vielleicht leben wir längst in der Welt, die ich immer noch für eine amerikanische Illusion halten möchte: die Illusion, dass die Welt außerhalb Amerikas aus Möchtegern- Amerikanern besteht, die eines gemeinsam haben: ihr gebrochenes Englisch.

Jetzt, nach bald einem Jahr, sollten die Europäer und die Amerikaner den barbarischen Angriff vom 11. September als eine Gelegenheit begreifen – als eine Gelegenheit, nicht nur alles über Al Qaida und den neuen islamischen Faschismus herauszufinden, sondern auch über die Millionen Moslems, die sich durch solche Massenmörder vertreten fühlen. Man kann diese Gelegenheit als eine Chance bezeichen, sich für jene Anderen zu interessieren, die außerhalb der multikulturellen Gesellschaft Amerikas stehen. Denn – Pardon – in den Grenzen dieses wundervollen und einzigartigen amerikanischen Teils des Universums wird man niemals die Wunder und das Wehe der Welt “da draußen” verstehen.

 





 



 
Das mutlose Land
Blick von außen nach innen oder Plädoyer für mehr Spielfreude
 

Der Berliner Schriftsteller ("Der Mauerspringer") Peter Schneider, 57, kehrte im Sommer von einem neunmonatigen Aufenthalt als Stipendiat am Woodrow Wilson Centre in Washington zurück - und schaut mit neuen Augen auf Deutschland in der Krise:

Das letzte, was ich vor meiner Abreise aus Washington D.C. über die deutschen Zustände hörte, war eine Zahl in der "Financial Times". Ich holte meine Tochter von einer "Good-bye-Party" am Swimmingpool ab, und während ich wartete, bis sich das Kind die Haare getrocknet hatte, hielt mir der deutsche Hausherr, ein leitender Angestellter der Weltbank, das rosarote Fachblatt vor die Augen. Seine Stirn nahm zusehends die Farbe der Zeitung an, als er mit dem Finger auf den zweistelligen Grund seiner Aufregung zeigte. Aus der Statistik ging hervor, daß Deutschland in der Liste der wettbewerbsstärksten Länder in kurzer Zeit von Platz 9 auf Platz 25 abgerutscht war. "Wenn die Deutschen so weitermachen", sagte er, "können sie bald den Anschluß an Afrika suchen."

Als ich in Berlin aus dem Flugzeug stieg, hatte ich nicht den Eindruck, ein Land zu betreten, dem Versteppung drohte. Die deutsche Krise, die inzwischen auch international Schlagzeilen macht, war mit bloßem Auge nicht leicht zu erkennen. Auf der Stadtautobahn sah ich Kolonnen blankgebutzter Autos - hochzylindrige, spritzige Mordwerkzeuge, die höchstens fünf Jahre alt waren und keine Delle aufwiesen.

Auch die Berichte der Reisebranche, über die ich bei der Zeitungslektüre im Flugzeug gestolpert war, stimmten mich nicht auf einen Untergang ein. Im Reisesommer `97, las ich, wurden alle bisherigen Rekorde gebrochen, das Ergebnis des Reisesommers 1996, in dem die Deutschen bereits 75 Milliarden Mark für Reisen ausgegeben hatten, wurde noch einmal um fünf Prozent übertroffen. "Es wird erklärungsbedürftig", sagte der Präsident des Deutschen Reisebüro-Verbandes, Gerd Hesselmann, "wenn man nicht reist."

Ich dachte nicht mehr an die Unheilszahl in der Financial Times, als ich mein unterbrochenes Leben in Deutschland wiederaufnahm. Andere Eindrücke, schon vergessene Verwunderungen beschäftigten mich. Am Abend meiner Ankunft verfolgte ich vom Bett aus, vom Jet-lag immer noch benommen, eine Live-Sendung über einen internationalen Leichtathletik-Wettkampf. Der deutsche Reporter interviewte einen Star aus Afrika, den Sieger des 3000-Meter-Laufs. Schweißtriefend und keuchend, kaum fähig zu sprechen, stand der glückliche Gewinner dem Mann mit dem Mikrofon gegenüber. Aber plötzlich gefror sein Lächeln, und es war nicht mehr zu unterscheiden, was ihm mehr den Atem nahm - der eben erst beendete 3000-Meter-Lauf oder die erste Frage des Reporters: "Sagen Sie", fragte der Reporter den Mann, der auf dieser Strecke gerade den Jahresrekord und die drittbeste Zeit aller Zeiten erlaufen hatte, "was ist eigentlich schiefgelaufen? Eigentlich wollten Sie heute doch Ihren eigenen Weltrekord einstellen!" Da wußte ich, daß ich wieder zu Hause war.

Anderntags ging ich in einen Computershop an der Ecke. Das Geschäft hatte eben erst geöffnet, es waren wenige Kunden da. Ich sah mehrere junge Männer in T-Shirts und Nike-Schuhen mit abweisenden Blicken an mir vorbeilaufen. Da sie nichts kauften, entschloß ich mich nach einer Weile, sie für Verkäufer zu halten. Sichtlich ungehalten wegen der Störung, blickte mich der angesprochene Hüne an. Ich fragte nach einem eher ungewöhnlichen Artikel in der unendlichen Kette des Computerzubehörs: nach einem externen CD-Rom-Laufwerk mit eingebauter Soundkarte. Noch bevor ich ausgeredet hatte, sah ich das zurechtweisende Kopfschütteln des Verkäufers: "Ha wa nich, jibt et nich!". Erst nachdem ich ihm fünf verschiedene Modelle des genannten Artikels aufgezählt hatte, mäßigte er sein Urteil zu "Ham wa nich!"

Man kann es den Berliner Charme nennen. Ich, noch nicht recht eingewöhnt, dachte in diesem Augenblick an die freundlichen Verkäufer bei Richards Computer in Washington und fragte mich: Wie will man mit dem hier angebotenen Mix aus Arroganz plus Inkompetenz bestehen? Wie soll das gutgehen, und soll es überhaupt?

Vermutlich rede ich von Irritationen, die jedes Jahr Millionen Deutsche anwandeln, wenn sie entspannt aus besser gelaunten und meist ärmeren Urlaubsländern zurückkehren und im Bus, in der U-Bahn oder im Supermarkt in die Gesichter ihrer (dagebliebenen oder bereits vor einer Woche zurückgekehrten) Mitbürger schauen. Woher die Anspannung, das konzentrierte Wegschauen? War wird ein neugieriger Blick als Zumutung abgewiesen, eine versehentliche Berührung gleich als Tätlichkeit empfunden? Woher rührt die rätselhafte Selbstverpflichtung zum Mißmut und zum Verdruß, die etwa dazu führt, daß einem auf die Frage nach dem Namen einer Straße, die man sucht, mit dem Hinweis auf das 20 Meter entfernte Straßenschild geantwortet wird: Keene Oochen im Kopf? Da oben steht's doch!

Ausländische Besucher, die meist erst nach artigen Komplimenten ihr Erstaunen über dieses Befragen bekunden, sind geneigt, darin ein Indiz für Ausländerfeindlichkeit zu sehen. Wie soll man ihnen bloß erklären, daß sie durchaus wie Einheimische behandelt werden? Oder um in der Logik des Arguments zu bleiben, daß die Einheimischen dazu neigen, sich gegenseitig wie Ausländer zu behandeln?

Früher habe ich diese ethnologische Besonderheit, die in Berlin besonders ausgeprägt ist - ich bin im Badischen aufgewachsen -, mit der Mauer zu erklären versucht. Da dieser Grund entfallen ist, neige ich dazu, diese Merkwürdigkeit damit zu erklären, daß es die Mauer nicht mehr gibt. Ein Rätsel bleibt.

Es ist, als würde jeder, der frisch zur Tür hereinkommt mit einem Mißtrauensvorschuß begrüßt. Mit nichts kann man hierzulande so schockieren wie mit der Auskunft auf die Wie-geht-es-Frage: Wunderbar! Eine solche Antwort kommt, auch wenn sie nichts weiter als eine tollkühne Behauptung ist, einer Unhöflichkeit, ja einer Provokation gleich. In den USA, so habe ich gehört, erkenne man einen Deutschen daran, daß er auf die Frage: "How are you today?" auf der Straße stehenbleibe und über eine gründliche Antwort nachdenke.

Das Stereotyp geschenkt - es trifft etwas, und vielleicht nicht nur das Mißverständnis einer Frage, sondern vielleicht des Lebens selbst. Denn die rituell optimistischen bis prahlerischen Auskünfte, die man in fast allen anderen Ländern auf diese Frage hört, haben nichts mit einem Lagebericht zu tun. Das amerikanische "I'm finde", die beherzte italienische Lüge "non c'é male", der emporgestreckte Daumen, den man selbst unter schlimmsten Umständen in ganz Lateinamerika zu sehen bekommt, stellen eher eine Wette auf die Zukunft dar, eine Ansage an die Welt und an sich selber, daß man die Probleme, die man selbstverständlich hat, lösen will.

Ich gestehe, daß mich in den ersten Tagen ein ungewöhntes Gefühl des Erbarmens anwandelte, mit den Deutschen und wohl auch mit mir selbst. Das Fehlen jeder Spielfreude, jedes Werbens, jedes Ehrgeizes, sich dem (auch dem einheimischen) Fremden gegenüber durch Liebenswürdigkeit in ein gutes Licht zu setzen, ist erstaunlich. Fast hat man den Eindruck, die Deutschen hätten es darauf abgesehen, auf keinen Fall geliebt zu werden. Oder lieben sie sich selber nicht? Ist dieser Mangel an Selbstliebe eine Folge der Hitlerei oder umgekehrt, die Hitlerei eine Folge dieses Mangels?

Dabei ist es doch, immer noch von außen gesehen, eigentlich phantastisch, was in Berlin geschieht und was die Berliner auf sich nehmen und zustande bringen. Wer zwischen Bahnhof Zoo und Bahnhof Bellevue mit der S-Bahn fährt, sieht nichts als Bäume und Kräne, gewaltige Erdaushübe und gelbe, tadellos planierte Sandflächen, eine lange Küste ohne Meer, zu der man sich die Brandungswellen des Urstroms phantasieren kann. Näher dann zum Bahnhof Friedrichstraße, blickt man in schwindelnd tiefe ausbetonierte Baulöcher oder auf Grundwasserseen, auf denen schwimmende Kräne operieren. Nachdem die Mauer, das kalte Herz der Stadt, herausoperiert ist, herrscht an den Wundrändern fieberhafte Tätigkeit. Berlin, kein Zweifel, baut sich seine Pyramiden.

Wer in Berlin-Mitte spazierengeht, trifft auf Schritt und Tritt auf neue Gebäude oder wiederauferstandene Gebäudegeister, die zwei Jahre vorher nur in historischen Fotobänden zu besichtigen waren. Das Hotel Adlon unter den Linden, die Friedrichstraße fertig, ganze Straßenzüge in Friedrichshain und Prenzlauer Berg neu verputzt, überall neue Büropaläste, darunter durchaus erstaunliche, bewundernswerte, und solche, die man nach einem Augenblick der Irritation als Plattenbauten in Marmorausführung erkennt.

Am Potsdamer Platz ist in atemraubenden Tempo eine neue Stadt entstanden. Gelungen oder nicht, das Ganze ist ein pharaonisches, so noch nie dagewesenes Vorhaben: Eine 760 Jahre alte Stadt erschafft sich eine neue Mitte. Das alles suggeriert den Eindruck einer ungeheuren Energie und Kraft und macht neugierig auf das Kraftzentrum. Soviel Aufbruch war zu meiner Lebzeit nie, aber wo ist die Aufbruchstimmung? Warum sprechen die Zeitungen nur vom Mißglückten, nicht genauso laut vom Gelungenen? Warum loben und ermutigen sich die Deutschen nicht, wenigstens ein bißchen? Ratlos stehen die Bürger vor den neuen Riesenwerken und schütteln behutsam ihre Köpfe.

Pessimismus ist wahrscheinlich ein Zeitvertreib für gute Zeiten, man muß ihn sich leisten können. Plötzlich zeigt sich, daß die geheimnisvolle Disposition der Deutschen zur Krisenstimmung, die fast unabhängig von der Haushaltslage ist, zu einem aktiven Krisenfaktor wird, wenn die Krise eingetroffen ist.

Das auf Krisen eingestimmte Volk ist offenbar unfähig oder weigert sich, die Krise wahrzunehmen und sich gegen sie zu wehren. Ein seltsam träumerischer Umgang mit dem Offensichtlichen fällt auf, eine kollektive Weigerung, den überall veröffentlichten Tatsachen zu begegnen. Fast ist es, als hielte man die tägliche Beschwörung des Niedergangs für das geeignete Mittel, ihn aufzuhalten.

Bei der Einschulung meiner Tochter in ein Gymnasium in Charlottenburg hielt der Direktor eine kleine Rede, deren Einleitung neugierig machte. Noch nie in seiner 30jährigen Laufbahn, sagte er, habe er eine derartige Ankündigung machen müssen. Der Englisch-Unterricht sei zwar vorgesehen, aber nicht gesichert, das Geld für die neuen Englisch-Lehrwerke sei noch nicht bewilligt, und auch die Stelle des Mathematiklehrers stehe bisher nur auf dem Papier. Ein Hauch von Dritter Welt wehte plötzlich durch die Aula des ehrwürdigen Gymnasiums. Eine Mutter stellte die Frage, was die Bücher kosteten. Ob die Eltern nicht beschließen könnten, die 24,50 Mark auszulegen oder notfalls auch zu bezahlen, um den Unterricht zu gewährleisten. Erbittertes Schweigen war die Antwort.

Ich glaube, es war nicht Geiz, der die Runde lähmte, sondern das Festhalten an einem eigentlich schönen Prinzip: Der Staat ist für die Schulbücher zuständig. Die Idee, daß sie, die Eltern, einstweilen selber einspringen müßten, wenn der Staat versagte, ja, daß sie und niemand sonst die Herren des Staates sind, kam irgendwie nicht auf.

Eine solche Episode ist in den USA schwer vorstellbar, schon deswegen, weil die Amerikaner aus historischen Gründen eher sich selber als ihrem Staat vertrauen. In gewisser Weise sind die Deutschen natürlich Opfer ihres zu Recht weltweit beneideten, viel effizienteren Staates und erst einmal stumm vor Schreck, wenn dieser Staat ihren Kindern die Schulbücher nicht mehr auf den Tisch legt.

Das Problem, so scheint es mir, dem Wiederkehrenden, ist in erster Linie ein mentales. Mit dem tatsächlichen Verlust an Kaufkraft und an Arbeitsplätzen scheint nicht die Tatkraft, sondern der Wirklichkeitsverlust zuzunehmen. Es bildet sich ein Zirkel: Das panische Festhalten am erreichten, aber nicht mehr haltbaren sozialen Status führt zu noch größeren tatsächlichen Verlusten, die ihrerseits zu noch größeren Ängsten und zu noch größerer Unbeweglichkeit führen. Nicht die objektiven Probleme sind unlösbar; sie werden allmählich unlösbar, weil sie so lang geleugnet und verschleppt werden, bis sie tatsächlich kaum mehr zu bewältigen sind.

Es ist natürlich ein Unterschied, ob eine Gesellschaft sich beim Stand von zwei oder drei Millionen Arbeitslosen auf die Globalisierung der Märkte umstellt - die zunächst unvermeidlich noch mehr Arbeitslose produziert - oder ob sie sich auf diese Aufgabe einläßt, wenn sie bereits sechs Millionen Arbeitslose zu versorgen hat. Seit Jahren konnte man zum Beispiel in den Zeitungen lesen, daß die Kosten einer Arbeitsstunde in der Industrie in Westdeutschland rund um ein Drittel höher sind als in den meisten vergleichbaren Industrieländern und daß sie in Ostdeutschland, bei etwa 60 Prozent der westdeutschen Produktivität, immer noch höher sind als fast überall auf der Welt.

Alle Fachleute nennen diesen Umstand als einen der Hauptgründe für die anhaltende Abwanderung von Arbeitsplätzen aus Deutschland. Seit langem war das Problem und seine Ursache erkannt, was machten die Deutschen? Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich auch nur eine Kleinigkeit wie die Reform der Lohnfortzahlung durchsetzen ließ. Es war schon phantastisch, was sich die Gewerkschaftsführer alles einfallen ließen, um die besondere Anfälligkeit der Deutschen für Eintagekrankheiten zu erklären. Der Versuch, die Regelung per Gesetz zu ändern, führte fast zum Generalstreik. Erst wenige Gewerkschaften haben eingelenkt - die Diskussion hatte das Ergebnis, daß sich der Gesundheitszustand der Deutschen innerhalb eines Jahres dem europäischen Mittel angenähert hat. Ist es ein Wunder, daß viele Arbeitslose die Gewerkschaften als ein Bollwerk ansehen, das die Rechte der Arbeitenden gegen die der Arbeitslosen verteidigt?

Die Debatte um die anderen, viel wichtigeren Reformen - Steuern und Pensionen - läßt einstweilen nur weitere Debatten erwarten. Wenn es gar um den Intimbereich des Staates geht - Öffentlicher Dienst und Beamtenwesen -, werden die Reformen in einem Tempo und mit einem Zartgefühl angegangen, als herrschte "draußen", wie man das Land in Bonn gern nennt, Vollbeschäftigung.

Nur ein Philister wird den Deutschen ihre sozialen Errungenschaften und Luxusartikel mißgönnen. Was ist dagegen einzuwenden, daß sie in den zurückliegenden Jahrzehnten mehr verdienten, öfter krank feierten, sich länger in südlichen Sonnen bräunten als fast alle anderen - solange ihr wirtschaftlicher Erfolg ihnen solche Annehmlichkeiten gestattete? Die einzig realitätstüchtige Frage ist doch, ob sie sich all diese erfreulichen Dinge weiterhin leisten können - und wenn nicht, was sie tun und lassen müssen, um den Trend zu noch mehr Arbeitslosen umzukehren.

Auf das behütete Links-Rechts-Schema ist in diesem Punkt kein Verlaß: Wer auf Kosten nachfolgender Generationen Schuldenberge aufhäuft, um den Sozialstaat zu erhalten, hat sich damit noch nicht als Linker ausgewiesen. Wer erst die Wirtschaft flottmachen will, damit es überhaupt wieder etwas zu verteilen gibt, ist deswegen noch kein Rechter.

Von den USA aus gesehen herrscht in der Bundesrepublik fast realer Sozialismus. Das vereinigte Deutschland ist aus dieser Sicht sozusagen die geglücktere, inzwischen ebenfalls bedrohte Version der DDR. Die greifbarste Lehre aus dem Bankrott der Sozialistischen Länder ist in europäischen Kernländern wie Deutschland, Frankreich und Italien nur zögernd wahrgenommen worden: Monopole, vor allem staatliche Monopole, führen offenbar gesetzmäßig zu bürokratischen Delirien, zu Schwerfälligkeit, Ineffizienz und kostenintensiver Erstarrung.

Jener amerikanische Richter, der das Monopol der Telefongesellschaft AT&T durch eine Reihe bahnbrechender Entscheidungen zerschlagen und dem Ansturm junger Konkurrenzgesellschaften ausgesetzt hat, genießt in den USA die Popularität eines Popstars. Als ich jetzt die deutschen Postler für die Aufrechterhaltung der verbliebenen Post-Monopole demonstrieren sah, dachte ich: Wer kann es ihnen verübeln? Aber die Zukunft ist es nicht, für die sie auf die Straße gehen.

In den USA fragt man zuerst, ob ein Satz stimmt, gleichgültig aus welchem Mund er kommt. Hierzulande beherrscht immer noch eine Art Vereinszwang das Denken und die Phantasie. Bevor man nach der Wahrheit eines Satzes fragt, will man wissen, in wessen Gesellschaft man mit ihm gerät; wenn der politische Feind denselben Satz sagt oder sagen könnte, dann kann er eigentlich nur falsch sein. Ich glaube nicht, daß sich der historische Gegensatz zwischen "links" und "rechts" erledigt hat. Aber in vielen Anwendungsfällen lassen sich diese Etikette leider ganz einfach durch die Wörter "falsch" und "richtig" ersetzen.

Zu lange haben die deutschen Politiker nicht wahrhaben wollen, daß die Globalisierung ein wirtschaftliches Erdbeben ist, das man nicht einfach abwählen kann wie eine ungeliebte Regierung. Nur diejenigen Völker werden sie beeinflussen und zivilisieren können, die dieses Zwangsschicksal erst einmal angenommen haben.

Vielleicht hat nichts den Aufbruchwillen so behindert wie Helmut Kohls Versäumnis, die Deutschen auf die Chancen und Verzichte vorzubereiten, die die Riesenaufgabe der Vereinigung bot und abverlangte. Bekanntlich wurden die westdeutschen Beamten anfangs mit einem "Buschgeld" von 2000 Mark netto dazu überredet, ihre beeideten "besonderen Treuepflichten gegenüber Staat und Verfassung" in den sogenannten neuen Ländern wahrzunehmen. Dieses Beispiel für Pioniergeist hat natürlich Maßstäbe gesetzt. Ich erinnere mich an eine Umfrage kurz nach der Einführung des Solidaritätszuschlags. Dazu befragt, wie viele Opfer sie für die Vereinigung noch zu erbringen bereit seien, antworteten die Westdeutschen damals, als die erste Rate anfiel, das Ende der Fahnenstange sei erreicht, man könne schlicht und einfach nicht mehr. Inzwischen sind die Kosten der Vereinigung zu über einer Billion aufgelaufen, aber immer noch wurde den Bürgern die Dimension der Aufgabe nicht benannt. Statt dessen jeden Tag und hinterrücks ein kleiner Schmerz - hier eine kleine Beitragserhöhung, dort eine neue, hübsch verpackte Steuer, statt Vereinfachung immer mehr Komplikationen, statt einer globalen Ansage immer nur Kosmetik.

Warum sagt man den Deutschen nicht, was sie längst ahnen: daß die bevorstehenden Jahre noch schwieriger sein werden als die zurückliegenden und daß der Grund längst nicht mehr in den Kosten der Vereinigung zu suchen ist, sondern in verpaßten Strukturreformen, die in anderen Ländern bereits vor zehn Jahren eingeleitet worden sind, kurz, daß alle Deutschen - nicht nur die in den sogenannten neuen Bundesländern - vor existentiellen Veränderungen stehen?

Statt deutlicher zu machen, daß eine Gesellschaft auf Dauer nichts verteilen kann, was sie nicht erwirtschaftet, suchen die Politiker nach Schuldigen. Je nach politischer Ausrichtung und Klientel konzentrieren sich die einen auf "Sozialbetrüger", Asylanten, auf ausländische Schwarzarbeiter, die anderen auf die Gewinne der Unternehmen und auf die Einkommensmillionäre, die keine Steuern zahlen - als ließe sich der Status quo durch Mahnbescheide und Polizeikontrollen retten. Es ist ja wahr: Der Beitrag der Einkommensmillionäre zum Gesamtsteueraufkommen hat sich auf wunderbare Weise in derselben Zeit in ähnlichen Umfang reduziert, wie sich die Anzahl der Millionäre vermehrt hat, und sicher gibt es auch Sozialbetrüger. Aber die Sozialausgaben aller öffentlichen Hände liegen bei einer Billion. Jedes Kind kann ausrechnen, daß sich die Haushaltslöcher auch dann, wenn man alle wirklichen oder vermeintlichen Sündenböcke zur Kasse bittet, nicht stopfen lassen.

Zukunftsfreudige Völker, die die Umstellung auf die Globalisierung als eine nationale Aufgabe erkannt und angepackt haben, haben inzwischen neue Jobs und neue Reichtümer geschaffen, die selbstverständlich neue Verteilungskämpfe auslösen werden. Hierzulande krallt sich jede Gruppe panisch an ihren sinkenden Privilegien fest. Jeder verteidigt seine Frühpension, sein 13. Monatsgehalt, seine unkündbare Stellung, seine Umzugshilfe, seine Trennungszulage, sein Steuerschlupfloch, als wären es heilige Menschenrechte.

Auch die gute alte Klassenanalyse in "die da oben und wir da unten" bedarf der Innovation. "Die Ausbeuter" sind nicht nur die Millionäre, es sind Millionen: tüchtige, hochorganisierte Minoritäten, die stur auf ihre inzwischen unbezahlbaren Privilegien pochen und sich allesamt als Opfer aufführen. Die wirklichen Opfer, die das Drama der nationalen Starre auszubaden haben, die keine Funktionäre und Lobby haben, sind die Millionen Arbeitslosen.

Aber es reicht längst nicht mehr aus, die Politiker zu kritisieren. Der Wähler ist der neue Gott, vor ihm liegen alle auf dem Bauch, übrigens auch der Wähler selbst.

Die Frage ist doch: Würden die Bürger einen Politiker, der ihnen eine ungefähre Gesamtrechnung über die notwendigen Einschnitte vorlegen und die Lasten - so gerecht wie möglich - allen gesellschaftlichen Gruppen abverlangen würde, auch nur einen Tag lang regieren lassen? Vielleicht besteht das wichtigste Kriterium für die Qualität eines Politikers heute darin, daß er das Risiko eingeht, nicht gewählt zu werden, weil er die Wahrheit sagt. Vielleicht würde er sogar gewählt.

Es sieht so aus, als seien die Deutschen zur Zeit von vielen guten Geistern verlassen. Die Intellektuellen scheinen weitgehend mit Selbstverteidigung beschäftigt zu sein. Viele hatten Utopien angehangen, die dem Test der Geschichte nicht standgehalten haben - was keine Schande ist. Die meisten ihrer guten Ratschläge - gegen die Wiedervereinigung, für einen besseren, demokratischen Sozialismus - sind vom Gang der Ereignisse nicht beherzigt worden. Statt sich nun dafür zu interessieren, warum sie so gewaltig ins Unrecht gesetzt worden sind, tragen sie ihre erschütterten Meinungen in leicht justierten Positionen weiter vor und versuchen nachzuweisen, daß sie recht hatten und die Geschichte sich geirrt hat.

Auch ein solcher Versuch kann zu verblüffenden intellektuellen Leistungen führen. Es kommt aber eher selten vor, daß aus dem Impuls der Begradigung und des Rechtbehaltenwollens geistige Entdeckungen hervorgehen. Fast vergessen scheint zu sein, daß nicht nur das Warnen und Mahnen, sondern auch das Entwerfen und Vorausdenken zu den Kapazitäten des Denkens gehören. Das einzige Thema, das wahrhaft leidenschaftliche Debatten auslöste, war die Rechtschreibreform. Zu allen anderen Erschütterungen des deutschen Nachkriegskonsenses - zur Frage einer Intervention im ethnischen Krieg in Bosnien, zum Ende des Sozialstaates, zur Massenarbeitslosigkeit - war kaum etwas zu hören. Es mutet seltsam an, wenn Günther Grass ausgerechnet in einem Augenblick, da der "Wirtschaftsstandort Deutschland" tatsächlich bedrohlich abwärtstrudelt, mahnt, Deutschland sei zu einem bloßen "Wirtschaftsstandort verkommen". Es ist ein Donnersatz, aus planetarischer Entfernung gesprochen.

Das vorläufige Ergebnis all dieser komplizierten Befindlichkeiten ist jedenfalls, daß der epochale, bisher nicht vorgedachte Vorgang der Umwandlung eines kommunistischen Systems in ein kapitalistisches praktisch ohne intellektuelle Begleitung stattfindet.

Man muß den Sieg des Kapitalismus und dessen Globalisierung nicht für die letzte Antwort der Geschichte halten. Auch liegt es mir fern, mit meinen Hinweisen auf die Zuversicht und die Erfolge in den USA das amerikanische Modell zur Nachahmung zu empfehlen. Mir ist nur aufgefallen, daß die meisten Nachrichten, die hierzulande über den Aufschwung in den USA zu lesen sind, nur dessen negativen Aspekte ins Licht stellen. Etwa: Ja, die Amerikaner haben zwar Millionen neue Jobs geschaffen, aber die Löhne liegen im Bereich unserer Sozialhilfe. Daß auch Millionen gut oder hochbezahlter Jobs entstanden sind, teilt sich irgendwie nicht mit. Die Berichte lesen sich wie eine Materialsammlung zu der Botschaft: Was immer wir machen, auf keinen Fall wollen wir es so machen wie die in den USA. Anzumerken bleibt, daß die Amerikaner die Nachrichten über Deutschland genauso resolut in den Dienst der amerikanischen Selbstbestätigung und ihrer Stereotypen stellen.

Es ist eine Illusion zu glauben, daß mit den elektronischen Datenautobahnen auch das Tempo des Verstehens zwischen den Völkern wächst. Nachrichten über andere Länder befriedigen wohl viel weniger, als man glaubt, das Informationsbedürfnis; sie dienen immer auch der Selbstbestätigung und -vergewisserung der Einheimischen. So wie die US-Bürger sich immer wieder ihrer historischen Mission versichern, wenn sie jeden Abend in irgendeinem Fernsehkanal einen blonden, blauäugigen Deutschen mit Heil-Hitler-Gruß durchs Bild laufen sehen, so erbauen sich die Deutschen an den zahlreichen Dokumentarfilmen über die Indianerreservate, in denen ihnen etwa erklärt wird, daß US-Regierungen zu Beginn des Jahrhunderts "regelrechte KZs" für die Indianer errichten ließen.

Auf dem Dach eines Eckhauses in der Karl-Liebknecht-Straße, an dessen Fassade in DDR-Zeiten in Neon-Lettern die unvergessene Einladung "Gastmahl des Meeres" geleuchtet hatte, entdeckte ich eine neue Botschaft: "Pioneer". Ich brauchte eine Weile, bis mir klar wurde, daß es sich nur um ein neues Firmenzeichen handelte. Aber plötzlich schien es mir, daß die Neonschrift den Namen für etwas in den Abendhimmel schrieb, dessen überwältigende Abwesenheit ich spürte, und eine fast verbotene Frage kam mir in den Sinn. Wo ist eigentlich die Genialität der Deutschen geblieben? Ihr Mut, ihre Kühnheit, ihr Entdecker- und Erfindergeist? Haben sie ganz vergessen, daß sie einmal Auto, Telefon, Fax, Fernsehen, horribile dictu: die Raketentechnik und den Computer miterfunden haben, daß sie wissenschaftliche Abenteurer wie Alexander von Humboldt hervorgebracht und "das Zukunftsland USA" mitgestaltet haben? Sollen diese positiven Energien und Talente der Deutschen - im Namen einer eher gehorsamen als genauen Vergangenheitsbewältigung - als Nazitugenden verdächtig bleiben?

Und wenn wir denn dabei sind: Warum sind die feigen Täter, deren Antriebe und deren Umfeld Daniel Goldhagen auf ebenso eindrucksvolle wie verrannte Art beschrieben hat, hierzulande so ungleich bekannter, fast möchte man sagen: populärer als die "stillen Helden", denen Inge Deutschkron in ihrem gleichnamigen, eben erschienen und völlig unbeachteten Buch "Sie blieben im Schatten" ein Denkmal setzt?

Schätzungsweise 10.000 Familien haben in Berlin Juden vor den Nazischergen versteckt. Warum gibt es keinen Platz, keine Straße, keine Schule, die ihren Namen trägt, keine Fernsehserie? Warum sind die Glatzköpfe der Neonazis im Fernsehen präsenter als die Gesichter der mutigen Einzelgänger, die ihnen bei ihren Attacken in den Weg getreten sind? Ich glaube nicht an eine Nation, die sich, wahrscheinlich aus Rücksicht auf die riesige Überzahl der Mitläufer gegen sich selbst und die Welt eingerichtet hat und sich keine Vorbilder gönnt.

Wer, wenn auch nur notgedrungen, eine große Aufgabe anpackt, und der Bau einer neuen Hauptstadt ist zum Beispiel etwas Großes, muß auch etwas Großes wagen. Dazu bedarf es keines Stolzes und keines Größenwahns. Etwas viel Einfacheres ist gefragt, das vielleicht schwerer als alles andere zu haben ist: Spielfreude, Schönheitssinn und - ein verträgliches Maß - Liebe zu sich selbst. Wer sich selbst nicht liebt, kann wohl auch niemand anderen lieben.

 aus "Der Spiegel" Nr. 46/1997 

 



 



Debatte

 
Die deutsche Lähmung

 

Peter Schneider über Fußball, Politik und das Versagen der Intellektuellen in der aktuellen Reformdiskussion 
 
Teamchef Völler: Schnörkelloser Abgang mit Symbolwert 

Hat Fußball im Ernst irgendetwas mit Politik und Wirtschaft zu tun? Sagt das brillante oder klägliche Abschneiden einer Nationalelf bei der Europameisterschaft wirklich etwas über den Zustand eines Landes aus? Kann man daraus am Ende - siehe die "SZ"-Schlagzeile "Regierungskicker" - etwas über das Schicksal einer Regierung, gar einer Nation ablesen?

 

Das ist natürlich blühender Unsinn, wenn auch - wer will es leugnen? - höchst unterhaltsamer Unsinn. Nehmen wir für einen schmerzlichen Augenblick und im gebotenen Irrealis an, die deutsche Elf würde die EM gewonnen haben, oder sie hätte sich, wie bei der WM 2002, mit ihrem trostlosen Gekicke immerhin bis ins Endspiel durchgemogelt - niemand außer einer ungeliebten deutschen Regierungsmannschaft, deren Mitglieder inzwischen aus Verzweiflung alle Fußballsüchtige geworden sind, würde daraus den Schluss ziehen, bei den Deutschen sei endlich der Knoten geplatzt, der Wirtschaftsaufschwung stehe vor der Tür. Im Falle eines glücklichen Ausgangs würden Fußballer wie Zuschauer auf der Autonomie des Fußballs und der strikten Trennung zwischen Sport und Politik bestehen.

 

Nun, da unsere Hoffnungsträger bereits in der Vorrunde ausgeschieden sind und Sündenböcke dringend gesucht werden, sind sich die Fußballologen einig: Das Ergebnis spiegele die Stagnation des Landes wieder - seinen Mangel an Flexibilität, Spielwitz, Risikofreude. Mit den alten deutschen Tugenden - vorn bolzen, hinten holzen, rennen wie die Irren und dabei nie die Disziplin verlieren - könne man heute nicht einmal mehr die Letten schrecken. Den Deutschen fehle es am Wichtigsten: an der Motivation, am Sieges- und Vernichtungswillen. Nach dem schnörkellosen Abgang Rudi Völlers - selten wurden bei einem Rücktritt so viele Tränen angekündigt und dann nicht geweint - wartete man eigentlich nur noch auf die prompte Abdankung der Regierung. Es scheint sich mit dem Wert von gesellschaftlichen Prognosen, die sich auf den Umgang mit dem Ball stützen, ähnlich zu verhalten wie mit der Aussagekraft von Prophezeiungen, die Astrologen aus dem unendlichen Geschiebe und Gerangel im Himmel lesen. Die Voraussagen bestätigen immer, was man ohnehin schon weiß, fürchtet oder hofft. Hauptsache ist, man glaubt daran.

Peter Schneider, 
Schneider, 64, lebt als Schriftsteller in Berlin, er publizierte zuletzt den Erzählband "Das Fest der Missverständnisse" (2003)

Man darf vielleicht an dieser Stelle, ohne den Fußballfreund zu überfordern, einen gewissen Sigmund Freud zu Rate ziehen. Bekanntlich hat dieser geniale Ratekünstler und Seelentrainer einer ständig wachsenden Gemeinschaft von Spielern, die im Spiel mit dem Leben immerzu das Tor verfehlen, eine ernüchternde Erkenntnis mitgeteilt: "Ein Patient" - sprich hier: Spieler oder Stürmer - "ist dann geheilt, wenn er die Deutung des Therapeuten angenommen hat." Die Frage ist, welche Deutung der zukünftige Trainer für das schmähliche Ausscheiden der deutschen Nationalelf vorschlagen wird - und vor allem: ob sie angenommen wird. Die Richtigkeit der Diagnose spielt - Freud zufolge - keine Rolle, Hauptsache, sie wird vom Patienten akzeptiert. Litten die deutschen Spieler an einem Millionärssyndrom: einer Art inneren Müdigkeit vor dem Schuss - unglaublich viel Geld für keine Tore? Oder an dem - psychologisch interessanteren - Goliath-Komplex eines Riesenlandes, sich gegen David-Länder wie Holland, Lettland, Tschechien durchzusetzen? Oder brachen sie einfach unter den Erwartungen einer ohnehin frustrierten Nation zusammen, deren letzte Hoffnung für die Zukunft ein Siegtor von Michael Ballack war?

 

Auch dies natürlich - alles Quatsch, Fußballergarn. Die deutsche Elf hat ohne jeden noblen Grund hinhaltend und resignativ gespielt und in drei Spielen mit Mannschaften aus drei kleinen Ländern, deren Einwohnerschaft zusammengenommen ein Drittel der deutschen Bevölkerung ausmacht, zwei Unentschieden und eine Niederlage erreicht.

 

Fußball wäre nicht Fußball, würde dieser seltsame Sport, den man auch für einen Zeitvertreib von Behinderten halten könnte, denen es versagt ist, frei über ihre Arme und Hände zu gebieten, nicht immer wieder genau diesen symbolischen Überschuss produzieren.

 

Da alle es tun - möchte auch ich eine Weile den symbolischen Ball spielen und so tun, als ließe sich aus den Ergebnissen der EM so etwas wie ein Charakter- und Leistungsprofil der beteiligten Nationen gewinnen.

 

Unbestreitbar ist, dass die kleinen Länder Europas sich gegen die großen durchgesetzt haben. Die traditionellen und bevölkerungsreichen Fußballgroßmächte (Deutschland, Italien, England, Spanien und selbst Titelverteidiger Frankreich) sind von den frechen, kleineren Nationen (Schweden, Niederlande, Dänemark, Griechenland, Portugal, Tschechien) aus dem Spiel geworfen worden. Nur knapp blieb den bisherigen Verlierern dabei der Tort erspart, dass das von Donald Rumsfeld diskreditierte "alte Europa" komplett vom "neuen Europa" degradiert wurde. Zufällig oder nicht: Es handelt sich bei den kleinen, frechen Siegern fast durchwegs um Mannschaften aus Ländern, die jene wirtschaftlichen Reformen, die Deutschland, Frankreich und Italien noch bevorstehen, längst hinter sich gebracht haben. Die Arbeitslosigkeit in den Siegerländern ist entweder halb so groß wie in den großen Verlierernationen oder das Wirtschaftswachstum weit dynamischer. Kann es sein, dass reformfreudigere Länder am Ende auch besser Fußball spielen? An dieser Stelle taucht am Rand des Spielfelds eine strategische Frage auf. Was kommt zuerst: wirtschaftliche und gesellschaftliche Erneuerung und danach fußballerischer Erfolg - oder genau umgekehrt? Müssen wir, um mit dem runden Leder endlich wieder dorthin zu gelangen, "wo wir hingehören", erst einmal das ganze Land in Schwung bringen, oder wäre ein Sieg im Fußball der Anstoß für einen landesweiten wirtschaftlichen Sturmlauf?

 

Was diese Schicksalsfrage betrifft, ist ein bedauerlicher Mangel an Diskussion und Beratung zu vermelden. Vor allem fällt eine verblüffende Diskrepanz ins Auge. Während der Fußball-Bundestrainer in seinem Bemühen, die Lähmung der Nationalelf zu beheben, von vielen Millionen selbst ernannter Co-Trainer unterstützt wird, sehen sich die wenigen entschlossenen Reformer des Landes bei ihren Bemühungen ganz auf sich allein gestellt. Erschwerend kommt hinzu, dass die vom Wähler bestellten Bundestrainer es nicht etwa mit vielen Millionen Co-Trainern, sondern mit vielen Millionen - meist störrischen - Spielern zu tun haben. Umso wichtiger wäre es, dass ein paar engagierte und unerschrockene Beobachter, die nicht im Verdacht der Parteilichkeit stehen und fähig sind, über den Spielfeldrand hinauszuschauen, Vorschläge machen.

 

Eigentlich ist es ja keine Kleinigkeit, wenn ein großes, früher erfolgsverwöhntes Land wie Deutschland aus den ersten Rängen der Industrienationen auf die unteren Plätze abstürzt und sich nur mit halbherzigen, quälend langsamen Stolperschritten aus dem selbst gemachten Schlamassel zu befreien sucht. Wo sind in den zwei Jahrzehnten, in denen sich der wirtschaftliche Niedergang der Republik angebahnt hat, all die Intellektuellen geblieben, deren Stimme man in anderen Fragen - Asylrecht, Globalisierung, Irak-Krieg, Rechtschreibreform - nie vermisst hat. Wie ist es zu erklären, dass Deutschlands Großintellektuelle von Grass bis Habermas zu dieser Existenzfrage der Nation nichts zu sagen hatten? Liegt es daran, dass sie sich in Wirtschaftsfragen nicht kompetent genug fühlen - und misstrauen sie dem neuen Bundespräsidenten etwa deswegen, weil er ökonomisch beschlagen ist?

 

Wohl kaum: Mangelnde Kompetenz hat Intellektuelle selten davon abgehalten, sich zu Wort zu melden, auch wenn es sich um so hoch komplexe Streitfragen wie Atomkraft, genetisch veränderte Lebensmittel, Eingriffe in das menschliche Erbgut, Globalisierung oder Klimaveränderung handelte. Jedes einzelne dieser Themen ist schwieriger zu beurteilen und erfordert mehr Sachkenntnis als der ökonomische Verfall der Bundesrepublik.

 

Die simple, durch jeden Hauptschüler nachvollziehbare Tatsache ist, dass den Ausgaben für die sozialen Leistungen des Gemeinwesens die entsprechenden Einnahmen nicht mehr gegenüberstehen, dass diese Leistungen seit vielen Jahren vor allem durch Pump und gestiegene Arbeitskosten finanziert werden. Aus dem Bundesetat fließt derzeit jeder zweite Euro in Schulden, Renten und Pensionen. Wer in Berlin lebt und Kinder hat, die zur Schule gehen, kann die asozialen Folgen der Verschuldungspolitik mit Händen greifen. Das Geld, das an einem einzigen Vormittag für Zinsen verbrannt wird, steht für den jährlichen Betrieb eines Schwimmbades, der Schuldendienst eines einzigen Tages verschlingt die Finanzierung eines Theaters für ein ganzes Jahr, der für vier Tage die Jahreskosten einer ganzen Klinik. Wie man weiß, wurden bisher dank kaum gebremster Schuldenpolitik nicht etwa diese Zinszahlungen, sondern die genannten Einrichtungen und Institutionen abgeschafft. Die brutalste und unsozialste Politik, die es geben kann, ist offensichtlich jene, die durch das starre Festhalten an nicht mehr finanzierbaren Sozialausgaben ein wachsendes Heer von Arbeitslosen produziert.

 

Im Prinzip und in abstracto stimmen denn auch 80 Prozent der Deutschen überein, dass radikale Reformen unausweichlich sind. Aber sobald eine noch so bescheidene Korrektur auf den Weg gebracht wird, zerfällt die eben noch kompakte Mehrheit in lamentierende Lobbys und Interessengruppen, die sich nur in einem einig sind: im Blockieren. Statt Adam Riese gilt das Sankt-Florians-Prinzip: Verschone mein Haus und zünde das des Nachbarn an! Eine ganze Nation, in den älteren Generationen mathematisch noch gut ausgebildet, scheint sich plötzlich nicht mehr an die Grundrechenarten zu erinnern. An die Stelle der Frage, ob und wovon ein bestimmter Posten eigentlich bezahlt werden soll, tritt die andere, ob es "gerecht" sei, ihn zu kürzen. "Rentendiebstahl", "Sozialraub", "unausgewogen", "Pendlerfolter" schallt es, vom Boulevard verstärkt, aus allen Ecken der Republik.

 

Es ist natürlich ein allzu durchschaubarer Propagandatrick, wenn die Siegerpartei bei der Europawahl so tut, als wäre die Regierungskoalition deswegen so grausam abgestraft worden, weil den Wählern die bisherigen Reformen nicht schnell und nicht radikal genug gewesen seien. Die Wahrheit ist, dass auch jede andere Regierung, die mit den notwendigen Reformen Ernst machte, ein ähnliches Schicksal erlitten hätte. Es ist absurd und unredlich, die Wut des Wählers ausschließlich mit den unstreitigen Fehlern und auch Ungerechtigkeiten des Reformwerks zu erklären; es sind gerade die notwendigen und richtigen Reformen, auf die der Wähler mit Wut reagiert hat. Es ist absurd und unredlich, die Schuld für den Wählerunmut allein bei der Regierung zu suchen und den Wähler zu einer heiligen, unfehlbaren Instanz zu stilisieren; selbstverständlich ist der Wähler genauso kritikwürdig wie die Regierung.

 

Zu was für demagogischen Versprechen das hemmungslose Anschmieren bei den Wählern führt, hat kürzlich Oskar Lafontaine vorgeführt. Der Bürger könne das Wort "Reform" einfach nicht mehr hören, befand er, und gab damit zu verstehen: Schluss damit. Niemand wird im Ernst behaupten, solche Überlegungen würden für die sonst um gelbe oder rote Karten nie verlegenen Intellektuellen in unerreichbarer Ferne liegen. Und natürlich wären gerade sie dazu berufen, in der Reformdebatte zwischen erlaubter Härte und unerträglichen Fouls zu unterscheiden und, wo nötig, auch einmal Wählerkritik zu betreiben. Dass nichts davon bisher geschehen ist, hat wohl eher mit linken Berührungsängsten und Tabus zu tun als mit mangelnder Kompetenz.

 

Denn man kann die deutsche Krise - und die anderer großer westeuropäischer Staaten - nicht analysieren, ohne einige Säulenheilige des linken Weltbildes unsanft zu berühren. An erster Stelle wäre hier die neu formierte Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di zu nennen. Die Debatte darüber, wie aus einem Verein zur Verteidigung der sozial Schwachen und Benachteiligten eine konservative Bastion geworden ist, die vor allem die Rechte der Arbeitsinhaber gegen die Arbeitslosen verteidigt, hat unter den Mahnern und Warnern der Nation noch kaum angefangen. Wie eine zuschauerfeindliche Fußballmannschaft, die nach dem ersten erzielten Tor sofort auf Verteidigung umstellt, ist Ver.di, statt auf Angriff und die Schaffung neuer Chancen, vor allem auf Verteidigung eingestellt. Ver.di setzt nicht auf den Spielwitz und die Eigenverantwortung der einzelnen Belegschaften, sondern auf zentral verordnete Mannschaftstugenden: auf den Flächentarif, die 35-Stunden-Woche und die längst widerlegte Theorie, die Verkürzung der Arbeitszeit und die Umverteilung der knapper gewordenen Arbeit führe zu mehr Arbeitsplätzen. Mit dieser Strategie ist Ver.di erwiesenermaßen nicht einmal in der Lage, die vorhandenen Arbeitsplätze zu verteidigen; nachweislich begünstigt sie deren Export. Tatsächlich haben denn auch die kleineren und nicht gerade als asozial bekannten Nachbarländer - Schweden, Dänemark, Holland - den Deutschen mit ihrer flexibleren Spielweise sowohl im Fußball wie in der Wirtschaft (insbesondere bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit) längst den Rang abgelaufen. Weniger Kündigungsschutz oder die Erhöhung des Arbeitsvolumens, zeigen sie uns, führen überraschenderweise nicht zu weniger, sondern zu mehr Arbeitsplätzen.

 

Die Frage bleibt, warum sich Deutschlands Intellektuelle für solche Überraschungen nicht interessieren. Dabei mag die Tatsache eine Rolle spielen, dass sie seit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung mit ihren Einschätzungen und Diagnosen ("die DDR - ein Schnäppchen") oft auf groteske Weise falsch gelegen haben und dass Irrtümer in einer Nation von Rechthabern nicht leicht bekannt und nicht leicht vergeben werden. Ich fürchte allerdings, dass für diesen verblüffenden Mangel an Neugier vor allem das alte Lagerdenken verantwortlich ist. Wichtiger als die Frage, ob ein Gedanke und ein Satz wahr sind, ist immer noch die andere, in welche (unerwünschte) Gesellschaft man sich damit bringt.

 

Ich gestehe, dass ich seit ungefähr zwei Jahrzehnten einem anderen Prinzip folge - und die großzügig verteilten roten Karten wegstecke: Der Wetterbericht kann wahr sein, obwohl er in der "Bild"-Zeitung steht. Ich muss schon aus dem Fenster schauen, um die im Blatt meiner inbrünstigen Abneigung aufgestellte Behauptung, dass es draußen regne, widerlegen zu können. Da die deutsche Lähmung bekanntlich seit zwei Jahrzehnten andauert, ist es für einen beherzten Auftritt der Intellektuellen nicht zu spät. Zumindest ist es nicht zu spät, die deutsche Nationalelf und ihre Fans für die Einsicht zu erwärmen, dass die Kicker bei der WM 2006 nur dann über die Vorrunde hinauskommen werden, wenn die Deutschen insgesamt mit Spielfreude und Risikobereitschaft die Reformen angehen, die die Viertel-, Halb- und Final-Mannschaften der diesjährigen EM längst hinter sich gebracht haben. Und sollten sie bei der WM trotzdem verlieren, hätten sie trotzdem gewonnen.

© DER SPIEGEL 28/2004