Peter Schneider
Die Berlusconi-Versteher
Der Erfolg Silvios Berlusconis in Italien ist so dauerhaft und rätselhaft, dass auch seine intellektuellen Gegner inzwischen einen neuen Ton anschlagen. Im Fall von George W. Bush galt noch die Faustregel: Dass die Amerikaner diesen Mann einmal gewählt haben, kann man verzeihen, zumal er Alan Gore den Sieg „gestohlen“ hatte. Dass sie ihn 2004 – und diesmal mit deutlicher Mehrheit – in seinem Amt bestätigt haben, beweist, dass sie den Verstand verloren haben.
Im Fall Berlusconi ist es anders. Schließlich haben die italienischen Wähler den clownesken Milliardär dreimal – und zuletzt mit einer triumphalen Mehrheit – zum Premier erkoren. Aus Angst, sich zu wiederholen – bekanntlich die schlimmste Sünde eines Intellektuellen – und aus der Besorgnis, womöglich einen historischen Trend zu verpassen, justieren einige Kommentatoren ihre Argumente gegen Berlusconi neu. Ein Illusionist, der dreimal gewählt wird, ist kein Illusionist mehr, sondern womöglich ein historisches Phänomen, ein Avantgardist, ein politisches Genie. Und denjenigen, die das Phänomen neu deuten, winkt ihrerseits ein Adelstitel, der da heißt: Meinungsführerschaft. So folgt denn auf die Zeit der Empörung die Ära des Verstehens. Und geben wir es zu: Verstehen und überraschend interpretieren ist seliger als anklagen.
Einer, der sich seit jeher um das Verständnis des Phänomens Berlusconi und der von ihm angeführten Männerkultur des „Klapses auf den Hintern“ (Dario Fo) verdient macht, ist der FAZ-Korrespondent Heinz- Joachim Fischer. Allen Ernstes stellt Fischer einen Mann, dessen Aufstieg von Dutzenden von Prozessen wegen Bestechung, Anstiftung zum Meineid, Bilanzfälschung etc. begleitet war , als einen „erfolgreichen Bauunternehmer“ vor, „mit neuen Ideen und listigen Finanzmethoden und mit noch kühneren Ideen für das entwicklungsfähige Privatfernsehen“. Im Übrigen scheint Fischer es für eine Frage des Humors zu halten, ob man für Berlusconis Stil – für seine berüchtigten „Witze“ (siehe etwa seine Bemerkung über den „braungebrannten“ amerikanischen Präsidenten Obama), für die Beförderung seiner Gespielinnen auf Parlamentssitze oder für den Missbrauch seiner Medienmacht – Verständnis aufbringt oder eben nicht. Es handele sich um einen „Kampf zwischen nördlichem Ernst und südlicher Leichtigkeit“, befindet Fischer, der für den Norden schon verloren sei. Aber lassen wir den Früh-Versteher Fischer, der in Italien mit der Leichtigkeit auch die Bewunderung für Berlusconi entdeckte, auf seiner römischen Terrasse allein.
Der Soziologe Peter Kammerer, wie Fischer ein Italienkenner, will Berlusconi (in der Berliner Zeitung vom 1./2. August 09) auf neue Art verstehen. Es sei „unwichtig“, meint Kammerer, dass Berlusconi Fernsehkanäle besitze. Entscheidend sei, dass alle Medien sich der Berlusconi-Methode – Diskussionen durch Unterhaltung und Emotionen zu ersetzen - angepasst hätten. „Italien war schon immer ein politisches Laboratorium: für den Faschismus, für den Eurokommunismus und jetzt für Berlusconi?“ Sind wir in Deutschland und Europa, will Kammerers ahnungsvolles Fragezeichen sagen, nicht längst auf dem Weg in die Berlusconismus?
Am grundsätzlichsten hat sich der Philosoph Slavoy Zizek mit dem Phänomen Berlusconi auseinandergesetzt. Zizek ist ein gedankenreicher Querdenker und Provokateur, dem man auch dann noch zu folgen geneigt ist, wenn er sich verirrt. In seinem Essai „Berlusconi in Teheran“ (in der „London Review of Books“) unternimmt er den Versuch, Ahmadenischad als einen Widergänger Berlusconis zu beschreiben. Das Verbindende zwischen den ungleichen Kontrahenten sieht Zizek im Projekt eines neuen „autoritären und technokratischen Kapitalismus“, für den in seinen Augen alle beide stehen.
Bei aller Sympathie für überraschende Vergleiche: Besteht nicht doch ein fundamentaler Unterschied zwischen einer Diktatur in einem „Schwellenland“ wie Iran, das immer nur Ansätze von Demokratie erlebt hat, und einer westlichen Demokratie namens Italien, die im Begriff ist, zu einer Mediokratie zu pervertieren? Was bitte ist das tertium comparationis zwischen einem religiös motivierten Diktator, der an den 12. "verborgenen" Imam Mahdi und den Weltuntergang glaubt, sich Atomwaffen verschafft und bei jeder Gelegenheit mit der Auslöschung Israels droht und einem italienischen Milliardär, dem es in einem schleichenden Coup d’Etat gelungen ist, den Staat und das Parlament zur Durchsetzung seiner Geschäftsinteressen zu missbrauchen? Und wie steht es um Zizeks Behauptung, Berlusconis große Leistung bestehe in der Vermählung einer „permissiv-liberalen Technokratie mit einem fundamentalistischem Populismus“? Gebührt das Copyright für diese Vermählung nicht eher Adolf Hitler und – mit Abstrichen – Benito Mussolini als Silvio Berlusconi? Berlusconi verwaltet ein Land, das die höchste Verschuldung Europas und eine der niedrigsten Investitionsraten in Bildung und Forschung aufweist und seinen begabten Nachwuchs ins Ausland treibt.
Das traurige Geheimnis von Berlusconis andauerndem Erfolg, so fürchte ich, ist bekannt und bedarf keiner neuen Deutung. Es besteht in der andauernden Schwäche der demokratischen Institutionen Italiens – des Parlaments, der Verwaltung und der Justiz. Die Erfahrung vieler Italiener besagt ganz einfach, dass ohne Korruption in diesem Leben nichts zu erreichen ist. Was Wunder, dass sie den Großmeister der Korruption ins höchste Amt wählen und mit heimlichem Vergnügen verfolgen, wie er allen Anklagen und Prozessen eine Nase dreht? Die demokratische Opposition hatte in den letzten Jahren zweimal ihre Chance. Leider hat sie die Tricks und Finten des großen Illusionisten Berlusconi nicht studiert und nichts von ihm gelernt. Denn in einer Hinsicht ist er in der Tat genial: Ob er sich nun als Vorkämpfer gegen den Wildwuchs der italienischen Bürokratie präsentiert, ob er sich für die Vereinfachung bzw. Abschaffung von Steuern wie der Besitzsteuer für „die erste Wohnung“ oder für weitere „condoni“ (Ablässe) für Bausünden stark macht - er hat es immer verstanden, seine Geschäftsinteressen als ureigene Interessen des kleinen Mannes auf der Straße zu verkaufen. Noch seine absurde Kampagne gegen „die Rote Armee der Richter“ konnte wegen der notorischen Ineffizienz und Langsamkeit der Justiz auf die zustimmende Verzweiflung vieler Bürger bauen. Warum haben die Demokraten diese und viele andere, zu Recht populäre Themen Berlusconi überlassen?
Zu Recht warnen die Berlusconi-Versteher vor dem sich ausbreitenden Virus eines autoritären Kapitalismus. Aber als Zeugen dieser Befürchtung eignen sich eher die international operierenden Investment-Banker und ihre politischen Helfer in den USA und in der EU als Berlusconi. Italiens Banken haben wegen ihrer mangelnden Vernetzung – technisch gesprochen: wegen ihrer Rückständigkeit – wenig zum weltweiten Finanz-Desaster beigetragen. Es tut mir leid, ich sehe keinen Anlass, Berlusconis Italien als „Labor“ oder Modell eines neuen, weltweit drohenden autoritären Kapitalismus zu bestaunen und zu adeln. Berlusconis eigentliche Machtbasis, die simple Tatsache nämlich, dass der Präsident Italiens „zufällig“ über 80 Prozent der italienischen Fernsehmedien kontrolliert, verrät eher Rückständigkeit als Modernität. Es handelt sich um einen Sonderfall, wie man ihn sonst nur in vordemokratischen Gesellschaften wie Chavez‘ Venezuela und Putins Russland findet. Weder im übrigen Europa noch in den USA ist ein solcher Rückfall vorstellbar. Die Europäische Union würde gut daran tun, eine Erklärung zu verabschieden, in der sie deutlich macht, dass Berlusconis Medienmacht den Grundsätzen einer europäischen Demokratie widerspricht.
Der Artikel erschien am 27.8.2009 in der ZEIT
Am 25.7.09 hielt ich im Rahmen des Internationalen Iran-Aktionstages - veranstaltet von Amensty International, Reporter ohne Grenzen und dem deutschen P.E.N. - auf dem Potsdamer Platz in Berlin die folgende Rede:
Wir sind hier zusammengekommen, um unsere Verbundenheit mit den mutigen Menschen in Iran auszudrücken, die in den letzten Wochen gegen die Wahlfälschungen und das Gewaltregime in Iran demonstriert haben. Sie haben mehr riskiert, als irgendein Demonstrant im westlichen Europa in den letzten Jahrzehnten zu riskieren gezwungen war – nämlich Folter und Tod. - Wir sind hier, um unsere Solidarität mit den 42 iranischen Journalisten und Bloggern zu bekunden, die das Regime ins Gefängnis geworfen hat, weil sie ihrem Beruf nachgegangen sind und das Recht auf freie, unzensierte Berichterstattung wahrgenommen haben. Es gibt bisher keine Nachrichten über den Verbleib und das Schicksal dieser Journalisten. Wir fordern die unverzügliche Freilassung der Verhafteten. - Wir sind hier, um unsere Unterstützung für die mutigen iranischen Frauen zu bekunden, die die sich den fahrenden Schlägerkolonnen von Mahmud Achmadinidschad entgegenstellen und ihr elementarstes Menschenrecht einklagen: das Recht auf ihre Stimme und auf Gleichberechtigung. - Und wir sind hier, um unseren Abscheu vor dem
peitschfoto.com
Spektakel öffentlicher Geständnisse zu bekunden, in denen iranische Intellektuelle und Schriftsteller sich selber bezichtigen, Agenten des israelischen oder britischen Geheimdienstes zu sein und einen Putsch geplant zu haben. Wir fragen die Schergen und PR-Leute der iranischen Regierung: Wen wollt ihr damit täuschen? Die Welt und auch die iranischen Bürger kennen dieses brutale und einfältigste Mittel der Selbstlegitimierung eines Gewaltregimes und wissen solche erpressten Geständnisse einzuschätzen.
Gegen die westliche Berichterstattung und die Proteste aus dem Westen haben sich die regierenden Mullahs mit einem Argument aus der Fertigsprache der Diktaturen verwahrt: Sie verbitten sich jede Einmischung in die innere Angelegenheiten Irans. Aber die Unterdrückung einer gewaltlosen Opposition, die sich gegen Wahlbetrug wehrt, ist keine „innere Angelegenheit“ eines Staates. Es handelt sich vielmehr um eine Angelegenheit, die jeden angeht, der daran glaubt, dass die Menschenrechte unteilbar sind und für alle gelten. Es gehört nicht zu den Souveränitätsrechten einer Regierung, Bürger, die ihre Bürgerrechte einfordern, niederzuknüppeln, zu verhaften, zu foltern oder niederzuschießen. Es gehört auch nicht zu den Souveränitätsrechten eines Staates, die weiblichen Mitglieder der Gesellschaft als Bürger zweiter Klasse zu behandeln.
Man darf und soll darüber streiten, wie die Europäische Union, wie die USA und die Weltgemeinschaft den Protest der Iraner am wirksamsten unterstützt. Die Welt hat keine guten Erfahrungen gemacht mit dem Versuch der Bush-Regierung, den Irakern die westliche Freiheit auf den Spitzen elektronisch gesteuerter Raketen zu bringen. Aber die Ablehnung des Mittels der Intervention darf und kann nicht bedeuten, dass die internationale Gemeinschaft vor dem Schicksal der iranischen Demokratie-Bewegung die Augen verschließt und nichts sagt, nichts hört und nichts tut. Wir haben nicht die Handlungsmacht, die tausend Verhafteten in Iran zu befreien. Aber wir haben das Recht, deutlich zu machen, dass wir auf ihrer Seite stehen. Die Opfer der Folterer, die jetzt in schrecklicher Einsamkeit ihren Peinigern gegenüberstehen, sollen wissen, dass wir alles tun werden, uns Informationen über ihre Namen und ihr Schicksal zu verschaffen und diese Informationen zu verbreiten. Die Folterer sollen wissen, dass sie ihrer Anonymität nicht sicher sein können. Wir leben nicht mehr im Zeitalter der Druckerpresse, in der eine Diktatur die Kommunikation zwischen 75 Millionen Menschen und der Welt kontrollieren kann. Die iranischen Bürger werden die Namen der Folterer früher oder später herausfinden und bekannt machen.
In den Zeitungen dieser Tage war zu lesen, dass der Absatz von Nokia-Handys in Iran um bis zu 40 Prozent gefallen ist. Die Iranische Demokratie-Bewegung beschuldigt unter anderen die deutsch-finnische Firma Nokia- Siemens Networks, der iranischen Regierung Sicherheitstechnologie verkauft zu haben, die es erlaubt, die Kommunikation zwischen Personen und Gruppen auszuforschen und deren geografischen Standort zu bestimmen. Wir fordern die genannten Firmen auf, der Öffentlichkeit darüber Auskunft zu geben, ob und in welchem Umfang ein solcher Handel stattgefunden hat und ob er anhält. Es kann nicht der Sinn eines freien Welthandels sein, dass europäische Firmen die Diktatoren der Welt mit der neuesten Überwachungstechnologie ausstatten. Politischer Anstand und Moral, das wissen wir nicht erst seit der Finanzkrise, stehen nicht obenan in den Strategiepapieren weltweit operierender Firmen und Banken. Aber die Konsumenten sind in der Lage, Firmen eine Art sekundärer Moral beizubringen, indem sie ihre Produkte boykottieren. Wenn sich die Nachrichten über die erwähnten Lieferungen bestätigen, dann sollten die europäischen Nokia und Siemens –Kunden es der demokratischen Bewegung in Iran nachtun und deren populärste Produkte boykottieren.
Vor 42 Jahren hat in Berlin schon einmal eine große Demonstration gegen die Machtwillkür eines iranischen Gewaltherrschers stattgefunden. Es war die Demonstration vom 2. Juni 1967 gegen den Besuch des Schah Reza Pahlewi in Berlin. Der Schah war 1953 durch den CIA an die Macht geputscht worden – es handelt sich hier nicht um eine linke Legende, sondern um ein von Historikern jedweder Provenienz gesichertes Faktum. Im Unterschied zum derzeitigen Präsidenten Achmadinischad war der Schah kein religiöser Fanatiker, sondern ein Kaiser, der es für sein gottgegebenes Recht hielt, aus den iranischen Öleinnahmen 400 Millionen Dollar im Jahr zu kassieren und seine zu 80 Prozent analphabetischen Untertanen bei 70 Dollar jährlich hungern zu lassen. In Berlin wurde der Satz legendär, den er dem damals regierenden Oberbürgermeister Heinrich Albertz sagte, als der Besorgnisse über den Tod des Studenten Benno Ohnsorg äußerte: „Sie müssen noch viel mehr erschießen. Dann haben Sie hier Ruhe!“ Kurz, es gab triftige Gründe, gegen den devoten Empfang dieses Mannes durch den Berliner Senat zu demonstrieren und ihm den Besuch von Mozarts „Zauberflöte“ in der Deutschen Oper zu vermiesen.
Aber der Berliner Senat, die Berliner Polizei, die Springerpresse und ein Teil der Berliner Bevölkerung standen damals beim Empfang dieses iranischen Gewaltherrschers stramm. Nicht, dass man den Schah liebte. Aber er war ein Freund der USA und hatte damit, so war es in den Zeiten des Kalten Krieges, quasi automatisch auch einen Anspruch auf ehrenvolle Behandlung in Berlin. Die USA boten nun einmal die einzige Sicherheitsgarantie gegen die wiederholten Versuche der Sowjets, die Halbstadt vom Westen abzuschneiden. Folglich stand jeder Protest gegen die amerikanische Schutzmacht oder einen ihrer Vasallen im Verdacht, vom Osten inspiriert zu sein. Freundschaft mit den USA bedeutete damals, auch alle Fehler der USA gutzuheißen – vor allem den Fehler, nahezu blind jedes Gewaltregime in Lateinamerika und im Nahen Osten zu unterstützen, wenn es sich nur als ausreichend antikommunistisch auswies. Ebenso blind wurde fast jede demokratische Protestbewegung kommunistischer Neigungen verdächtigt. Es mutet wie das Remake eines verblichenen Schwarz-Weißfilms an, wenn einige Kommentatoren jetzt die Entdeckung, dass der Todesschütze vom 2. Juni ein Stasi-Agent war, zu der Schlussfolgerung missbrauchen, die 68er-Bewegung sei von der Stasi unterwandert und gesteuert gewesen. Trotz aller Agenten hüben und drüben: Es gab gute demokratische Gründe, gegen den Besuch des Schah in Berlin zu demonstrieren und ich bin stolz darauf, dass ich dabei war.
Diese Erinnerung erscheint mir nötig, weil sie auch etwas über die aktuelle Demokratie-Bewegung in Iran aussagt. Denn vielleicht hätte es die triumphale Rückkehr des Ayatollah Khomeini im Jahre 1979 so nicht gegeben, wenn die Iraner den Schah nicht als einen Vasallen der USA gehasst hätten und um jeden Preis loswerden wollten. Die Welle der antiwestlichen Wut, die den Prediger aus Paris nach Teheran trug, hat sich in den 25 Jahren des ungerechten, von den USA kreierten und ausgehaltenen Schah-Regimes aufgebaut. Kaum jemand konnte sich damals vorstellen, dass auf die Schreckensherrschaft des Schah eine noch schlimmere, eine religiöse Diktatur folgen würde. Zumindest die Frauen genossen unter dem Schah mehr Freiheiten als unter den Prügelstöcken der Mullahs. Aber noch immer sitzt das Trauma der Bevormundung durch den Westen in Iran so tief, dass Mahmud Achmadinischad auf Beifall für seine lächerliche Behauptung hoffen kann, drei Millionen demonstrierende Iraner seien den Einflüsterungen des „Zionismus“ und des BBC erlegen.
Die tragische Geschichte des Iran seit 1953 ist wesentlich durch jene ideologische Blickverengung bestimmt worden, die in jeder Freiheitsregung immer nur ein Manöver des Erzfeindes erkennt. Die westlichen Beobachter und Sympatisanten werden gut daran tun, die neue iranische Demokratiebewegung genau anzuschauen und für das zu nehmen, was sie ist und selber sein will, statt sie für eine der neuen oder alten Heilslehren in Dienst zu nehmen – heiße sie nun „Siegeszug der westlichen Kapitalismus“, „Bewegung gegen die Globalisierung“ oder „islamische Revolution“.
"Mit 68 ist es wie mit dem Teufel. Kaum ist er zur einen Tür heraus, kommt er zur anderen wieder herein."
(SÜDDEUTSCHE ZEITUNG)
Im Februar 2009 hatte mir die Stadt Aalen den Schubart-Preis zuerkannt. Der Preis wird alle zwei Jahre vergeben und wurde mir für mein Lebenswerk und mein Buch "Rebellion und Wahn" verliehen. Mit diesem guten Ausgang für mich, dachte ich, seien die zahllosen und immer noch erstaunlich hysterischen Debatten und Konferenzen um 68 beendet. Von wegen. Ende Mai erreichte mich in Italien der Anruf eines befreundeten SPIEGEL-Redakteurs. Ob ich schon gehört hätte, dass der Polizist Karl Heinz Kurras, der den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 erschossen hatte, ein hochrangiger Stasi-Agent gewesen sei. Ich hätte nur eine Meldung gesehen, erwiderte ich, die italienischen Medien seien durch die Affären des Präsidenten Silvio Berlusconi mit Minderjährigen und Prostituierten vollständig ausgelastet. Welche Gefühle und Überlegungen die Nachricht über Kurras bei mir auslösen würde, fragte mein Freund. Ich sei verwirrt und perplex, gab ich zurück, ich müsse nachdenken- Gut, dann schicke mir das Ergebnis deiner Überlegungen. Aber bis heute abend um sieben.
Ich bin, jedenfalls bei mir selber, als ein Langsam-Schreiber bekannt. Ich hasse es, wenn ich einen Text nicht mindestens dreimal umschreiben kann. Aber ich ließ mich auf den Auftrag ein und schickte - mit einer halben Stunde Verspätung - den folgenden Artikel an den SPIEGEL:
Wie bitte? Der auch? Auch Karl Heinz Kurras ein Stasi-Spitzel? Und nicht etwa ein gekaufter Agent, der nur sein Beamtengehalt etwas aufbessern wollte, sondern ein Verräter aus Überzeugung, der schon in den fünfziger Jahren in das „Friedenslager“ namens DDR übersiedeln wollte und sich stattdessen von der Abteilung IV des Staatssicherheitsdienstes anheuern ließ, um seine Kollegen in Westberlin auszuhorchen? Ein Mann, der jahrelang vergeblich darum bettelte, in die SED aufgenommen zu werden und sein Mitgliedsbuch endlich, am 28.7.64, erhielt?
Dass ausgerechnet Karl Heinz Kurras, der es als „Mörder“ des Studenten Benno Ohnsorgs zu Weltruhm brachte und in den Augen der Linken wie kein anderer die Kontinuität faschistischer Traditionen in der westberliner Polizei verkörperte, sich nun als überzeugter Anhänger der DDR entpuppt, übersteigt die Phantasien aller Verschwörungstheoretiker. Es gab in den sechziger Jahren nur eine Hassfigur, die es an Prominenz mit Karl Heinz Kurras aufnehmen konnte: den berüchtigten westdeutschen Legionär Kongo-Müller, der sich in einem erfolgreich vertriebenen DDR-Film damit brüstete, wie viele schwarze Rebellen er im Kongo abgeknallt hatte. Aber wer weiß: Vielleicht erfahren wir noch, dass auch Kongo-Müller auf der Gehaltsliste der Stasi stand.
Seit den Tagen des Mauerfalls und der Gründung der Gauck-Behörde war der Zeitungsleser in Sachen Stasi-Enthüllungen an Überraschungen gewöhnt und hatte sich mit den Jahren ein dickes Fell zugelegt. Bei vielen war das Fell so dick geworden, dass sich höchst befangene Streiter aus der nicht grundlos immer wieder umbenannten Partei, die jetzt den hochtrabenden Titel „die Linke“ trägt, zusammen mit beflissenen mentalen Wiedervereinigern aus der SPD und CDU immer wieder für die Schließung der Gauckbehörde stark machen konnten. Der Bruder des Schriftstellers Joachim Schädlich, der für seinen Führungsoffizier Hunderte von Berichten über Joachim Schädlich verfasst hatte, bekam in der Berliner Zeitung einen gefühlvollen zweiseitigen Nachruf, nachdem er sich auf einer Parkbank erschossen hatte. Mit stoischem Humor merkte Joachim Schädlich an, dass ihm nach seinem voraussichtlich natürlichen Tod wohl bestenfalls halb so viel Platz eingeräumt werden wird. Von spektakulären Ausnahmen abgesehen hielt sich die Aufregung über erkannte Stasi-Spitzel in Grenzen; die Aufarbeitung blieb weitgehend eine intime Angelegenheit. Es kam soweit, dass überführte Denunzianten und Peiniger dagegen klagten, dass ihre Taten und Namen von ihren Opfern öffentlich genannt werden – das Delikt sei inzwischen verjährt.
Wird der 82-jährige Karl Heinz Kurras womöglich auch dagegen klagen, dass er auf der ersten Seite jeder deutschen Zeitung als ehemaliger Stasi-Spitzel vorgeführt wird? Was macht seinen Fall so anders? Verdient ein alter Mann und Waffennarr, der einmal der beste Schütze seiner Polizeieinheit gewesen war und sich rühmte, er hätte 12 Demonstranten mit 12 Schüssen niederstrecken können, wenn er wirklich hätte schießen wollen, so viel neue Aufmerksamkeit? Die Reflexe des Pensionärs reichen kaum dazu aus, das ihm vorgehaltene SED- Parteibuch von 1964 wiederzuerkennen und auf die Frage: Sind Sie das? Mit einem wackligen Nicken zu antworten. Wer die Szene im Fernsehen sah, ist nicht einmal sicher, ob der alte den jungen Kurras auf dem Foto identifizieren konnte.
Es wäre eine noch größere Sensation, wenn ein Beweis dafür auftauchen würde, dass Kurras im Auftrag der Abteilung IV der Stasi gehandelt hat, als er den tödlichen Schuss am 2. Juni 1967 abgab. Wahrscheinlich wird diese These von professionellen Verschwörungstheoretikern, die der CIA das Copyright für den Anschlag vom 11. September 2001 zugeschrieben hatten, in den nächsten Tagen „lückenlos bewiesen“ werden. Aber was spricht dafür? Welches Interesse sollte die von Marcus Wolf geführte Abteilung IV der Stasi daran haben, bei der Demonstration gegen den Schahbesuch in Westberlin einen Studenten zu erschießen? Die einzige, halbwegs einleuchtende Erklärung wäre, dass die Stasi damals bereits die Strategie der RAF antizipiert hätte: die „Klassenwidersprüche“ in der alten BRD durch gezielte Aktionen verschärfen, damit das scheindemokratische „Schweinesystem“ seine faschistische Fratze zeigt. Immerhin hat die Stasi der RAF in den siebziger Jahren Unterschlupf gewährt.
Aber ich bin schon dabei, mich zu verirren. Das Tückische an Verschwörungstheorien ist, dass sie immer einen Gran von Wahrscheinlichkeit enthalten und ihren Anhängern das Gefühl verschaffen, zehnmal klüger zu sein als der Rest der Menschheit. Dieses überwältigende Gefühl sorgt dann dafür, dass aus dem Gran von Wahrscheinlichkeit Gewissheit wird.
Ich glaube eher, dass Karl Heinz Kurras der fürchterliche arme und aggressive Tropf bleibt, der er immer war. Ein schießwütiger Polizist und Waffennarr, der seine Seele, wie wir jetzt erfahren, heimlich dem besseren deutschen Staat verschrieben hatte: dem „Friedenslager“, dem einzigen „antifaschistischen Staat auf deutschem Boden“. Vielleicht eine Romanfigur. Der Waffennarr und Schützenkönig und der Friedensfreund – beide Passionen lagen offenbar völlig unbehindert nebeneinander. Und als es ernst wurde im Hof des Hauses Krumme Straße 66/67 hat er sich spontan und wahrscheinlich völlig unbedroht für die Passion entschieden, die er im Schlaf beherrschte. Für seine Behauptung, dass er sich gegen zwölf Demonstranten verteidigen musste, gibt es keinen Augenzeugen. Zu beantworten bleibt die Frage, ob Kurras, der Stasi-Spitzel, geschossen hat, weil er sich vor seinen Westberliner Kollegen als ein verläßlicher Mann bewähren wollte.
Aber auch sein oberster Dienstherr in der DDR, der vielfach bewunderte Gentleman –Spion Marcus Wolf, erweist sich durch die Enthüllungen der letzten Tage als der fürchterliche arme Tropf, der er immer war. Die angeblich brillanten Machenschaften dieses Handlangers von Erich Mielke, all die Romeos und Guillaumes, die er auf den Weg schickte, haben regelmäßig das Gegenteil von dem bewirkt, was den Interessen der DDR gedient hätte. Sein „Meisterspion“ Guillaume hat den Erfinder der Entspannungspolitik, Willy Brand, gestürzt. Und nun stellt sich heraus, daß einer seiner besten Männer in der Westberliner Polizei, Karl Heinz Kurras, auch noch Benno Ohnesorg- einen Zuschauer eher als einen Aktivisten– bei einer von der DDR bejubelten Demonstration gegen den Schah von Persien über den Haufen geschossen hat. Die Stasi, der Marcus Wolf hingebungsvoll gedient hat, ist wohl die größte und die verrückteste Geheimdienstorganisation in der Geschichte der Menschheit gewesen. Seine wichtigste Aufgabe hat dieser Geheimdienst nicht erfüllt: den bevorstehenden Untergang der DDR vorauszusagen.
Vieles, was ich hier gesagt habe, konnte man bisher wissen oder ahnen. Dennoch haben die späten Enthüllungen über den Agenten Karl Heinz Kurras eine unerwartete Qualität. Sie stürzen unser Bild von dem Ereignis des 2. Juni 1967 um. Die Frage stellt sich, ob die Geschichte der Bundesrepublik nach dem 2. Juni anders verlaufen wäre, wenn die Stasi-Idendität von Karl Heinz Kurras damals aus irgendeiner Quelle bekannt geworden wäre.
Ich bejahe diese Frage, aber kann sie nur durch Spekulationen stützen.
Am wenigsten überrascht von den Enthüllungen über Karl Heinz Kurras wäre wahrscheinlich Rudi Dutschke gewesen. Dutschke, der zusammen mit Bernd Rabehl aus der DDR geflohen war, hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er die DDR für eine autokratische Fehlentwicklung des Sozialismus gehalten hat. In einem Artikel, den er 1967 mit Gaston Salvatore in der Szene-Zeitung 883 veröffentlichte, wollte er ganz Berlin – nicht nur Westberlin – in einer Rätedemokratie vereinigen. In den Jahren nach dem Attentat hat er in seinen Tagebüchern und in Briefen an seine Frau immer wieder die Befürchtung geäußert, dass er durch einen Anschlag der Stasi beseitigt werden könnte. Überraschenderweise – oder eben gar nicht überraschend –ist die DDR-kritische Seite von Dutschkes Befreiungs-Ideologie in der westdeutschen Linken nie populär geworden. Sie stand unter dem Verdacht des Nationalismus.
Der Trauerkonvoi von Berlin nach Hannover nach dem Tod von Benno Ohnesorg, der von den Grenzbehörden ohne die Erhebung von Visa-Gebühren und ohne Einsicht in die Pässe durchgewinkt wurde, wäre nicht als eine noble solidarische Geste sondern als zynisches Ablenkungsmanöver wahrgenommen worden. Womöglich hätten sich die Trauernden zu einem Sit-In auf der DDR-Autobahn versammelt.
Der auch von Dutschke entfachte Hass der Studenten auf die Symbolgestalt des Westberliner Polizeiterrors, Karl Heinz Kurras, hätte eine doppelte Richtung genommen. Die DDR-Führung hätte ebenso am Pranger gestanden wie der Westberliner Senat. Die Führer der Studenten hätten ihre Argumente gegen den „faschistoiden Staat“ breiter anlegen müssen und hätten sich vielleicht nie in ihre Träumereien von der DDR als dem „besseren Deutschland“ verirrt.
Die Idee von der DDR als dem besseren Deutschland wäre am Tag nach der Enthüllung von Kurras‘ Stasi- Idendität kontaminiert gewesen. Zigtausende von westdeutschen linken Intellektuellen hätten ihre besten Jahre nicht in einer der von der DDR ausgehaltenen Parteien DKP oder SEW vertrödelt. Martin Walser und Uwe Timm hätten womöglich zweimal nachgedacht, bevor sie mit der DKP anbändelten.
Wie hätten sich die Anführer der Hatz auf die Studenten – die BZ und die Bildzeitung – nach einer solchen Enthüllung verhalten? Schließlich hatten sie den Tod Benno Ohnesorgs als eine Folge von studentischen Ausschreitungen dargestellt. Hätten sie Benno Ohnesorg nicht an das Herz ihrer Leser gedrückt, wenn er als „ Opfer eines kommunistischen Agenten“ hätte Schlagzeilen machen können?
Und die Berliner selber? Hätten sie die „Radaubrüder und Maojünger“ mit mehr Respekt angesehen, vielleicht sogar umarmt – diese anfangs doch witzigen Chaoten, die mit ihren Plakaten und Erfindungen die Bürger zur Weißglut reizten?
Die Gruppe 2. Juni hätte über eine Doppelstrategie nachdenken müssen. Vielleicht hätte es sie nie gegeben.
Alles Spekulation. Aber die Chaos-Theorie läßt uns vermuten, dass es die von Marx verkündeten ehernen Gesetze der Geschichte gar nicht gibt. Der Flügelschlag einer rechtzeitigen Enthüllung über die Stasi-Mitgliedschaft eines armen Tropfs namens Karl Heinz Kurras hätte womöglich ganz andere Gewitter erzeugt.
(Der Artikel erschien am 25.5.09 unter dem Titel "Ein armer, agressiver Tropf".)
Bezug nehmend auf diesen Artikel warf mir der Historiker Wolfgang Krausshaar in der FAZ vom 27. 5. 09 die Verharmlosung des Einflusses der Stasi auf die Studentenbewegung vor. Darauf antwortete ich in der FAZ vom 3.6. 09:
Ist die sensationelle Nachricht über die Stasi-Identität von Karl Heinz Kurras, des Kriminalbeamten, der den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, ein Anlass, die Ereignisse unmittelbar vor und nach dem 2. Juni 1967 neu zu bewerten? Ich bejahe diese Frage. Spekulationen darüber, ob die Reaktion der Studenten, der Öffentlichkeit, der Springerpresse, des Berliner Senats und wohl auch der Justiz nicht anders ausgefallen wäre, wenn Kurras in den Tagen nach dem Schuss als Spitzen-Agent des Ministeriums für Staatssicherheit aufgeflogen wäre, sind berechtigt, ja unvermeidlich. Reicht diese Nachricht dazu aus, die Motive der Studenten bei der Demonstration gegen den Schah-Besuch, ihre Empörung über die Prügelorgie der Polizei, über die Hetzparolen der Springerpresse und über die politische Führung Westberlins, die sich blind hinter ihren Polizeipräsidenten Erich Duensing und den Todesschützen Kurras stellte, zu entkräften? Ich bestreite diese These.
Nehmen wir einmal an, durch weitere Enthüllungen ließe sich der Nachweis führen, dass ein guter Teil der Studentenführer durch Erich Mielke und seinen famosen Vize Marcus Wolf gelenkt wurden – wäre damit auch die weltweite Rebellion von 68 diskreditiert und abgetan? Man hätte einen interessanten Sonderfall: eine durch die Stasi korrumpierte deutsche Studentenbewegung, die ihre moralische Glaubwürdigkeit verloren hätte, und eine weltweite Bewegung, deren Protest gegen falsche Autorität, gegen überholte Lebensformen und gegen den verbrecherischen Krieg der USA in Vietnam sich durch den langen Arm der Stasi jedenfalls nicht erklären ließe.
Mein Gedankenexperiment scheint absurd. Ich stelle es an, weil solche Überlegungen anlässlich der Enthüllungen über Kurras Konjunktur haben. Der Historiker Michael Wolffsohn behauptet in der Welt, „das Bild der BRD als Polizeistaat sei von der DDR erzeugt“ gewesen. Der Chef der Welt, Thomas Schmid,, versucht sich an dem Nachweis, die Berichterstattung der Springerzeitungen über den 2. Juni sei entschieden „differenzierter“ gewesen als bisher bekannt. Das gelingt ihm auch teilweise, weil er sich bei seiner Betrachtung auf Die Welt konzentriert und Bild und BZ weitgehend ausspart. Schlagzeilen wie: „Stoppt den Terror der Jungroten jetzt“ und „Man darf die Drecksarbeit auch nicht der Polizei überlassen“ lassen sich unter der Rubrik „ausgewogene Berichterstattung“ nicht leicht unterbringen.
Die Nachricht über die Stasi-Identität von Kurras hat eine neue Welle der Diskreditierung der Studentenbewegung ausgelöst. Der neue Tenor ist im Prinzip der alte: Alles nichts als Schein und Selbsttäuschung. Die demonstrierenden Studenten waren weitgehend von der SED und der Stasi beeinflusst und die nützlichen Idioten des Ostens.
Zu meiner Überraschung setzt sich nun auch Wolfgang Kraushaar, fraglos einer der besten und gründlichsten Historiker der Bewegung, auf dieses Pferd. In einem Artikel in der FAZ stellt er die Überlegung an, viele Alt-68er verweigerten sich den „neuen Erkenntnissen“, weil sie ihr altes „Feind-und Weltbild“ gefährdeten. Mir wirft er den „angestrengten Versuch“ vor, die Rolle der Stasi zu verharmlosen, weil ich wohl die „narzisstische Kränkung“ nicht ertragen könne, dass die Springer-Kampagne eben kein selbständiges Unternehmen der Neuen Linken war, sondern ihre Wurzeln in Ostberlin hatte.
Zunächst einmal: Kraushaar zitiert mich falsch. In einem Streitgespräch (April 2008) mit Ernst Cramer, dem Chef der Axel-Springer-Stiftung habe ich eben nicht gesagt, die „Apo habe keine Geldmittel aus Ostberlin erhalten“. Ich habe gesagt, „wir“ – die Mitarbeiter der ‚Enteignet-Springer‘-Kampagne - hätten keine solchen Geldmittel erhalten, beträchtliche Summen dagegen von Rudolf Augstein und Henri Nannen. Und dabei bleibe ich – bis zum Beweis des Gegenteils. Was ich beanstande, ist die unsaubere Methode von Wolfgang Kraushaar. Er benutzt Analogieschlüsse als Beweise: Weil die SED längst vor der Studentenbewegung die Enteignung Springers proklamierte, muss die Studentenbewegung, die dieselbe Forderung aufstellte, von der SED und ihrem Geheimdienst manipuliert, womöglich gar geführt worden sein. Diesem Muster folgend könnte man auch behaupten, die Anti-Raucher-Kampagne der neunziger Jahre sei von ehemaligen Nazis inspiriert und geführt gewesen, weil der fanatische Nicht-Raucher Adolf Hitler bekanntlich die weltweit erste nationale Kampagne gegen das Rauchen gestartet hat.
Natürlich habe ich Kraushaars glänzend dokumentierten Artikel „SED, Stasi und Studentenbewegung“ gelesen. Aber auch dort fehlt es an einer methodisch sauberen Unterscheidung und Gewichtung, ob die nachgewiesenen Versuche der Stasi, einzelne Akteure und Institutionen der Studentenbewegung zu kontrollieren, auch zum Erfolg führten – also dazu, dass die Studentenbewegung insgesamt von „drüben“ manipuliert und gesteuert wurde.
Ehrlich gestanden graut mir ein bisschen vor ehrgeizigen Historikern, die mir aus den Akten mit Forscherstolz die „Wahrheit“ über diesen Abschnitt meines Lebens erklären. Sind sie etwa von Narzissmus frei? Unterliegen sie etwa nicht der Versuchung, die Öffentlichkeit mit einer grellen These auf sich und ihre Forschungen aufmerksam zu machen und die Deutungshoheit für sich zu beanspruchen?
(Der Artikel erschien leicht gekürzt am 3.6.09 in der FAZ.)
Zwei Tage nach der Veröffentlichung dieses Artikels machte die BILD-Zeitung auf der ersten Seite mit der Schlagzeile auf: "Zahlten STERN und SPIEGEL die "Enteignet Springer"-Kampagne?" Von meiner Behauptung in der FAZ gab die BILD-Zeitung jedoch nur einen Teil wieder, es fehlte die erste Hälfte des Satzes (s.o.): "Ich habe gesagt, wir - die Mitarbeiter der Anti-Springer-Kampagne - hätten keine solchen Geldmittel (aus dem Osten) erhalten, wohl aber beträchtliche Summen von Rudolf Augestein und Henry Nannen - und dabei bleibe ich, bis zum Beweis des Gegenteils". Durch die Kürzung liess sich mein Nachsatz für den BILD-Leser nur auf die Aussage über Zahlungen aus dem Westen beziehen. Tatsächlich aber bezog er sich auf die unterstellten Zuwendungen aus dem Osten - dies war ja der Anlass meines Artikels gewesen.
In den nächsten Tagen - ich war gerade erst aus Italien zurückgekehrt - stand mein Telefon nicht mehr still. Ich wurde von den Chefredaktionen mehrerer Zeitungen angerufen: Was es mit den Zahlungen von Augstein und Nannen auf sich habe? Wieviel Geld damals geflossen sei? Ob ich sicher sei, dass auch Nannen gespendet habe?
Über die letzte Frage geriet ich ins Grübeln. Ich hatte meinen FAZ-Beitrag noch in Italien geschrieben. Nach drei Tagen biblischen Regens hatte sich gerade ein gewaltiges Gewitter über dem Haus entladen, in dem ich meine Antwort auf Kraushaar verfasste. Ich hatte mein unruhig flackerndes mobiles Modem im Verdacht, einen der kilometerhohen Blitze anzuziehen, die ich über dem Meer zucken sah, und hatte es hastig aus dem Computer gezogen. Ich war vom Internet abgeschnitten und mit meinem bald siebzigjährigen Gedächtnis allein. In dieser Situation war mir kraft einer Eingebung, die sich wohl eher Blitz und Donner als einem Gedankenblitz verdankte, der Name Henri Nannen aus den Fingern gefahren. Aber du lieber, bald wieder blauer Himmel - was war so schlimm daran? Auf die Gefahr hin, dass ich als halsstarrig gelte: Ich meine immer noch, dass es den damaligen Spendern zur Ehre gereicht, die Anti-Springerkampagne diskret unterstützt zu haben.
Die spätere Rekonstruktion mithilfe eines gedächtnisstarken Mitstreiters von damals ergab, dass ich Nannen mit dem Hauptgesellschafter des STERN Gerd Bucerius verwechselt hatte. Manfred Bissinger, damals ein Star-Reporter des STERN, hatte zwei lukrative Schecks dem "Institut für Gegenöffentlichkeit" übergeben, mit dem wir unsere Ausgaben für die Vorbereitung des Springer-Tribunals abrechneten. Ein Scheck stammte von Augstein, der andere von Bucerius. Nun ja. Warum hatte übrigens die BILD-Zeitung meine falsche Behauptung über Nannen nicht recherchiert, bevor sie sie auf der ersten Seite inszenierte? Da war wohl wieder einmal der Kampagnen-Instinkt stärker gewesen als die journalistische Sorgfalt.
Mir jedenfalls blieb nichts weiter übrig, als einen weiteren Artikel über die Springer-Kampagne und eine Phase meines Lebens zu schreiben, von der ich mich mehrmals und, wie ich meinte, endgültig verabschiedet hatte:
Ein nicht korrekter Satz von mir (FAZ, 3.6.09) hat einen kleinen Mediensturm ausgelöst. Der Satz bezog sich auf eine Kampagne vor rund vierzig Jahren und besagte, dass die Mitarbeiter des Springer-Tribunals keine Geldmittel aus der DDR erhalten hätten, „beträchtliche Summen dagegen von Rudolf Augstein und Henri Nannen.“ Der Satz fand unter dem Titel „Zahlten Stern und Spiegel die „Enteignet Springer“-Kampagne?“sogleich Zugang zum Logenplatz der Bildzeitung, zur ersten Seite nämlich. Die Insinuation der Titelfrage liegt auf der Hand: Wurde diese Kampagne, an die sich nur Großväter erinnern, durch die neidische Konkurrenz von Springer finanziert und sogar initiiert? Wieder einmal begab sich das mit Abstand auflagenstärkste Blatt der Republik in seine liebste Rolle: in die Rolle der verfolgten Unschuld.
Nun stellt sich heraus: Mein Satz lässt sich so gar nicht halten. Ich habe den Stern-Chef Henri Nannen mit dem Zeit- Gründer und Gesellschafter des Stern Gerd Bucerius verwechselt, der in der Tat eine größere Summe für jenes Institut gespendet hat, aus dessen Budget die fünf leitenden Mitarbeiter der Vorbereitung eines Springertribunals - darunter ich – ihre Aufwendungen damals finanzierten. Das Institut für Gegenöffentlichkeit (Göfi) war das Dach, unter dem die sogenannten Springer-Arbeitskreise der Studenten ihre Arbeit aufnahmen. Henri Nannen hat sich meines Wissens nie finanziell für diese oder eine andere Kampagne der APO engagiert, galt aber mehr oder minder als Verbündeter, weil der Stern, wenn auch immer wieder kritisch, insgesamt entschieden fairer über die Studentenbewegung berichtete als die Springerpresse. Auch Rudolf Augstein hat durch Spenden zur Finanzierung des genannten Instituts beigetragen.
Diese Richtigstellung und Erläuterung, die ich der Öffentlichkeit schulde, nimmt sich in der gegenwärtigen Debatte wie eine dringend erforderliche „Ehrenrettung“ der liberalen Spender und Sympathisanten der APO aus. Ich zweifle daran, dass die Genannten irgendeinen Anlass gesehen hätten, sich für ihre publizistische oder auch finanzielle Unterstützung der Anti-Springerkampagne zu rechtfertigen. Gerade diese Kampagne genoss in weiten Teilen der liberalen Öffentlichkeit Sympathien. Nicht nur die rebellierenden Studenten, fast die gesamte liberale Intelligenz der damaligen BRD sahen in der geballten Medienmacht des Springerkonzerns und in der Art, wie er sie ausübte, eine Gefahr für die Demokratie. Rudolf Augstein formulierte diesen Konsens in einem Brief an mich (im September 67) so: Dass Springers Macht zu groß geworden sei, „kann nicht bestritten werden“. Die politischen Instanzen müssten sie, „wenn sie ihre Aufgabe ernst nähmen, beschneiden“. Aber ein Springertribunal, so Augstein weiter, sei „unnütz, ja schädlich“.
In der Rückschau hat Augstein mit dieser Einschätzung recht behalten. Allerdings vor allem deswegen, weil es uns nicht gelang, in dem aufgeladenen Frontstadtklima Berlins den Witz und die Provokation des geplanten Tribunals deutlich zu machen. Ich schrieb damals – in Absprache mit Wolf Biermann - einen Brief an das Innenministerium der DDR, in dem ich das Ministerium aufforderte, die Anti-Springerkampagne durch die Genehmigung einer Ausreise Wolf Biermanns zu unterstützen. Der wort- und liedmächtige Biermann sollte in unserem Tribunal die Rolle eines kommissarischen Verteidigers des Springerkonzerns spielen. Er sollte den Konzern als einen systemnotwendigen Garanten der etablierten Ordnung in Schutz nehmen –und für einen Freispruch plädieren. - Dem Innenministerium der DDR muss diese eigenartige Bitte um „Unterstützung“ als Vorschlag eines kranken westlichen Chaoten-Gehirns vorgekommen sein – tatsächlich habe ich nie eine Antwort auf meinen Brief erhalten.
Überhaupt ging es damals keineswegs so bierernst zu wie es die nachholenden Debatten dieser Tage vermuten lassen. Wir, die Mitarbeiter des geplanten Tribunals, reisten von einer Prominenten-Adresse zur nächsten und trafen überall auf offene Ohren. Einige von uns, die keinen Anzug im Schrank hängen hatten, haben sich auf ihren „Dienstreisen“ sogar Plätze in der ersten Klasse der Deutschen Bahn genehmigt. Wir, in der Mehrzahl Studenten, die ihr Examen nicht gemacht hatten, trafen uns mit dem liberalen Establishment der BRD: mit Jürgen Habermas, mit Alexander Mitscherlich, mit Rudolf Augstein und mit Gerd Bucerius, aber auch mit Gesprächspartnern der IG Druck und IG Metall - und fuhren mal mit einem ermutigenden Klaps auf die Schulter, mal mit einem Scheck in der Tasche in unser Headquarter in Berlin zurück.
Natürlich wartet die Springerpresse jetzt mit der Schlagzeile „dicke Schecks für die Protestler“ auf. Es klingt so, als hätten wir von den Spendengeldern für die APO in Saus und Braus gelebt. Dazu ein paar Details: Von den fünf leitenden Organisatoren des geplanten Springertribunals hat ausser dem Sekretär und Geschäftsführer Hans-Joachim Hameister keiner ein Honorar oder Gehalt bezogen – wir konnten nur unsere Spesen abrechnen. Ich war bei dem legendären Treffen von SDS-Führern mit Gerd Bucerius in Hamburg nicht dabei und konnte deswegen auch keinen der schönen braunen Umschläge mit angeblich 5000 DM, die jeder Teilnehmer nach Manfred Bissingers Erinnerung erhielt, entgegennehmen. Bernhard Blanke, der dabei war, meint, es seien wohl eher 500 DM gewesen; im übrigen hätten Hameister und er dieses Geld nicht angenommen. Ich höre schon das Hohnlachen der Springerpresse. Aber wenn dieser Satz erlaubt ist, der in Zeiten des Casino-Kapitalismus wie ein Ammenmärchen klingt: Wir lebten damals von sehr wenig Geld und fühlten uns wie Könige. Die meisten von uns ehemaligen Aktivisten leben übrigens immer noch von wenig Geld – nur das Königsgefühl, das ist verschwunden.
Erst seit Kurzem wird das Ausmaß deutlich, in dem die SED und die Stasi auf die Anti- Springerkampagne Einfluss genommen hat. Aber am Ende hatte diese Kampagne nicht deswegen einen so durchschlagenden Erfolg, weil feindliche Kräfte aus dem Osten eine perfekte Desinformations-Operation inszeniert hatten oder weil Springers „neidische“ westliche Konkurrenten sie mit Spenden unterstützten. Sie wurde populär, weil der Springerkonzern – unter Anderem mit seiner systematischen und ideologisch getriebenen Hetze gegen die rebellierenden Studenten und seiner parteiischen Berichterstattung über den „Kurras“-Prozess - genügend triftige Gründe für eine solche Kampagne lieferte. Kein Zweifel, auch die Kampagne der Studenten, die anfangs eher einem Reflex zur Selbstverteidigung gehorchte, war dann zunehmend von Ideologie und Hass geprägt. Vor allem die rituellen, wechselseitig ausgestoßenen Faschismus-Vorwürfe haben zur Vergiftung des politischen Klimas beigetragen. Die Parole „Springer-Mörder!“ nach dem Attentat auf Rudi Dutschke war emotional verständlich, aber faktisch haltlos und politisch gefährlich. Womöglich stellt es sich ja noch heraus, dass auch der Attentäter Josef Bachmann von der Stasi geschickt worden war.
Nach vierzig Jahren, sollte man meinen, könnten sich eigentlich beide Seiten mit Gelassenheit und Neugier ihren jeweiligen, durchaus unterschiedlichen Sünden stellen. Aber nichts da! Es mutet wie Satire an, wenn der kluge Mathias Döpfner, Chef des Axel-Springer-Verlages, jetzt in der FAS fordert, die Protagonisten der 68-er Bewegung sollten sich endlich bei „unserem Hause entschuldigen“. Wie bitte? Der damals erbärmlich verprügelte David, der Goliat ja keineswegs besiegen konnte, sondern ihn im Gegenteil immer größer werden sah, soll erst mal einen Kniefall vor ihm leisten, bevor ein Gespräch beginnen kann? Wie kommt Goliat auf eine derartige Idee? Die Antwort ist verblüffend einfach. Goliat will sich nicht mehr damit begnügen, dass er mit seinen nicht immer honorigen journalistischen Methoden - mit seinen Schmuddelgeschichten und mit seinen Nackedeis – so viel Erfolg hat. Jetzt will er auch noch ein sauberes Gewissen haben.
(Der Artikel erschien unter dem Titel "Goliaths Irrtum" am 10.6.2009 in der ZEIT )
Der Skandal der Rebellion
Die jüngere Geschichte scheint inzwischen vor allem aus Gedenk-und Erinnerungstagen zu bestehen. Den Zuschauern muß sich der Eindruck aufdrängen, daß die Gegenwart nicht Teil der Geschichte ist. Und man darf fragen, ob das Jahr 68 einen historischen Einschnitt darstellt, der alle fünf bis zehn Jahre einer neuen Nachbetrachtung wert ist. Viele 68er, die von ihrer Fundamentalkritik der Verhältnisse längst zur Selbstkritik oder zur Verdrängung ihrer radikalen Jahre fortgeschritten sind, dürften auf diese Frage eher mit einem Achselzucken antworten. Tatsächlich sind es die Anti-68er in aller Welt, die die Fackel der 68er weitertragen. Denn es fällt auf, daß sie ihre Wahlkämpfe immer wieder als Kampagnen gegen das Unheil inszenieren, das die 68er angeblich über die Welt gebracht haben.
Den Anfang machte Helmut Kohl, als er im Wahlkampf 1982 eine „geistig-moralische Wende“ versprach, nach deren Wirkungen man bis heute vergeblich sucht. Mit deutlich mehr Erfolg zog George W. Bush, der den Vietnamkrieg dank der Beziehungen seines Vaters schwänzen konnte, 22 Jahre später seinen Wahlkampf gegen den demokratischen Vietnam-Veteranen John Kerry als Kulturkampf auf. Fast alles, wofür sich die amerikanischen 68er geschlagen hatten – für die Verurteilung und Beendigung des Vietnamkriegs, für sexuelle Freiheit, für das Recht auf Abtreibung, für die Rechte der Frauen und der sexuellen Minoritäten, für die Aufrechterhaltung der Trennung von Staat und Kirche – sollte durch eine konservative Beschwörung der „amerikanischen Werte“ rückgängig gemacht werden. Der derzeitige französische Präsident Nicolas Sarkozy erklärte im Wahlkampf 2007: "In dieser Wahl entscheidet sich die Frage, ob das Erbe des Mai 68 weitergeführt oder ein für alle Mal liquidiert wird.“ Als bissiger Anti-68er profilierte sich auch der Medien-Tycoon Silvio Berlusconi in Italien. Noch im Jahre 2008 agitiert er gegen Linke und Kommunisten, als hätte es den Fall der Mauer und den Zusammenbruch der sozialistischen Länder nicht gegeben, und wettert gegen die „rote Armee der Richter“, die ihn in Dutzenden von Fällen der Korruption angeklagt hat.
Woran liegt es, daß der Aufbruch von 68 noch vierzig Jahre später derartige Beunruhigung hervorruft? Worin besteht die andauernde Kränkung, ja das Trauma, das die seinerzeit als „langhaarige Affen“, „vaterlandslose Gesellen“ und als „rote SA“ titulierten Rebellen ausgelöst haben?
Diese Wirkung erklärt sich offensichtlich nicht aus den unstreitigen totalitären Verirrungen der 68er, die von den Anti-68ern in den Mittelpunkt der Debatte gerückt werden – nicht aus dem Delirium der marxistisch-leninistischen Gruppierungen und des bewaffneten Kampfes der RAF und der Roten Brigaden. Diese wahnhaften Auswüchse bieten heute allenfalls Stoff für gruppenpathologische Studien und für spektakuläre Filme; politisch und kulturell sind sie wirkungslos geblieben. Was die Anti-68er rückgängig machen wollen, ist nicht das Erbe der K-Gruppen und der RAF – denn da ist kein Erbe. Sie wollen die Erschütterung - und deren Folgen - rückgängig machen, die die radikalen Fragen und Anstöße der 68er ausgelöst haben. Und sie wollen es, weil diese Fragen und Anstöße von den zivilen Gesellschaften des Westens aufgenommen worden sind.
Das derzeit lauteste Geschütz der Anti-68er ist Götz Aly mit seinem Pamphlet „Unser Kampf“. Es ist merkwürdig, daß ein besonders rabiater Aktivist von 68 die Aufgabe übernommen hat, die deutschen 68er für immer in der Gift-Mülltonne der jüngeren deutschen Geschichte zu versenken, indem er das ultimative Verdammungsurteil über sie verhängt: Die 68er seien, so Götz Aly, in Wahrheit die Widergänger der „33er“ gewesen, jener nationalsozialistischen Studenten nämlich, die Hitler und den Vordenkern der Vernichtung den Weg geebnet hatten. Zu den Lebenslügen der 68er gehöre die Behauptung, sie seien durch die Nazi-Vergangenheit zu ihrem rebellischen Furor motiviert worden. In Wahrheit hätten sie die Aufklärung dieser Vergangenheit behindert. Tatsächlich seien die deutschen 68er mit ihren Go-ins, Sit-ins, und ihren militanten Aktionen, wenn auch durch Unwissenheit geschützt, Replikanten ihrer nationalsozialistischen Vorgänger gewesen – die letzten Geisterfahrer des europäischen Totalitarismus.
Es ist, wie man sieht, ein spektakulärer, ein tödlicher Vorwurf, den Aly da erhebt. (Sein Buch wurde denn auch von allen Zeitungen spätestens am Tag nach der Veröffentlichung mit einer ausführlichen, wenn auch in der Regel kritischen Rezension gewürdigt- getreu dem Medien-Motto: Schon weil die These wehtut, muß irgendetwas daran sein.)
Freilich mußte Aly, um seine Anklage zu stützen, gleich mehrere verunstaltende Operationen an seinem Objekt vornehmen. Zunächst einmal schneidet er die deutschen 68er aus dem Zusammenhang des weltweiten Aufbruchs heraus. Der internationale und vor allem amerikanische Protest gegen den Vietnamkrieg und die Tatsache, daß die deutschen 68er praktisch all ihre Protestformen einschließlich des Konzepts des „zivilen Ungehorsams“ aus Amerika übernahmen, kommt in Alys „Analyse“ gar nicht vor. Wer Aly liest, gewinnt den Eindruck, der Protest gegen den Vietnamkrieg sei eine antiamerikanische Marotte gewesen: Hatten die deutschen 68er nicht gerufen: USA-SA-SS? Die Tatsache, daß dieser widerliche Spruch aus einem übermütigen Film von Godard stammt und von der APO allzu willig übernommen wurde, bemerkt Aly nicht. Er untersucht auch nicht, wie repräsentativ dieser Spruch für die APO war, die damals den weitaus amerikanisiertesten Teil der deutschen Bevölkerung ausmachte. Aly erklärt nicht, wie und warum dieselben Studenten, denen Aly in den ersten Kapiteln seines Buches noch bescheinigt, sie wären weit demokratischer, europa- und amerikafreundlicher gewesen als der Rest der Bevölkerung, ein paar Seiten später plötzlich antisemitisch, antiamerikanisch und totalitär geworden sein sollen. Tatsächlich hat unter etwa zwanzigtausend Rebellen ein solcher Prozeß stattgefunden, aber eben nicht als uniformer Wandel d e r 68er, sondern jenes Teils, zu dem Götz Aly sich gesellte. Es wäre die Aufgabe eines Historikers gewesen, diesen Prozeß der Manipulation und Selbstmanipulation darzustellen und zu fragen, warum ein erheblich größerer Teil der Rebellen der totalitären Verführung nicht erlag und sich jenseits der selbsternannten maoistischen Eliten und der RAF mit politisch bescheideneren Projekten abgab: mit der Organisierung von Kinderläden, mit der Emanzipation der Frauen, mit der Gründung von Bürgerinitiativen, die Ende der 70er Jahre mehr Mitglieder in ihren Reihen zählten als die Parteien.
Die zweite Operation betrifft die Einengung der 68er-Bewegung auf die Phase ihrer maoistischen Verirrung. Vergeblich sucht man in Alys Buch nach Spuren der vorangehenden antiautoritären Empörung und Ausgelassenheit. Es ist, als hätte der Autor nie ein Lied von Bob Dylan oder Joan Baez gehört, nie eine Haschischzigarette inhaliert, nie zu einem Lied der Rolling Stones getanzt, nie die neuen sexuellen Freiheiten genossen, die sich die 68er nach den verklemmten fünfziger Jahren eroberten.
Das entscheidende Problem von Alys „Analyse“ ist jedoch, daß er seine Rolle als ehemaliger Aktivist und die Rolle des nachträglich urteilenden und einordnenden Historikers unentwegt vermischt.
An einer Stelle seines Buches bekennt Aly sich als einer der Anführer der sogenannten „Schweinejagd“ im Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Das Projekt der „Schweinejagd“ war es, mißliebige Professoren (nach einer Institutsbesetzung am 24. Juni 1971) zu den Fenstern des Seminarraums zu tragen und sie symbolisch aus dem Fenster zu stürzen. In Alys Buch liest man darüber: „Der Raum lag im Erdgeschoß. Die Fenster blieben zu. Hinausgeworfen wurde niemand, allerdings wurden einige der Eingeschlossenen auf ihren Stühlen hin-und hergetragen und Parolen an die Wände gesprüht. Am Ende kam es irgendwo im Treppenhaus noch zu einer kleinen Schlägerei.“
Und Götz Aly? Das Ich des Anstifters verschwindet alsbald im unpersönlichen Plural. Er schreibt: „Einige der Eingeschlossenen wurden auf ihren Stühlen hin-und hergetragen…. Es kam zu einer kleinen Schlägerei… (S. 140) Kein Wort darüber, ob Aly selbst einen der Stühle getragen hat oder in die „kleine Schlägerei“ im Treppenhaus verwickelt war.
In einem Flugblatt der Reformsozialisten im Sommer 1971 lese ich: „Anfang dieser Woche wurde im OSI ein Steckbrief gegen Schwan und verschiedene Reformsozialisten verteilt, in dem die GSO (Grundsemester-Organisation) unverhüllt proklamierte: Jagd die Schweine raus!“….Sako-Oberaktionist Aly (Sako -Sozialistisches Arbeitskollektiv) forderte –unter weiteren Eierwürfen seiner „Genossen“ – dazu auf, gewaltsam in Schwans Büro einzudringen und sich die dortigen Gegenstände anzueignen.“
Statt seiner eigenen Verrennung und ihren Motiven nachzugehen, begibt Aly sich allzu rasch in den Schutz der Verallgemeinerung: „Eine solche gewalttätige Aktion“, schreibt er, „war seinerzeit an deutschen Universitäten nicht ungewöhnlich…“ Stimmt. Aber wie viele von den weit über hunderttausend Aktivisten der APO haben damals Professoren mit Gewalt in einen symbolischen Fenstersturz verwickelt? Wie viele von den OSI-Studenten an Götz Alys Schweinejagd Gefallen gefunden?
Ebenso halbherzig und schonend sind die anderen „Bekenntnisse“ in Alys Buch ausgefallen. Er sei von „Anfang 1972 bis 1973“ Mitglied der roten Hilfe gewesen, die „gefangene Genossen“ wie Horst Mahler oder Andreas Baader unterstützte und „Knastarbeit mit normalen Kriminellen betrieb.“ Wer hätte – heute oder damals – etwas dagegen einzuwenden? Aly sagt nichts darüber, daß die Zeitung dieses Namens kommentarlos oder allenfalls mit leise kritischen Anmerkungen die Erklärungen der RAF zu ihren Terroranschlägen veröffentlichte: so etwa die Erklärung zu dem Anschlag auf das IG-Farbenhaus in Frankfurt, bei der der amerikanische Oberst und Vietnam-Veteran Paul A. Bloomquist zu Tode kam und 13 weitere Opfer verletzt wurden. „Über den Tod des Kriegsverbrechers Bloomquist“, heißt es in der RAF-Erklärung „der nichts war als ein gemeiner Mörder, haben sie (die Revisionisten aller Schattierungen, Anm. d. Verfassers) sich mehr empört als über die systematische Ausrottung eines ganzen Volkes“. Statt sich mit dieser entsetzlichen Erklärung zu befassen, erklärt ein Anonymus im selben Heft („Dokumentation zum Teach-In der Roten Hilfe zur unmittelbaren Unterdrückung durch Polizei und Justiz“): „Wir gehen mit dem KSV (Kommunistischer Studentenverband) darin einig, daß unsere Reaktion auf die Taktik der Konterrevolution nicht sein kann, bloß….sich von diesen Anschlägen zu distanzieren….Es gilt, den Massen die Funktion der RAF-Jagd zu erklären und den Widerstand zu organisieren.“)
Man würde gern einen Kommentar des geläuterten Götz Aly zu diesen und anderen Verirrungen in seiner damaligen Kampfarena lesen. Mit Sicherheit hat auch er damals Artikel für die Rote Hilfe geschrieben, die anonym erschienen sind. Statt diesen Selbstschutz aufzuheben, zitiert er lieber eine großmäulige Solidaritäts-Erklärung von Wolf Biermann zu den RAF-Gefangenen.
Am triftigsten ist Alys Kapitel über antisemitische Töne und Aktionen in der Studentenbewegung ausgefallen. Aus Fairneß hätte Aly auf seinen Vorgänger Hendryk Broder hinweisen können, der einen entsprechenden Nachweis bereits in den siebziger Jahren geführt hat. Aber auch in dieser Sache schwächt Aly seine Argumentation durch seinen Drang zur vorschnellen denunzierenden Verallgemeinerung. So zitiert er etwa eine wirre, nicht einmal falsche Erklärung von Ulrike Meinhof, der Antisemitismus sei seinem Wesen nach antikapitalistisch gewesen, und schließt: „Damit war die Flucht aus der historischen Verantwortung vollzogen“. Und eine Zeile weiter: „Da sich die neue Linke auf diese Weise von den nationalsozialistischen Verbrechen abwandte, hatte sie es nicht weit..….“
Man reibt sich die Augen: Weil sich Ulrike Meinhof, die damals bereits auf dem Weg in den bewaffneten Kampf war, von den nationalsozialistischen Verbrechen abwandte, hat sich mit ihr die gesamte neue Linke davon abgewandt? Dürfen Historiker so arbeiten?
Nicht weniger kurzschlüssig verhält es sich mit der Anklage Alys, die 68er hätten die Aufklärung des Holocaust eher behindert als befördert. Zum Beweis weist er auf die über 2000 Nazi-Prozesse hin, die 1968 stattgefunden hatten; kein Flugblatt der Protestler habe darauf hingewiesen und zum Besuch der Prozesse aufgefordert.
Ein ehrlicher Bekenner hätte sich zuerst fragen müssen, warum er selber damals diese Prozesse nicht besuchte. Tatsächlich hat Götz Aly seine verdienstvolle Schriftenreihe „Beiträge zur Nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik im Rotbuch-Verlag erst im Jahre 1985 gestartet. Warum so spät? 1968 gab es sowohl für ihn wie für die APO Gründe für diese Abstinenz, die sich zur Denunziation schlecht eignen. Das Projekt der 68er in Deutschland und in aller Welt war nicht die wissenschaftliche Erforschung der Vergangenheit, sondern die Gestaltung einer freieren Gegenwart und Zukunft. Hatten die deutschen 68er kein Recht dazu, weil sie „Täter-Kinder“ waren? Im Übrigen war der Protest gegen den Vietnamkrieg durchaus von einem antifaschistischen Impuls getragen. Wie kann es sein, fragten sich die deutschen 68er, daß unsere einstigen Befreier ein Volk der Dritten Welt mit Napalm und Agent Orange bombardieren – und die Bundesrepublik, der Nachfolgestaat des Dritten Reichs, ihnen logistisch dabei hilft? Einem ähnlichen Impuls folgte die Kampagne gegen Bundeskanzler Georg Kiesinger, den Götz Aly in seinem Buch als Muster eines weisen und verständnisvollen Staatsmanns hinstellt. Konnte man in einem Volk von 60 Millionen nicht einen Bundeskanzler finden, fragten sich damals viele, der n i c h t Mitglied der NSDAP gewesen ist?
Von den emanzipatorischen Impulsen der 68er, von ihrem Freiheitspathos, ihrer Glückssuche und ihrem Weltbeglückungswahn ist bei Aly kaum die Rede. Mit Tunnelblick bleibt er auf das Segment der Totalitären fixiert, zu dem er selbst gehörte, nimmt diesen Teil für das Ganze und versucht sich zu reinigen, indem er die 68er insgesamt als Widergänger „der 33er“ denunziert. Selten ist eine knallige These mit so schwachen Beweismitteln vorgetragen worden. Aly löst die zitierten Texte aus ihrem historischen Zusammenhang und gibt sich mit bloßen Wort- und Oberflächen-Ähnlichkeiten zufrieden: Benutzten die NS-Studenten nicht – genau wie die 68er – das Wort „Bewegung“ für ihren Aufbruch? Träumten nicht die einen wie die anderen vom „neuen Menschen“? Experimentierten nicht die einen wie die anderen mit „Wohngemeinschaften“? Kämpften nicht die einen wie die anderen gegen „die Spießer“? In seinem Findungsstolz verpaßt Aly die einfachsten Fragen: Wie viele 68er stammten eigentlich von Nazi-Tätern ab? Waren solche Kinder dazu verdammt, unbewußt die Botschaften und Verhaltensmuster ihrer Täter-Väter zu reproduzieren? Gab es nicht auch Kinder von Nazigegnern und jüdischen Verfolgten in den Reihen der 68er? Und schließlich: Stimmen die Agendas der beiden „Bewegungen“ und ihre politischen Ausgangsbedingungen in irgendeinem relevanten Punkt überein?
Es fällt nicht leicht, eine Erklärung für diese Mißachtung der einfachsten wissenschaftlichen Regeln anzugeben. Vielleicht steckt sie einer Szene, die Aly gegen Ende seines Buches rekonstruiert. Bei der Besetzung der staatlichen Kunstschule in Berlin durch die SA-Studentenschaft, so berichtet Aly, wurde eine Prüfung „gewaltsam unterbrochen“, die Professoren wurden „aus den Prüfungsräumen entfernt“, die mit den Professoren sympathisierenden Studenten „gewaltsam zurückgedrängt“ und eine vier Meter hohe Hakenkreuzfahne aufgerichtet. Als Aly diese Szene rekonstruierte, muß ihn die Frage heimgesucht haben: Hatte er als Anführer der „Schweinejagd“ im Osi nicht das gleiche getan? Das gleiche oder dasselbe? Und war auf dem vom „Widergänger“ Aly mitverfaßten Aufruf zur „Schweinejagd“ nicht eine Karikatur zu sehen, auf dem ein besonders großes Schwein namens Richard Löwenthal zu sehen war – eines jüdischen Professors, der in die USA geflohen und nach Deutschland zurückgekehrt war, um jungen Deutschen wie Aly die Demokratie beizubringen?
Womöglich, so spekuliere ich, ist es der Schock und die Scham über diese frappante Ähnlichkeit seiner eigenen Schandtat mit der der SA-Studenten gewesen, die dem erfahrenen Historiker und Rechercheur Götz Aly die Handwerkszeuge des Historikers aus den Händen geschlagen haben. Statt seinem höchst angebrachten Schuldgefühl und der Frage nachzugehen, wie ein Provinzler aus Schwaben, der es den eingebildeten Strategen in der Großstadt zeigen wollte, in kurzer Zeit zu einem Rabauken wurde, flüchtet er sich in das General-Verdikt und setzt alles mit allem gleich: die Bücherverbrennung mit der Verbrennung von Bildzeitungen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, Rudi Dutschke mit Joseph Göbbels und den Dichter F.C. Delius mit Baldur von Schirach.
Wäre Götz Aly in seiner Untersuchung länger bei sich und seiner Scham geblieben, hätte er vielleicht gefunden, daß er ein von Ehrgeiz und Selbstüberschätzung verblendeter junger Mann, aber kein Jungnazi war – und daß nicht alle 68er sich so verrannt hatten wie er selber.
Die Beunruhigung, die von dem Aufbruch der 68er nach wie vor ausgeht, verdankt sich nicht seinen totalitären, übrigens eher vom Stalinismus-Maoismus denn vom Nazifaschismus inspirierten Auswüchsen. Sie verdankt sich der Radikalität, mit der die Jugend der westlichen Welt gegen die kulturellen Verabredungen anrannte, auf denen die Autorität der gesellschaftlichen Institutionen damals ruhte. Die Vorherrschaft der Männer, das Sakrament der Ehe und das ständig und heimlich gebrochene Gebot lebenslänglicher Treue, das autoritäre Verhältnis zwischen Eltern und Kindern und zwischen Männern und Frauen, die Ausgrenzung und Rechtlosigkeit von homosexuellen Männern und Frauen, der blinde Gehorsam gegenüber Offizieren und Generälen, ja selbst die Tauglichkeit der parlamentarischen Demokratie – all das geriet in einen Sturm des Fragens und der Kritik. Es ist dieses damals militant und massenhaft vorgetragene Element des Zweifelns an den überkommenen Lebensformen, das das Erbe von 68 bis heute so skandalös macht. (Natürlich kann man immer sagen: die Emanzipation der Frauen, die neue Sensibilität für die Rechte der Kinder und anderer sexueller Minoritäten hätten sich auch ohne die Anstöße der 68er vollzogen. Aber dieses Argument klingt ähnlich hohl wie die Behauptung, das Verbot der Kinderarbeit, das Wahlrecht für die Frauen, die Abschaffung des 12-Stunden-Tages hätten sich auch ohne die sozialen Kämpfe des 19. Jahrhundert durchgesetzt – die berühmte „unsichtbare Hand des Marktes“ hätte diesen Forderungen ganz von selber zum Durchbruch verholfen. Ein Blick auf die neuen Territorien des globalen Kapitalismus zeigt, daß die alten, bei uns überwundenen Übel des 19. Jahrhunderts überall dort in alter Frische auferstehen, wo es keine Gewerkschaft, keine Frauenbewegung und keine Protestbewegung gibt. )
Nachträglich kann man nur staunen, mit welcher Intelligenz die postindustriellen demokratischen Gesellschaften die brauchbaren Anstöße er 68er aufgenommen und die unbrauchbaren und wahnhaften Ideen verworfen haben. Daß dieser Aufbruch überhaupt zustandekam, verdankt sich zweifellos einer einmaligen historischen Konstellation, die sich so nicht wiederholen wird. Deswegen eignet er sich weder für Neid-Gefühle noch für rachsüchtige Verdammungsurteile. Denn von dem Modernisierungsschub, den er bewirkt hat, profitieren längst auch diejenigen, die ihn verdammen.
(Größere Passagen dieses Artikels wurden am 11. 4. 08 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht. )
Abschied von der Berliner Bank
Als ich 1965 meine erste Wohnung in Berlin bezog, eröffnete ich das erste Konto meines Lebens – in der Berliner Bank-Filiale gegenüber. Als wichtigstes Qualitätsmerkmal genügte mir damals der Umstand, daß meine Bank drei Fußminuten von meiner Wohnung entfernt war und nicht Deutsche Bank hieß. Über die weitaus größte Strecke der letzten vierzig Jahre blicken die Berliner Bank und ich auf ein entspanntes Verhältnis zurück. Ich rutschte kaum je unter meine Kreditlinie, die Berliner Bank nahm nie mehr als die in diesem Gewerbe üblichen, horrenden Zinsen. Bei einem so störungsfreien Einvernehmen konnte es nicht fehlen, daß ich - je nach Konjunktur meiner Werke auf dem Markt -zuweilen beträchtliche Summen auf meinem Konto hielt, die prompt zu fürsorglichen Anfragen von Anlageberatern führten, ob ich mein Geld nicht besser anlegen wollte als auf einem simplen Girokonto. In aller Regel habe ich solche Anfragen – in Erwägung der unregelmäßigen Einkünfte eines freien Autors und in kritischer Selbsteinschätzung meiner Fähigkeiten als Spekulant – verneint und begnügte mich mit der Freude an den Pluszeichen vor dem Saldo in meinen Bankauszügen. Immerhin führte das beständige Überwiegen dieser Pluszeichen dazu, daß meine Bank über die Jahrzehnte ein gewisses Vertrauen zu mir faßte, das sich in einem Kreditrahmen von 20000 DM niederschlug.
Die idyllische Beziehung zwischen meiner Bank und mir erlebte einen ersten Einbruch, als die sogenannte Berliner Bankenaffäre bekannt wurde. Erst spät wurde mir klar, daß meine Bank Mitglied eines von der Staatsanwaltschaft angeklagten Clubs namens Berliner Bankgesellschaft war. Die Bank meines Vertrauens war in dieses wohl größte Banken-Bubenstück der Nachkriegsgeschichte verwickelt. Als ich im „Spiegel“ über die Bankengesellschaft schrieb und den skurillen Lebensstil und die Bereicherungstricks ihrer Manager an den Pranger stellte, wußte ich nicht oder wollte nicht wissen, daß ich damit auch meiner Bank zuleibe rückte.
Natürlich hätte es nahegelegen, die Berliner Bank nach dem Ruchbarwerden des Skandals fluchtartig zu verlassen. Man mußte kein Fachmann sein, um vorauszusehen, daß die faulen Immobilienfonds der Bankgesellschaft mit ihren Milliardenschulden irgendwann bis in das Geschäftsgebaren ihrer letzten Filiale durchschlagen würden. Aber langjährige Bankkunden neigen zur Treue, ja zu einer gewissen Sentimentalität. Man kennt und duzt den Filialleiter, man hat keinen Schimmer, ob der Vorstandsvorsitzende des Instituts Grau oder Grün heißt. Man will die langjährigen Mitarbeiter der Filiale, in denen man nach so vielen Jahren beinahe Schulfreunde sieht, nicht für die Sünden eines korrupten Vorstands bestrafen. Zur Anhänglichkeit des Kunden trägt auch die Erwägung bei, daß es mühsam, ja fast unmöglich ist, all seinen Geschäftspartnern die neuen Bankdaten zu übermitteln. Besonders Autoren werden von der Vorstellung heimgesucht, daß ihnen aus einem uralten, schon vergessenen Vertrag plötzlich ein märchenhaftes Honorar aus Übersee überwiesen wird, das von der verlassenen Bank erbarmungslos zurückgeschickt wird mit dem Vermerk: Empfängerkonto unbekannt!
Mein Filialleiter, der ein Herz für Künstler hatte, irritierte mich Anfang des 3. Jahrtausends durch die Mitteilung, er könne meinen Kredit von 20 000 DM, sprich 10000 Euro, ab sofort nicht mehr verlängern. Auf meine Frage, was denn vorgefallen sei, schloß er seine Bürotür und beschied mich mit der geflüsterten Bemerkung, er rate mir, die Filiale oder besser noch: die Bank zu wechseln. Er jedenfalls sei für Kreditsummen dieser Größenordnung nicht mehr zuständig. Da ich aus den oben bezeichneten Gründen an ihm hing und außerdem noch ein Konto bei einer anderen Bank unterhielt, einigten wir uns auf eine ungewöhnliche Lösung: Auf seine Empfehlung hin richtete ich ein Sperrkonto ein, auf dem ständig mindestens 1000 Euro bereitzustehen hatten, um etwaige Minuszeichen auf meinem Girokonto abzudecken.
Nicht lange nach dieser Unterredung war mein Filialleiter in der Filiale nicht mehr aufzufinden. Er war vorzeitig in Pension gegangen oder gegangen worden. Mit seiner Nachfolgerin kam es bald zum Konflikt: meine Bank wollte eine Lastschrift nicht bedienen, weil mein Girokonto vorübergehend den alarmierenden Fehlbetrag von 300 oder 400 Euro aufwies. Als ich sie auf die Garantiesumme auf dem Sperrkonto verwies, erfuhr ich, ihr Vorgänger habe sie in die Funktion des Sperrkontos nicht eingeweiht. Mit dieser Klarstellung schien die Sache beigelegt.
Aber der Vorfall nagte an meiner Kundenehre. Es wollte mir einfach nicht in den Kopf, daß die Berliner Bank einem Kunden, der in vierzig Jahren weder bei ihr noch bei der Schufa unangenehm aufgefallen war, nicht einmal ein paar Hundert Euro für ein paar Wochen stunden wollte. Mehr aus Trotz denn aus Not beschloß ich, einen Überziehungskredit von 5000 Euro beantragen. Ich füllte zahllose Formbögen aus, stellte mich Fragen, die man sonst nur in einem Beichtstuhl beantwortet, legte meinem Antrag zur Aufbesserung meiner Glaubwürdigkeit mehrere von mir verfaßte Artikel im „Tagesspiegel“ und im „Spiegel“ bei. Die zuständige Dame, die im zweiten Stockwerk eines Verwaltungstrakts der Berliner Bank residierte und meine Artikel, wie ich durch diskrete Fangfragen feststellte, tatsächlich gelesen hatte, wiegte traurig ihren hübschen Kopf. Freie Autoren wie ich, hörte ich, seien für die Banken ein Problem. Vergeblich machte ich sie darauf aufmerksam, daß ich mit jenem anderen Schneider, der verschiedene Banken um rund 7 Milliarden DM erleichtert hatte, nichts als den Nachnamen gemein hätte – was den Chef der Deutschen Bank damals zu dem berühmten Kommentar inspiriert hatte, das seien „peanuts“. Es half nichts, mein Antrag auf einen „peanuts“-Überziehungs-Kredit von 5000 Euro wurde abgelehnt.
Im Herbst 2006 kam es zum Showdown. Die Berliner Bank weigerte sich, eine Nachforderung der GASAG von 6 Euro und einen Dauerauftrag von 324, 29 Euro zu bedienen. Mit Schreiben vom 11.10. 06 teilte sie mir mit, die genannten Aufträge hätten leider nicht ausgeführt werden können, da mein Girokonto um 389, 99 Euro überzogen sei.
Da ich zu diesem Zeitpunkt in den USA lebte, konnte ich nicht viel mehr tun als auf meine Kosten in der Filiale anzurufen und ins Telefon zu schreien. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich von der besagten Nachfolgerin meines Künstlerfreundes, mein (eigens für solche Unfälle) eingerichtetes Sperrkonto könne aus irgendwelchen Gründen leider nicht als Deckung anerkannt werden – was sie mir allerdings nicht mitgeteilt hatte. Auf meine Frage, ob die Berliner Bank nur Kunden für kreditwürdig halte, die einen lebenslange Anstellung mit Pensionsberechtigung vorweisen könnten – bekanntlich ein auslaufendes Berufsmodell aus dem letzten Jahrhundert – erfuhr ich, die Berliner Bank habe leider kein Konzept für Freiberufler.
Tendenziell ist es der größere Teil der Bevölkerung, der hier durch die Maschen der Strategen der Berliner Bank fällt. Als ich zwei Monate später die Filiale meiner Bank betrat, um dort meine Konten aufzulösen, schrieb ich in die eine Zeile, die in dem Formular für „Gründe“ vorgesehen war, zwei Worte: „Helle Empörung“.
Die anderen Zeilen habe ich hier nachgetragen.
Zum Glück gibt es Konkurrenz, also Hoffnung. Obwohl die Berliner Volksbank und die Deutsche Kreditbank keine anderen Informationen über den Schneider haben, der hier schreibt, verwöhnen sie ihn geradezu mit Krediten.
(Der Artikel erschien am 1.2.2007 im Tagessspiegel)
»Warum sagst du nicht: Ich habe mich geirrt?«
Von Christopher Hitchens, Peter Schneider | © DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.8
War und ist der Irakkrieg richtig? Aus dem Land kommen immer neue Schreckensmeldungen, in Washington gerät Präsident George W. Bush weiter unter Druck. Mehr als 60 Prozent der Amerikaner sind gegen den Krieg, und selbst im Lager der Republikaner fordern einige den Rückzug. Hier streiten zwei linke Intellektuelle über den Einmarsch der US-Truppen im Frühjahr 2003.
Peter Schneider: Es gibt viele Gemeinsamkeiten in unseren intellektuellen Biografien. Beide haben wir bei der radikalen Linken angefangen du bei den britischen Trotzkisten, ich bei den 68ern in Berlin. Beide haben wir dann in den achtziger und neunziger Jahren gegen den linken Konsens verstoßen. Wir haben Solidarno gegen den Vorwurf verteidigt, den »Weltfrieden zu gefährden« - wir haben früh für eine Intervention gegen die ethnischen Vertreibungen in Bosnien und im Kosovo plädiert, wir haben die Nato-Intervention in Afghanistan unterstützt auch wenn diese Positionen uns mit unserer »linken Identität« in Konflikt brachten. Dann kam der Irakkrieg 2003, und unsere Wege haben sich getrennt. Du hast den Krieg von Anfang an befürwortet, ich war dagegen. Wie erklärst du den Gegensatz?
Christopher Hitchens: Es mögen unterschiedliche Erfahrungen in der Mitte der siebziger Jahren gewesen sein. Ich wurde damals von einem irakischen Kulturfunktionär nach Irak eingeladen, und Saddam Hussein war gerade dabei, seine Macht zu befestigen. Ich war in Polen gewesen, in Francos Spanien, in Griechenland nach dem zweiten Putsch ich kannte Städte, die in Furcht lebten. Aber was ich in Bagdad erlebte, die Atmosphäre der Angst, war unvergleichbar. Es war die Hölle eine unglaubliche Herrschaft des Schreckens. Ich erinnere mich auch gut, mit welcher Selbstverständlichkeit mich Regierungsleute in die Gruppe um Abu Nidal einführten, die damals in Bagdad beherbergt und gefördert wurde. Ich habe nie dieses Klima der Angst vergessen. Ich gehörte zu einer Gruppe aus linken Labour-Mitgliedern, Gewerkschaftern und Kommunisten namens CADRI (Kampagne zur Wiederherstellung demokratischer Rechte in Irak, Anm. d. Red.). Es war eine sehr effiziente Gruppe, die über ausgezeichnete Informationen aus dem Irak verfügte und als Erste das Saddam-Hussein-Regime als ein faschistisches Regime beschrieben hat. Für mich war also die Auseinandersetzung mit der Baath-Partei und ihrer Ideologie, die sich aus dem rechten europäischen Nationalismus und dem Faschismus speist, eine alte Geschichte.
Schneider: In den Augen vieler bist du zum beredtsten Verteidiger des Irakkriegs zu einer der besten Waffen der Bush-Regierung geworden.
Wie kam es dazu, dass du diese Rolle übernommen hast?
Hitchens: Wäre es nach mir gegangen, hätten wir Saddam Hussein schon wesentlich früher entmachtet. Ein prägendes Ereignis für mich war das verspätete Eingreifen der Nato in Bosnien Mitte der neunziger Jahre praktisch alle Republikaner waren gegen jede Art der Intervention, mit Ausnahme von G. W. Bush, John McCain und ein paar anderen und den Neocons. Damals, bei der serbischen Belagerung von Sarajevo (1992 bis 1994), fing ich an, neu nachzudenken. Damals habe ich zum ersten Mal gefordert, dass die USA Gewalt einsetzen sollten. Dann wurde auf Initiative von Achmed Chalabi hin der Iraq Liberation Act im Kongress verabschiedet, der übrigens von Bill Clinton und Al Gore unterstützt wurde. Aber die beiden wollten den Friedensnobelpreis ohne Krieg, sie waren nicht bereit, den vollen Preis zu bezahlen.
Schneider: Immerhin hat Clinton nach dem Hinauswurf der UN-Inspektoren Fabrikanlagen in Bagdad bombardiert. Und die Republikaner höhnten damals, das tue er nur, um von seiner Affäre mit Monica Lewinsky abzulenken.
Hitchens: Stimmt. Die Republikaner waren damals nicht für Clintons Strafaktion.
Schneider: Aber als G. W. Bush einige Jahre später eine Verbindung zwischen dem Anschlag auf das World Trade Center und Saddam Hussein herstellte hat dich das überzeugt?
Hitchens: Niemand von der Regierung hat jemals behauptet, dass Saddam Hussein etwas mit dem 11. September zu tun hatte.
Schneider: Aber warum haben dann siebzig Prozent der Amerikaner vor dem Krieg geglaubt, dass Saddam Hussein hinter dem Attentat steckte?
Sogar jetzt, nachdem dieser Mythos widerlegt ist, glauben viele Amerikaner das
Hitchens: Mein Lieber, zwanzig Prozent der Amerikaner glauben, dass Bush hinter dem Attentat steckte. Die Leute glauben alles Mögliche.
Schneider: Das ist jetzt aber eine schwache Ausrede.
Hitchens: Du musst mir zeigen, dass jemand aus der Regierung tatsächlich diese Beschuldigung erhoben hat.
Schneider: Ich zitiere aus einer Sammlung der BBC News: »Der sicherste Weg, um Angriffe auf unser Volk zu vermeiden, ist, dem Feind dort entgegenzutreten, wo er lebt und seine Pläne ausheckt. Wir bekämpfen diesen Feind heute in Irak und Afghanistan, damit wir ihm nicht wieder auf unseren Straßen und in unseren Städten begegnen« (Präsident Bush in einer Fernsehansprache im September 2003). » Wir wissen, dass Irak Al-Qaida-Kämpfer bei der Herstellung von Bomben und Giften und tödlichen Gasen trainiert hat« (Außenminister Colin Powell bei seiner Präsentation vor dem UN-Sicherheitsrat im Februar 2003). » Wir werden einen Stoß genau ins Herz der geografischen Basis der Terroristen führen, die seit vielen Jahren, und ganz speziell am 11. September, Anschläge gegen uns ausführen« (Dick Cheney in einem Interview zum Irakkrieg). » Saddam Hussein ist ein Risikofaktor in einer Region, von der der Anschlag vom 11. September ausgegangen ist« (Condoleezza Rice im September 2003).
Hitchens: Tut mir leid, diese Wette verlierst du. Es gibt in diesen Zitaten keine direkte Anklage, dass die irakische Regierung hinter dem Attentat steckte.
Schneider: Die amerikanische Regierung hat diese Anklage nicht explizit erhoben, aber sie hat jede Menge Anspielungen unter die Leute gebracht, die auf Saddam Hussein als den Täter deuteten. Und genau dieser Eindruck hat sich dann auch unter den Amerikanern durchgesetzt.
Hitchens: Man hätte einen viel besseren Fall für diese Verbindung nennen können: Irak hat Scheich Achmed Jassin, einem der Urheber des ersten Attentats auf das World Trade Center im Jahre 1993, zehn Jahre lang Zuflucht gewährt. Die amerikanische Regierung hat entschieden, diesen Fall nicht zu benutzen, ich weiß nicht, warum. Ich an ihrer Stelle hätte es getan. Es ist eine Tatsache, dass Irak immer wieder Terroristen Unterschlupf gewährt hat, so auch dem palästinensischen Terroristen Abu Abbas, dem Drahtzieher der Entführung des Passagierschiffs Achille Lauro.
Schneider: Aber das alles liegt doch über ein Jahrzehnt zurück. Und es waren nicht islamistische Terroristen.
Hitchens: Die Amerikaner haben den Eindruck einer Verbindung zwischen Saddam Hussein und dem Terrorismus gewonnen, weil es diese Verbindung gab, weil der Irak immer wieder ein Zufluchtsort für Terroristen gewesen ist und weil das Regime von Irak weltweit das einzige war, das dem Attentat vom 11. September Beifall gespendet hat. Keine andere Regierung hat das getan.
Schneider: Im New York Times Magazine vom 29. Oktober 2006 lese ich, dass Saddam Hussein in Angst, ja in Panik war vor dem Islamismus, dass er sogar ein Angebot von Ali Khan, dem Vater der pakistanischen Atombombe, ihn mit Atomwaffen zu versorgen, ausschlug
Hitchens: Vielleicht schlug Saddam Hussein das Angebot aus, weil er es für eine Falle hielt. Saddam Hussein war paranoid, er traute seinen eigenen Leuten nicht.
Schneider: Sogar die ISG (Iraq Survey Group eine aus Pentagon- und CIA-Gutachtern zusammengesetzte Regierungskommission, Anm. d. Red.)
erklärt in ihrem jüngsten Bericht, dass Saddam Husseins Programm für Massenvernichtungswaffen bereits 1991 beendet war und dass es keinerlei Hinweis auf eine Verbindung von Saddam Hussein mit dem Terroranschlag auf das World Trade Center gibt.
Hitchens: Ich glaube nichts davon
Schneider: Da bist du aber der Einzige
Hitchens: Bin ich nicht, aber es würde mich nicht stören, wenn ich der Einzige wäre. Ich habe bessere Informationen.
Schneider: Du meinst Saddam Husseins angebliche Versuche, sich Tonnen von atomwaffentauglichem Uran, dem sogenannten yellow cake, in Niger zu beschaffen? Ich kenne einige deiner Artikel dazu und auch den, in dem du dich gegen die Einwände eines Kollegen vom Times Magazine verteidigst. Ich muss dir sagen, ich finde deine Verteidigung nicht überzeugend. Deine Beweisführung ist spekulativ: Zwei hochverdächtige Leute sind zum gleichen Zeitpunkt in Niger gewesen und können nicht zufällig gleichzeitig dort gewesen sein
Hitchens: Die Regierung hatte im Fall Saddam Hussein recht, jeweils von der schlimmsten Annahme auszugehen.
Schneider: Aber wenn diese Annahme begründet war, warum hält die Regierung nicht daran fest?
Hitchens: Ich kann dir nicht erklären, warum die Administration ihr Argument in der Niger-Frage aufgegeben hat. Sie hat überhaupt den ganzen Fall des Irakkriegs sehr schlecht gemanagt. Wahrscheinlich ist es für sie bequemer, die ganze Sache zu vergessen, als darauf zu bestehen.
Schneider: Ich hatte vor einem Jahr die Gelegenheit, mit Hans Blix zu sprechen. Und er sagte: Die einfache Wahrheit ist: Die Inspektionen haben funktioniert. Saddam Hussein ist entwaffnet worden.
Hitchens: Das hat er auch im Fall von Nordkorea gesagt und hatte unrecht. Außerdem war es nicht Blix, der Saddam Hussein entwaffnet hat, sondern sein Vorgänger Rolf Ekeus. Er ist der beste Kenner dieser Materie in der Welt. Und er glaubt bis zum heutigen Tag, dass es keinen anderen Weg gab, die endgültige Entwaffnung des Iraks zu gewährleisten, als die Beseitigung des Regimes.
Schneider: Ich weiß, dass er der Zeuge ist, auf den du dich immer berufst
Hitchens: Weil er tatsächlich der beste und informierteste ist. Was die Verbindungen zwischen dem Baath-Apparat und bin Laden betrifft da habe ich meine eigenen Quellen, und ich traue ihnen. Ich habe seit Langem festgestellt, dass zwischen beiden Seiten eine Art Hitler-Stalin-Kooperation bestand. Ich glaube, dass die amerikanische Administration das unterschätzt diese Leute sind auf ideologischem Gebiet ziemlich naiv. Wenn du den Hitler-Stalin-Pakt erwähnen würdest, dann wüssten sie nicht, wovon die Rede ist. Zweifellos war der Irak dabei, zu einem Dschihad-Staatssystem zu mutieren, in dem die Dschihadis Zugang zu all den Privilegien haben würden, die ein Staat zu vergeben hat: Pässe ausstellen, Zugang zu Flughäfen, Benutzung staatlicher Unterkünfte, Beschaffung falscher Papiere. Ich weiß viel darüber. Ich weiß sehr viel mehr darüber als die Administration.
Schneider: Sprechen wir von der gegenwärtigen Lage. Wahrscheinlich bist du anderer Meinung als ich: Aber sind wir jetzt nicht in einer viel gefährlicheren Situation als vor dem Krieg? Mit einem erstarkten Iran, dessen nukleare Pläne und Kapazitäten man sich leider nicht einzubilden braucht, und einem Irak, der durch den Krieg in der Tat zu einem Sammelbecken für den internationalen Terrorismus geworden ist?
Warum kannst du nicht einfach sagen: Ich habe mich geirrt?
Hitchens: Weil ich mich nicht geirrt habe. Einmal angenommen, wir hätten im Irak alles gefunden, was wir dort vermutet haben. Also Irak wäre voll mit Massenvernichtungswaffen und mit Al-Qaida-Trainingslagern. Dann hätte es immer noch und dann erst recht einen islamistischen Gegenschlag gegen die Besetzung gegeben, es hätte den grenzüberschreitenden Verkehr der islamistischen Terroristen gegeben, und es hätte die Folterungen in Abu Ghraib gegeben. Mit anderen Worten, wir hätten dieselben Probleme wie heute.
Zweitens glaube ich generell nicht dies ist mein Streit mit der Linken , dass der islamistische Terrorismus und seine Aktionen davon abhängen, was wir tun und wo wir gerade sind.
Schneider: Aber es gibt doch gar keinen Zweifel daran, dass der Irakkrieg ein gewaltiges Reservoir von neuen Rekruten für den islamistischen Terrorismus geschaffen hat. Lawrence Wright schreibt in seinem neuen Buch The Looming Tower, dass nicht nur viele Muslime, sondern auch viele Islamisten nach dem Anschlag auf das World Trade Center den USA das Recht auf einen Gegenschlag zuerkannten
Hitchens: Daran glaube ich nicht
Schneider: er hat Hunderte von Interviews mit arabischen Gesprächspartnern geführt. Er behauptet weiter, dass der Krieg in Afghanistan anfangs sehr erfolgreich war und etwa achtzig Prozent der Al-Qaida-Kämpfer vernichtet hat die Organisation habe physisch und moralisch vor dem Aus gestanden. Erst der Irakkrieg, so Lawrence Wright, habe diese Situation zugunsten einer fast schon geschlagenen al-Qaida verändert und ihr neue Kräfte zugeführt.
Hitchens: Ich glaube nicht, dass irgendwelche Meinungsumfragen in der muslimischen Welt oder auch hier bei uns uns irgendwohin führen.
Nach dem 11. September schien es ja so, als sei die Welt voller Sympathie für die USA. Aber diese Sympathie hielt nicht lange vor
Schneider: Sie hielt bis zur Intervention in Afghanistan, und sie hält immer noch
Hitchens: aber schon dagegen gab es viele Vorbehalte. Und sogar die Schlagzeile in Le Monde, »Wir alle sind Amerikaner«, war irreführend.
Wenn du den Artikel sorgfältig liest, so steckt er voller Verachtung.
Es mag sein, dass Al-Qaida durch den Krieg in Afghanistan in Schwierigkeiten geriet. Aber die Annahme, dass die Islamisten die Beseitigung der Taliban eine der wenigen Regierungen, die sie unterstützten begrüßt hätten, ist absurd. Sie wollen und werden uns herausfordern in Berlin, in Birmingham, in Belgrad und in Brüssel.
Gut, wir fordern sie in Bagdad heraus. Ob ihnen das gefällt? Ich hoffe nicht! Ich glaube eher, dass sie diese Herausforderung hassen, und ich will, dass sie sie hassen. Ich wünsche mir dieselbe Reaktion hier bei uns: dass genauso viele Leute in unserer Gesellschaft militant und wütend werden wie dort. Aber von dieser Reaktion habe ich bei uns bisher nicht viel gesehen. Tatsächlich sind mehr Leute auf der Gegenseite davon überzeugt, dass wir uns in einem Krieg befinden, als bei uns. Aber das nehme ich nicht als eine unveränderliche Tatsache.
Ich möchte, dass sich das ausgleicht: dass die Islamisten eines Tages bedauern, wie viele Menschen im Westen sie gegen sich mobilisiert und dazu gebracht haben, ihnen radikalen Widerstand entgegenzusetzen. Ja natürlich haben wir ihren Zorn erregt. Aber ich wollte, dass das passiert.
Schneider: Glaubst du nicht, dass die amerikanische Regierung den Terroristen zu viel Ehre erwiesen hat, indem sie ihnen den Krieg erklärt hat? Dass sie mit dieser Überreaktion eine kleine Gruppe von Fanatikern innerhalb der muslimischen Welt aufgewertet und ihr erlaubt hat, sich als wichtigster Feind, als Kriegsgegner der größten Supermacht der Erde, zu fühlen?
Hitchens: Das sehe ich ganz anders. Wir haben es zu lange mit einer Politik der Unterreaktion versucht. Unterreaktion, das war lange Zeit die gängige Praxis. Als Salmon Rushdie wegen eines Romans zum Tode verurteilt wurde, sagte Vater Bush, dies sei für die USA nicht von Belang. Vom ersten Attentat auf das World Trade Center bis hin zur Sprengung amerikanischer Botschaften in Afrika mit Hunderten von Toten niemand kann behaupten, dass die Politik der Unterreaktion nicht ausprobiert worden ist. Sie hat nichts bewirkt.
Schneider: Aber hat die Politik der Überreaktion funktioniert?
Hitchens: Wenn ich einmal alle Fehler und auch Verbrechen der Bush-Politik beiseitelasse: Ich glaube, keine Politik, keine Strategie hätte uns erspart, was wir jetzt vor uns haben die mörderische Skrupellosigkeit der sogenannten Aufständischen - die Gefahr der Zerstörung der irakischen Gesellschaft, die sie durch die systematische Auslösung von Sektenkriegen betreiben. Ein traumatisierter Irak, eine Gesellschaft, die die Idee eines solidarischen Zusammenhalts nicht kannte, stand uns auf jeden Fall bevor, ob wir nun intervenieren würden oder nicht. Hätten wir es vorgezogen, Irak sich selbst zu überlassen, wenn wir gewusst hätten, wie bankrott und atomisiert die irakische Gesellschaft war? Das glaube ich nicht. Meine Meinung war immer, dass Amerika im Irak, und dies lange vor 2001, seine Verantwortung wahrzunehmen hatte. Wir hatten und haben eine Verantwortung für die Wiederherstellung der irakischen Wirtschaft und Gesellschaft. Wegen des ersten Irakkrieges und der amerikanischen Politik, die dazu führte.
Schneider: Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass dich deine Position in die Nähe von Leuten bringt, die du nicht ausstehen kannst?
Hitchens: Du hast völlig recht. Aber das ist für mich nichts Neues.

